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„Warum so und nicht anders? Und wenn, wie anders?“

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Jugendfeier: Sieben Jahre ist es her, dass Johanna Rettner mit ihrer Familie und ihren Freunden den Schritt in das Erwachsenen-Leben festlich beging. Heute kann sie auf eine lange Zeit zurückblicken, in der sie Schritt für Schritt selbst Verantwortung für junge Menschen und humanistische Traditionen übernommen hat.
Donnerstag, 7. Mai 2015
Johanna Rettner. Foto: A. Platzek

Johanna Rettner sagt, sie ist mit den JuHus erwachsen geworden. Foto: A. Platzek

Die nun 21-jährige Chemie-Studentin an der Universität Jena aus Berlin ist seit über fünf Jahren bei den Jungen Humanistinnen und Humanisten (JuHus) ehrenamtlich aktiv. Seit fast drei Jahren engagiert sie sich auch im Vorstand des JuHu-Bundesverbandes, in dem Jugendliche und junge Erwachsene aus ganz Deutschland zusammenarbeiten, um sich für die Interessen ihrer Altersgenossen einzusetzen und gemeinsam abwechslungsreiche Projekte auf die Beine zu stellen.

Ich kann mich noch gut erinnern, dass zur Zeit meiner Jugendfeier die Gespräche mit meinen Freunden vor allem um die Geschenke kreisten. Ich wollte mir endlich eine Stereoanlage kaufen. Die habe ich übrigens immer noch. Wie war das bei dir?

Johanna Rettner: Ja, das stimmt schon. Die Geschenke waren nicht von geringer Bedeutung. Ich habe damals Schlafsack und Isomatte bekommen, die mir immer noch gute Dienste leisten. Und wie viele andere Jugendliche auch Geldgeschenke, aber was ich mir konkret gekauft habe, weiß ich nicht mehr.

Zu den Jugendfeiern gehört auch immer ein buntes Angebot von Projekten, Workshops und Ausflügen. Was hatte dich besonders bewegt?

Ich nahm einerseits an einem Projekttag Siebdruck teil, aber das beeinflusste mich nicht weiter. Vielmehr wirkte sich das Ostercamp am Liepnitzsee aus. Bei diesem habe ich Tolles erlebt, sodass ich auf weitere Fahrten und später auch auf andere Projekte der JuHus aufmerksam geworden bin. Und je mehr ich von JuHu kennenlernte, desto mehr wurde ich aktiv und konnte mich direkt einbringen.

Bei vielen Jugendlichen in den alten Bundesländern ist die Jugendfeier weitestgehend unbekannt, die Mehrheit nimmt an Konfirmationen teil. Wie war das in deinem Umfeld?

Aus meiner Klasse haben die meisten an der Jugendfeier teilgenommen. Aber ich kenne auch einige, die konfirmiert wurden oder gar nichts gemacht haben.

Hast Du denn schon mal mit jemanden über den Sinn der Jugendfeier oder auch der Konfirmation diskutiert?

Ich habe schon mit vielen darüber gesprochen, aber selten Ablehnung gehört. Vielleicht sehen das einige Kritiker als kommerzielle Veranstaltung, aber die meisten schätzen die Tradition und sehen das Erwachsenenwerden und die zunehmende Übernahme von Verantwortung als Grund zum Feiern.

Heute bist Du im JuHu-Bundesvorstand aktiv.

Ja, das Ostercamp war irgendwie der Klebepunkt, an dem ich hängen geblieben bin. Dem Ostercamp folgte ein Herbstcamp und noch eins, und noch eins… Nach der Jugendfeier bin ich auf viele Fahrten selber als Teilnehmerin mitgefahren, habe dann an der Jugendleiter_innen-Schulung (JuLeiCa) teilgenommen und habe Fahrten erst als Teamhelferin und später als Teamerin betreut.

Hast Du etwas durch die Zeit bei den JuHus gelernt? Gab es besonders positive Erlebnisse in den Jahren?

Ich habe eine Menge gelernt, ich bin sozusagen mit den JuHus erwachsen geworden. Angefangen damit, Verantwortung zu übernehmen, zu organisieren und mit und in Gruppen zu arbeiten. Ich wurde durch verschiedene Diskussionen, ob am Lagerfeuer, bei Vorstandssitzungen oder auf Mitgliederversammlungen angeregt, mir eigene Gedanken zu machen und mich für meine Ideen einzusetzen.

Während erlebnispädagogischer Herausforderungen bin ich an eigene Grenzen gestoßen und habe andere Seiten an mir kennen gelernt. Auf Integrationsfahrten hat sich meine vorherige Distanz zu Menschen mit Behinderung erheblich verringert und diese diversen Erlebnisse prägen mich weiterhin nachhaltig. Allgemein freue ich mich jedes Mal, wenn ich mit unterschiedlichsten Leuten zusammentreffe, mit ihnen Dinge hinterfrage und erlebe und dabei einfach viel Spaß und eine tolle Zeit habe.

Deutschland ist nicht überall gleich. Welche Unterschiede sind Dir mit der Zeit deutlich geworden?

Etwas, was mir erst richtig in den Gesprächen mit anderen JuHus bewusst geworden ist, sind die lokalen, gesellschaftlichen Unterschiede im Umgang mit Religion. So ist es in Berlin beinahe normal, als konfessionslose_r Jugendliche_r eine Jugendfeier machen zu können und für mich war es irgendwie selbstverständlich. In Bayern oder anderen Bundesländern hingegen ist es weniger anerkannt und die Jugendlichen entscheiden sich daher viel bewusster. Eines, was jedoch allen gemein ist, ist das hohe Engagement vieler JuHus und ganz viele verschiedene Projekte, die durch diese umgesetzt werden können.

Ist es denn leicht, junge Leute für ein ehrenamtliches Engagement zu begeistern?

Es lassen sich tatsächlich einige Jugendliche begeistern und viele zeigen Interesse, vor allem, nachdem sie mit uns unterwegs waren und Leute kennen gelernt haben, mit denen sie gemeinsam aktiv werden wollen. Oft fehlen ihnen aber zeitliche Ressourcen, da die Schule teilweise viel Druck ausübt oder die Schüler_innen ganztägig bindet. Außerdem nehmen auch andere Hobbys wie beispielsweise Sport oder das Lernen von Musikinstrumenten viel Zeit in Anspruch.

Auch das Studium ist heute viel enger geworden. Es gibt wieder strenge Zeitpläne und klare Erwartungen an einen möglichst raschen Studienabschluss. Kommst du eigentlich noch dazu, dich bei den JuHus einzubringen?

Ja, das stimmt. An uns werden hohe Erwartungen gestellt und das Studium frisst ziemlich viel Zeit. Ich versuche trotzdem, mir noch die Zeit für die Jugendverbandsarbeit zu nehmen und werde mal schauen, dass ich regelmäßig Jena verlasse und an Sitzungen und Veranstaltungen teilnehmen kann. Einfacher wäre es sicherlich, wenn es vor Ort eine JuHu-Gruppe gäbe, aber die gibt es leider noch nicht.

Bringt dich die Identifikation als Humanistin hin und wieder dazu, dir bestimmte grundlegende Fragen zu stellen bzw. Dinge aus einer besonderen Perspektive zu sehen?

Ja, irgendwie schon. Mit welchen Dingen man sich wie beschäftigt hängt ja oft damit zusammen, welche Menschen einen umgeben oder geprägt haben. Ab und an stelle ich mir schon die Frage: Warum so und nicht anders? Und wenn, wie anders?

Hat sich durch die JuHu-Arbeit dein Blick auf die Welt stark verändert?

Hm, schwierige Frage. Vielleicht bin ich jetzt einfach ein bisschen älter und größer geworden und habe daher eine andere Perspektive. Ich denke, wenn man anfängt, etwas zu tun, wird man Stück für Stück auch etwas bewirken können, auch wenn es manchmal nur ziemlich kleine Stücke sind, die unterwegs auch mal verloren gehen können.

Die Fragen stellten Daniel Pilgrim und Arik Platzek.