Es beginnt oft mit einem angenehmen Gefühl.
Man liest gemütlich einen Artikel beim Frühstück, hört einen Podcast in der Badewanne, überfliegt ein Buch, das auf den Nachttisch liegt. Und plötzlich denkt man: Ah. Interessant. Das verstehe ich jetzt! Ordnung kehrt in die eigenen Gedanken ein, die Welt wirkt mit einem Mal erklärbar. Man könnte es nun auch anderen erklären, wenn man wollte. Und oft genug will man.
Dieser Moment ist beglückend und sehr menschlich. Er liefert so etwas wie das Gefühl mit, erkenntnismäßig angekommen zu sein – allerdings, bevor man wirklich losgegangen ist. Denn Momente wie diese sind leider bisweilen ziemlich trügerisch.
Der trügerische Charme der Erkenntnis
Die Psychologie hat dafür einen Namen: Dunning-Kruger-Effekt. Er beschreibt die Tendenz, das eigene Wissen zu überschätzen, solange man noch recht wenig davon hat. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus schlichter Unkenntnis. Wer wenig weiß, weiß oft nicht, wie viel er nicht weiß. Und das erweist sich im Alltag als ziemlich praktisch. Es spart Zweifel und verleiht Orientierung angesichts einer immer komplexer werdenden Welt.
Am Anfang wirkt alles recht übersichtlich. Man erkennt plötzlich Muster, sieht klare Linien. Die Dinge scheinen einfacher zu sein, als sie tatsächlich sind – und genau darin liegt der Reiz. Sicherheit fühlt sich gut an. Sie sitzt bequem wie eine fluffige Jogginghose. Darin lässt sich im Alltag stolperfrei loslaufen im Diskurs-Parcours. Glaubt man jedenfalls.
Problematisch wird es erst später: wenn Gegenargumente wie ungebetene Gäste auftauchen. Wenn Fachbegriffe plötzlich mehr bedeuten, als man sich ausgemalt hat. Wenn aus der hübschen Skizze ein unübersichtlicher Bauplan wird. Dummerweise ist, wie sich jetzt zeigt, das ganz normale Chaos doch noch da. Spätestens dann meldet sich ein neues Gefühl: Unsicherheit. Und die ist deutlich weniger angenehm. Die Jogginghose beginnt unangenehm zu kratzen und ist jetzt plötzlich eine Nummer zu klein.
Interessanterweise geschieht hier etwas Paradoxes: je mehr man lernt, desto vorsichtiger wird man. Sätze beginnen öfter mit „Es kommt darauf an“, „je nachdem“ oder „Ich brauche mehr Details“. Urteile verlieren ihre Schärfe: „Ich bin mir nicht ganz sicher“ wird ein unvermeidlicher Begleiter. Das Denken wird langsamer, sperriger, weniger vorzeigbar.
Wer diesen Punkt erreicht, wirkt nach außen weniger kompetent als zuvor – zumindest ist das die Befürchtung. Dabei ist genau hier etwas Entscheidendes passiert: Der Blick ist tiefer geworden. Nur leider auch komplizierter.
In öffentlichen Debatten einer zweifelsmüden Welt mag das zunächst als Nachteil erscheinen. Sicherheit verkauft sich besser als Nachdenken. Wer laut ist, gilt als überzeugt. Wer zögert, eher als schwankend. Die einfache Erklärung hat mehr Reichweite als die ehrliche. Und so reden nicht selten jene am selbstbewusstesten, die noch am Anfang stehen – ohne es zu ahnen. Weil es sich so anfühlt, als wäre das nicht so.
Selbstironie als Schlüssel
Womöglich hilft an dieser Stelle ein guter Schuss Selbstironie. Denn wer das Wagnis der ehrlichen Selbstbeobachtung mit einer gewissen Milde und Freundlichkeit auf sich nimmt, erkennt den Dunning-Kruger-Effekt nicht nur bei anderen, sondern auch in der eigenen Biografie: in früheren Überzeugungen. Alten Texten. In Sätzen, die man heute lieber umformulieren würde – oder leise löschen.
Aus humanistischer Perspektive ist das kein Scheitern, sondern Fortschritt – als Teil der eigenen weltanschaulichen DNA, dem Zweifel und nicht absoluten Wahrheiten den Vorzug geben zu wollen. Denken bedeutet nicht, immer wieder recht zu behalten, sondern immer wieder neu anzusetzen. Die Fähigkeit, sich zu korrigieren, ist keine Schwäche, eher eine Kunst. Die Kunst der Fehlerfreundlichkeit. Die Kunst des Zurückruderns. Die Kunst, Hybris zu vermeiden und stattdessen der eigenen Menschlichkeit realistisch ins Auge zu sehen.
Vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn man dem ersten Gedanken etwas misstrauen könnte. Wenn man ihm nicht sofort das letzte Wort überließe. Wenn man ihn als das nähme, was er meist ist: ein Anfang. Und vielleicht ist Klugheit manchmal nichts weiter als der Gedanke: Ich habe das verstanden. Glaube ich.



