Mensch sein

Sich gern reden hören. Kleine humanistische Verteidigung der Eitelkeit

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Die Hoffotografen

Beitragsbild: Lisette Harzing/unsplash

Wer Raum einnimmt, gerät schnell unter Egozentrismusverdacht. Doch was, wenn genau diese Präsenz eine Voraussetzung für Selbstachtung und Mitgefühl ist?

Der Satz fällt bei­läu­fig, zwi­schen Tür und Angel, am Gar­ten­zaun, im Flur­funk: „Der hört sich wohl gern reden!“ Dann ein Lächeln, das kei­nes ist, ein kur­zes Augen­rol­len – und der Fall scheint glas­klar: jemand, der sich unge­mein wich­tig nimmt, zu wich­tig. Dia­gno­se: Eitel­keit. Akte zu. Chan­cen auf Revi­si­on: eher mau.

Natür­lich gibt es auf­dring­li­che, rück­sichts­lo­se For­men der Selbst­dar­stel­lung, wenn der Raum sich so pene­trant mit Ego füllt, dass kaum Luft zum Atmen bleibt. Wir alle ken­nen sie.
Und doch lohnt eine Unter­schei­dung: Sich im Wort­sinn gern reden zu hören könn­te etwas sein, das wir drin­gen­der brau­chen, als erlern­te Beschei­den­heits­ri­tua­le ver­mu­ten las­sen.

Redefreude als Form der Menschenwürde

Wir tun oft so, als kämen Gedan­ken fer­tig zur Welt und müss­ten nur noch mit­ge­teilt wer­den – doch so ist es nicht. Vie­le Gedan­ken ent­ste­hen erst im Spre­chen. Man beginnt einen Satz und weiß noch nicht, wo er endet. Man hört sich selbst – und ver­steht erst dadurch, was man meint. Spra­che ist nicht nur Wör­ter­trans­port­mit­tel, son­dern auch Denk­raum. Wer spricht, sor­tiert. Wer sich hört, klärt die eige­ne Innen­welt. In die­sem Sinn ist jemand, der sich gern reden hört, nicht zwin­gend selbst­ver­liebt, son­dern auf­merk­sam und neu­gie­rig sich selbst gegen­über. Und das Bedürf­nis, dabei mit dem Eige­nen nach außen zu tre­ten, stammt schlicht daher, dass wir sozia­le Wesen sind.

Der mora­lisch auf­ge­la­de­ne Ein­wand von der Sei­ten­li­nie lau­tet: „Das schickt sich nicht.“ Als rie­che jedes Mit­tei­lungs­be­dürf­nis schon nach Nar­ziss­mus. Tat­säch­lich wäre allen Men­schen auf die­sem Pla­ne­ten zu wün­schen, dass sie es sich wert sind, sich selbst ger­ne reden zu hören. Nicht aus Eitel­keit im nega­ti­ven Sinn, son­dern aus schlich­ter Beja­hung der eige­nen Exis­tenz: Ich bin da. Und das ist auch gut so. Ich neh­me mich ernst. Ich habe etwas zu geben. Ich muss mich nicht sofort zurück­neh­men oder gar klein­ma­chen. Es ist Aus­druck mei­ner Men­schen­wür­de.

Dar­in liegt kei­ne Gering­schät­zung ande­rer. Im Gegen­teil. Wer Men­schen­wür­de einer­seits als uni­ver­sel­len ethi­schen Begriff ernst nimmt und ande­rer­seits auch als indi­vi­du­el­les Selbst­ge­fühl, kann die Wür­de des Gegen­übers aner­ken­nen, ohne das Eige­ne nur im Flüs­ter­ton erzäh­len zu müs­sen. Das wäre eine gesun­de und lebens­dien­li­che Form von Eitel­keit, die Ver­stän­di­gung und Ver­bun­den­heit beinhal­tet. Das gilt auch und gera­de im Streit und wenn man Rede­an­tei­le neu und fair aus­ta­rie­ren muss – im all­täg­li­chen Mit­ein­an­der eben­so wie dort, wo Dis­kri­mi­nie­rung herr­schafts­freie Rede­räu­me unmög­lich macht.

Die stille Gefahr der Selbstzurücknahme

Vie­le freund­li­che, empa­thi­sche Men­schen haben damit Schwie­rig­kei­ten: Sie hören gut zu, neh­men Rück­sicht, machen Platz – und sind gleich­zei­tig mit der eige­nen Stim­me so lei­se, als müss­te man das Recht zu spre­chen erst ver­die­nen. Die Gefahr: wer sich dau­er­haft rela­ti­viert, ver­liert schnell einen siche­ren exis­ten­ti­el­len Anker. In der Fol­ge sucht man bestän­dig Bestä­ti­gung im Außen, wird zum „Peo­p­le-Plea­ser“, passt sich an, ver­stummt viel­leicht ganz. Man wird im eige­nen Cha­rak­ter nicht mehr erkenn­bar, im urei­ge­nen Tem­pe­ra­ment, in Hal­tung und Per­sön­lich­keit. Genau das aber macht Selbst­be­stim­mung schwer, die Frei­heit atmet.

Fehlt es uns an Eitel­keit? Ich muss zuge­ben: „Eitel­keit“ ist ein sper­ri­ger Begriff und eig­net sich nicht beson­ders gut für eine ein­sei­ti­ge Umdeu­tung ins Posi­ti­ve. Viel­leicht soll­te er doch lie­ber jenen vor­be­hal­ten blei­ben, deren Egos kei­ne ande­ren neben sich hören und dul­den kön­nen.

Was sich hin­ge­gen reha­bi­li­tie­ren lässt, ist etwas ande­res: die akti­ve Selbst­ach­tung, sich ger­ne reden zu hören. Denn nicht alles, was auf den ers­ten Blick nach Ego­zen­tris­mus aus­sieht, ist auch Ego­zen­tris­mus. Manch­mal ist es der lebens­be­ja­hen­de Schritt, das eige­ne Leben zu ergrei­fen, ohne das der ande­ren gering­zu­schät­zen.

Wie gut täte da eine gesun­de Krea­ti­vi­tät im Umgang mit Phra­sen.

Beim Gespräch am Gar­ten­zaun hie­ße dann der Satz „Der hört sich ger­ne reden!“ etwas ganz ande­res.

Jemand nimmt sein Mensch­sein ganz und gar an.
Jemand mutet sich ande­ren freund­lich zu.
Ohne Hybris.
Schlicht als Aus­druck der eige­nen Men­schen­wür­de.

Und viel­leicht begin­nen Mit­ge­fühl, Soli­da­ri­tät und Empa­thie genau hier.

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