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„Religionsfreiheit ist immer auch die Freiheit der Ungläubigen!“

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Am vergangenen Montag traf Volker Kauder, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, mit dem UN-Generalsekretär Ban Kin Moon in New York zusammen. Kauder behauptete dabei gegenüber Ban Ki Moon, dass das Christentum die am meisten verfolgte Religionsgemeinschaft der Welt sei. HVD-Vizepräsident Helmut Fink kritisiert die „eingeschränkte Perspektive“ bei dem Thema.
Samstag, 18. Februar 2012
Volker Kauder

Foto: CDU/CSU-Bundestagsfraktion

Der Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Volker Kauder, hatte in der Vergangenheit immer wieder betont, dass das Christentum die am meisten verfolgte Religionsgemeinschaft der Welt sei, um für einen besonderen Schutz christlicher Gläubiger zu werben. Ein Sprecher der Menschenrechtsorganisation Amnesty International konnte auf Anfrage im August 2011 Kauders Behauptungen jedoch nicht bestätigen. Verfolgt werden tatsächlich Angehörige jedes Glaubens bzw. Unglaubens. Die Verhaftung des saudi-arabischen Journalisten Hamsa Kaschgari zeigt ebenso wie der Fall des vom islamischen Glauben abgefallenen Alexander Aan in Indonesien, dem im größten muslimischen Land der Welt ein Prozess wegen Blasphemie droht.

Gegenüber dem Generalsekretär Ban Ki Moon mahnte Kauder nun ebenfalls erneut, die Vereinten Nationen müssten „in Zukunft stärker auf die weltweite Wahrung der Religionsfreiheit achten", mahnte Kauder. Brisant sei die Lage vor allem für die christlichen Gläubigen nicht nur in der muslimischen Welt, sondern auch in nordafrikanischen Staaten wie Ägypten oder in Syrien. Ban Ki Moon soll dazu erklärt haben, er sei durch „religiös motivierte Menschenrechtsverletzungen beunruhigt."

Im Interview mit dem Kölner Domradio meinte Kauder anschließend zur Frage des Stellenwerts der  Religionsfreiheit, diese sei „das existenziellste Menschenrecht" und er äußerte sein Bedauern, dass es eine „ganz konkrete Resolution zur Situation verfolgter Christen kaum geben wird."

Helmut Fink, Vize-Präsident im Humanistischen Verband Deutschlands, nahm Kauders neuerliche Aussagen zum Anlass, die Debatte um Religionsfreiheit zu kommentieren. Dabei stellte Fink fest, dass Kauders Einforderung des Rechts der Religionsfreiheit aus Sicht des Verbands nicht zu beanstanden sei. Gleichzeitig bemängelte er die eingeschränkte Perspektive des CDU-Politikers, die bisher nur auf die eigene Konfessionsgruppe fokussiert war.

Fink wies deshalb darauf hin, dass der völlige Abfall vom Glauben in weiten Teilen mit schlimmeren Gefahren als der Wechsel zwischen den Religionen verbunden ist und das Ringen um die Menschenrechte über den Religionen steht. Säkularität habe insofern ein weltweites Integrationspotential.

Kommentar Helmut Fink:

Religionsfreiheit ist ein hohes Gut. Die Religionsfreiheit ist im Grundrechtekatalog der Vereinten Nationen verankert. Auch Atheisten und säkulare Humanisten stellen dieses Grundrecht nicht in Frage. Wenn christdemokratische Spitzenpolitiker wie  Volker Kauder dieses Grundrecht nun weltweit - insbesondere von islamischen  Ländern - einfordern, dann ist das aus Sicht des HVD nicht zu beanstanden.

Es gibt allerdings einige wichtige Ergänzungen, die Herrn Kauder und anderen  regelmäßig nachgetragen werden müssen, weil sie offenbar aus christlicher Perspektive leicht in Vergessenheit geraten:

  1. Schutzbedürftig ist keineswegs nur die persönliche Freiheit zur Religion,  sondern genauso auch die persönliche Freiheit von Religion. Der Abfall  vom Glauben ist in weiten Teilen der Welt mit schlimmeren Gefahren für  die Betroffenen verbunden als der Wechsel zwischen den Religionen oder  Konfessionen. Die Freiheit, "nein" zu sagen und sich von einer Religion zu distanzieren - die sogenannte "negative" Religionsfreiheit - ist jedoch nicht  etwa unwichtiger als die "positive",  sondern deren gleichberechtigte und  unentbehrliche Ergänzung. Deshalb braucht die Freiheit des Unglaubens mutige Fürsprecher!
  2. Wer sich auf den Wechsel zwischen den Religionen beschränkt, statt die nichtreligiösen Weltanschauungen und die wegen ihres Unglaubens Verfolgten genauso in den Blick zu nehmen, setzt sich dem Verdacht aus, insgeheim einem Kartell der Religionen anzuhängen nach dem Motto "Hauptsache, der Mensch glaubt irgendetwas..."  Doch Religionsfreiheit ist immer auch die Freiheit der Ungläubigen! - Demgegenüber lehrt die  Geschichte der Aufklärung, dass wissenschaftliche Vernunft und kritisches  Denken oft von religiösen Vorstellungen befreien oder doch zumindest  zu einer Umdeutung alter Glaubensinhalte führen. Aufklärung,  Säkularität  und Humanismus sind hart erkämpft worden und gehören heute zweifellos zu den wichtigsten kulturellen Exportgütern Europas. Deshalb verdienen  die verfolgten Vertreter gerade dieser Werte überall auf der Welt unsere  besondere Unterstützung und Solidarität.
  3. Gerade die auf den Religionen beruhenden Konflikte legen einen Weg  zu ihrer Befriedung nahe, der in der internationalen Diplomatie oft völlig  vernachlässigt wird: die Durchsetzung einer säkularen Rechtsordnung, die über den Religionen steht. Grundrechte können besser verankert  werden und breitere Bindungskraft entfalten, wenn sie nicht dem Gläubigen als Gläubigen, sondern dem  Gläubigen wie dem Ungläubigen als Mensch  zukommen. Säkularität hat insofern ein weltweites Integrationspotential.  Auch deshalb sollte die Politik jeden Anschein vermeiden, dem Islam nur das Christentum entgegenstellen zu wollen. Denn das Ringen um die Menschenrechte steht über den Religionen und Weltanschauungen.
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