Christian Gottfried Daniel Nees von Esenbeck (14. Februar 1776 – 15. März 1858)

Ein freireligiöser Forscher zwischen Botanik und politischem Aufbruch

| von
Foto: privat
Christian Gottfried Daniel Nees von Esenbeck (1855)
Vor 250 Jahren, am 14. Februar 1776, wurde Christian Gottfried Daniel Nees von Esenbeck geboren. Der Botaniker und Philosoph war überregional prominentes Mitglied der freireligiösen Bewegung und aktiv an der Revolution 1848/49 beteiligt. Als Abgeordneter der Preußischen Nationalversammlung und Initiator sozialer Reformvereine verband er Wissenschaft, Glaubensfreiheit und politisches Engagement.

Chris­ti­an Gott­fried Dani­el Nees wur­de am 14. Febru­ar 1776 auf Schloss Rei­chen­berg bei Rei­chels­heim im Oden­wald in Hes­sen gebo­ren und starb am 16. März 1858 in Breslau/Schlesien. Er war Medi­zi­ner, Bota­ni­ker, Embryo­lo­ge, Natur­for­scher, Phi­lo­soph, Schrift­stel­ler und Abge­ord­ne­ter der Preu­ßi­schen Natio­nal­ver­samm­lung.

Nach dem Gym­na­si­um in Darm­stadt stu­dier­te Nees Phi­lo­so­phie und Medi­zin an der Uni­ver­si­tät Jena und pro­mo­vier­te 1800 in Gie­ßen. Nees war seit 1802 ver­hei­ra­tet und leb­te mit sei­ner Ehe­frau zurück­ge­zo­gen auf einem Gut in Sickers­hau­sen (Unter­fran­ken, Bay­ern), wo er sich sei­ner For­schungs­ar­beit wid­me­te. Nach dem Tod sei­ner Ehe­frau füg­te er sei­nem Fami­li­en­na­men „von Esen­beck“ hin­zu. Nach einer wei­te­ren Ehe mit fünf Kin­dern, die geschie­den wur­de, ließ er sich 1830 in Bres­lau nie­der.

Nees war ein viel­sei­ti­ger Gelehr­ter, der vor allem als Bota­ni­ker, Bio­lo­ge und Zoo­lo­ge nam­haft war. Er erforsch­te bedeu­ten­de Grund­la­gen und ver­öf­fent­lich­te zahl­rei­che natur­wis­sen­schaft­li­che und natur­phi­lo­so­phi­sche Publi­ka­tio­nen (u.a. Hand­buch der Bota­nik. Nürn­berg 1820/1821; Das Sys­tem der spe­cu­la­ti­ven Phi­lo­so­phie:Natur­phi­lo­so­phie, Glo­gau 1841; Die All­ge­mei­ne For­men­leh­re der Natur als Vor­schu­le der Natur­ge­schich­te, 1852; Das Leben in der Reli­gi­on, Ras­ten­burg 1853).

Im Jahr 1817 wur­de Nees Dozent für Bota­nik an der Uni­ver­si­tät Erlan­gen, 1818 als Pro­fes­sor für Natur­ge­schich­te und Bota­nik an die Uni­ver­si­tät Bonn beru­fen und mit meh­re­ren aka­de­mi­schen Titeln geehrt, unter ande­rem durch die Baye­ri­sche Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten.

1845 schloss sich Nees der dis­si­den­ti­schen Bewe­gung der deutsch­ka­tho­li­schen Gemein­de an. Maß­geb­li­cher Initia­tor die­ser Bewe­gung war der Bres­lau­er Theo­lo­ge Johan­nes Ron­ge (1813–1887), der wegen sei­ner Kri­tik am Reli­qui­en­kult der katho­li­schen Kir­che („Hei­li­ger Rock“ in Trier 1844) sus­pen­diert wur­de und dar­auf­hin zur Leit­fi­gur der kir­chen­kri­ti­schen, dis­si­den­ti­schen, frei­kirch­li­chen, deutsch­ka­tho­li­schen und spä­ter frei­re­li­giö­sen Bewe­gung wur­de. Nees war ab 1846 Vor­sit­zen­der der gro­ßen Bres­lau­er Deutsch­ka­tho­li­schen Gemein­de und ein über­re­gio­nal pro­mi­nen­tes Mit­glied der frei­re­li­giö­sen Bewe­gung.

Eben­falls 1846 hat­te Nees den „Du-Ver­ein zur För­de­rung der Ver­brü­de­rung aller Stän­de und Klas­sen“, einen „Gesund­heits­pfle­ge­ver­ein“ und eine „Kran­ken­kas­se für Arme“ gegrün­det.

Nees war aktiv an der revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung 1848/49 betei­ligt, grün­de­te u.a. den „Demo­kra­tisch-Sozia­len Arbei­ter­ver­ein“ in Bres­lau und wur­de 1848 als einer der Abge­ord­ne­ten für Bres­lau in die Preu­ßi­sche Natio­nal­ver­samm­lung gewählt, wo er sich der lin­ken Frak­ti­on anschloss. Am 23. August 1848 fun­gier­te er als Prä­si­dent des „Ber­li­ner Arbei­ter­kon­gress“. Als er 1849 den Ver­band „Arbei­ter-Ver­brü­de­rung“ unter­stütz­te, wur­de er „wegen gefähr­li­cher sozia­ler Bestre­bun­gen“ aus Ber­lin aus­ge­wie­sen und fort­an in Bres­lau poli­zei­lich über­wacht, sowie beruf­lich sus­pen­diert und sein Gehalt um 50 % redu­ziert, schließ­lich 1852 als 76-jäh­ri­ger Pro­fes­sor ohne Pen­si­on ent­las­sen. Er wur­de dadurch mit­tel­los und war gezwun­gen, sei­ne Biblio­thek und sei­ne bota­ni­sche Samm­lung zu ver­kau­fen.

Inhalt teilen

1 Gedanke zu „Ein freireligiöser Forscher zwischen Botanik und politischem Aufbruch“

  1. Hal­lo, scha­de dass die Zeit in Bonn ver­ges­sen wur­de. Er hat von 1818 bis 1829 an der Uni­ver­si­tät Bonn gewirkt. Wir Bon­ner haben ihm einen herr­li­chen Bota­ni­schen Gar­ten zu ver­dan­ken. Und Bonn war auch eine sehr frei­geis­ti­ge Uni­ver­si­tät zu jener Zeit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Meistgelesen

Ähnliche Beiträge

alexander-gluschenko-Ii18hAUBJ4k-unsplash
Humanistische Antworten zur Boden-, Bau- und Wohnwende
Wie wollen wir wohnen? Oder: Wem gehört die Stadt?
Wohnen ist kein Randthema: Es entscheidet, ob wir unser Leben selbstbestimmt gestalten und innerhalb planetarer Grenzen leben können. Aus humanistischer Perspektive ist Wohnen eine Schlüsselfrage für Würde, Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Johannes Schwill diskutiert, warum Humanist*innen sich für eine Boden-, Bau- und Wohnwende stark machen sollten.
Beitrag lesen »
Groschopp (c) Humanistischer Verband Deutschlands - Bundesverband
Buchpräsentation mit Horst Groschopp
Von der freidenkerischen Religionskritik zur humanistischen Bildungs- und Sozialpraxis
In seinem Buch „Von der Freidenkerei zur Volksbildung“ beleuchtet Horst Groschopp den Neuen Frankfurter Verlag und seine Geschichte. Wir dokumentieren die Rede von Katrin Raczynski, Vorstandssprecherin des Humanistischen Verbands Deutschlands – Bundesverband, anlässlich der Buchvorstellung in der Humanistischen Hochschule Berlin am 10. Februar 2026.
Beitrag lesen »
Demonstration in Arnheim, Niederlande, Juni 2024.  – Dr. Philip Nitschke rechts im Bild
Do-it-yourself-Methoden, Vereinsturbulenzen, Geschäftsmodelle
Kollateralschaden durch Abdriften der Sterbehilfebewegung?
Der enorme Bedarf der vor allem älteren Bevölkerung nach neutraler Information und Entscheidungshilfe zum humanen Sterben bleibt weitgehend unbefriedigt. Dementsprechend gibt es immer neue fragwürdige Angebote. Ein Grund dafür ist die beklagenswerte Zurückhaltung bei der Suizidhilfe für ihre Patient*innen durch behandelnde Ärzte und Ärztinnen. Nun droht, dass deren verantwortliche Sonderrolle in einem Gesetzentwurf durch allgemeine Restriktionen – als „Kollateralschaden“ – zusätzlich gefährdet wird.
Beitrag lesen »
Nach oben scrollen