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„Eine wichtige Lektion für alle Humanisten auf der Erde“

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Es existiert kein Beleg dafür, dass es bessere Wege zur Sicherung von Frieden gibt als die Unterstützung und Werbung für Demokratie. Das meinte Staffan Gunnarson, EHF-Vizepräsident, in einem aktuellen Aufsatz in der IHEU-Zeitschrift "International Humanist News".
Dienstag, 11. Oktober 2011
Staffan Gunnarson

Im Aufsatz reflektierte er über das Thema des letzten Welthumanistenkongresses in Oslo: Humanismus und Frieden. Gunnarson plädiert dafür, dass humanistische Organisationen zur Verbreitung des Friedens am besten jede demokratische Bewegung, die irgendwo entsteht, unterstützen sollten.

Können konstitutionelle Demokratien der Weg zum ewigen Frieden sein? Gewährleistet das bürgerliche Recht zur Einflussnahme auf die Außenpolitik wirklich im besten Maße, dass zwei demokratische Nationen keinen Krieg miteinander beginnen? Staffan Gunnarson, der auch Mitglied der Politikkommission der International Humanist and Ethical Union (IHEU) ist, scheint jedenfalls davon überzeugt zu sein. In einem aktuellen Aufsatz verwies er darauf, dass es bei über 350 Kriegen in den Jahren zwischen 1816 und 1991 keinen Konflikt mit mehr als 1.000 Opfern zwischen zwei Staaten mit mindestens einer halben Million Einwohnern gegeben hat, zu deren Verfassung in Freiheit und Gleichheit gewählte Demokratien gehörten.

Die verklausulierte Formulierung im Aufsatz ist symptomatisch für die Debatte um Theorien zum Demokratischen Frieden. Denn schon an der näheren Bestimmung von Begriffen scheiden sich oft die Geister. Sie werfen leicht Fragen auf: Ist Russland eine Demokratie, die als solche bezeichnet werden darf? Ab wann ist ein Konflikt als Krieg zu bezeichnen und herrscht Frieden bereits dann, wenn es keinen „Krieg" gibt? Diese Streitpunkte werden hier aber nicht geklärt.

Klar ist jedenfalls, dass auch Demokratien bis in die jüngste Zeit hinein bewaffnete Konflikte mit Tausenden Toten ausgetragen haben. Nicht zuletzt das Engagement der USA im Irak oder in Afghanistan war ein Beleg dafür, dass auch durch freie und gleiche Wahlen zustande gekommene Regierungen immer wieder Entscheidungen für Interventionen fällten, die in unbestreitbar als Kriege zu bezeichnenden Auseinandersetzungen mündeten.

Ein anderer Rückblick: Vor knapp 70 Jahren beschloss der demokratisch gewählte Kongress der Vereinigten Staaten nach dem Überfall auf Pearl Harbour durch das damalige Japanische Kaiserreich, in den Krieg gegen die nichtdemokratischen Achsenmächte einzutreten. Was wäre ohne das Engagement der Vereinigten Staaten geschehen?

Und wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs spielten die USA wieder eine maßgebliche Rolle: im Koreakrieg. Dann folgte Vietnam. Auch das neue Deutschland, so sind sich politische Fraktionen einig, hat sich bis vor kurzem als Unterstützer von Kriegseinsätzen beteiligt. Staatliche Demokratie und Nicht-Demokratie stehen oft im Konflikt.

Johan Galtung

Während eines Seminars am Netanya Academic College (Israel) | Foto: David Lisbona

Eindeutig fällt jedenfalls ein Fazit aus: Die meisten Kriege und vergleichbaren Konflikte fanden bisher zwischen Systemen statt, in denen beide Parteien nichtdemokratisch waren. Autokratische und diktatorische Regimes neigen offenbar am ehesten dazu, die von ihnen beherrschten Volksgruppen gegeneinander in Stellung zu bringen und die Menschen in einen oft unbarmherzigen Kampf um Leben und Tod schicken zu können. Die Wahrscheinlichkeit für solche Ereignisse sinkt aber signifikant, sobald eine der Parteien eine Demokratie ist. Doch offenbar nicht genug. Woran liegt das?

In seinem Aufsatz kritisierte Staffan Gunnarson zunächst den Vortrag von Johan Galtung, der beim Welthumanistenkongress über die Frage des gerechten Krieges referierte. Galtung, der sich als Konflikt- und Friedenswissenschaftler in den vergangenen Jahrzehnten ein großes internationales Renommee erworben hat, habe eine „ziemlich deprimierende" Vorstellung geboten, so Gunnarson.

Er bemängelte, dass Galtung den NATO-Piloten über Gaddafis Libyen die gleiche Mentalität zugesprochen hatte, welche Anders Breivik bei seinen Taten besessen haben soll.  Auch UN-Soldaten in Afghanistan verhielten sich in Galtungs Augen nicht anders als Breivik. Und die USA lägen bei der Zahl ihrer Opfer noch vor Hitler.

Staffan Gunnarson sprach sich im Aufsatz klar gegen Galtungs relativistische Perspektive aus. Wer dessen Haltung einnimmt, würde frauenfeindliche und repressive Gesellschaften als unvermeidlich akzeptieren. Individuelle Rechte und Interesse können auf diese Weise nicht verteidigt werden, so Gunnarson. Und er bezeichnete es als enttäuschend, dass selbst führende Humanisten bei den Diskussionen und Publikationen über den Krieg kaum Aufmerksamkeit für eine der wichtigsten Tatsachen gezeigt hätten: die Erörterungen beinhalteten immer nichtdemokratische Staaten.

Hier gibt es einen blinden Fleck direkt vor unseren Augen, schreibt der EHF-Vizepräsident Gunnarson. Eine Lösung für die Frage nach Frieden, die mit humanistischen Perspektiven vollständig vereinbar ist: Demokratie bei allen Beteiligten.

Aber auch demokratische Systeme seien nicht per se perfekt. Demokratien hätten die Begehung von Kriegsverbrechen in der Vergangenheit und Gegenwart zu verantworten. Die Bombardements von Zivilisten während des Zweiten Weltkriegs seien frühere Beispiele, das Massaker von My Lai oder die Skandale um Abu Ghraib zeigten inakzeptable Abgründe der neueren Zeit. Eine Carte blanche könne Demokratien in keinem Fall verliehen werden.

Zur Frage, warum nicht bereits bei Beteiligung einer demokratischen Nation die Kriegswahrscheinlichkeit eliminiert wird, spielte Gunnarson auf die Tatsache an, dass beispielsweise die Vereinigten Staaten mittels der Kriege ihre eigene Demokratie zu exportieren versuchten. Sein Rat:

Wir sollten Demokratie ermöglichen, von innen zu wachsen, anstatt sie von außen aufzusetzen. Das Beste, was wir zu tun vermögen, ist demokratische Bewegungen für eine konstitutionelle Demokratie auf Grundlage der universellen Menschenrechte zu unterstützen, wo immer diese sich erheben.

Denn zwei Demokratien bekriegen sich nicht. Für Demokraten gebe es daher auch eine Pflicht, Solidarität mit demokratischen Systemen zu zeigen und keinesfalls undemokratische Führungspersonen oder Bewegungen zu unterstützen. Niemals hätten seit 1816 zwei demokratische Staaten einen Krieg gegeneinander begonnen, weshalb humanistische Organisationen zur Verbreitung des Friedens am besten jede demokratische Bewegung, die irgendwo entsteht, unterstützen sollten. Das, so Gunnarson, sei eine wichtige Lektion für alle Humanisten und Demokraten auf der Erde.

Johan Galtung zur Überwindung direkter Gewalt