Sie sind seit Mai 2025 Bundesbeauftragter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit beim Auswärtigem Amt. Was hat Sie motiviert, diese Aufgabe zu übernehmen?
Ich habe mich sehr gefreut über die Berufung. Das Thema bewegt mich persönlich stark, weil Religion und Weltanschauung für viele Menschen identitätsprägend sind. Gleichzeitig leben weltweit etwa drei Viertel der Menschheit in Ländern, in denen dieses Recht eingeschränkt oder sogar systematisch verletzt wird. Menschen werden wegen ihrer Überzeugungen oder weil sie ihre Religion wechseln oder ablehnen diskriminiert, verfolgt oder inhaftiert. Das ist zutiefst besorgniserregend. Für diese Menschen möchte ich mich einsetzen.
Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen national wie international?
Positiv ist, dass Menschen in rechtsstaatlich-demokratischen Ländern die besten Möglichkeiten haben, ihre Gewissens‑, Religions- und Weltanschauungsfreiheit zu leben. Problematisch ist jedoch, dass der Anteil solcher Staaten weltweit abnimmt. Autoritäre Regime nehmen zu. Dort werden Menschen aus politischen, ideologischen oder religiösen Gründen benachteiligt, verhaftet oder eingesperrt. Besonders besorgniserregend ist, dass diese Regime zunehmend kooperieren. Dem müssen wir entschieden entgegenwirken.
Wir betreuen in Berlin gerade Mubarak Bala, einen nigerianischen Humanisten, der sich 2020 in einem Facebook-Beitrag über die Endlichkeit seines Lebens geäußert und damit seine Lebensüberzeugung kundgetan hat. Zwei Jahre später wurde er vom High Court in Nigeria zu 24 Jahren Haft verurteilt. Welche Rolle kann Deutschland beim Schutz einzelner Betroffener spielen?
Fälle wie der von Mubarak Bala zeigen, wie dramatisch die Lage sein kann. Bala hat seine islamische Religion verlassen und ist zu einer anderen Weltanschauung gekommen und musste dafür ins Gefängnis. Das ist ein klarer menschenrechtlicher Skandal. Die Bundesregierung hat sich eingesetzt und seine Freilassung gefordert sowie die Ausreise nach Deutschland ermöglicht. Darüber hinaus arbeiten wir diplomatisch, erinnern Staaten an ihre Verpflichtungen aus Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, also an Gedanken‑, Gewissens- und Religionsfreiheit, und machen solche Fälle international sichtbar.
Reichen diese Instrumente aus?
Wir können souveräne Staaten nicht zwingen, demokratisch zu werden. Aber wir können sie kontinuierlich und mit Nachdruck an ihre menschenrechtlichen Verpflichtungen erinnern. Wir tun das mit einer freundlichen Dauerhaftigkeit.
Wie bewerten Sie die Instrumentalisierung von Religion durch rechtspopulistische oder extremistische Akteure?
Das Amt des Beauftragten setzt sich nicht primär für Institutionen wie Kirchen und Moscheen und auch nicht für spezifische Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften ein, sondern für den einzelnen Menschen. So gesehen geht es nicht um Religion- und Weltanschauung, sondern darum, dass jeder Mensch ein Recht darauf hat, das Leben so zu führen, wie er es nach eigenem Grundverständnis, seiner Weltsicht oder religiösen Überzeugung leben möchte. Wenn Religion oder Weltanschauung genutzt wird, um andere zu diskriminieren oder ihre Freiheit einzuschränken, ist das Missbrauch. Das gilt unabhängig davon, ob es um christliche, muslimische oder andere Bezüge geht. Solche Instrumentalisierungen müssen klar benannt und zurückgewiesen werden.
Viele humanistische oder konfessionsfreie Menschen fühlen sich in Deutschland politisch, aber auch institutionell und strukturell weniger berücksichtigt. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?
Ich kann nachvollziehen, dass dieses Gefühl existiert. Aber auch nichtreligiöse Weltanschauungen sind selbstverständlich schützenswert. Religions- und Weltanschauungsfreiheit gilt ausdrücklich für alle – auch für Humanist*innen, Atheist*innen oder säkular Denkende. Gleichzeitig zeigt der internationale Vergleich, wie privilegiert wir in Deutschland leben: mit Rechtsstaat, Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit.
Sie sprechen oft von der internationalen Perspektive. Warum ist die so wichtig?
Weil sie unsere Maßstäbe zurechtrückt. In Deutschland können Menschen Kritik äußern, vor Gericht ziehen, sich versammeln, ihre Religion ausüben oder keiner Religion angehören. In vielen Teilen der Welt ist das nicht selbstverständlich, wie mir meine Arbeit immer wieder vor Augen führt.
Wenn man nach Iran, Venezuela oder in andere autoritäre Staaten schaut, sieht man, wie schnell Grundrechte verloren gehen können. Das macht deutlich, wie wertvoll unsere demokratischen Strukturen sind und wie wichtig es ist, sie zu verteidigen.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihres Amtes?
Mein zentraler Wunsch ist Respekt vor der Würde jedes einzelnen Menschen. Wenn diese Würde unser politisches und gesellschaftliches Handeln leitet, im Kleinen wie im Großen, in der Familie wie auch zwischen den Völkern, dann wäre viel gewonnen. Religions- und Weltanschauungsfreiheit ist letztlich Ausdruck genau dieses Respekts.



