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So klingt humanistischer Herzschlag

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World Humanist Day: Der Tag der Sommersonnenwende am 21. Juni ist wie jedes Jahr zugleich der internationale Feiertag von Menschen, die ohne Religion ein gutes Leben führen.
Freitag, 20. Juni 2014

Doch warum feiern? „Es ist so leicht, Zyniker zu sein. Unendlich viele Gründe sprechen dafür, die Menschheit zu verachten“, schreibt der Philosoph Michael Schmidt-Salomon zu Beginn seines im März erschienenen Buches Hoffnung Mensch. Und er fragt: „Haben diejenigen nicht furchtbar recht, die den Menschen als ‚fatalen Irrläufer der Evolution‘ beschreiben?“ Nein, meint nicht nur Schmidt-Salomon.

Nein sagt auch Eva Creutz. Sie ist ebenfalls überzeugt, dass unsere Spezies die Fähigkeit besitzt, ihre kulturelle Entwicklung aktiv zu gestalten und bewusst zu einer besseren Welt beizutragen.

Foto: A. Platzek

Die freischaffende Illustratorin, Texterin und politische Aktivistin gehört zu dem Dutzend Humanistinnen und Humanisten, die Anfang April für die Hauptstadt von Nordrhein-Westfalen einen „säkularen Frühling“ ausgerufen hatten – und sich damit unter anderem den Vorwurf einer Düsseldorfer Lokalzeitung einhandelten, die Stadt zu spalten: „Gottlos glücklich“ – nicht einmal der fröhliche Slogan der Veranstaltungsreihe durfte am Schaufester eines probeweise eingerichteten humanistischen Zentrums in der Innenstadt stehen bleiben und musste nach Androhung juristischer Maßnahmen entfernt werden. Für Eva Creutz sind atheistische Provokationen und die Kritik an Religion aber kein Selbstzweck.

Aus welchem Grund hast Du entschieden, Zynismus und Nihilismus eine Absage zu erteilen und an positiven Alternativen zu arbeiten?

Eva Creutz: Es ist schön, Verantwortung zu übernehmen, Wissen und Fähigkeiten an andere Menschen weiterzugeben und auch, von diesen zu lernen. Es hilft beim lebenslangen Entwicklungsprozess.

Das ex negativo ist immer die leichtere Variante, weil sie „nur“ erfordert, mit einem analytischen Verstand Missstände möglichst zielsicher auf den Punkt zu bringen. Dafür bekommt man zuweilen viel Applaus, weil es natürlich auch ein Talent ist, Systemfehler zu erkennen und zu benennen. Aber darin sollte es sich nicht erschöpfen.

Spannend wird es erst, wenn man eine Alternative formulieren soll, für eine Idee, Vision, Leidenschaft eintritt, vielleicht auch gegen viele Widrigkeiten.

Kannst Du konkrete Gedanken benennen, von denen Du dich dabei motivieren und inspirieren lässt?

Wenn ich mich frage In was für einer Welt will ich leben?, kann ich nicht darauf warten, dass andere diese Welt für mich gestalten. Da muss ich selber losgehen. Joseph Beuys hat das „die Arbeit an der sozialen Plastik“ genannt: ein schönes Bild, dass wir alle an einem gigantischen Werk namens „Leben“ bauen. Und Richard Buckminster Fuller sagt: Man schafft niemals Veränderung, indem man das Bestehende bekämpft. Um etwas zu verändern, schafft man neue Modelle, die das Alte überflüssig machen. Mich erfüllt der tiefe Wunsch, diese Welt mitzugestalten, auf dass sie vielleicht, wenn ich eines Tages nicht mehr bin, ein Stück weiter emanzipiert, friedlich und fair ist.

Heute ist es nun vielleicht mehr als jemals zuvor möglich, sich für verschiedene Wege zu entscheiden. Warum glaubst Du, dass humanistisches Engagement richtig ist?

In der humanistischen Weltanschauung liegt sehr viel positive Gestaltungskraft. In dieser Bewegung finde ich eine Menge guter Ideen und Argumente, wie man die Gesellschaft kooperativ und menschlich weiter entwickelt, ohne die Betonung auf „in-group/out-group“ zu legen. Humanismus heißt, undogmatisch aber kritisch-rational, offen und demokratisch an Dinge heran zu gehen. Das ist eine sehr positive Haltung zur Welt.

Was für Prinzipien oder Grundsätze sind Dir bei dieser Haltung besonders wichtig?

Das Prinzip Zweifel, d.h. den Dingen auf den Grund zu gehen. Und eine Balance zu finden zwischen individueller Freiheit und der gleichzeitigen Übernahme von gesellschaftlicher Verantwortung.

Über welche Dinge freust Du dich bei deinem Engagement, welche geben Dir Zuversicht, an den Dingen dranzubleiben oder den Mut, neu anzufangen?

Die Verbundenheit mit Freunden und anderen politischen Aktivisten gibt mir Kraft. Einen Schritt weiterzukommen auf dem Weg der gesellschaftlichen und humanistischen Emanzipation freut mich sehr. Beides motiviert mich, weiterzumachen.

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World Humanist Day Der internationale Feiertag am 21. Juni ist für Menschen weltweit ein Anlass, öffentliche Veranstaltungen oder Aktionen durchzuführen und gemeinsam zu feiern. Das Informationsportal welthumanistentag.de erklärt die Entstehungsgeschichte des Feiertages, liefert Anregungen und stellt Events im deutschsprachigen Raum vor.



Menschen ohne religiöses Bekenntnis sind nur eine Gruppe, die bis heute fast überall auf der Welt systematische Benachteiligung oder Unterdrückung erlebt. Welche Gruppen sind in deinen Augen außerdem stark von diesen Problemen betroffen?

Oh, das ist sicher eine lange Liste: es gibt ja die Beobachtung, dass Menschen, die nicht männlich, heterosexuell, einkommensstark und weiß sind, tendenziell mehr mit Benachteiligung und Unterdrückung konfrontiert sind. Ob man das nun für zu polemisch hält oder nicht – Auf jeden Fall gibt es eine Menge Orte auf diesem Planeten, an denen es etwa für Frauen, Homosexuelle oder Transsexuelle unmöglich ist, ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen.

Gibt es Veränderungen oder Impulse, die Du dir für die humanistische Community in deiner Region, in Deutschland oder auch international wünschst?

Ich wünsche mir eine noch stärkere Vernetzung der einzelnen Aktivisten, Gruppen und Verbände der humanistisch-religionskritischen Szene. National und international, um voneinander zu lernen, sich auszutauschen und gemeinsame Aktionen zu initiieren. Ein jährliches ein- bis zweitägiges Symposium auf nationaler Ebene, mit einer überschaubaren Agenda und viel Raum für Austausch, fände ich absolut großartig!