Ein möglicher Ansatz nach Friedrich Hölderlin

Humanismus – oder sich dem Offenen stellen

| von
Hölderlin-Zeichnung von Johann Georg Schreiner und Rudolf Lohbauer 1823. Diese Zeichnung wird hier bewusst abgebildet, weil das bekannte und romantisierte Hölderlin-Porträt, das die meisten vom Dichter kennen, nicht der Wirklichkeit entspricht.
„Komm! Ins Offene, Freund!“ So beginnt Friedrich Hölderlins Elegie „Der Gang aufs Land“ aus dem Jahr 1801. Ein Ruf, der bis heute nachhallt. Was heißt es, sich dem Offenen zu stellen? Dem Fremden zu vertrauen, ohne sich selbst zu verlieren? Und wie kann der Gang ins Unbekannte zu einer Bewegung auf das Eigene hin werden?

Der Offen­heit die Stirn bie­ten und abzu­las­sen von lieb­ge­won­ne­nen Gewohn­hei­ten, Gegen­den und Gebräu­chen. Was mit dem Titel die­ser Rund­schau-Aus­ga­be ein­ge­for­dert wird, stellt sich nicht nur als Übung, son­dern gera­de­zu als huma­nis­ti­sche Lebens­auf­ga­be dar. Eine immer wie­der­keh­ren­de, mal umfas­sen­de­re, mal im Klei­nen sich zei­gen­de Arbeit. Jeden­falls eine Her­aus­for­de­rung, die ein­her­geht mit ent­schei­den­den und gar nicht tri­via­len Fra­gen, etwa: Wie soll man sich grund­sätz­lich im Prak­ti­schen der Offen­heit stel­len? Wie geht man das an, sich zu öff­nen, zu befrei­en, mutig zu sein, prak­tisch zu wer­den, ohne dar­an zu ver­zwei­feln oder gar zu Grun­de zu gehen?

Natür­lich: die­se Fra­gen aus­führ­lich zu beant­wor­ten, wür­de bei Wei­tem jeg­li­chen Rund­schau-Rah­men spren­gen. Aber manch­mal sind es ja auch die win­zi­gen Anek­do­ten und Geschich­ten, anhand derer sich die Welt ein Stück weit ablei­ten oder zumin­dest erah­nen lässt.

Im Leben Fried­rich Höl­der­lins (1770–1843) – das immer noch etwas idea­li­siert und ein­sei­tig betrach­tet wird – gibt es solch eine Epi­so­de, die modern ver­stan­den eine Ein­la­dung zur Offen­heit aus­spricht und für uns Huma­nis­ten einen schö­nen Ansatz­punkt dar­stellt. 

Wir schrei­ben hier­für das Jahr 1801, im kal­ten Dezem­ber­mo­nat. Höl­der­lin, schon 31 Jah­re alt, ist zu die­sem Zeit­punkt mehr­fach ent­täuscht wor­den, ist nir­gend­wo rich­tig ange­kom­men und trägt tie­fe Wun­den im Her­zen. Sei­ne eins­ti­gen gro­ßen Plä­ne, dar­un­ter das Leben eines Gelehr­ten zu füh­ren oder auch als Dich­ter der Nati­on aner­kannt zu wer­den, haben sich wie so vie­le ande­re Bemü­hun­gen zer­schla­gen. Hin­zu kommt, dass sei­ne gro­ße Lebens­lie­be, die bereits ver­hei­ra­te­te Sus­et­te Gon­tard, einen end­gül­ti­gen Schluss­strich unter die gemein­sa­me Bezie­hung gesetzt hat. „Fritz“ Höl­der­lin steht somit im hei­mi­schen Nür­tin­gen wie­der ein­mal gefühlt mit lee­ren Hän­den – und Her­zen – da …

Aber: es winkt erneut eine Stel­le als Haus­leh­rer. Es wäre sei­ne nun­mehr vier­te. Nur soll die­se im fer­nen Bor­deaux anzu­tre­ten sein. Gut 1000 Kilo­me­ter ent­fernt von Nür­tin­gen.

Soll man sich solch einem Unter­fan­gen stel­len? Ein­fach so ins Unbe­kann­te auf­bre­chen? Sich der Offen­heit hin­ge­ben – und die­ser ver­trau­en?

Auf der Suche nach Ant­wor­ten fin­det Höl­der­lin in sei­nem Brief an sei­nen Dich­ter­freund Casi­mir Ulrich Boeh­len­dorff bei der Refle­xi­on über die Grie­chen und ihr Erbe auch fol­gen­de über­ra­schen­de Wen­dung hier­zu:

„Aber das eige­ne muß so gut gelernt seyn, wie das Frem­de.“

Auch wenn Höl­der­lin die­se Wor­te her­nach in einen ande­ren Kon­text bet­tet, stel­len sie doch eine erstaun­li­che wie inspi­rie­ren­de Auf­for­de­rung dar: stel­le Dich dem Frem­den und ler­ne es so gut wie das Eige­ne! Denn das Frem­de ent­puppt sich häu­fig als ver­meint­lich Frem­des, so wie das Eige­ne sich als ver­meint­lich Bekann­tes ver­äu­ßern kann. Es braucht der gegen­sei­ti­gen Befruch­tung und Öff­nung von Eige­nem und Frem­den, um schließ­lich zu sich selbst zu gelan­gen!

Die anre­gen­de Wen­dung Höl­der­lins führ­te knapp 190 Jah­re spä­ter zum Buch­ti­tel der bekann­ten Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin und Schrift­stel­le­rin Julia Kris­t­e­va, die 1990 den schma­len Band „Frem­de sind wir uns selbst“ ver­öf­fent­lich­te – dar­in Höl­der­lins Aus­spruch gleich zu Beginn.

Und Höl­der­lin? Münz­te sei­nen Gedan­ken ins Prak­ti­sche, indem er die Stre­cke von Nür­tin­gen nach Bor­deaux, in die ver­meint­li­che Frem­de, auf sich nahm. Zu Fuß! Die knapp 1000 Kilo­me­ter meis­ter­te er wan­dernd in nicht ein­mal zwei Mona­ten – was von einer erstaun­li­chen Dis­zi­plin, Kon­ti­nui­tät und (Vor-)Freude auf das noch zu ent­de­cken­de Ter­rain zeugt.

Sich mit Höl­der­lin der Offen­heit zu stel­len? Unbe­dingt! „Offen“ war nicht nur eines der Lieb­lings­wör­ter Höl­der­lins, son­dern es wur­de auch in die Tat umge­setzt, wie die­se klei­ne Anek­do­te zei­gen möch­te. Sie macht klar: es kann schon hel­fen, ein­fach die Wan­der­schu­he in die Hand zu neh­men und den Gang aufs Land und ins Offe­ne mutig und ent­schlos­sen anzu­ge­hen! Sich nicht beir­ren zu las­sen, das Frem­de als eine Exkur­si­on zum eige­nen „Ich“ zu ver­ste­hen, Ver­trau­en zu leben, indem man sich dem Offe­nen hin­gibt und in es hin­ein­geht. Prak­tisch wer­den, den eige­nen Kör­per spü­ren – und damit auch die Ord­nung des Geis­tes för­dern. Ein Appell, der Sie hof­fent­lich beglei­ten darf. Vor allem, wenn Sie das nächs­te Mal auf der Neckar­brü­cke in Tübin­gen wei­len und den Blick zum Höl­der­lin­turm schwei­fen las­sen.  

Die­ser Bei­trag erschien zuerst in Huma­nis­ti­sche Rund­schau 03|2025. Wir dan­ken den Huma­nis­ten Baden-Würt­tem­berg für die freund­li­che Geneh­mi­gung zur Zweit­ver­öf­fent­li­chung.

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