Der Satz fällt beiläufig, zwischen Tür und Angel, am Gartenzaun, im Flurfunk: „Der hört sich wohl gern reden!“ Dann ein Lächeln, das keines ist, ein kurzes Augenrollen – und der Fall scheint glasklar: jemand, der sich ungemein wichtig nimmt, zu wichtig. Diagnose: Eitelkeit. Akte zu. Chancen auf Revision: eher mau.
Natürlich gibt es aufdringliche, rücksichtslose Formen der Selbstdarstellung, wenn der Raum sich so penetrant mit Ego füllt, dass kaum Luft zum Atmen bleibt. Wir alle kennen sie.
Und doch lohnt eine Unterscheidung: Sich im Wortsinn gern reden zu hören könnte etwas sein, das wir dringender brauchen, als erlernte Bescheidenheitsrituale vermuten lassen.
Redefreude als Form der Menschenwürde
Wir tun oft so, als kämen Gedanken fertig zur Welt und müssten nur noch mitgeteilt werden – doch so ist es nicht. Viele Gedanken entstehen erst im Sprechen. Man beginnt einen Satz und weiß noch nicht, wo er endet. Man hört sich selbst – und versteht erst dadurch, was man meint. Sprache ist nicht nur Wörtertransportmittel, sondern auch Denkraum. Wer spricht, sortiert. Wer sich hört, klärt die eigene Innenwelt. In diesem Sinn ist jemand, der sich gern reden hört, nicht zwingend selbstverliebt, sondern aufmerksam und neugierig sich selbst gegenüber. Und das Bedürfnis, dabei mit dem Eigenen nach außen zu treten, stammt schlicht daher, dass wir soziale Wesen sind.
Der moralisch aufgeladene Einwand von der Seitenlinie lautet: „Das schickt sich nicht.“ Als rieche jedes Mitteilungsbedürfnis schon nach Narzissmus. Tatsächlich wäre allen Menschen auf diesem Planeten zu wünschen, dass sie es sich wert sind, sich selbst gerne reden zu hören. Nicht aus Eitelkeit im negativen Sinn, sondern aus schlichter Bejahung der eigenen Existenz: Ich bin da. Und das ist auch gut so. Ich nehme mich ernst. Ich habe etwas zu geben. Ich muss mich nicht sofort zurücknehmen oder gar kleinmachen. Es ist Ausdruck meiner Menschenwürde.
Darin liegt keine Geringschätzung anderer. Im Gegenteil. Wer Menschenwürde einerseits als universellen ethischen Begriff ernst nimmt und andererseits auch als individuelles Selbstgefühl, kann die Würde des Gegenübers anerkennen, ohne das Eigene nur im Flüsterton erzählen zu müssen. Das wäre eine gesunde und lebensdienliche Form von Eitelkeit, die Verständigung und Verbundenheit beinhaltet. Das gilt auch und gerade im Streit und wenn man Redeanteile neu und fair austarieren muss – im alltäglichen Miteinander ebenso wie dort, wo Diskriminierung herrschaftsfreie Rederäume unmöglich macht.
Die stille Gefahr der Selbstzurücknahme
Viele freundliche, empathische Menschen haben damit Schwierigkeiten: Sie hören gut zu, nehmen Rücksicht, machen Platz – und sind gleichzeitig mit der eigenen Stimme so leise, als müsste man das Recht zu sprechen erst verdienen. Die Gefahr: wer sich dauerhaft relativiert, verliert schnell einen sicheren existentiellen Anker. In der Folge sucht man beständig Bestätigung im Außen, wird zum „People-Pleaser“, passt sich an, verstummt vielleicht ganz. Man wird im eigenen Charakter nicht mehr erkennbar, im ureigenen Temperament, in Haltung und Persönlichkeit. Genau das aber macht Selbstbestimmung schwer, die Freiheit atmet.
Fehlt es uns an Eitelkeit? Ich muss zugeben: „Eitelkeit“ ist ein sperriger Begriff und eignet sich nicht besonders gut für eine einseitige Umdeutung ins Positive. Vielleicht sollte er doch lieber jenen vorbehalten bleiben, deren Egos keine anderen neben sich hören und dulden können.
Was sich hingegen rehabilitieren lässt, ist etwas anderes: die aktive Selbstachtung, sich gerne reden zu hören. Denn nicht alles, was auf den ersten Blick nach Egozentrismus aussieht, ist auch Egozentrismus. Manchmal ist es der lebensbejahende Schritt, das eigene Leben zu ergreifen, ohne das der anderen geringzuschätzen.
Wie gut täte da eine gesunde Kreativität im Umgang mit Phrasen.
Beim Gespräch am Gartenzaun hieße dann der Satz „Der hört sich gerne reden!“ etwas ganz anderes.
Jemand nimmt sein Menschsein ganz und gar an.
Jemand mutet sich anderen freundlich zu.
Ohne Hybris.
Schlicht als Ausdruck der eigenen Menschenwürde.
Und vielleicht beginnen Mitgefühl, Solidarität und Empathie genau hier.



