Humanistische Kitas

Perspektive zur frühkindlichen Bildung: 8.000 wertvolle Stunden

Frühkindliche Bildung

Beitragsbild: Konstantin Börner

In den Humanistischen Kitas in Berlin-Brandenburg verbringt ein Kind bis zu seinem Schuleintritt rund 8.000 Stunden – im Bundesdurchschnitt sind es schätzungsweise 7.000 Stunden. Das ist viel Zeit, im Leben eines Kindes. Vor allem ist es äußerst wertvolle Zeit, die dazu verleitet, sie sinnvoll nutzen zu wollen. Nur wer bestimmt eigentlich, was Sinn macht?

War­um die­se vie­len Stun­den in der Kita beson­ders wert­voll sind, kann man aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven betrach­ten. Der pro­mi­nen­tes­te Blick­win­kel ist sicher der der Poli­tik bzw. Wirt­schaft. Es besteht ein gro­ßes öffent­li­ches Inter­es­se an früh­kind­li­cher Bil­dung, da sie erwie­se­ner­ma­ßen einen star­ken Ein­fluss auf spä­te­re Schul­leis­tun­gen hat, die Bil­dungs- und Arbeits­markt­chan­cen erhöht und sich auch volks­wirt­schaft­lich deut­lich aus­zahlt.

Wert­voll sind die ers­ten Lebens­jah­re auch für unser sozia­les Mit­ein­an­der und damit für unse­re demo­kra­ti­sche Gesell­schaft. Unse­re sozi­al-emo­tio­na­len Kom­pe­ten­zen ent­wi­ckeln wir Men­schen vor allem in den ers­ten Lebens­jah­ren und unse­re Wer­te, wie auch unser Bild unse­rer sozia­len und kul­tu­rel­len Umwelt wer­den in die­ser Zeit nach­hal­tig geprägt.

Die frü­he Kind­heit ist außer­dem die kri­tischs­te und für Stö­run­gen anfäl­ligs­te Pha­se im Leben des Men­schen – auch das macht die­se Lebens­pha­se so bedeu­tend. Für unse­re Gesell­schaft aber auch spe­zi­ell aus Eltern­per­spek­ti­ve, hat der Schutz der Kin­der vor Scha­den oder Fehl­ent­wick­lun­gen daher obers­te Prio­ri­tät.

Aus den unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven erge­ben sich wie­der­um unter­schied­li­che Ansät­ze, wie man die­se wert­vol­le Zeit mög­lichst sinn­voll gestal­ten soll­te. Jede die­ser Sicht­wei­sen ist berech­tigt und unter­streicht die Wich­tig­keit der Kita-Zeit. Was ist aber mit der Per­spek­ti­ve der Kin­der? Es sind ja ihre zig­tau­send Stun­den, um die es hier geht. Wie möch­ten Kin­der ihre Zeit ver­brin­gen? Was ist ihnen wich­tig? Was muss der Ort Kita bie­ten, aus der Per­spek­ti­ve der Kin­der, damit die­se vie­le Zeit eine wert­vol­le, erfül­len­de ist?

Die Kita aus Sicht der Kinder gestalten

Möch­ten wir Kin­der nicht zum Objekt unse­rer Erwar­tun­gen oder unse­rer Vor­stel­lun­gen machen, son­dern als Sub­jekt betrach­ten – in Tra­di­ti­on einer huma­nis­ti­schen und men­schen­recht­li­chen Per­spek­ti­ve – so ist es die Auf­ga­be von uns Erwach­se­nen, die Kita-Zeit auch oder sogar vor allem aus der Sicht der Kin­der zu den­ken und zu gestal­ten. Wir kön­nen dem Eigen­recht und der Eigen­art der Kin­der nicht gerecht wer­den, wenn wir aus­schließ­lich aus Erwach­se­nen­sicht über ihre Zeit ver­fü­gen – dar­über bestim­men, was für sie gut ist und was nicht.

Das heißt nicht, dass die unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven der Erwach­se­nen für Kin­der unbe­deu­tend sind. Jedes Kind möch­te sei­nen Platz in der Gesell­schaft fin­den und dort einen wich­ti­gen Bei­trag leis­ten, möch­te mit ande­ren Men­schen ver­trau­ens­vol­le Bezie­hun­gen ein­ge­hen und mit ihnen in Frie­den leben und jedes Kind möch­te selbst­ver­ständ­lich unbe­scha­det durch sei­ne Kind­heit kom­men. Nur den­ken Kin­der anders als wir Erwach­se­ne und die Wege, die sie gehen, um ihre impli­zi­ten Zie­le zu errei­chen, sind meist ande­re als die, die Erwach­se­ne gehen wür­den. Und auch das, was sie auf ihren eigen­wil­li­gen Wegen brau­chen, ent­spricht nicht immer erwach­se­nen Vor­stel­lun­gen.

Humanistische Kitas als Wohlfühl- und Bildungsorte

Aus die­sen Grün­den sehen wir unse­re Huma­nis­ti­schen Kitas nicht als ein von Erwach­se­nen aus­ge­klü­gel­ten Bil­dungs­ort mit vor­be­rei­ten­dem Cha­rak­ter. Wir betrach­ten unse­re Kitas viel­mehr als Wohl­fühlort für Kin­der, der mit den Kin­dern gemein­sam ent­wi­ckelt wird und des­sen Gestal­tung sich auf die­se Wei­se an ihren Grund­be­dürf­nis­sen nach Bin­dung, Kom­pe­tenz und Auto­no­mie ori­en­tiert. Als Wohl­fühlort wer­den unse­re Kitas dann in Fol­ge auch zum Bil­dungs­ort, denn kind­li­che Ent­wick­lung bzw. Bil­dung fin­det vor allem dann statt, wenn Grund­be­dürf­nis­se Beach­tung und Erfül­lung fin­den.

Doch woher wis­sen wir, was genau eine Kita den Kin­dern bie­ten muss, damit ihre Bedürf­nis­se erfüllt wer­den? Aus den Ergeb­nis­sen der Qua­ki-Stu­die zur Kita-Qua­li­tät aus Kin­der­sicht aus 2017 haben wir ein­drück­li­che Anhalts­punk­te bekom­men, was für Kin­der zwi­schen vier und sechs Jah­ren eine gute Kita aus­macht. Eine wich­ti­ge Infor­ma­ti­ons­quel­le ist für uns auch die jähr­li­che Kin­der­be­fra­gung in unse­ren Kitas, in der wir die Kin­der zu dem glei­chen The­ma befra­gen zu dem wir auch die Team-Eva­lua­ti­on durch­füh­ren. Die wohl aus­sa­ge­kräf­tigs­ten Hin­wei­se dar­über, was den Kin­dern wich­tig ist, erhal­ten wir jedoch im täg­li­chen Dia­log mit den 2.600 Kin­dern in unse­ren 26 Kitas.

Wenn wir uns anschau­en, was Kin­der sich wün­schen bzw. was sie brau­chen, um sich in der Kita wohl und sicher zu füh­len, zeigt sich ganz klar – es sind vor allem vier Aspek­te ihres Kita-Lebens, die für sie wirk­lich rele­vant sind und es ver­wun­dert nicht, dass die päd­ago­gi­sche Qua­li­tät in genau die­sen vier Berei­chen nach­weis­lich ein­deu­ti­ge Aus­wir­kun­gen auf die kind­li­che Ent­wick­lung hat.

Vier Bereiche des Kita-Lebens, auf die es ankommt

Wie stel­len wir in unse­ren Kitas also sicher, dass die Kin­der­per­spek­ti­ve den Kita-All­tag maß­geb­lich bestimmt? Es sind eini­ge kla­re Grund­sät­ze, die uns dabei hel­fen, unse­re päd­ago­gi­sche Arbeit kon­se­quent an den Bedürf­nis­sen der Kin­der aus­zu­rich­ten. Anhand der vier für die Kin­der rele­van­ten Berei­che ihres Kita-Lebens las­sen sich die­se Grund­sät­ze gut dar­stel­len:

Inter­ak­ti­on zwi­schen Kind und Pädagog*innen: Kin­der möch­ten sich von den päd­ago­gi­schen Fach­kräf­ten gese­hen, ermu­tigt, wert­ge­schätzt und beschützt füh­len, Unter­stüt­zung erfah­ren und mit ihnen Spaß haben.

Hand­lungs­lei­tend in der Inter­ak­ti­on mit Kin­dern ist für unse­re Pädagog*innen immer das Prin­zip der Reso­nanz und des Dia­logs. Reso­nanz als fein­füh­li­ge Ant­wort auf gezeig­tes Ver­hal­ten gibt Kin­dern Ori­en­tie­rung und erzeugt Bezie­hung. Der sich anschlie­ßen­de Dia­log ist das Mit­tel zur Betei­li­gung da gemein­sa­mes Den­ken und wech­sel­sei­ti­ge Ent­wick­lung (Bil­dung) ermög­licht wird.

Selbst­be­stim­mung und Gemein­schaft: Kin­der möch­ten als indi­vi­du­el­le Per­sön­lich­kei­ten wahr­ge­nom­men und aner­kannt wer­den, sich erpro­ben, Gren­zen aus­tes­ten, mit­re­den, (mit-)entscheiden und Ver­ant­wor­tung über­neh­men, sich durch Ritua­le und gemein­schaft­li­che Erleb­nis­se mit­ein­an­der ver­bin­den und sie möch­ten, dass ihre Beschwer­den gehört und berück­sich­tigt wer­den.

Unse­re Pädagog*innen han­deln nach dem Grund­satz jeg­li­che Indi­vi­dua­li­tät zu respek­tie­ren und sie im Kita-All­tag zu ermög­li­chen. Gleich­zei­tig gilt in unse­ren Kitas das Prin­zip Gemein­schaft gemein­schaft­lich zu gestal­ten, d.h. Kin­der gestal­ten ihren Kita-All­tag gemein­sam mit den Pädagog*innen und über­neh­men damit Ver­ant­wor­tung.

Raum und Mate­ri­al: Kin­der möch­ten sich als Teil der Natur erle­ben, sie mit allen Sin­nen erkun­den, sich mit exis­ten­zi­el­len The­men beschäf­ti­gen, viel­fäl­ti­ge Orte und anre­gen­des Zeug zum Spie­len nut­zen, mit ihren Freund*innen eige­ne Spiel­räu­me und ‑mög­lich­kei­ten ent­de­cken und sich frei bewe­gen.

In unse­ren Kitas ver­fol­gen wir den Grund­satz, dass Innen- und Außen­räu­me für Kin­der viel­fäl­ti­ge, anre­gen­de Erfah­run­gen bie­ten müs­sen und durch Kin­der maxi­mal nutz­bar, wan­del- und gestalt­bar sind.

Fami­lie und Kita: Kin­der möch­ten sich als Mit­glied ihrer Fami­lie und ande­rer sozia­ler Gemein­schaf­ten wahr­ge­nom­men füh­len, sie möch­ten, dass ihre Fami­li­en Ein­blick in ihren Kita-All­tag haben und mit den Men­schen in der Kita ver­trau­ens­vol­le Kon­tak­te pfle­gen.

Auch in der Zusam­men­ar­beit mit den Fami­li­en ist der Dia­log das Prin­zip und ermög­licht einen gleich­wer­ti­gen und ver­trau­ens­vol­len Aus­tausch zwi­schen Kita und Eltern sowie bedarfs­ge­rech­te Unter­stüt­zungs­an­ge­bo­te für Fami­li­en. Ein wei­te­rer Grund­satz ist die Trans­pa­renz, durch die die Fami­li­en Ein­blick in das Kita-Leben erhal­ten und damit selbst Teil der Kita wer­den.

Über alle Berei­che hin­weg und im gesam­ten Kita-All­tag gel­ten in unse­ren Kitas zudem drei Grund­prin­zi­pi­en:

  • Par­ti­zi­pa­ti­on, die grund­sätz­li­che Betei­li­gung aller Betei­lig­ten
  • Inklu­si­on, die Wert­schät­zung und Aner­ken­nung von Unter­schied­lich­keit
  • Kin­der­schutz, die Bewah­rung der Kin­der vor Scha­den und Beein­träch­ti­gung

Die fach­kun­di­ge Umset­zung unse­rer Grund­sät­ze und ‑prin­zi­pi­en, Tag für Tag, schafft die Vor­aus­set­zung dafür, dass Kin­der ihren Platz in der Welt selbst­be­wusst und kom­pe­tent ein­neh­men kön­nen – 8.000 wert­vol­le Stun­den sinn­voll genutzt, im Sinn(e) der Kin­der.

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