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Skandalöse Fehldarstellung der ARD bei Themenwoche "Leben mit dem Tod"

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Montag, 19. November 2012
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Die ARD legt ihren Bildungsauftrag als öffentlich-rechtlicher Sender aktuell in einer befremdlichen Art und Weise aus. Wie die Bundeszentralstelle Patientenverfügung des HVD in ihrem Newsletter heute mitteilt, wird das sensible Thema Sterbehilfe auf der eigens angelegten Homepage zur Themenwoche Leben mit dem Tod falsch dargestellt. Statt aufzuklären, wie angekündigt, wird hier ein juristisch eindeutiger und ethisch unstrittiger Sachverhalt ins Gegenteil verkehrt - in fataler Weise. Die Bundeszentralstelle spricht gar von einer ganz neuen "Dimension der Verdummung von Volk und … Politik".

So wird im Internetauftritt zur Themenwoche nicht zwischen „Töten" und „Sterbenlassen" unterschieden. Beide werden fälschlicherweise als verboten gleichgesetzt. Ganz genau heißt es bei der ARD:

Das Töten oder Sterbenlasssen eines schwer kranken, sterbenden Menschen aufgrund seines eigenen, ausdrücklichen oder mutmaßlichen Wunsches wird Sterbehilfe genannt. In Deutschland ist sie verboten.

Wie die ARD zu einer solchen Behauptung kommt, ist nicht nachvollziehbar. Die so genannte passive Sterbehilfe, also der „gerechtfertigte Behandlungsabbruch“ auf Wunsch des kranken, sterbenden Menschen ist nicht nur straffrei, sondern weit darüber hinaus absolut geboten und zwar ausdrücklich auch im Sinne von Kirchen und Hospizbewegung. Strafbar ist hingegen  die Tötung auf Verlangen (§ 216 StGB), also selbst auf ausdrücklichen Wunsch des Betroffenen. Diese Unterscheidung stellt das Rückrat jeder Debatte um Sterbebegleitung und -hilfe dar.

Allein der Entwurf, der eine "gewerbsmäßige Förderung der Suizidhilfe" als Problem an die Wand malt, macht deutlich, dass dringend Aufklärung in diesem Themenfeld notwendig ist. Die ARD wollte mit ihrer Themenwoche dazu beitragen. Das Gegenteil tritt ein. Der Sender verwirrt mit sich widersprechenden Angaben und undurchsichtigen Informationen. Denn will man etwas mehr zum Thema erfahren, erfährt man, dass "der Abbruch der medizinischen Behandlung durch den Arzt auf Verlangen des Patienten bzw. einer dazu bevollmächtigten Person, das Ausschalten von lebenserhaltenden Geräten oder das Unterlassen von Reanimationsversuchen nach Eintreten des Hirntods" nicht als Sterbehilfe gilt. Hieß es nicht noch eingangs, dass das Sterbenlassen in Deutschland verboten sei? Und was gilt denn als "Abbruch" und "Unterlassen"? Auch das bleibt völlig offen, wohl um die Texte kurz zu halten. Andererseits: Was hat die „Hirntodfrage“ aus der Organspende-Debatte an dieser Stelle verloren – außer zusätzlich Verwirrung zu stiften?

ARD Themenwoche Auszug

Statt Aufklärung schafft die ARD Verwirrung. Auszug der Basisinformationen der ARD

Darüber hinaus behauptet die ARD, dass, während das Sterbenlassen wie das Töten in Deutschland verboten sind, diese in anderen Ländern möglich sei. Völlig falsch ist das nicht, aber Experten wie Gita Neumann von der Bundeszentralstelle Patientenverfügung geraten dennoch ins Staunen. Denn dort heißt es konkret:

In Europa dürfen Ärzte in der Schweiz, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Finnland, Ungarn und Frankreich – teils in engem Rahmen – Hilfe zum Sterben leisten. Davon ist es nur in einigen Ländern für Ausländer möglich, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen.

Das wäre eine sensationelle Meldung, "wenn sie denn stimmen würde", kommentiert Neumann lapidar in dem PV-Newsletter. Finnland, Frankreich und Ungarn als "Sterbehilfeländer", das ist selbst ihr neu.

Verantwortlich für die Texte der Seite seien nach Informationen der Bundeszentralstelle die Werbeagentur Thjink. Dessen Kreativvorstand Armin Jochum hatte von einer "Herausforderung für die Kommunikation" gesprochen. Der Faktencheck scheint bei dieser Herausforderung wohl unter die Räder gekommen.

Seinem Ärger über die Falschdarstellungen bei diesem sensiblen Thema verschaffte sich der HVD mit einem Schreiben an die Verantwortlichen der ARD. Es bleibt abzuwarten, inwiefern dies zu Richtigstellung und "Aufklärung" führen wird.

ARD Themenwoche Auszug 2

Weltanschauliche Neutralität sieht anders aus. Oben mittig Beitrag zu "Jenseitsvorstellungen in den Religionen", unten links "Mein Danach"

Auffällig ist bei der ARD-Themenwoche und vor allem der entsprechenden Internetseite, dass alle möglichen Lobbyisten zu Wort kommen – die Bestattungsvorsorge und Sterbeversicherung werden regelrecht beworben. Humanistische Positionen oder Vertreter kommen jedoch nicht vor, die sich der Emanzipation und Aufklärung (!) verpflichtet fühlen und diese auch zu leisten vermögen.

Säkularen gibt der Sender mit seiner Themenwoche ohnehin Anlass zu Magengrimmen. Die ehemalige EKD-Vorsitzende Margot Käßmann ist zu einer von drei Paten (neben zwei „Fernsehstars“) ernannt worden. Da kann man noch sagen, "Warum nicht? Einer muss es ja schließlich machen." Aber womöglich wollte man das Programm auch ganz im christlichen Sinne ausrichten. Denn der Sender fordert die Zuschauer unter dem Motto "Mein Danach" auf, ihre Gedanken zum persönlichen Nachleben zu äußern. verstehen muss man das nicht. Und wer am gestrigen Abend Günter Jauchs Talkrunde verfolgt hat, der fühlte sich in eine Selbsthilfegruppe in der Sakristei versetzt. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel sprach von einer "Runde des Glaubens".

Was letztlich auf die Frage der Besetzung der Rundfunkräte zurückführt, wo der HVD nach wie vor tatenlos zusehen muss, wie evangelische und katholische Vertreter die Kirchenansichten in den Vordergrund stellen können, während die Konfessionsfreien weiterhin weder repräsentiert noch von den Verantwortlichen mitgedacht werden.