Direkt zum Inhalt

„Frauen fehlt es oft noch an Vorbildern“

Druckversion
Für die freiwillige Entscheidung zu einem Leben ohne eigene Kinder werden Frauen zu Unrecht stigmatisiert, sagt die Kulturwissenschaftlerin Sarah Diehl. Mit ihrem Buch „Die Uhr, die nicht tickt – kinderlos glücklich“ wendet sie sich gegen Vorurteile über kinderlose Frauen und plädiert für ein Umdenken bei Eltern und Nicht-Eltern zugleich.
Sonntag, 14. Dezember 2014
Sarahl Diehl. Foto: © Nane Diehl

Sarahl Diehl. Foto: © Nane Diehl

Im Interview zu ihrem als „Streitschrift“ ausgewiesenen Buch sagt Sarah Diehl, es sei ein Versuch, „Frauen ein Handwerkszeug zu geben, um ihre Kinderlosigkeit abseits von negativen Stereotypen zu verstehen und zu erklären.“ Zu den Motiven, aus denen sich Frauen gegen ein Leben mit Kindern entscheiden, zählt sie ein übertriebenes Mütterideal und den Versuch, sich dem Anspruchsdenken der Leistungsgesellschaft zu entziehen.

Frau Diehl, die Argumentation von Die Uhr, die nicht tickt ist von drei Schwerpunkten geprägt. Zum einen ist da die Darstellung traditioneller patriarchalischer Unterdrückungsstrukturen, zum anderen gibt es zahlreiche Verweise zu den für an eigenen Kindern interessierten Frauen vorhandenen Missständen in der Gesellschaft und schließlich das Argument wertvoller alternativer Engagements, wie z.B. dem für den gesellschaftlichen Fortschrift und die Wissenschaft. Welches ist für Sie das wichtigste Thema?

Sarah Diehl: Mir war es ein Anliegen, Kinderlosigkeit in seiner Komplexität zu betrachten. Deshalb war es mir wichtig, eher zu zeigen, wie diese Bereiche ineinander greifen.

Sind Sie denn der Meinung, dass die Entscheidung für einen Lebensweg ohne Kinder per se moralisch gleichwertig zur Entscheidung für ein Leben als Eltern ist?

Ich denke, es ist wichtig, diese Entscheidungen überhaupt nicht moralisch zu bewerten, sondern ehrlich zu sich zu sein, ob man seine Lebensziele besser mit Kindern oder ohne Kinder erreichen kann. Kinderlosigkeit wird gerne als verantwortungslos abgewertet um die Kleinfamilie als sinnstiftend für den Bürger darzustellen. Viele meiner Interviewpartnerinnen sagten aber, dass sie ohne Kinder vielmehr Kapazitäten haben, um sich gesellschaftspolitisch zu engagieren.

Für mich las sich das Buch über weite Strecken wie eine Apologetik, also eine Rechtfertigungsfertigungsschrift, mit Bezug zu den teils krassen Problemen, mit denen Frauen, Mütter, Väter und Familien in Deutschland konfrontiert werden. Warum streiten Sie nun vehement für die Akzeptanz der Entscheidung zur Kinderlosigkeit, anstatt gegen die Verhältnisse, die viele Frauen in den Interviews als Hinderungsgründe genannt haben?

Es ist keine Apologetik, sondern ein Versuch, Frauen ein Handwerkszeug zu geben, um ihre Kinderlosigkeit abseits von negativen Stereotypen zu verstehen und zu erklären. Frauen fehlt es oft noch an einer Sprache oder an Vorbildern, um ihre eigene Kinderlosigkeit positiv darzustellen. Gerade weil der Kinderwunsch der Frau so selbstverständlich über ihre Biologie erklärt wird, fällt es Frauen oft schwer eine andere Sichtweise zu zeigen. Es ist eine Sache festzustellen, wie viele Frauen bereits fernab von der Mutterschaft leben. Es ist eine andere Sache, wie diese Frauen damit zu kämpfen haben, dass ihnen eingeredet wird, dass ihr Leben defizitär sei und sie ihre Kinderlosigkeit später bereuen müssen. Denn das hat auch Auswirkungen auf ihre Selbstwahrnehmung.

Ich verstehe nicht, wie man das Buch so lesen kann, dass ich nicht gegen diese Verhältnisse angehen möchte. Da es gerade darum geht, darzustellen wie Frauen über ihre Gebärfähigkeit eingeredet wird, dass sie unfrei sind, muss man diese Verhältnisse erst mal analysieren, wie Vorstellungen von Biologie und Natur benutzt werden, damit Pflegearbeit und Kinderbetreuung auf dem Rücken der Frauen funktioniert.

Tatsächlich entscheidet sich ein Teil der Frauen gegen ein Leben mit Kindern, weil sie die mit dem Modell der traditionellen Kleinfamilie verbundenen Nachteile nicht in Kauf nehmen wollen – ich würde fast sagen, sich davor fürchten, und das vielleicht zu Recht. Anderen Frauen, die sich einer Familie mit Kindern, aber ohne heterosexuelle Partnerschaft, verpflichtet haben, wird das Leben z.B. durch das diskriminierende Arbeitsrecht und negative Vorurteile schwer gemacht. In beiden Fällen stellen die insbesondere durch die katholische Kirche institutionalisierten Moral- und Rollenvorstellungen eine Wurzel der Probleme dar. Es gibt zwar auch Stimmen, die hier Veränderungen fordern, doch die sind eine Minderheit. Von Religion ist erstaunlich wenig die Rede im Buch. Was würden Sie nach den Gesprächen, die Sie geführt haben, zu solch einer These sagen: die kulturell tiefverankerte religiös-konservative Moral und ihre Konsequenzen halten gerade auf Selbständigkeit bedachten Frauen davon ab, sich für ein Kind – oder auch ein weiteres Kind – zu entscheiden.

Ich stimme da vollkommen zu. Ich denke, dass das übertriebene Mutterideal eben genau der Grund ist, warum Frauen keine Kinder bekommen wollen. Ich habe im Buch nicht immer wieder extra darauf hingewiesen, aber tatsächlich denke ich auch, dass diese religiös-konservative Moral in unsere Selbstwahrnehmung und unseren Alltag hinein wirkt. Und auf Frauen, die sich dem entziehen wollen, indem sie eben keine Kinder bekommen und dadurch weniger erpressbar sind. Das soll aber nicht heißen, dass ihre Kinderlosigkeit nur aufgrund von Rahmenbedingungen entstand. Denn das Sein beeinflusst das Bewusstsein. Der Kinderwunsch ist eben nichts essenzielles, sondern kann abgewogen werden: Im Hinblick darauf, was einen in seinem Leben glücklich machen kann, und ob dies eher mit Kindern zu verwirklichen ist oder eben ohne.

Zwischen 20 und 25 Prozent aller Frauen in Deutschland bekommen keine Kinder. Das ist ein im internationalen Vergleich sehr hoher Wert, sagt die Wissenschaftlerin Dr. Michaela Kreyenfeld, Leiterin der Forschungsgruppe „Lebenslauf, Sozialpolitik und Familie“ am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. Doch die Mehrheit der kinderlosen Frauen ab 45 Jahren habe die Entscheidung nicht bewusst getroffen, sondern andere Lebensbereiche priorisiert und die Kinderfrage aufgeschoben, bis diese sich nicht mehr gestellt habe. Und oft schwanke die Entscheidung für oder gegen eigene Kinder über den Lebensverlauf, so Kreyenfeld. Nur ein kleiner Teil von Frauen entscheide sich sehr früh im Leben unwiderruflich dafür, keine Kinder zu bekommen.

Cover

Halten Sie es eigentlich für klug, den Streit gegen die Probleme, mit denen sich junge Menschen und willentlich werdende Eltern konfrontiert sehen, allein den religiösen und konservativen Kräften zu überlassen?

Nein, deshalb geht das ganze letzte Kapitel im Buch darum, wie Menschen versuchen neue Konzepte des solidarischen Zusammenlebens abseits der Kleinfamilie zu entwickeln. Da geht es vor allem um die Etablierung von sozialer Elternschaft. Das letzte Kapitel beginnt mit dem nigerianischen Sprichwort: „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen“. Ich meine damit nicht, dass so viele Menschen Zugriff auf ein Kind haben sollen, sondern es geht darum, Arbeit zu teilen. In Kanada ist erst dieses Jahr ein Gesetz verabschiedet worden, das es bis zu vier Personen erlaubt, sich als soziale Eltern für ein Kind eintragen zu lassen. Das finde ich grandios! Denn natürlich kann man Erziehungsarbeit teilen, ohne dass das schlecht für das Kind ist. Denn wenn ein Kind nur einer frustrierten und überforderten Mutter ausgesetzt ist, wirkt sich das auch nicht gerade gut aus. Es geht ja nicht darum, dass man das machen muss – aber es wäre gesetzlich erlaubt. Und diese Personen teilen sich dann eben die Verantwortung. In Deutschland ist so etwas noch undenkbar. Hier hält man sich einfach eisern am biologischen Konzept „Mutter, Vater, Kind“ fest. Auch homosexuelle Lebenspartnerschaften werden permanent entwertet als nicht „wahrhaftig“ oder nicht „authentisch“. Und das alles wird mit „Natürlichkeit“ begründet.

Ihr Buch soll Frauen ohne eigene Kinder helfen, sich gegen die Abwertung als „verantwortungslos“ zu stellen. Auf die Wahrnehmung von Verantwortung, ob in der einen oder anderen Form, mit oder ohne Kinder, kommt es also schon an, und Sie haben ja auf das Modell der sozialen Elternschaft verwiesen. Doch während eigene Kinder in den meisten Fällen einen sichtbaren Beleg für eine jahre- bzw. jahrzehntelange Übernahme von Verantwortung darstellen, haben es gerade die Frauen ohne Kinder hier viel schwerer. Die Vermutung, hier hätten Bequemlichkeit und Hedonismus die Oberhand bekommen, muss erstmal überzeugend widerlegt werden. Braucht es also nicht auch auf dieser Ebene ein Umdenken bei den Frauen, die „ihre Uhr nicht ticken hören“ – und auch den Männern?

Dass Kinderlose sagen, sie hätten mehr Kapazitäten sich sozial zu engagieren, wenn sie eben keine Eltern sind, habe ich vor allem aufgenommen, um diesem Klischee der Verantwortungslosigkeit etwas entgegenzustellen. Ich denke, es ist generell wichtig, sich diesem Anspruchsdenken unserer Leistungsgesellschaft zu entziehen und finde es sehr interessant wie Kinderlose das tun. Viele Interviewpartnerinnen nannten sowohl Mutterschaft und Karriere als Teil der Leistungsgesellschaft, dem sie sich entziehen möchten. Ich wollte mit dem Buch keinen Wettbewerb starten, wer nun ein sinnstiftenderes Leben führt. Das ist jedem selbst überlassen.

Hersteller.:
Part Number:
Preis: