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„Jungen und Männer sind Teil der Lösung“

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Heute wird zum ersten Mal der Internationale Mädchentag begangen. Ausgerufen von den Vereinten Nationen soll der Tag auf die Herausforderungen und Probleme, mit denen Mädchen auf der ganzen Welt konfrontiert sind, aufmerksam machen. Humanistinnen und Humanisten hießen den neuen Aktionstag willkommen.
Donnerstag, 11. Oktober 2012
Logo der Kampagne

Logo der Plan-Kampagne

Unzureichender Schulbesuch, Zwangsheiraten oder die Nötigung zur Ehe, sexuelle Gewalt und der Tod durch frühe Schwangerschaften: Davon sind bis heute Millionen Mädchen weltweit betroffen.

Nun soll daher auf die zahlreichen Missstände im Leben von Mädchen aus Deutschland und in der ganzen Welt mit dem ersten Internationalen Mädchentag aufmerksam gemacht werden, der im vergangenen Dezember auf Beschluss der Vereinten Nationen geschaffen wurde. In jedem Jahr am 11. Oktober soll er als Anlass dienen, an unverhandelbare Rechte und die wichtigsten Interessen von Mädchen und jungen Frauen zu erinnern.

Als „eine Verschwendung von Potenzialen mit ernsten globalen Konsequenzen“, bezeichnete Claudia Ulferts von der Kinderrechtsorganisation Plan International vor dem neuen Aktionstag die vielfältigen und teils sehr erschreckenden Missstände, mit den Mädchen so gut wie überall auf dem Planeten konfrontiert sind.

Plan International war daran beteiligt, dass die Vereinten Nationen den Tag offiziell ausgerufen haben. Denn die Ausrufung des Tages durch die UN geht unter anderem zurück auf eine Plan-Kampagne im Jahr 2003, die sich seit 2010 unter dem internationalen Titel „Because I am a Girl“ für Mädchenrechte einsetzte.

Anlässlich des ersten Internationalen Mädchentages soll die Kampagne am Donnerstag neu gestartet werden. In Berlin, London, New York und weiteren Städten sollen Lichtzeichen am Abend auf sie und ihre Ziele aufmerksam machen. In der deutschen Hauptstadt wird das Dach des Sony Centers in Pink erstrahlen und in den USA werden die Niagarafälle zum Leuchten gebracht. Eine Botschaft soll lauten: Mädchen müssen stärker gefördert werden, in Europa und überall auf der Welt. Doch Lichtzeichen allein reichen kaum.

Unter anderem will Plan International deshalb mit der Kampagne erreichen, dass in den nächsten Jahren mindestens vier Millionen Mädchen die Möglichkeit bekommen, mindestens neun Jahre lang zur Schule zu gehen. Bis zu 400 Millionen Kindern sollen von der verstärkten Arbeit an Gesetzesänderungen in zahlreichen Ländern profitieren können, die vorangetrieben werden sollen.

Ursachen und Probleme sind dabei gleichermaßen vielfältig. Auch bei Plan Deutschland ist man zwar überzeugt, dass Mädchen stark und zu Motoren ihrer Gesellschaft werden können. Dass Mädchen und ihre Bedürfnisse besondere Aufmerksamkeit benötigen.

Fakten 75 Millionen Mädchen weltweit gehen nicht zur Schule. Nur die Hälfte aller Mädchen, die eine Grundschule besuchen, schließen diese auch ab. Jedem dritten Mädchen wird der Besuch einer weiterführenden Schule verwehrt. Jedes Jahr werden 10 Millionen Mädchen zwangsverheiratet oder in eine Ehe genötigt. Jedes dritte Mädchen in Entwicklungsländern wird minderjährig verheiratet. Jedes siebte sogar vor seinem 15. Lebensjahr. 150 Millionen Mädchen (73 Millionen Jungen) unter 18 Jahren haben sexuelle Gewalt erfahren. Die häufigste Todesursache von Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren sind durch Frühschwangerschaften bedingt.

Aber nicht nur ökonomische Missstände, heikle Traditionen oder die fehlende Bildung bei Erwachsenen bilden maßgebliche Hintergründe für die desolaten Zustände, in denen sich Millionen heranwachsender Frauen bis heute wiederfinden und die ihnen die nach humanistischen Grundsätzen fundamentale Chance auf ein selbstbestimmtes und würdiges Leben entziehen – Religion und religiöse begründete Vorstellungen sind auch hier oft der Elefant im Raum, der häufig mit zusätzlichen Problemen Hand in Hand geht.

Denn was nützt ein Schulbesuch, wenn dort ein Rollen- und Familienbild nach katholischer Lehre vermittelt wird? Wie können Mädchen von einer verbesserten Bildung profitieren, wenn sie als Hexen verfolgt werden, wie in asiatischen oder afrikanischen Ländern, und wie soll das selbstbestimmte Leben seine Chance erhalten, wenn der Abbruch von Schwangerschaften kriminalisiert wird und für einen „Ehebruch“ die Steinigung als gerechte Strafe verstanden wird?

„Die Mädchen werden nicht nur eine Hälfte unserer Gesellschaft sein, sie sind schon heute die Hälfte unserer Zukunft", erinnerte auch der Philosoph Frieder Otto Wolf in einer Stellungnahme zum ersten Internationalen Mädchentag und begrüßte dessen Ziele:

Armut, Ausgrenzung, sexuelle Gewalt und kulturelle Diskriminierung müssen leider auch in Deutschland immer noch zu den nicht überwundenen Übeln gezählt werden, mit denen Mädchen von Kindesbeinen an und fast überall konfrontiert werden. Zu den unmittelbaren Ursachen gehören das Fortwirken patriarchalischer Strukturen in vielen sozialen Milieus und zugleich eine Verschärfung des ökonomischen Wettbewerbs ohne Rücksicht auf konkrete Belastungen.“

Stimmen junger Humanistinnen zum Internationalen Mädchentag bestätigten Wolfs Einschätzung:

Ich denke das Mädchen es in der heutigen Gesellschaft schwerer haben als früher. Früher hat die Gesellschaft von heranwachsenden Mädchen erwartet Mutter und Hausfrau zu sein. Heutzutage ist es Mädchen und jungen Frauen wichtiger Karriere zu machen und gesellschaftliches Ansehen zu erreichen, als eine Familie zu gründen und nur für diese zu sorgen“,

so die 24-jährige Sandra Teuber. „Es heißt für mich nicht, dass die Gesellschaft früher besser war, allerdings sind die Ansprüche an junge Mädchen erheblich gestiegen.“

Klar ist, dass die Ziele des Internationalen Mädchentages die Bildung und Erziehung der männlichen Menschen auch im Blick behalten muss. Claudia Ulferts: „Jungen und Männer sind Teil der Lösung.“ Auch sie würden noch häufig ein Opfer von Geschlechterungleichheit:

Sie leiden unter traditionellen Rollenbildern zum Thema Männlichkeit. Zum Beispiel werden sie in vielen Ländern belächelt, wenn sie ihre Partnerinnen bei der Kindererziehung und bei den Hausarbeiten unterstützen. Mehr Gleichberechtigung trägt dazu bei, dass Jungen sich von nicht erwünschten Männlichkeitsrollen verabschieden dürfen.“

Daher sei es unerlässlich, sie in der Arbeit gegen die unvertretbaren Formen der Geschlechterungleichheit einzubeziehen.