Direkt zum Inhalt

"Wir haben keine Chance, aber wir nutzen sie"

Druckversion
Unsere Gegenwart ist geprägt von Finanzblasen, Arbeitslosigkeit, Armut, Klimawandel, Migration, Demokratieabbau, Werte- und Sinnverlust. Wie ist inmitten dieser Krisen eine sozial-ökologische Weiterentwicklung des kapitalistischen Systems zu einer der Gesellschaft dienenden Marktidee möglich. Die Evangelische Kirche in Hamburg will diese Frage am Wochenende mit dem österreichischen Attac-Mitbegründer Christian Felber erörtern. Wir sprachen vorher mit Thomas Schönberger, dem Leiter des kircheneigenen „UmweltHaus am Schüberg“.
Mittwoch, 12. Dezember 2012
Felber_Gemeinwohlökonomie

Herr Schönberger, Sie laden zum Wochenende in das UmweltHaus am Schüberg in Hamburg zu einem Symposium zur „Gemeinwohl-Ökonomie“ ein. Was steckt hinter diesem Konzept?

Die Gemeinwohl-Ökonomie möchte unsere privaten Werte mit den Werten in der Wirtschaft in Übereinstimmung bringen und hat dafür ein Überprüfungs- und Belohnungssystem entwickelt. Hauptziel ist es, die herrschende und oft gesellschaftlich destruktive Funktion des Geldes und der Wirtschaft wieder zu einer dienenden Funktion mit integrierten Nachhaltigkeitszielen zu machen.

Der österreichische Attac-Mitbegründer Christian Felber vollzieht in seinem dieser Idee zugrundeliegenden Buch „Gemeinwohl-Ökonomie“, von dem kürzlich eine zweite überarbeitete Auflage erschienen ist, eine fundamentale Kritik am kapitalistischen System. Was sind seine Hauptargumente?

Ein wesentliches Argument ist – und das fühlen sehr viele Menschen und auch zunehmend viele politische Institutionen – dass die jetzige Organisation unserer Wirtschaft auf Dauer soziale, ökologische und Gerechtigkeitsperspektiven verstellt und eine stimmige Alternative dringend nötig ist.

Worin sehen sie die größten Gefahren für eine friedliche Gesellschaft unter den herrschenden wirtschaftlichen Bedingungen?

Die Gefahren liegen in der – möglicherweise auf lange Sicht unwiederbringlichen – Zerstörung der ökonomischen, ökologischen und sozialen Basis der Gesellschaft.

Als Alternative schlägt Felber ein „Wirtschaftsmodell der Zukunft", eine „Gemeinwohl-Ökonomie", vor. Was muss man sich darunter vorstellen?

Die Gemeinwohl-Ökonomie schlägt eine Überprüfung der wirtschaftlichen Tätigkeit von Firmen und Institutionen nach Nachhaltigkeitskriterien vor, die mit Hilfe einer Gemeinwohlmatrix aufgenommen werden. Bis zu eintausend Punkte können bei einer optimalen Bilanz erreicht werde, die dann entsprechend mit steuerlichen Vorteilen, Bevorzugung bei der Vergabe öffentlicher Mittel, günstigeren Darlehen, etc. belohnt werden sollen.

Christian Felber

Impulsgeber und Weiterdenker - Attac-Mitbegründer Christian Felber

2010 erschien die erste Auflage von Felbers Buch. Die Hedgefonds-Gesellschaften versanken zu diesem Zeitpunkt kurz in Demut, bevor sie sich zu neuen (Un-)Taten aufschwangen und inzwischen die Euro-Krise mit ihren Wetten gegen ganze Staatsökonomien antreiben. Sind Felbers Visionen unter den heutigen Bedingungen überhaupt praktikabel?

Sie sind deswegen praktikabel, weil sie an der bestehenden Logik der Marktwirtschaft anschließen, also keinen „Umsturz" vorschlagen, sondern eine – allerdings sehr klar an Nachhaltigkeitskriterien ausgerichtete – Weiterentwicklung der Marktwirtschaft anstreben. Es ist durchaus eine Utopie, aber einen „reale Utopie", die in relativ kurzer Zeit eingeführt werden könnte, wenn wir es gesellschaftlich wollen.

Sie laden explizit „kirchlich Aktive" zu dem Symposium ein. Felbers Ausführungen zielen doch aber eher auf die Bedeutung der freien Träger in einer solidarischen Gemeinschaft und weniger auf die Kirchen.

Bei dem Vorantreiben der Gemeinwohl-Ökonomie sind alle gesellschaftlichen Akteure gefordert, ganz besonders auch die Kirche, die sich ja als eine am Gemeinwohl orientiert arbeitende Organisation versteht.

Christian Felber wird der Hauptreferent auf ihrem Symposium sein. Wen haben Sie außerdem eingeladen?

Zusätzlich werden Martin Stabenow vom Energiefeld Berlin, Karl Thiessen vom Energiefeld Bayern sowie Gerd Lauermann für das in Gründung befindliche Energiefeld Hamburg sprechen („Energiefeld" ist der Name der Initiativkreise zur "Gemeinwohl-Ökonomie" vor Ort). Leider nur Männer. Wir hoffen sehr, dass sich bald auch mehr Frauen als "Gemeinwohl-Ökonomie"-Referentinnen zur Verfügung stellen.

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass wir als Bürger unsere marktkonforme Demokratie umgestalten können, um zu demokratiekonformen, gemeinwohlorientierten Märkten zu gelangen?

Ich würde sagen, nach dem Motto „Wir haben keine Chance, aber wir nutzen sie". Die gesellschaftlichen Gegenkräfte sind sehr stark, aber es gibt für eine zukunftsfähige Gesellschaftsgestaltung keine Alternative zu dem Versuch, eine neue wirtschaftliche Grundlogik einzuführen. Dafür ist die Gemeinwohl-Ökonomie ein Vorschlag. Ein Vorschlag übrigens, der von den Akteurinnen und Akteuren immer weiterentwickelt wird und kein statisches, abschließendes System ist. Wer mehr über das System wissen möchte, gehe bitte auf die Webseite zur Gemeinwohl-Ökonomie.

Thomas Schönberger

Das UmweltHaus am Schüberg ist die Nachhaltigkeitsabteilung des Evangelischen Kirchenkreises Hamburg-Ost und ist in den Bereichen Klimaschutz/Gebäude, Klimaschutz/Verkehr, Bildung für nachhaltige Entwicklung in Kitas, Wirtschaft mit Zukunft und Grünes Geld sowie Agrobiodiversität (Vielfalt in der Landwirtschaft, Gentechnikkritik) tätig.
Kontakt: Thomas Schönberger, schoeneberger@haus-am-schueberg.de, Tel. 040 6051014.