Welche Relevanz kann in Bezug auf Tierethik für den Humanismus begründet werden und welcher Stellenwert wird der Tierethik im Humanismus aktuell eingeräumt? Anders ausgedrückt: Sollten sich Humanist*innen nicht nur für Menschenrechte, sondern auch für Rechte für nicht-menschliche Tiere einsetzen? Gehören Humanismus und Veganismus zusammen? Und welche Rolle spielt die Mensch-Tier-Beziehung eigentlich beim Humanistischen Verband Deutschlands (sowie nachgeordnet bei der Giordano-Bruno-Stiftung)? Diesen Fragen widmet sich meine Master-Arbeit, mit der ich 2025 das Studium zur Lehrkraft für Humanistische Lebenskunde an der Humanistischen Hochschule Berlin abgeschlossen habe.
Nachfolgend wird Abschnitt 4.4. der Arbeit, in dem Überlegungen zu Anthropozentrismus, Humanismus und Veganismus angestellt werden, in einer leicht an dieses Format angepassten Form veröffentlicht:
Darwins Evolutionstheorie schrieb Tieren Mitte des 19. Jahrhunderts Emotionen wie Freude und Angst, Schmerzempfinden usw. zu und ordnete den Menschen in die Kategorie Tier ein (Engels, E.-M., 2015: 69). Damit entkräftete Darwin die kategorische Unterscheidung zwischen Menschen und Tieren, die dem Anthropozentrismus zugrunde liegt (ebd.). Dennoch ist nach wie vor eine anthropozentrische Sichtweise dominant, die Tiere als den Menschen unterlegen ansieht und ihre Nutzung als Ressource zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse bzw. Wünsche gutheißt (Steiner, G., 2015: 28–32). Heute versucht die Philosophie – und gerade auch der Humanismus als philosophische Strömung – mit Konzepten wie dem sogenannten aufgeklärten Anthropozentrismus der gesellschaftlichen Entwicklung in Bezug auf das Mensch-Tier-Verhältnis und den neuesten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen Rechnung zu tragen (Borchers, D., 2018: 143). Anders als der moralische Anthropozentrismus, der mit dem Speziesismus übereinstimmt (Loh, J., 2019: 143), geht der aufgeklärte Anthropozentrismus nicht von der moralischen Irrelevanz von Tieren aus. Er wird allerdings mit der Schlachtung von Tieren zum Zweck der Lebensmittelproduktion und anderen leid- und gewaltvollen Formen der Tiernutzung als vereinbar gesehen. Damit stößt er bei all jenen, die unter Tierethik eine Verantwortung für nicht-menschliche Tiere verstehen, die auf eine maximal mögliche Minimierung von durch Menschen verursachtem Tierleid abzielt, auf Gegenwind.
Laut dem Philosophen Jaap Schilt (2021: 183), der viele Jahre als Bildungsreferent für den Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg tätig war, impliziert „humanistisch“ eine „Konzentration auf das Menschliche oder auf Menschliches im Unterschied zu Nichtmenschlichem“ (Kursivschreibung im Original). Daraus lässt sich aber natürlich nicht ableiten, dass „Nichtmenschliches“ keine Rolle spielt. Die Betonung der Unterschiedlichkeit zwischen Menschen und Tieren und der besonderen Stellung des Menschen muss nicht automatisch eine Abwertung von Tieren bedeuten. Der Mensch kann als besonderes Tier (Rutherford, A., 2019: 2) gesehen werden, das sich selbst den Speziesismusvorwurf machen kann (Schöppner, R., 2021: 41) und damit eine besondere Verantwortung hat. Und genau diese Verantwortung sollte laut der französischen Philosophin Corine Pelluchon zu einer „Aufnahme der Tiere in Ethik und Recht“ führen, die eine Erneuerung des Humanismus, eine Weiterentwicklung, nicht aber sein Ende zur Folge hat (2020: 71). Eine moralische Berücksichtigung von Tieren stellt den Humanismus also nicht prinzipiell infrage, sondern nur einen Humanismus, der auf speziesistischen Vorurteilen (zur angenommenen moralischen Höherwertigkeit der Spezies Mensch) basiert (Schöppner, R., 2021: 41).
Veganismus als selbstverständlicher Teil von Humanismus ist nicht nur explizit nicht-anthropozentrisch und antispeziesistisch, sondern auch anthropozentrisch begründbar. Denn wie in Abschnitt 3.1. („Das Mensch-Tier-Verhältnis mit Fokus auf den Menschen“) dargestellt, liefert ein aufrichtiges Interesse daran, einen Beitrag zum Schutz der Menschenrechte zu leisten, genügend Gründe für eine vegane Lebensweise. Eine anthropozentrische Grundhaltung schließt aber auch tierethisch motivierten Veganismus nicht aus: Denn selbst wenn ich denke, dass Tiere per se weniger wert und weniger wichtig sind als Menschen, kann ich wollen, dass sie wegen mir nicht leiden müssen, und mich entsprechend verhalten. Voraussetzung dafür ist lediglich, dass ich sie für moralisch berücksichtigenswert halte und anerkenne, dass sie leiden können. Dies nicht zu tun, scheint mit dem humanistischen Anspruch, auf der Basis von Wissenschaftlichkeit und Empathie, von Vernunft und Menschlichkeit (Schöppner, R., 2025: 64) zu handeln, schwer vereinbar.“
Angehörigen der Humanistischen Hochschule Berlin steht die Arbeit in gedruckter Form in der Bibliothek der Hochschule zur Verfügung. Lehrkräfte für Humanistische Lebenskunde (HLK) können sie in digitaler Form im HLK-Moodle abrufen (siehe „Tierethik macht Schule“-Padlet im Arbeitsgruppen-Bereich) und in gedruckter Form in der Lehrkräfte-Bibliothek ausleihen. Anderen Interessierten sende ich die digitale Version auf Anfrage an a.orf@hvd-bb.de gerne zu.

Von Patrick Schönfeld (aka Der Artgenosse) erstelltes Deckblatt der Arbeit
(https://www.youtube.com/c/DerArtgenosse)
Quellen (in der Reihenfolge ihrer Erwähnung im Text)
Engels, E.-M., 2015. Darwin/Darwinismus, in: Ferrari, A., Petrus, K. (Eds.), Lexikon der Mensch-Tier-Beziehungen, Human-Animal Studies. transcript, Bielefeld.
Steiner, G., 2015. Anthropozentrismus, in: Ferrari, A., Petrus, K. (Eds.), Lexikon der Mensch-Tier-Beziehungen, Human-Animal Studies. transcript, Bielefeld.
Borchers, D., 2018. Anthropozentrismus, in: Ach, J.S., Borchers, D. (Eds.), Handbuch Tierethik: Grundlagen, Kontexte, Perspektiven. J. B. Metzler, Stuttgart.
Loh, J., 2019. Trans- und Posthumanismus zur Einführung, Zur Einführung. Junius, Hamburg.
Schilt, J., 2021. Humanistische Lebenskunde in Berlin und Brandenburg und die Postulate einer Humanistischen Weltanschauung, in: Schöppner, R. (Ed.), Herzensbildung und Urteilsfähigkeit: Elemente moderner humanistischer Bildung, Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Berlin-Brandenburg. Alibri, Aschaffenburg, S. 183–195.
Rutherford, A., 2019. Humanimal: How Homo sapiens Became Nature’s Most Paradoxical Creature―A New Evolutionary History. The Experiment, LLC, New York, NY.
Schöppner, R., 2021. Menschen, Tiere, Pflanzen und Dinge – Polyamouröse Beziehungsfähigkeit eines modernen Humanismus, in: Schöppner, R. (Ed.), Herzensbildung und Urteilsfähigkeit: Elemente Moderner Humanistischer Bildung, Schriftenreihe Der Humanistischen Akademie Berlin-Brandenburg. Alibri, Aschaffenburg, S. 35–65.
Pelluchon, C., 2020. Manifest für die Tiere, Beck Paperback. C.H.Beck, München.
Schöppner, R., 2025. Selbstbestimmung, Verantwortung, Pluralismus und Sinn – Vier Hauptstädte auf der Landkarte des modernen Humanismus, in: Isemeyer, M. (Ed.), Wofür es sich zu streiten lohnt: Humanismus 120 Jahre Engagement für Aufklärung, Menschenrechte und Humanität. Verein zur Förderung der sozialpolitischen Arbeit, Neu-Ulm, S. 62–74.



