Tierethik

Humanismus ohne Tiere? Überlegungen zu Anthropozentrismus, Humanismus und Veganismus

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Beitragsbild: Hartmut Kiewert

Auf Basis ihrer Masterarbeit zur Humanistischen Lebenskunde reflektiert Ann-Marie Orf die Spannungen zwischen Anthropozentrismus, Tierethik und Veganismus. Der Beitrag lädt dazu ein, Humanismus neu zu denken: verantwortungsvoller, inklusiver und weniger speziesistisch.

Wel­che Rele­vanz kann in Bezug auf Tier­ethik für den Huma­nis­mus begrün­det wer­den und wel­cher Stel­len­wert wird der Tier­ethik im Huma­nis­mus aktu­ell ein­ge­räumt? Anders aus­ge­drückt: Soll­ten sich Humanist*innen nicht nur für Men­schen­rech­te, son­dern auch für Rech­te für nicht-mensch­li­che Tie­re ein­set­zen? Gehö­ren Huma­nis­mus und Vega­nis­mus zusam­men? Und wel­che Rol­le spielt die Mensch-Tier-Bezie­hung eigent­lich beim Huma­nis­ti­schen Ver­band Deutsch­lands (sowie nach­ge­ord­net bei der Giord­a­no-Bru­no-Stif­tung)? Die­sen Fra­gen wid­met sich mei­ne Mas­ter-Arbeit, mit der ich 2025 das Stu­di­um zur Lehr­kraft für Huma­nis­ti­sche Lebens­kun­de an der Huma­nis­ti­schen Hoch­schu­le Ber­lin abge­schlos­sen habe.

Nach­fol­gend wird Abschnitt 4.4. der Arbeit, in dem Über­le­gun­gen zu Anthro­po­zen­tris­mus, Huma­nis­mus und Vega­nis­mus ange­stellt wer­den, in einer leicht an die­ses For­mat ange­pass­ten Form ver­öf­fent­licht:

Dar­wins Evo­lu­ti­ons­theo­rie schrieb Tie­ren Mit­te des 19. Jahr­hun­derts Emo­tio­nen wie Freu­de und Angst, Schmerz­emp­fin­den usw. zu und ord­ne­te den Men­schen in die Kate­go­rie Tier ein (Engels, E.-M., 2015: 69). Damit ent­kräf­te­te Dar­win die kate­go­ri­sche Unter­schei­dung zwi­schen Men­schen und Tie­ren, die dem Anthro­po­zen­tris­mus zugrun­de liegt (ebd.). Den­noch ist nach wie vor eine anthro­po­zen­tri­sche Sicht­wei­se domi­nant, die Tie­re als den Men­schen unter­le­gen ansieht und ihre Nut­zung als Res­sour­ce zur Befrie­di­gung mensch­li­cher Bedürf­nis­se bzw. Wün­sche gut­heißt (Stei­ner, G., 2015: 28–32). Heu­te ver­sucht die Phi­lo­so­phie – und gera­de auch der Huma­nis­mus als phi­lo­so­phi­sche Strö­mung – mit Kon­zep­ten wie dem soge­nann­ten auf­ge­klär­ten Anthro­po­zen­tris­mus der gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung in Bezug auf das Mensch-Tier-Ver­hält­nis und den neu­es­ten natur­wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen Rech­nung zu tra­gen (Bor­chers, D., 2018: 143). Anders als der mora­li­sche Anthro­po­zen­tris­mus, der mit dem Spe­zie­sis­mus über­ein­stimmt (Loh, J., 2019: 143), geht der auf­ge­klär­te Anthro­po­zen­tris­mus nicht von der mora­li­schen Irrele­vanz von Tie­ren aus. Er wird aller­dings mit der Schlach­tung von Tie­ren zum Zweck der Lebens­mit­tel­pro­duk­ti­on und ande­ren leid- und gewalt­vol­len For­men der Tier­nut­zung als ver­ein­bar gese­hen. Damit stößt er bei all jenen, die unter Tier­ethik eine Ver­ant­wor­tung für nicht-mensch­li­che Tie­re ver­ste­hen, die auf eine maxi­mal mög­li­che Mini­mie­rung von durch Men­schen ver­ur­sach­tem Tier­leid abzielt, auf Gegen­wind.

Laut dem Phi­lo­so­phen Jaap Schilt (2021: 183), der vie­le Jah­re als Bil­dungs­re­fe­rent für den Huma­nis­ti­schen Ver­band Ber­lin-Bran­den­burg tätig war, impli­ziert „huma­nis­tisch“ eine „Kon­zen­tra­ti­on auf das Mensch­li­che oder auf Mensch­li­ches im Unter­schied zu Nicht­mensch­li­chem“ (Kur­siv­schrei­bung im Ori­gi­nal). Dar­aus lässt sich aber natür­lich nicht ablei­ten, dass „Nicht­mensch­li­ches“ kei­ne Rol­le spielt. Die Beto­nung der Unter­schied­lich­keit zwi­schen Men­schen und Tie­ren und der beson­de­ren Stel­lung des Men­schen muss nicht auto­ma­tisch eine Abwer­tung von Tie­ren bedeu­ten. Der Mensch kann als beson­de­res Tier (Ruther­ford, A., 2019: 2) gese­hen wer­den, das sich selbst den Spe­zie­sis­mus­vor­wurf machen kann (Schöpp­ner, R., 2021: 41) und damit eine beson­de­re Ver­ant­wor­tung hat. Und genau die­se Ver­ant­wor­tung soll­te laut der fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phin Cori­ne Pel­luchon zu einer „Auf­nah­me der Tie­re in Ethik und Recht“ füh­ren, die eine Erneue­rung des Huma­nis­mus, eine Wei­ter­ent­wick­lung, nicht aber sein Ende zur Fol­ge hat (2020: 71). Eine mora­li­sche Berück­sich­ti­gung von Tie­ren stellt den Huma­nis­mus also nicht prin­zi­pi­ell infra­ge, son­dern nur einen Huma­nis­mus, der auf spe­zie­sis­ti­schen Vor­ur­tei­len (zur ange­nom­me­nen mora­li­schen Höher­wer­tig­keit der Spe­zi­es Mensch) basiert (Schöpp­ner, R., 2021: 41).

Vega­nis­mus als selbst­ver­ständ­li­cher Teil von Huma­nis­mus ist nicht nur expli­zit nicht-anthro­po­zen­trisch und anti­spe­zie­sis­tisch, son­dern auch anthro­po­zen­trisch begründ­bar. Denn wie in Abschnitt 3.1. („Das Mensch-Tier-Ver­hält­nis mit Fokus auf den Men­schen“) dar­ge­stellt, lie­fert ein auf­rich­ti­ges Inter­es­se dar­an, einen Bei­trag zum Schutz der Men­schen­rech­te zu leis­ten, genü­gend Grün­de für eine vega­ne Lebens­wei­se. Eine anthro­po­zen­tri­sche Grund­hal­tung schließt aber auch tier­ethisch moti­vier­ten Vega­nis­mus nicht aus: Denn selbst wenn ich den­ke, dass Tie­re per se weni­ger wert und weni­ger wich­tig sind als Men­schen, kann ich wol­len, dass sie wegen mir nicht lei­den müs­sen, und mich ent­spre­chend ver­hal­ten. Vor­aus­set­zung dafür ist ledig­lich, dass ich sie für mora­lisch berück­sich­ti­gens­wert hal­te und aner­ken­ne, dass sie lei­den kön­nen. Dies nicht zu tun, scheint mit dem huma­nis­ti­schen Anspruch, auf der Basis von Wis­sen­schaft­lich­keit und Empa­thie, von Ver­nunft und Mensch­lich­keit (Schöpp­ner, R., 2025: 64) zu han­deln, schwer ver­ein­bar.“

Ange­hö­ri­gen der Huma­nis­ti­schen Hoch­schu­le Ber­lin steht die Arbeit in gedruck­ter Form in der Biblio­thek der Hoch­schu­le zur Ver­fü­gung. Lehr­kräf­te für Huma­nis­ti­sche Lebens­kun­de (HLK) kön­nen sie in digi­ta­ler Form im HLK-Mood­le abru­fen (sie­he „Tier­ethik macht Schule“-Padlet im Arbeits­grup­pen-Bereich) und in gedruck­ter Form in der Lehr­kräf­te-Biblio­thek aus­lei­hen. Ande­ren Inter­es­sier­ten sen­de ich die digi­ta­le Ver­si­on auf Anfra­ge an a.orf@hvd-bb.de ger­ne zu.

Von Patrick Schön­feld (aka Der Art­ge­nos­se) erstell­tes Deck­blatt der Arbeit
(https://www.youtube.com/c/DerArtgenosse)

Quellen (in der Reihenfolge ihrer Erwähnung im Text)

Engels, E.-M., 2015. Darwin/Darwinismus, in: Fer­ra­ri, A., Petrus, K. (Eds.), Lexi­kon der Mensch-Tier-Bezie­hun­gen, Human-Ani­mal Stu­dies. tran­script, Bie­le­feld.

Stei­ner, G., 2015. Anthro­po­zen­tris­mus, in: Fer­ra­ri, A., Petrus, K. (Eds.), Lexi­kon der Mensch-Tier-Bezie­hun­gen, Human-Ani­mal Stu­dies. tran­script, Bie­le­feld.

Bor­chers, D., 2018. Anthro­po­zen­tris­mus, in: Ach, J.S., Bor­chers, D. (Eds.), Hand­buch Tier­ethik: Grund­la­gen, Kon­tex­te, Per­spek­ti­ven. J. B. Metz­ler, Stutt­gart.

Loh, J., 2019. Trans- und Post­hu­ma­nis­mus zur Ein­füh­rung, Zur Ein­füh­rung. Juni­us, Ham­burg.

Schilt, J., 2021. Huma­nis­ti­sche Lebens­kun­de in Ber­lin und Bran­den­burg und die Pos­tu­la­te einer Huma­nis­ti­schen Welt­an­schau­ung, in: Schöpp­ner, R. (Ed.), Her­zens­bil­dung und Urteils­fä­hig­keit: Ele­men­te moder­ner huma­nis­ti­scher Bil­dung, Schrif­ten­rei­he der Huma­nis­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin-Bran­den­burg. Ali­bri, Aschaf­fen­burg, S. 183–195.

Ruther­ford, A., 2019. Hum­ani­mal: How Homo sapi­ens Beca­me Nature’s Most Para­do­xi­cal Creature―A New Evo­lu­tio­na­ry Histo­ry. The Expe­ri­ment, LLC, New York, NY.

Schöpp­ner, R., 2021. Men­schen, Tie­re, Pflan­zen und Din­ge – Poly­amou­rö­se Bezie­hungs­fä­hig­keit eines moder­nen Huma­nis­mus, in: Schöpp­ner, R. (Ed.), Her­zens­bil­dung und Urteils­fä­hig­keit: Ele­men­te Moder­ner Huma­nis­ti­scher Bil­dung, Schrif­ten­rei­he Der Huma­nis­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin-Bran­den­burg. Ali­bri, Aschaf­fen­burg, S. 35–65.

Pel­luchon, C., 2020. Mani­fest für die Tie­re, Beck Paper­back. C.H.Beck, Mün­chen.

Schöpp­ner, R., 2025. Selbst­be­stim­mung, Ver­ant­wor­tung, Plu­ra­lis­mus und Sinn – Vier Haupt­städ­te auf der Land­kar­te des moder­nen Huma­nis­mus, in: Ise­mey­er, M. (Ed.), Wofür es sich zu strei­ten lohnt: Huma­nis­mus 120 Jah­re Enga­ge­ment für Auf­klä­rung, Men­schen­rech­te und Huma­ni­tät. Ver­ein zur För­de­rung der sozi­al­po­li­ti­schen Arbeit, Neu-Ulm, S. 62–74.

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