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Presseschau: MIZ 4/2011

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Dem Verhältnis von Frauen und Religion geht das aktuelle IBKA-Magazin ausführlich auf den Grund und scheut sich auch nicht, selbstkritische Fragen zum Verhältnis von Frauen und Atheismus zu stellen.
Freitag, 20. Januar 2012
MIZ 4-2011

Darf man einen Text über ein Magazin mit den gleichen Worten beginnen, wie das Magazin selbst? Die Frage liegt bei der aktuellen Ausgabe der Materialien und Informationen zur Zeit (MIZ) nahe. Denn den Schwerpunkt Frauen und Religion leitet MIZ-Redakteurin Daniela Wakonigg natürlich mit Goethe ein. „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ – in Goethes Faust von Gretchen an Faust gerichtet, wird nun an die Frauen selbst gerichtet.

Wakonigg selbst geht den biblischen Quellen auf den Grund und meint, in der Schöpfungsgeschichte die Grundlagen für das Patriarchat zu finden, wie es in der jüdischen und christlichen Geschichte lange Tradition war. Nun ist nicht völlig abwegig, dass in der biblischen Lehre das „irdische Jammertal“ den Frauen zugeschrieben wird, daraus aber ein Problem der Religionen zu stricken, erscheint dann doch zu einseitig. Denn eine männliche Vorherrschaft prägt nicht nur die Religionen bis ins 20. Jahrhundert. Auch unter Säkularen, Humanisten und Freidenkern hatten lange Zeit fast nur Männer das sagen. Jede gesellschaftliche Gruppe hatte für die Männerdominanz Jahrhunderte ihre eigene Begründung – und die Bibel trug bei Juden- und Christentum jahrhundertelang nicht unwesentlich zum Erhalt des Status Quo bei (man denke nur an das geflügelte Wort der „Krone der Schöpfung“ – aber die Befreiung der Frau vom männlichen Büttel ist Teil der Menschheits- und Kulturgeschichte.

Was nicht heißt, dass Kritik nicht berechtigt ist. Natürlich war Paulus – auch in seiner Zeit – alles andere als ein aufgeklärter Prediger. Seine Schriften sind aber zugleich Dokumente seiner Zeit. Vorwürfe sind denen zu machen, die diese Schriften heute auslegen, als seien sie für das heute geschrieben. Paulus Bild der unter den Mann gestellten Frau findet sich auch im Islam wieder. Die Frau sei hier ein „Mensch zweiter Klasse“, wie die Journalistin Arzu Toker anhand zahlreicher Zitate aus den Hadhiten deutlich macht. Und auch hier gilt, dass diese Schriften noch heute interpretiert wären wie eine Lebensanleitung für allezeit. Insofern hat Toker völlig Recht, wenn sie schreibt, das es kaum möglich sei, „über die Frau und den Islam zu schreiben, ohne den gläubigen islamischen Mann bloßzustellen“.

Ergänzt wird die Rundschau zu Religion und den Frauen noch mit einem Beitrag von Colin Goldner, über dessen negative Haltung zum Buddhismus bereits alles gesagt ist. Berechtigte Kritik und Polemik stehen hier kaum unterscheidbar nebeneinander. Spannend und hervorzuheben sind sechs doppelseitige Interviews zum Verhältnis von Frauen und Religion, u.a. mit der islamkritischen Schriftstellerin Arzu Toker, der katholischen Theologin und Feministin Aurica Nutt, der Religionssoziologin Kornelia Sammet und der 1. Vorsitzenden des Bundes für Geistesfreiheit (bfg) München Assunta Tammelleo. Spannend einerseits, weil sich ihre unterschiedlichen Eindrücke und Erfahrungen dann doch zu einem Gesamtbild fügen, etwa das Frauen in starkem Maße Religiosität empfinden und diese auch mittragen, selbst wenn sie wissend weniger davon profitieren. Andererseits aber auch, weil die Frage, warum auch in atheistischen und skeptischen Organisationen die Männer das Geschehen dominieren, offen debattiert wird. Die einzelnen Argumente hier aufzuzählen, sprengt den Rahmen, aber Humanistische Verbände, der IBKA, die Giordano Bruno Stiftung (gbs) und andere säkulare Organisationen sollten sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Und Selbstgerechtigkeit gegenüber den Religionen ist völlig fehl am Platz. Oder wie es die Soziologin Kornelia Sammet formuliert:

Einerseits bot und bietet Religion für Frauen Räume und Anknüpfungspunkte zur Emanzipation, andererseits werden durch die Säkularisierung nicht zwangsläufig Geschlechterungleichheiten überwunden.

Darüber hinaus entblättert Roland Ebert das Netzwerkegeflecht der katholischen Kirche und macht deutlich, wie neben dem Vatikan, den Europäischen Bischofskonferenzen und den Diözesannetzwerken auch internationale Vereinigungen und Wirtschaftsverbunde der katholischen Sache Aufwind verleihen wollen. Dabei macht er an einzelnen Beispielen deutlich, wie deren mal mehr und mal weniger verdeckte Lobbyarbeit funktioniert und Erfolge einfährt. Jana Husmann wendet sich Begriff der „Rasse“ und seiner Bedeutung in der Anthroposophie zu – eine vertiefende Ergänzung zur letzten Ausgabe des Skeptiker, in dem deutlich umfangreicher und auf breiterer Basis auf die Waldorfpädagogik und ihre Hintergründe eingegangen wurde (siehe Presseschau).