Sehr verehrte Gäste,
sehr verehrter Horst Groschopp,
meine Damen und Herren,
ich begrüße Sie alle sehr herzlich zu diesem Abend und ganz besonders herzlich begrüße ich Dr. Horst Groschopp. Für diejenigen unter Ihnen – und vielleicht besonders für die Jüngeren –, die Horst Groschopp bisher nicht persönlich kennen lernen konnten: Horst Groschopp war im Humanistischen Verband vieles – und oft auch gleichzeitig. Er war Bundesvorsitzender, Gründungsvorsitzender auf Landesebene, Direktor der Humanistischen Akademien, Herausgeber, Redakteur, Konzeptarbeiter, Autor. Kurz gesagt: Wer heute im Humanistischen Verband denkt, arbeitet, streitet oder gestaltet, tut das häufig auf Fundamenten, die Horst Groschopp zuvor sehr gründlich vermessen hat.
Wir stellen heute ein Buch vor – aber wir würdigen auch ein Denken, das gerade dort Klarheit geschaffen hat, wo Begriffe unscharf waren, wo sich politische Reflexe verselbständigt haben und wo die Versuchung groß war, komplexe Fragen vorschnell zu vereinfachen. Dieses Denken ist nicht laut aufgetreten. Es hat sich nicht über Zuspitzung, sondern über Präzision durchgesetzt. Nicht über Abgrenzung, sondern über historisches Einordnen. Und nicht über schnelle Antworten, sondern über die Bereitschaft, Spannungen auszuhalten und Widersprüche sichtbar zu machen.
So ist über viele Jahre hinweg ein Werk entstanden, das deutlich macht, warum Humanismus nicht im Dagegen aufgehen darf, warum er mehr ist als eine säkulare Selbstbeschreibung und warum er gerade dann relevant wird, wenn er sich als positive, ethisch fundierte Praxis im öffentlichen Raum begreift. Das heute vorgestellte Buch über den Neuen Frankfurter Verlag steht exemplarisch für eine Linie, die Horst Groschopp immer wieder freigelegt hat: den Übergang von der freidenkerischen Religionskritik zur humanistischen Bildungs- und Sozialpraxis.
Groschopp hat früh darauf hingewiesen, dass Freidenkerei und Humanismus nicht deckungsgleich sind – historisch nicht und normativ nicht. Freidenkerei war notwendig, um Freiheitsräume zu erkämpfen. Humanismus aber beginnt dort, wo Freiheit ethisch gebunden, sozial verantwortet und institutionell gestaltet wird. In seinen „Perspektiven des organisierten Humanismus“ formuliert er das sehr klar: Humanismus ist keine bloße Weltanschauungshaltung, sondern eine Menschheitserzählung, die sich in Rechtspflege, Solidarität, Bildung, Humanisierung sozialer Institutionen und lebenspraktischer Begleitung ausdrückt. Diese Differenzierung ist zentral – auch heute noch. Denn sie schützt den Humanismus davor, entweder in bloßer Religionskritik stecken zu bleiben oder sich in philosophischer Abstraktion zu verlieren.
Ein zweiter, für unsere heutige Positionierung entscheidender Gedanke Groschopps ist sein Verständnis von Humanismus als Weltanschauung im verfassungsrechtlichen Sinn: Humanismus ist für ihn kein „Nicht-Religiös-Sein“, sondern eine positive, immanente Sinn- und Werteorientierung, die sich öffentlich bekennt und organisiert. Gerade deshalb kann und muss er religionsdistanzfähig, aber nicht religionsfeindlich sein. In seiner Auseinandersetzung mit dem Weltanschauungsrecht zeigt Groschopp, dass Humanismus genau dort seine Stärke entfaltet, wo er auf Gleichstellung, nicht auf Verdrängung zielt: auf Parität im Bildungswesen, in der Daseinsvorsorge, in Beratung, Seelsorge, Ritualen und Ethikdiskursen. Das ist kein taktischer Schachzug – es ist eine Konsequenz aus dem Selbstverständnis des Humanismus als Weltanschauungsgemeinschaft. Und genau hier berührt sich Groschopps Denken unmittelbar mit unserer heutigen strategischen Linie: Wir treten ein für einen weltanschaulich pluralen und weltanschauungsfreundlichen Staat. Nicht Rückzug, sondern Teilhabe. Nicht Trennungsrhetorik, sondern Gleichbehandlung.
Ein dritter Strang, der Groschopps Werk durchzieht und für unsere Gegenwart besonders relevant ist, ist die soziale Dimension des Humanismus.
In seinem Text zur „sozialen Frage“ erinnert er daran, dass Humanismus von Anfang an untrennbar verbunden war mit
– Menschenwürde,
– Barmherzigkeit,
– sozialer Gleichheit
und der konkreten Frage, wie Menschen unter würdigen Bedingungen leben können
Humanismus ohne Humanität, sagt Groschopp sinngemäß, ist eine Leerform.
Und ein Humanismus, der sich nur als lobbyistischer Weltanschauungsmarker versteht, verfehlt seinen Kern. Wenn wir heute über praktische humanistische Angebote sprechen – von Bildung über Jugendhilfe, Beratung, Hospizarbeit bis zu Ritualen – dann bewegen wir uns genau in dieser Tradition: Humanismus als lebensbegleitende Infrastruktur in einer pluralistischen Gesellschaft.
Ich glaube, man kann heute sagen: Dein Denken hat Spuren hinterlassen, wenn auch manchmal zeitversetzt, und dass wir Humanismus heute als positive, demokratische und soziale Kraft begreifen, ist jedenfalls kein Zufall. Es ist das Ergebnis einer längeren Denkbewegung, an der deine Texte einen wesentlichen Anteil hatten.
Lieber Horst, gerade in einer Zeit, in der sich gesellschaftliche Frontlinien verhärten, in der weltanschauliche Fragen politisch aufgeladen sind und einfache Antworten erneut Konjunktur haben, ist dieses Fundament von unschätzbarem Wert. Für die Generation, die heute Verantwortung übernimmt, sind deine zahlreichen Publikationen kein abgeschlossenes Erbe, aber eine wichtige Arbeitsgrundlage, die uns immer wieder dabei hilft, weiterzudenken und nachzuschärfen. Dafür wollen wir dir an dieser Stelle – das ist längst überfällig – sehr herzlich danken.
Ich freue mich nun auf die Lesung, das Gespräch und das gemeinsame Weiterdenken dieses Abends.
Der Vortrag von Horst Groschopp ist auf seiner Homepage online abrufbar.



