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"Wir sind Hoffnungsträger! Wir sind der Verband!"

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Am Wochenende treffen sich die Jungen Humanisten (JuHu) aus ganz Deutschland in Brandenburg und diskutieren über die Aktivitäten im kommenden Jahr. Schon im Juni konnte diesseits am Rande des Deutschen Kinder- und Jugendhilfetages mit dem harten Kern von Bundes-JuHu über Erreichtes, Pläne und Perspektiven der JuHus im HVD sprechen.
Freitag, 16. September 2011

Will man mit den bundesweit organisierten Jungen Humanisten (JuHu) sprechen, dann ist das nicht ganz einfach. Denn man sitzt nicht nur einem zweiköpfigen Gremium gegenüber, sondern gleich ein paar mehr jungen und junggebliebenen Menschen, die die Fäden der regionalen und lokalen Jugendverbände des HVD auf Bundesebene zusammenführen. Über Möglichkeiten, Schwierigkeiten und Perspektiven sprach diesseits am Rande des diesjährigen Kinder- und Jugendhilfetages in Stuttgart mit dem Kern von Bundes-JuHu.

JuHu Kern

v.l.n.r. Florian, Margrit, Moritz, Robin und Daniel

Zu diesem Kern gehören der 1. Vorsitzende von Bundes-JuHu, Florian Noack (28) aus Brandenburg, der Hannoveraner Robin Hussmann (19) und der Jugendbildungsreferent des HVD Niedersachsen Daniel Nette (35), Moritz von Salomon (26) von den Nürnberger JuHus sowie Margrit Witzke (41), die beim HVD-Berlin die Abteilung Jugend leitet und nebenher für Bundes-JuHu die Kasse verwaltet. Am Wochenende treffen sich zwischen 30 und 40 Jugendliche und junge Erwachsene am Störitzsee in Brandenburg anlässlich des Jahrestreffens von Bundes-JuHu.

Wieso ist JuHu 2011 zum ersten Mal auf dem Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag?

Margrit: Bundes-JuHu hat mit starker Unterstützung des HVD den Stand hier organisiert und in Hauptverantwortung betreut. Die Intention war, unsere gute Arbeit vorzustellen.

Ziel war also die Werbung für den Jugendverband des HVD?

Moritz: Werbung kommt an dieser Stelle zu kurz. Wir können auf die Arbeit, die wir machen, stolz sein. Wir haben ein eigenständiges, sehr gutes Angebot und  das kann man auch gegenüber andern Trägern präsentieren. Die Resonanz hat außerdem gezeigt, dass das Interesse an konfessionsfreien Angeboten einfach da ist, dass es nicht nur die Kirchen und etablierten Verbände sind, die etwas anbieten können, sondern das wir ein qualitativ hochwertiges Angebot haben, das sich sehen lassen kann und überzeugt.

Wie reagieren denn die Leute an Eurem Stand?

Robin: Die Resonanz war durchweg positiv, was uns zeigt, dass wir mit den anderen großen Trägern vergleichbare, hochwertige Arbeit auf der Bundes- und Landesebene leisten.

Florian: Meist zeigten sich die Leute an unserem Stand erfreut, mal etwas Konfessionsfreies zu sehen. Die Leute scheinen am meisten davon beeindruckt zu sein, dass wir trotz des Übergewichts der konfessionell gebundenen Träger unter den Ausstellern keine geringere Rolle spielen.

Margrit:Für viele von uns war ein schönes Erlebnis, dass wir in Gesprächen mit den anderen Jugendverbänden und den Besuchern gemerkt haben, dass wir auch fachlich eine gute Arbeit machen. Wir haben auch festgestellt, dass man uns kennt und unsere Arbeit schätzt. Viele Kollegen sprachen uns an und sagten, ach ihr seid die JuHus. Wir kennen Euch von Reisen, aus den Landesgremien etc.  Es war also völlig klar, dass wir zu den Jugendverbänden ganz selbstverständlich dazugehören.

JuHu Stand

Viele positive Reaktionen erhielten die JuHus in Stuttgart beim Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag

Teilt ihr den Eindruck, dass die Kinder- und Jugendhilfe in der Hand der konfessionellen Träger, sprich Diakonie und Caritas ist?

Moritz: Der Eindruck kann sehr leicht entstehen. Die Mittel sind bei den Kirchen einfach auch da, so dass diese bei einer solchen Messe auch mit gewaltigen Infoständen auffahren können. Drumherum gibt es aber auch sehr viel kleine und mittlere Träger, die gut organisiert und engagiert fachlich hochwertige Arbeit leisten.

Wie ist Eure Erfahrung bei der Vergabe von Projekten oder Geldern? Erlebt ihr da eine Bevorteilung der kirchlichen Träger?

Robin: Das ist unterschiedlich. Solche Entscheidungen sind immer auch von den Ideen, den Kapazitäten und vielen anderen Faktoren abhängig. Nicht jeder JuHu-Landesverband ist in der Lage, Projekte ab einer gewissen Größenordnung zu stemmen. Den Kirchen fällt das weniger schwer. Personelle und räumliche Infrastrukturen sind dort oft schon vorhanden, während die bei JuHu immer mal wieder fehlen, um große Projekte planen, beantragen und später durchführen zu können. Bei solchen Vergaben schneiden wir also aus organisatorischen Gründen schon schlechter ab.

Wie ist denn die Reaktion in den Landesverbänden auf Eure Arbeit?

Daniel: Die Reaktion in Niedersachsen ist schon aufgrund der langen Tradition durchweg positiv. Die ehemals Freireligiöse Jugend in Hannover ist z.B. schon seit 1886 aktiv und mit anderen Traditionsverbänden funktioniert die Zusammenarbeit seit jeher reibungslos.

Moritz: In Nürnberg sind wir sehr gut aufgestellt, im restlichen Bayern leider weniger gut. In Nürnberg merke ich aber, dass Eltern, die ihre Kinder zur JugendFEIER angemeldet haben, durchweg einen guten Eindruck von uns haben. Sie freuen sich, dass es in Bayern so ein Angebot gibt. Das Problem ist allerdings, dass in Bayern deutlich mehr Überzeugungsarbeit, auf Landesebene und in den Regionen, geleistet werden muss. Dabei müssen wir uns immer wieder selbst behaupten, da es uns aufgrund der Dominanz der Kirche in Bayern immer wieder schwer gemacht wird. Aber uns ist es allen Wiederständen zum Trotz gelungen, uns sehr gut aufzustellen und wir hoffen, dass es uns in den nächsten Jahren gelingt, auch in anderen Städten wie München oder Regensburg Wurzeln zu schlagen.

Florian: Wir sind seit 15 Jahren in Brandenburg aktiv und die Resonanz ist sehr positiv. Die regionale Arbeit vor Ort, die in Brandenburg durch die Jugendverbände mit Unterstützung der Erwachsenenverbände gemacht wird, hat sich stark entwickelt. Unsere JugendFEIERn, Wochenendcamps oder pädagogischen Fahrten sowie die zahlreichen Aktionen und die Beteiligung in den Kommunen und Landkreisen stoßen auf unheimlich positive Resonanz. Vielen Menschen aus Politik, Gesellschaft und Verwaltung, die unsere Angebote kennenlernen, ist oft gar nicht bewusst, dass zum einen noch so viel für die Jugendlichen gemacht wird und Jugendliche zum anderen imstande sind, so viel zu leisten. Wenn sie das dann mal live sehen, sind sie meist schwer beeindruckt.

JuHu berlin

Die JuHus machen auf sich aufmerksam, in Berlin etwa mit ihren knalligen Shirts in orange und blau

Margrit: Unsere Arbeit in Berlin genießt bis in die Senatsverwaltung eine große Wertschätzung – das haben wir auch hier in Stuttgart gemerkt. Es wird gesehen, dass wir viel leisten, tolle Angebote haben – sowohl quantitativ als auch qualitativ – wir uns also gut entwickelt haben. In bestimmten Kontexten werden wir auch angefragt, um inhaltliche Zuarbeiten zu leisten. Das sind tolle Resultate unserer Arbeit in den letzten Jahren. Zugleich machen wir aber einen Spagat, dass wir einerseits nicht so ein ganz kleiner Jugendverband in Berlin sind, andererseits aber mit anderthalb Vollzeitstellen für eine Stadt wie Berlin nicht unbedingt großzügig besetzt sind. Aufgrund der knappen Ressourcen sind wir – und damit meine ich nicht nur JuHu Berlin, sondern JuHu im Allgemeinen – noch lange nicht dort überall vertreten und aktiv, wo es wünschenswert wäre und wo man auch noch Potential hätte.

Fühlt ihr Euch in die Erwachsenenverbände ausreichend integriert und auch wahrgenommen oder gibt es da Verbesserungsbedarf?

Florian: In Brandenburg arbeiten Jugend- und Erwachsenenverband nicht nur praktisch zusammen, sondern auch formal in den Gremien. Auf Bundesebene haben wir es in einem dreijährigen Gesprächsprozess geschafft, dass auch ein JuHu-Vertreter im Bundespräsidium satzungsgemäß fest installiert wurde.

Daniel: Wir in Niedersachsen werden von unserem Erwachsenenverband und unserem Präsidium in allen Belangen unterstützt. Wir sind Hoffnungsträger. Wir sind der Verband! Darüber hinaus können wir uns glücklich schätzen, dass wir mit unserem Landesgeschäftsführer jemanden an der Seite haben, der jahrelang selbst in der Jugendarbeit tätig gewesen ist.

Moritz: Wir arbeiten sehr praktisch, etwa in der JugendFEIER oder bei unseren Jugendfahrten. Ohne die Wertschätzung und Unterstützung der Erwachsenenverbände könnten wir gar nicht so agieren, wie wir das jetzt machen. In Nürnberg haben wir bspw. aufgrund des Engagements des Erwachsenenverbandes im Kitabereich die Kids und Jugendlichen auch lange Zeit bei uns. Unser Engagement ist praktisch und begreifbar, es nutzt dem Menschen, und wird deshalb sehr geschätzt.

Margrit: JuHu ist im unheimlich breiten Dienstleistungsspektrum des Berliner Verbandes nur ein kleiner Teil. Gleichzeitig ist JuHu, was die Mitgliederzahlen angeht, ein starker Teil des Verbandes. Sicherlich gibt es noch Kraft und Potenzial, dem Jugendverband mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, wir sind aber auch auf einem guten Weg der Zusammenarbeit. Wir schaffen gemeinsam gute Projekte und haben schöne Kooperationen mit Kitas oder Lebenskundelehrern angeschoben – etwa im Bereich der Freizeiten und Workshops. Das sind alles gute Zwischenergebnisse, die aber alle noch zu toppen sind.

Das klingt alles sehr nach Harmonie. Andere Jugendverbände machen auch mal Krach. Macht JuHu das auch?

Florian: Wir haben durchaus schon Krach gemacht, etwa als es vor drei Jahren darum ging, die Jugend in bestimmte Entscheidungs- oder Ideenfindungsprozesse mit einzubeziehen. Auch damals waren wir hier in Stuttgart und ich erinnere mich, dass es damals ziemlich schwierig war, unser kreatives und produktives Mitmischen Wollen zu vermitteln. Diese Missverständnisse, die damals offensichtlich bestanden, sind inzwischen ausgeräumt.

Mitmischen geht inzwischen also. Aber hat JuHu nicht auch mal Lust, den Aufstand zu proben oder mal quer zu denken?

Margrit:Wir stecken unsere Kräfte eher in das Realisieren von Ideen. Wir sehen im Moment keinen Grund zur Rebellion. Das kann sich natürlich ändern, wenn der Erwachsenenverband Positionen vertritt, die wir als Jugendverband überhaupt nicht teilen. Wir haben eher konstruktive Auseinandersetzungen mit den Erwachsenenverbänden, um unsere Ideen umzusetzen. Wir sind momentan aber auch stark besetzt, sowohl im Bund als auch in den Landesverbänden. Das war nicht immer der Fall. Wir mussten uns daher erst wieder Gehör verschaffen und sagen „Wir sind wieder da!". Aber ich glaube, dass uns das zum Großteil gelungen ist.

JuHu Königin

Den Aufstand proben wollen die JuHus nicht. Lieber arbeiten sie konstruktiv daran, mit vereinten Kräften Neues zu schaffen.

Gibt es andere Schwerpunkte bei JuHu? Ernährung, Energie, Integration oder die zunehmend multikulturelle gesellschaftliche Realität würden doch Potential dafür bieten.

Margrit: Ich denke, Diversität ist für uns vielleicht etwas normaler. Wir haben zwar unseren Standpunkt, reiben uns aber nicht so sehr an den Positionen anderer. Wir sind nicht konsens- aber diskursorientiert an der Stelle und schauen, was man auf der Basis von Gemeinsamkeiten in der Unterschiedlichkeit dennoch gemeinsam bewegen kann. Dies mag bei den Älteren im Verband vielleicht anders sein.

Viele Verbände haben Uni-Gruppen. Wäre da nicht auch Potential für JuHu?

Moritz: Das kann alles passieren. Aber wir sollten nicht zu viele Baustellen eröffnen, sondern uns darauf konzentrieren, die Arbeit, die wir im Moment machen, auch gut zu machen. Wenn der Verband wächst und es Engagierte gibt, die das auch auf andere Ebenen, etwa eine Uni, tragen wollen, dann kann man das machen. Aber nur eine Uni-Gruppe zu gründen, weil man eine haben will, ist nicht zukunftsträchtig.

Florian: Uns unterscheidet von den Unigruppen der durch die Erwachsenenverbände vorgegebene Arbeitsbereich der Kinder- und Jugendarbeit. Hier können wir uns entfalten und machen dabei unheimlich viele praktische Sachen mit Jugendlichen von 12 bis 18 Jahren, beginnend bei der JugendFEIER bis hin zu Jugendreisen.

Margrit: Die Frage, ob das noch Aufgabe des JuHus oder schon Aufgabe des HVDs ist, beschreibt ein in einigen Ländern bestehendes Problem – nämlich das des Übergangs vom Jugendverband zum Erwachsenenverband. Die Jugendverbände machen in erster Linie eben Kinder- und Jugendarbeit und bedienen sich dabei ganz stark ihrer Ehrenamtlichen, die wiederum Studierende sind. Aber die sind eben nicht an der Uni organisiert, sondern engagieren sich bei uns außerhalb der Uni ehrenamtlich, um uns bei unserer Jugendarbeit zu unterstützen. Ich glaube, die Organisation auf Uni-Ebene gehört zum Kerngeschäft eines Verbandes, und ganz konkret beim HVD in den Weltanschauungsbereich. Und hier muss man tatsächlich prüfen, wie man hier gemeinsam Lösungen finden kann, um junge Erwachsene an den Verband zu binden. Da ist auch ein schönes und spannendes Arbeitsfeld, wo Jugend- und Erwachsenenverband gemeinsam überlegen müssen, was sie auf die Beine stellen können, um engagierte und kluge Menschen an den Verband zu binden und somit die Zukunft des Verbandes zu sichern.

Ist die Zusammenarbeit zwischen Jugend- und Erwachsenenverband auch in der Mitgliederschaft verankert.

Margrit:Es wird aufgrund der Kerngruppen, mit denen sich Jugend- und Erwachsenenverband beschäftigen, nie ganz große Schnittmengen geben. Unsere Jugendlichen zwischen 12 und 20 Jahren haben aufgrund ihrer biografischen Prägung andere Interessen und Prioritäten, als die Mitgliedergruppen 50 und aufwärts, die der Erwachsenenverband im Wesentlichen repräsentiert. Da ist es illusorisch, große Schnittmengen zu erwarten und ein gemeinsames Mitgliederleben initiieren zu wollen. Aber mit Wertschätzung untereinander und Interesse an verschiedenen Positionen und mit dem Versuch, Berührungspunkte zu finden, kann man schon eine Menge machen. Mit dem Versuch, die „Anderen" wahrzunehmen und ihnen zu sagen, ihr seid uns wichtig, gerade weil ihr die Welt aus einer anderen Perspektive und mit anderen Augen seht, kann man eine Menge gewinnen. Beteiligung und Gremienengagement, die nicht immer leicht umzusetzen sind, spielen dabei natürlich immer eine große Rolle. Wenn die Erwachsenen dabei den Jugendlichen helfen, sie unterstützen und fördern, hilft das sehr.

JuHu BV

Wissen, dass sie eine gute Arbeit machen. Die Jungen Humanisten im HVD.

Wie sieht die Zukunft von Bundes-JuHu aus?

Robin: Die Zukunft von Bundes-JuHu sieht rosig aus. Bei unserem nächsten Treffen in Brandenburg werden wieder viele heiße Themen engagiert diskutiert werden.

Moritz: Die Tage hier in Stuttgart haben gezeigt, dass wir sehr gut miteinander arbeiten können. Jedes Mal, wenn wir uns treffen, nähern wir uns an, erkennen weitere Gemeinsamkeiten und schätzen uns in unserer Unterschiedlichkeit. Eben dass wir alle unterschiedliche Herangehensweisen an bestimmte Themen haben, macht unseren Jugendverband so stark. Die Vernetzung auf der Bundesebene gibt uns viel Rückhalt in unserer täglichen Arbeit, weil wir nach unseren Treffen nach Hause gehen und wissen, da gibt es Leute, die genauso ticken wie man selbst.

Florian: Auch solche Ereignisse, wie unser Auftreten auf dem Kinder- und Jugendhilfetag in Stuttgart machen deutlich, was wir inzwischen – mit Unterstützung der Erwachsenenverbände und hier insbesondere der Württemberger Humanisten – in der Lage sind zu leisten. Das ist wieder so ein Projekt, das Bundes-JuHu gestemmt hat, aus dem wir lernen können und das uns Kraft und Mut für die Zukunft gibt.

Margrit: Bei all der Arbeit sind unsere Treffen einfach auch Inspiration und persönlich wichtige Erlebnisse. Wir spüren, dass wir Dinge gemeinsam rocken und in der Vernetzung trotz knapper Ressourcen solche Sachen auf die Beine stellen können. Der HVD kann sich in der Konsequenz nur freuen, dass er einen Jugendverband hat, in dem die Atmosphäre stimmt und der in seiner Arbeit stärker wird.