Der Offenheit die Stirn bieten und abzulassen von liebgewonnenen Gewohnheiten, Gegenden und Gebräuchen. Was mit dem Titel dieser Rundschau-Ausgabe eingefordert wird, stellt sich nicht nur als Übung, sondern geradezu als humanistische Lebensaufgabe dar. Eine immer wiederkehrende, mal umfassendere, mal im Kleinen sich zeigende Arbeit. Jedenfalls eine Herausforderung, die einhergeht mit entscheidenden und gar nicht trivialen Fragen, etwa: Wie soll man sich grundsätzlich im Praktischen der Offenheit stellen? Wie geht man das an, sich zu öffnen, zu befreien, mutig zu sein, praktisch zu werden, ohne daran zu verzweifeln oder gar zu Grunde zu gehen?
Natürlich: diese Fragen ausführlich zu beantworten, würde bei Weitem jeglichen Rundschau-Rahmen sprengen. Aber manchmal sind es ja auch die winzigen Anekdoten und Geschichten, anhand derer sich die Welt ein Stück weit ableiten oder zumindest erahnen lässt.
Im Leben Friedrich Hölderlins (1770–1843) – das immer noch etwas idealisiert und einseitig betrachtet wird – gibt es solch eine Episode, die modern verstanden eine Einladung zur Offenheit ausspricht und für uns Humanisten einen schönen Ansatzpunkt darstellt.
Wir schreiben hierfür das Jahr 1801, im kalten Dezembermonat. Hölderlin, schon 31 Jahre alt, ist zu diesem Zeitpunkt mehrfach enttäuscht worden, ist nirgendwo richtig angekommen und trägt tiefe Wunden im Herzen. Seine einstigen großen Pläne, darunter das Leben eines Gelehrten zu führen oder auch als Dichter der Nation anerkannt zu werden, haben sich wie so viele andere Bemühungen zerschlagen. Hinzu kommt, dass seine große Lebensliebe, die bereits verheiratete Susette Gontard, einen endgültigen Schlussstrich unter die gemeinsame Beziehung gesetzt hat. „Fritz“ Hölderlin steht somit im heimischen Nürtingen wieder einmal gefühlt mit leeren Händen – und Herzen – da …
Aber: es winkt erneut eine Stelle als Hauslehrer. Es wäre seine nunmehr vierte. Nur soll diese im fernen Bordeaux anzutreten sein. Gut 1000 Kilometer entfernt von Nürtingen.
Soll man sich solch einem Unterfangen stellen? Einfach so ins Unbekannte aufbrechen? Sich der Offenheit hingeben – und dieser vertrauen?
Auf der Suche nach Antworten findet Hölderlin in seinem Brief an seinen Dichterfreund Casimir Ulrich Boehlendorff bei der Reflexion über die Griechen und ihr Erbe auch folgende überraschende Wendung hierzu:
„Aber das eigene muß so gut gelernt seyn, wie das Fremde.“
Auch wenn Hölderlin diese Worte hernach in einen anderen Kontext bettet, stellen sie doch eine erstaunliche wie inspirierende Aufforderung dar: stelle Dich dem Fremden und lerne es so gut wie das Eigene! Denn das Fremde entpuppt sich häufig als vermeintlich Fremdes, so wie das Eigene sich als vermeintlich Bekanntes veräußern kann. Es braucht der gegenseitigen Befruchtung und Öffnung von Eigenem und Fremden, um schließlich zu sich selbst zu gelangen!
Die anregende Wendung Hölderlins führte knapp 190 Jahre später zum Buchtitel der bekannten Psychoanalytikerin und Schriftstellerin Julia Kristeva, die 1990 den schmalen Band „Fremde sind wir uns selbst“ veröffentlichte – darin Hölderlins Ausspruch gleich zu Beginn.
Und Hölderlin? Münzte seinen Gedanken ins Praktische, indem er die Strecke von Nürtingen nach Bordeaux, in die vermeintliche Fremde, auf sich nahm. Zu Fuß! Die knapp 1000 Kilometer meisterte er wandernd in nicht einmal zwei Monaten – was von einer erstaunlichen Disziplin, Kontinuität und (Vor-)Freude auf das noch zu entdeckende Terrain zeugt.
Sich mit Hölderlin der Offenheit zu stellen? Unbedingt! „Offen“ war nicht nur eines der Lieblingswörter Hölderlins, sondern es wurde auch in die Tat umgesetzt, wie diese kleine Anekdote zeigen möchte. Sie macht klar: es kann schon helfen, einfach die Wanderschuhe in die Hand zu nehmen und den Gang aufs Land und ins Offene mutig und entschlossen anzugehen! Sich nicht beirren zu lassen, das Fremde als eine Exkursion zum eigenen „Ich“ zu verstehen, Vertrauen zu leben, indem man sich dem Offenen hingibt und in es hineingeht. Praktisch werden, den eigenen Körper spüren – und damit auch die Ordnung des Geistes fördern. Ein Appell, der Sie hoffentlich begleiten darf. Vor allem, wenn Sie das nächste Mal auf der Neckarbrücke in Tübingen weilen und den Blick zum Hölderlinturm schweifen lassen.
Dieser Beitrag erschien zuerst in Humanistische Rundschau 03|2025. Wir danken den Humanisten Baden-Württemberg für die freundliche Genehmigung zur Zweitveröffentlichung.




