Buchpräsentation mit Horst Groschopp

Von der freidenkerischen Religionskritik zur humanistischen Bildungs- und Sozialpraxis

| von
v.l.n.r.: Olaf Schlunke, Katrin Raczynski, Horst Groschopp

Beitragsbild: Humanistischer Verband Deutschlands - Bundesverband

In seinem Buch „Von der Freidenkerei zur Volksbildung“ beleuchtet Horst Groschopp den Neuen Frankfurter Verlag und seine Geschichte. Wir dokumentieren die Rede von Katrin Raczynski, Vorstandssprecherin des Humanistischen Verbands Deutschlands – Bundesverband, anlässlich der Buchvorstellung in der Humanistischen Hochschule Berlin am 10. Februar 2026.

Sehr ver­ehr­te Gäs­te,
sehr ver­ehr­ter Horst Gro­schopp,
mei­ne Damen und Her­ren,

ich begrü­ße Sie alle sehr herz­lich zu die­sem Abend und ganz beson­ders herz­lich begrü­ße ich Dr. Horst Gro­schopp. Für die­je­ni­gen unter Ihnen – und viel­leicht beson­ders für die Jün­ge­ren –, die Horst Gro­schopp bis­her nicht per­sön­lich ken­nen ler­nen konn­ten: Horst Gro­schopp war im Huma­nis­ti­schen Ver­band vie­les – und oft auch gleich­zei­tig. Er war Bun­des­vor­sit­zen­der, Grün­dungs­vor­sit­zen­der auf Lan­des­ebe­ne, Direk­tor der Huma­nis­ti­schen Aka­de­mien, Her­aus­ge­ber, Redak­teur, Kon­zept­ar­bei­ter, Autor. Kurz gesagt: Wer heu­te im Huma­nis­ti­schen Ver­band denkt, arbei­tet, strei­tet oder gestal­tet, tut das häu­fig auf Fun­da­men­ten, die Horst Gro­schopp zuvor sehr gründ­lich ver­mes­sen hat.

Wir stel­len heu­te ein Buch vor – aber wir wür­di­gen auch ein Den­ken, das gera­de dort Klar­heit geschaf­fen hat, wo Begrif­fe unscharf waren, wo sich poli­ti­sche Refle­xe ver­selb­stän­digt haben und wo die Ver­su­chung groß war, kom­ple­xe Fra­gen vor­schnell zu ver­ein­fa­chen. Die­ses Den­ken ist nicht laut auf­ge­tre­ten. Es hat sich nicht über Zuspit­zung, son­dern über Prä­zi­si­on durch­ge­setzt. Nicht über Abgren­zung, son­dern über his­to­ri­sches Ein­ord­nen. Und nicht über schnel­le Ant­wor­ten, son­dern über die Bereit­schaft, Span­nun­gen aus­zu­hal­ten und Wider­sprü­che sicht­bar zu machen.

So ist über vie­le Jah­re hin­weg ein Werk ent­stan­den, das deut­lich macht, war­um Huma­nis­mus nicht im Dage­gen auf­ge­hen darf, war­um er mehr ist als eine säku­la­re Selbst­be­schrei­bung und war­um er gera­de dann rele­vant wird, wenn er sich als posi­ti­ve, ethisch fun­dier­te Pra­xis im öffent­li­chen Raum begreift. Das heu­te vor­ge­stell­te Buch über den Neu­en Frank­fur­ter Ver­lag steht exem­pla­risch für eine Linie, die Horst Gro­schopp immer wie­der frei­ge­legt hat: den Über­gang von der frei­den­ke­ri­schen Reli­gi­ons­kri­tik zur huma­nis­ti­schen Bil­dungs- und Sozi­al­pra­xis.

Gro­schopp hat früh dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Frei­den­ke­rei und Huma­nis­mus nicht deckungs­gleich sind – his­to­risch nicht und nor­ma­tiv nicht. Frei­den­ke­rei war not­wen­dig, um Frei­heits­räu­me zu erkämp­fen. Huma­nis­mus aber beginnt dort, wo Frei­heit ethisch gebun­den, sozi­al ver­ant­wor­tet und insti­tu­tio­nell gestal­tet wird. In sei­nen „Per­spek­ti­ven des orga­ni­sier­ten Huma­nis­mus“ for­mu­liert er das sehr klar: Huma­nis­mus ist kei­ne blo­ße Welt­an­schau­ungs­hal­tung, son­dern eine Mensch­heits­er­zäh­lung, die sich in Rechts­pfle­ge, Soli­da­ri­tät, Bil­dung, Huma­ni­sie­rung sozia­ler Insti­tu­tio­nen und lebens­prak­ti­scher Beglei­tung aus­drückt. Die­se Dif­fe­ren­zie­rung ist zen­tral – auch heu­te noch. Denn sie schützt den Huma­nis­mus davor, ent­we­der in blo­ßer Reli­gi­ons­kri­tik ste­cken zu blei­ben oder sich in phi­lo­so­phi­scher Abs­trak­ti­on zu ver­lie­ren.

Ein zwei­ter, für unse­re heu­ti­ge Posi­tio­nie­rung ent­schei­den­der Gedan­ke Gro­schopps ist sein Ver­ständ­nis von Huma­nis­mus als Welt­an­schau­ung im ver­fas­sungs­recht­li­chen Sinn: Huma­nis­mus ist für ihn kein „Nicht-Reli­gi­ös-Sein“, son­dern eine posi­ti­ve, imma­nen­te Sinn- und Wer­te­ori­en­tie­rung, die sich öffent­lich bekennt und orga­ni­siert. Gera­de des­halb kann und muss er reli­gi­ons­di­stanz­fä­hig, aber nicht reli­gi­ons­feind­lich sein. In sei­ner Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Welt­an­schau­ungs­recht zeigt Gro­schopp, dass Huma­nis­mus genau dort sei­ne Stär­ke ent­fal­tet, wo er auf Gleich­stel­lung, nicht auf Ver­drän­gung zielt: auf Pari­tät im Bil­dungs­we­sen, in der Daseins­vor­sor­ge, in Bera­tung, Seel­sor­ge, Ritua­len und Ethik­dis­kur­sen. Das ist kein tak­ti­scher Schach­zug – es ist eine Kon­se­quenz aus dem Selbst­ver­ständ­nis des Huma­nis­mus als Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaft. Und genau hier berührt sich Gro­schopps Den­ken unmit­tel­bar mit unse­rer heu­ti­gen stra­te­gi­schen Linie: Wir tre­ten ein für einen welt­an­schau­lich plu­ra­len und welt­an­schau­ungs­freund­li­chen Staat. Nicht Rück­zug, son­dern Teil­ha­be. Nicht Tren­nungs­rhe­to­rik, son­dern Gleich­be­hand­lung.

Ein drit­ter Strang, der Gro­schopps Werk durch­zieht und für unse­re Gegen­wart beson­ders rele­vant ist, ist die sozia­le Dimen­si­on des Huma­nis­mus.

In sei­nem Text zur „sozia­len Fra­ge“ erin­nert er dar­an, dass Huma­nis­mus von Anfang an untrenn­bar ver­bun­den war mit
– Men­schen­wür­de,
– Barm­her­zig­keit,
– sozia­ler Gleich­heit
und der kon­kre­ten Fra­ge, wie Men­schen unter wür­di­gen Bedin­gun­gen leben kön­nen

Huma­nis­mus ohne Huma­ni­tät, sagt Gro­schopp sinn­ge­mäß, ist eine Leer­form.
Und ein Huma­nis­mus, der sich nur als lob­by­is­ti­scher Welt­an­schau­ungs­mar­ker ver­steht, ver­fehlt sei­nen Kern. Wenn wir heu­te über prak­ti­sche huma­nis­ti­sche Ange­bo­te spre­chen – von Bil­dung über Jugend­hil­fe, Bera­tung, Hos­piz­ar­beit bis zu Ritua­len – dann bewe­gen wir uns genau in die­ser Tra­di­ti­on: Huma­nis­mus als lebens­be­glei­ten­de Infra­struk­tur in einer plu­ra­lis­ti­schen Gesell­schaft.

Ich glau­be, man kann heu­te sagen: Dein Den­ken hat Spu­ren hin­ter­las­sen, wenn auch manch­mal zeit­ver­setzt, und dass wir Huma­nis­mus heu­te als posi­ti­ve, demo­kra­ti­sche und sozia­le Kraft begrei­fen, ist jeden­falls kein Zufall. Es ist das Ergeb­nis einer län­ge­ren Denk­be­we­gung, an der dei­ne Tex­te einen wesent­li­chen Anteil hat­ten.

Lie­ber Horst, gera­de in einer Zeit, in der sich gesell­schaft­li­che Front­li­ni­en ver­här­ten, in der welt­an­schau­li­che Fra­gen poli­tisch auf­ge­la­den sind und ein­fa­che Ant­wor­ten erneut Kon­junk­tur haben, ist die­ses Fun­da­ment von unschätz­ba­rem Wert. Für die Gene­ra­ti­on, die heu­te Ver­ant­wor­tung über­nimmt, sind dei­ne zahl­rei­chen Publi­ka­tio­nen kein abge­schlos­se­nes Erbe, aber eine wich­ti­ge Arbeits­grund­la­ge, die uns immer wie­der dabei hilft, wei­ter­zu­den­ken und nach­zu­schär­fen. Dafür wol­len wir dir an die­ser Stel­le – das ist längst über­fäl­lig – sehr herz­lich dan­ken.

Ich freue mich nun auf die Lesung, das Gespräch und das gemein­sa­me Wei­ter­den­ken die­ses Abends.

Der Vor­trag von Horst Gro­schopp ist auf sei­ner Home­page online abruf­bar.

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