Interview mit Thomas Rachel

„Es geht immer um den einzelnen Menschen“

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Foto: Konstantin Börner

Beitragsbild: Tobias Koch

Der Beauftragte der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit, Thomas Rachel, im Gespräch mit Franziska Schneider, Bundesgeschäftsführerin des Humanistischen Verbandes Deutschlands, über Motivation, globale Krisen und warum Humanist*innen sichtbar bleiben müssen.

Sie sind seit Mai 2025 Bundesbeauftragter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit beim Auswärtigem Amt. Was hat Sie motiviert, diese Aufgabe zu übernehmen?

Ich habe mich sehr gefreut über die Beru­fung. Das The­ma bewegt mich per­sön­lich stark, weil Reli­gi­on und Welt­an­schau­ung für vie­le Men­schen iden­ti­täts­prä­gend sind. Gleich­zei­tig leben welt­weit etwa drei Vier­tel der Mensch­heit in Län­dern, in denen die­ses Recht ein­ge­schränkt oder sogar sys­te­ma­tisch ver­letzt wird. Men­schen wer­den wegen ihrer Über­zeu­gun­gen oder weil sie ihre Reli­gi­on wech­seln oder ableh­nen dis­kri­mi­niert, ver­folgt oder inhaf­tiert. Das ist zutiefst besorg­nis­er­re­gend. Für die­se Men­schen möch­te ich mich ein­set­zen.

Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen national wie international?

Posi­tiv ist, dass Men­schen in rechts­staat­lich-demo­kra­ti­schen Län­dern die bes­ten Mög­lich­kei­ten haben, ihre Gewissens‑, Reli­gi­ons- und Welt­an­schau­ungs­frei­heit zu leben. Pro­ble­ma­tisch ist jedoch, dass der Anteil sol­cher Staa­ten welt­weit abnimmt. Auto­ri­tä­re Regime neh­men zu. Dort wer­den Men­schen aus poli­ti­schen, ideo­lo­gi­schen oder reli­giö­sen Grün­den benach­tei­ligt, ver­haf­tet oder ein­ge­sperrt. Beson­ders besorg­nis­er­re­gend ist, dass die­se Regime zuneh­mend koope­rie­ren. Dem müs­sen wir ent­schie­den ent­ge­gen­wir­ken.

Wir betreuen in Berlin gerade Mubarak Bala, einen nigerianischen Humanisten, der sich 2020 in einem Facebook-Beitrag über die Endlichkeit seines Lebens geäußert und damit seine Lebensüberzeugung kundgetan hat. Zwei Jahre später wurde er vom High Court in Nigeria zu 24 Jahren Haft verurteilt. Welche Rolle kann Deutschland beim Schutz einzelner Betroffener spielen?

Fäl­le wie der von Muba­rak Bala zei­gen, wie dra­ma­tisch die Lage sein kann. Bala hat sei­ne isla­mi­sche Reli­gi­on ver­las­sen und ist zu einer ande­ren Welt­an­schau­ung gekom­men und muss­te dafür ins Gefäng­nis. Das ist ein kla­rer men­schen­recht­li­cher Skan­dal. Die Bun­des­re­gie­rung hat sich ein­ge­setzt und sei­ne Frei­las­sung gefor­dert sowie die Aus­rei­se nach Deutsch­land ermög­licht. Dar­über hin­aus arbei­ten wir diplo­ma­tisch, erin­nern Staa­ten an ihre Ver­pflich­tun­gen aus Arti­kel 18 der All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te, also an Gedanken‑, Gewis­sens- und Reli­gi­ons­frei­heit, und machen sol­che Fäl­le inter­na­tio­nal sicht­bar.

Reichen diese Instrumente aus?

Wir kön­nen sou­ve­rä­ne Staa­ten nicht zwin­gen, demo­kra­tisch zu wer­den. Aber wir kön­nen sie kon­ti­nu­ier­lich und mit Nach­druck an ihre men­schen­recht­li­chen Ver­pflich­tun­gen erin­nern. Wir tun das mit einer freund­li­chen Dau­er­haf­tig­keit.

Wie bewerten Sie die Instrumentalisierung von Religion durch rechtspopulistische oder extremistische Akteure?

Das Amt des Beauf­trag­ten setzt sich nicht pri­mär für Insti­tu­tio­nen wie Kir­chen und Moscheen und auch nicht für spe­zi­fi­sche Reli­gi­ons- und Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten ein, son­dern für den ein­zel­nen Men­schen. So gese­hen geht es nicht um Reli­gi­on- und Welt­an­schau­ung, son­dern dar­um, dass jeder Mensch ein Recht dar­auf hat, das Leben so zu füh­ren, wie er es nach eige­nem Grund­ver­ständ­nis, sei­ner Welt­sicht oder reli­giö­sen Über­zeu­gung leben möch­te. Wenn Reli­gi­on oder Welt­an­schau­ung genutzt wird, um ande­re zu dis­kri­mi­nie­ren oder ihre Frei­heit ein­zu­schrän­ken, ist das Miss­brauch. Das gilt unab­hän­gig davon, ob es um christ­li­che, mus­li­mi­sche oder ande­re Bezü­ge geht. Sol­che Instru­men­ta­li­sie­run­gen müs­sen klar benannt und zurück­ge­wie­sen wer­den.

Viele humanistische oder konfessionsfreie Menschen fühlen sich in Deutschland politisch, aber auch institutionell und strukturell weniger berücksichtigt. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

Ich kann nach­voll­zie­hen, dass die­ses Gefühl exis­tiert. Aber auch nicht­re­li­giö­se Welt­an­schau­un­gen sind selbst­ver­ständ­lich schüt­zens­wert. Reli­gi­ons- und Welt­an­schau­ungs­frei­heit gilt aus­drück­lich für alle – auch für Humanist*innen, Atheist*innen oder säku­lar Den­ken­de. Gleich­zei­tig zeigt der inter­na­tio­na­le Ver­gleich, wie pri­vi­le­giert wir in Deutsch­land leben: mit Rechts­staat, Mei­nungs­frei­heit und Ver­samm­lungs­frei­heit.

Sie sprechen oft von der internationalen Perspektive. Warum ist die so wichtig?

Weil sie unse­re Maß­stä­be zurecht­rückt. In Deutsch­land kön­nen Men­schen Kri­tik äußern, vor Gericht zie­hen, sich ver­sam­meln, ihre Reli­gi­on aus­üben oder kei­ner Reli­gi­on ange­hö­ren. In vie­len Tei­len der Welt ist das nicht selbst­ver­ständ­lich, wie mir mei­ne Arbeit immer wie­der vor Augen führt.

Wenn man nach Iran, Vene­zue­la oder in ande­re auto­ri­tä­re Staa­ten schaut, sieht man, wie schnell Grund­rech­te ver­lo­ren gehen kön­nen. Das macht deut­lich, wie wert­voll unse­re demo­kra­ti­schen Struk­tu­ren sind und wie wich­tig es ist, sie zu ver­tei­di­gen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihres Amtes?

Mein zen­tra­ler Wunsch ist Respekt vor der Wür­de jedes ein­zel­nen Men­schen. Wenn die­se Wür­de unser poli­ti­sches und gesell­schaft­li­ches Han­deln lei­tet, im Klei­nen wie im Gro­ßen, in der Fami­lie wie auch zwi­schen den Völ­kern, dann wäre viel gewon­nen. Reli­gi­ons- und Welt­an­schau­ungs­frei­heit ist letzt­lich Aus­druck genau die­ses Respekts.

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