Mensch sein

Die Kunst des Zurückruderns

| von
Die Hoffotografen

Beitragsbild: Alexander Grigoryev/unsplash

Über den Dunning-Kruger-Effekt, das tragikomische Talent des Menschen, sich selbst zu überschätzen – und die Möglichkeit, dem durch freundlich-achtsame Selbstbeobachtung zu entrinnen.

Es beginnt oft mit einem ange­neh­men Gefühl.

Man liest gemüt­lich einen Arti­kel beim Früh­stück, hört einen Pod­cast in der Bade­wan­ne, über­fliegt ein Buch, das auf den Nacht­tisch liegt. Und plötz­lich denkt man: Ah. Inter­es­sant. Das ver­ste­he ich jetzt! Ord­nung kehrt in die eige­nen Gedan­ken ein, die Welt wirkt mit einem Mal erklär­bar. Man könn­te es nun auch ande­ren erklä­ren, wenn man woll­te. Und oft genug will man.

Die­ser Moment ist beglü­ckend und sehr mensch­lich. Er lie­fert so etwas wie das Gefühl mit, erkennt­nis­mä­ßig ange­kom­men zu sein – aller­dings, bevor man wirk­lich los­ge­gan­gen ist. Denn Momen­te wie die­se sind lei­der bis­wei­len ziem­lich trü­ge­risch.

Der trügerische Charme der Erkenntnis

Die Psy­cho­lo­gie hat dafür einen Namen: Dun­ning-Kru­ger-Effekt. Er beschreibt die Ten­denz, das eige­ne Wis­sen zu über­schät­zen, solan­ge man noch recht wenig davon hat. Nicht aus Eitel­keit, son­dern aus schlich­ter Unkennt­nis. Wer wenig weiß, weiß oft nicht, wie viel er nicht weiß. Und das erweist sich im All­tag als ziem­lich prak­tisch. Es spart Zwei­fel und ver­leiht Ori­en­tie­rung ange­sichts einer immer kom­ple­xer wer­den­den Welt.

Am Anfang wirkt alles recht über­sicht­lich. Man erkennt plötz­lich Mus­ter, sieht kla­re Lini­en. Die Din­ge schei­nen ein­fa­cher zu sein, als sie tat­säch­lich sind – und genau dar­in liegt der Reiz. Sicher­heit fühlt sich gut an. Sie sitzt bequem wie eine fluf­fi­ge Jog­ging­ho­se. Dar­in lässt sich im All­tag stol­per­frei los­lau­fen im Dis­kurs-Par­cours. Glaubt man jeden­falls.

Pro­ble­ma­tisch wird es erst spä­ter: wenn Gegen­ar­gu­men­te wie unge­be­te­ne Gäs­te auf­tau­chen. Wenn Fach­be­grif­fe plötz­lich mehr bedeu­ten, als man sich aus­ge­malt hat. Wenn aus der hüb­schen Skiz­ze ein unüber­sicht­li­cher Bau­plan wird. Dum­mer­wei­se ist, wie sich jetzt zeigt, das ganz nor­ma­le Cha­os doch noch da. Spä­tes­tens dann mel­det sich ein neu­es Gefühl: Unsi­cher­heit. Und die ist deut­lich weni­ger ange­nehm. Die Jog­ging­ho­se beginnt unan­ge­nehm zu krat­zen und ist jetzt plötz­lich eine Num­mer zu klein.

Inter­es­san­ter­wei­se geschieht hier etwas Para­do­xes: je mehr man lernt, des­to vor­sich­ti­ger wird man. Sät­ze begin­nen öfter mit „Es kommt dar­auf an“, „je nach­dem“ oder „Ich brau­che mehr Details“. Urtei­le ver­lie­ren ihre Schär­fe: „Ich bin mir nicht ganz sicher“ wird ein unver­meid­li­cher Beglei­ter. Das Den­ken wird lang­sa­mer, sper­ri­ger, weni­ger vor­zeig­bar.

Wer die­sen Punkt erreicht, wirkt nach außen weni­ger kom­pe­tent als zuvor – zumin­dest ist das die Befürch­tung.  Dabei ist genau hier etwas Ent­schei­den­des pas­siert: Der Blick ist tie­fer gewor­den. Nur lei­der auch kom­pli­zier­ter.

In öffent­li­chen Debat­ten einer zwei­fels­mü­den Welt mag das zunächst als Nach­teil erschei­nen. Sicher­heit ver­kauft sich bes­ser als Nach­den­ken. Wer laut ist, gilt als über­zeugt. Wer zögert, eher als schwan­kend. Die ein­fa­che Erklä­rung hat mehr Reich­wei­te als die ehr­li­che. Und so reden nicht sel­ten jene am selbst­be­wuss­tes­ten, die noch am Anfang ste­hen – ohne es zu ahnen. Weil es sich so anfühlt, als wäre das nicht so.

Selbstironie als Schlüssel

Womög­lich hilft an die­ser Stel­le ein guter Schuss Selbst­iro­nie. Denn wer das Wag­nis der ehr­li­chen Selbst­be­ob­ach­tung mit einer gewis­sen Mil­de und Freund­lich­keit auf sich nimmt, erkennt den Dun­ning-Kru­ger-Effekt nicht nur bei ande­ren, son­dern auch in der eige­nen Bio­gra­fie: in frü­he­ren Über­zeu­gun­gen. Alten Tex­ten. In Sät­zen, die man heu­te lie­ber umfor­mu­lie­ren wür­de – oder lei­se löschen.

Aus huma­nis­ti­scher Per­spek­ti­ve ist das kein Schei­tern, son­dern Fort­schritt – als Teil der eige­nen welt­an­schau­li­chen DNA, dem Zwei­fel und nicht abso­lu­ten Wahr­hei­ten den Vor­zug geben zu wol­len. Den­ken bedeu­tet nicht, immer wie­der recht zu behal­ten, son­dern immer wie­der neu anzu­set­zen. Die Fähig­keit, sich zu kor­ri­gie­ren, ist kei­ne Schwä­che, eher eine Kunst. Die Kunst der Feh­ler­freund­lich­keit. Die Kunst des Zurück­ru­derns. Die Kunst, Hybris zu ver­mei­den und statt­des­sen der eige­nen Mensch­lich­keit rea­lis­tisch ins Auge zu sehen.

Viel­leicht wäre schon viel gewon­nen, wenn man dem ers­ten Gedan­ken etwas miss­trau­en könn­te. Wenn man ihm nicht sofort das letz­te Wort über­lie­ße. Wenn man ihn als das näh­me, was er meist ist: ein Anfang. Und viel­leicht ist Klug­heit manch­mal nichts wei­ter als der Gedan­ke: Ich habe das ver­stan­den. Glau­be ich.

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