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#regrettingmotherhood – Eine Debatte, durch die alle Frauen gewinnen können

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Mittwoch, 29. April 2015
Foto: © Monkey Business

Einer Umfrage des Wissenschaftszentrum Berlins zufolge sind Eltern nur bis zum vierten Lebensjahr des jüngsten Kindes zufriedener als Menschen ohne Kinder. Foto: © Monkey Business

Ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung brachte den Stein ins Rollen. Er berichtet über eine Studie der Soziologin Orna Donath über Mütter, die ihre Mutterschaft bereuen. Donath sprach mit 23 israelischen Müttern, von Jung bis Alt, aus allen gesellschaftlichen Schichten, die wünschten, nie Mutter geworden zu sein und brach damit eines der letzten gesellschaftlichen Tabus. Diese Frauen liebten ihre Kinders durchaus – wenn sie allerdings die Zeit zurückdrehen könnten und nochmal die Wahl hätten, würden sie sich anders entscheiden.

Durch diesen Artikel ermutigt, offenbarten einige Mütter in ihren Blogs, dass sie ihre Kinder nicht bereuen, nein, so weit würden sie nicht gehen, aber sie drückten deutlich ihr Verständnis für die 23 Frauen aus und berichteten von den Härten, die das Muttersein in ihr Leben gebracht hat. Und von der Fremdbestimmtheit und dem Verzicht auf vieles, was ihr Leben vorher erfüllt hat.

Die Erleichterung, dass durch die Veröffentlichung dieser Studie – unabhängig von der kleinen Anzahl der Teilnehmerinnen und der Tatsache, dass sie nicht in Deutschland durchgeführt wurde – der Zuckerguss von der Torte Mutterschaft gefegt wurde, war deutlich spürbar.

Unter dem Hashtag #regrettingmotherhood brach daraufhin in den sozialen Netzwerken eine Debatte los. Zwischen diejenigen, die ihr Verständnis äußerten, mischten sich immer mehr Stimmen von Müttern, die ihr Befremden ausdrückten und betonten, dass sie rein gar nichts bereuen und wie erfüllend für sie die Mutterrolle ist.

Ich selbst habe eine sechsjährige Tochter, und ich bin jeden Tag glücklich und dankbar, dass es sie gibt. Aber: Ich schreibe diese Tatsache nicht nur mir alleine zu, und auch nicht dem Umstand, ein besonderes Naturtalent als Mutter zu sein. Mein Erfahrung und Beobachtung der vergangenen Jahre ist vielmehr, dass es zu einem großen Teil die äußeren Umstände sind, die den Ausschlag dazu geben, ob Muttersein als etwas Wunderbares oder Quälendes empfunden wird.

Hat eine Mutter genügend Unterstützung bei der Betreuung ihrer Kinder? Gibt es mindestens einen weiteren Erwachsenen, der sich im gleichen Maße für die Kinder verantwortlich fühlt oder lastet alles allein auf ihren Schultern? Hat sie genügend Geld oder bringt sie eine anstehende Klassenfahrt in Not und tagelange Grübeleien darüber, wie sie das Geld auftreiben soll? Hat sie die Zeit, auch noch eigenen Interessen und Hobbys nachzugehen? Oder sich einfach mal auszuruhen? Und ganz wichtig: Erfährt sie Anerkennung für all das, was sie leistet?

Hinzu kommt, dass es vielen Frauen nicht gelingt, sich gegenüber dem überhöhten und unerreichbaren gesellschaftlichen Mütterideal abzugrenzen, das bedeutet konkret, dass sie sich tagtäglich an einem Anspruch abarbeiten, an dem sie nur scheitern können.

Durch diese Debatte wurde für alle eine Tür geöffnet: Für die Mütter, die sich erleichtert fühlen, offen aussprechen zu können, wie es ihnen wirklich geht – im Idealfall finden sie dadurch auch konkrete Unterstützung.

Und auch für diejenigen Frauen, dich sich ganz bewusst entscheiden, keine Kinder zu bekommen und sich dafür immer noch rechtfertigen müssen. Denen gerne vermittelt wird, dass Mutterschaft ein magischer und unbeschreiblicher Raum sei, der sich nur denen offenbart, die die Tür zu ihm durchgehen. Für alle anderen bleibt er ein Mysterium, das sie „verpassen“.

Vielleicht verpassen sie aber einfach nichts, weil sie sich vorher in den Alltag mit Kindern hineindenken und feststellen, dass das nichts für sie ist. Natürlich fehlt der reinen Theorie die tiefe Liebe für die Kinder, die einen über vieles trägt. Jedoch – wie die Studie und nachfolgende Debatte zeigen – offensichtlich nicht immer über alles.

Aber vor allem für die Mehrzahl der Frauen, die gerne Kinder haben oder haben wollen, damit es leichter für sie wird, ein eigenes und realistisches Mutterbild zu finden, ein Bild, dem ein normaler Mensch mit Stärken und Schwächen gerecht werden kann. Damit nicht jede ihren eigenen – inneren und äußeren – Kampf für sich alleine kämpfen muss.