Liebe Mitglieder und Freunde des Humanistischen Verbandes,
und als SPD-Mitglied darf ich auch sagen,
liebe Genossinnen und Genossen,
wir sind heute hier zusammengekommen, um den 200. Geburtstag eines Mannes zu würdigen, dessen Leben und Wirken weit über seine eigene Zeit hinausstrahlen: Wilhelm Liebknecht.
Geboren im Jahr 1826 im hessischen Gießen in einer Epoche politischer Unruhe und gesellschaftlicher Umbrüche, wuchs Liebknecht in einer Welt auf, in der Freiheit, Demokratie und soziale Rechte keine Selbstverständlichkeiten waren. Die feudale Macht von Königen und Fürsten, aber auch der Kirchen, prägten das Leben der Menschen. Es war eine Zeit, in der mutige Stimmen notwendig waren – und Liebknecht war eine solche Stimme.
Als Mitbegründer der deutschen Sozialdemokratie, gemeinsam mit August Bebel, setzte er sich unermüdlich für die Rechte der arbeitenden Bevölkerung ein. Doch seine Bedeutung reicht weit über die parteipolitische Geschichte hinaus. Liebknecht war ein Vordenker, ein Aufklärer und ein überzeugter Demokrat, der fest daran glaubte, dass eine gerechte Gesellschaft nur auf der Grundlage von Bildung, Vernunft und aktiver Teilhabe entstehen kann.
Sein politisches Engagement war geprägt von Konsequenz und persönlichem Mut. Er widersetzte sich autoritären Strukturen, stellte sich gegen Zensur und Repression und nahm dafür auch Verfolgung, Exil und Haft in Kauf.
Bereits mit Anfang 20 musste er nach der Badischen Revolution 1848/49 fliehen und lebte 12 Jahre im Exil in London. Dort lernte er Karl Marx kennen. In dieser Zeit bewegte er sich im Kreis der revolutionären Emigranten, zu denen auch Friedrich Engels gehörte. Liebknecht war regelmäßiger Gast im Hause Marx und wurde stark von dessen Ideen geprägt. Die beiden verband aber nicht nur die Politik, sondern auch ein persönliches Vertrauensverhältnis.
Nach der Rückkehr aus England organisierte Liebknecht zusammen mit seinem 14 Jahre jüngeren Freund August Bebel 1869 die Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Und nochmals sechs Jahre später, also 1875, wurde diese mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein von Ferdinand Lassalle auf dem berühmten Gothaer Vereinigungsparteitag zur „Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands“ zusammengeführt. Das hört sich jetzt kontinuierlich, logisch, einfach an.
Aber auch diese Periode war von Verfolgung und Haft geprägt. Nach seiner antimilitaristischen Kritik am Deutsch-Französischen Krieg und seiner Sympathie für das sozialistische Experiment „Pariser Kommune“ 1871 wurden er und Bebel wegen Hochverrats verurteilt. Liebknecht kam zwei Jahre in Festungshaft. Und auch die schlimme 12-jährige Periode der sogenannten „Sozialistengesetze“ von 1878 bis 1890 war geprägt von Zensur, Unterdrückung und permanenter polizeilicher Überwachung. Die Ironie der Geschichte – ab da entwickelte sich die SPD, wie sie ab 1890 nun hieß, zur eigentlichen Massenpartei. Und im Deutschen Reichstag wurde Liebknecht zu einem der profiliertesten Politiker und bedeutendem Kontrahenten des Reichskanzlers Otto von Bismarck und des auf die Bismarck-Ära folgenden imperialistischen Weltmachtstrebens Deutschlands unter Kaiser Wilhelm II.
Was uns heute – gerade im Kontext des Humanistischen Verbandes – besonders an Wilhelm Liebknecht interessiert, ist seine Haltung zur Aufklärung und zur Rolle des Menschen in der Welt. Er vertraute nicht auf göttliche Vorsehung, sondern auf die Fähigkeit des Menschen, durch Denken, Lernen und gemeinsames Handeln Fortschritt zu gestalten. Diese Haltung verbindet ihn mit den Grundprinzipien des modernen Humanismus.
Als Humanisten gehen wir davon aus, dass Werte nicht von außen vorgegeben werden, sondern von uns Menschen selbst entwickelt und verantwortet werden. Wir glauben an die Kraft der Vernunft, an wissenschaftliche Erkenntnis und an die Würde jedes einzelnen Menschen – unabhängig von Herkunft, Weltanschauung oder sozialem Status.
Auch Liebknecht stellte die Bildung ins Zentrum seines Denkens. Für ihn war sie kein Privileg, sondern ein Grundrecht. Bildung bedeutete für ihn nicht nur Wissenserwerb, sondern Emanzipation – die Befähigung des Menschen, selbstständig zu denken, Autoritäten zu hinterfragen und aktiv an der Gestaltung der Gesellschaft teilzunehmen. In diesem Zusammenhang ist es besonders interessant, dass er selbst sein Leben lang Lehrender und Lernender war. Denn abseits seiner politischen Tätigkeit machte Liebknecht nach dem Studium mehrerer geisteswissenschaftlicher Fächer in Gießen, Berlin und Marburg auch noch zwei Handwerkerausbildungen – nämlich als Buchdrucker und als Steinmetz. Als Journalist war er Mitbegründer der SPD-Zeitung „Vorwärts“ und als Lehrer war er in Arbeiterbildungsvereinen engagiert.
Und last but not least:
Wilhelm Liebknecht war er auch ein entschiedener Verfechter der Trennung von Staat und Kirche. Denn zu seiner Zeit waren „Thron und Altar“, wie man es damals formulierte, noch aufs engste verbunden.
Er erkannte früh, dass politische Freiheit und weltanschauliche Neutralität untrennbar miteinander verbunden sind. Eine Gesellschaft, die allen Menschen gerecht werden will, darf keine religiöse Bevorzugung kennen – sie muss Raum für Vielfalt und Gleichberechtigung schaffen und die Freiheit des Denkens schützen.
Wenn wir heute, im 21. Jahrhundert, auf sein Wirken zurückblicken, dann erkennen wir, wie aktuell viele seiner Anliegen geblieben sind. Noch immer ringen wir um soziale Gerechtigkeit, um Chancengleichheit in der Bildung und um den Schutz demokratischer Werte. Noch immer sehen wir, wie irrationale Ideologien, Verschwörungstheorien, rechter Populismus und autoritäre Tendenzen versuchen, Einfluss zu gewinnen.
Gerade deshalb ist es wichtig, sich an Persönlichkeiten wie Wilhelm Liebknecht zu erinnern. Nicht aus bloßer historischer Pflicht, sondern weil sein Leben uns Orientierung geben kann.
Der Humanistische Verband steht heute in einer ähnlichen Verantwortung: Wir setzen uns ein für eine offene, pluralistische Gesellschaft, für Selbstbestimmung und Solidarität, für ein Leben in Würde – ohne religiöse Bevormundung, aber mit einem klaren ethischen Kompass, der auf Menschlichkeit und Vernunft basiert.
Wenn wir also heute Wilhelm Liebknecht ehren, dann tun wir das nicht nur als Blick in die Vergangenheit. Wir tun es als Auftrag für die Zukunft.
Ich danke Euch.



