SPD-Arbeitskreis Säkularität und Humanismus

Dialog und Debatte: Säkularitätspolitischer Empfang und Jahrestagung

| von
v.l.n.r.: Kathrin Michel, Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion für Säkularität und Humanismus, Andrée Gerland, Vorstandsmitglied des Humanistischen Verbandes Deutschlands – Bundesverband

Beitragsbild: Bruno Osuch

Humanismus und Politik im Dialog: Erstmals lud die SPD zu einem säkularitätspolitischen Empfang, gefolgt von der Jahrestagung des Arbeitskreises Säkularität und Humanismus mit Neuwahlen des Vorstands.

Gleich zwei Ereig­nis­se zum The­ma Huma­nis­mus und Säku­la­ri­tät gab es in der SPD im Janu­ar die­ses Jah­res. Zum einen hat­te die neu gewähl­te ers­te Spre­che­rin für Säku­la­ri­tät und Huma­nis­mus der SPD-Bun­des­tags­frak­ti­on, Kath­rin Michel, zu einem ent­spre­chen­den Emp­fang am Frei­tag, den 16. Janu­ar 2026 in den Marie-Juchacz-Saal im Reichs­tags­ge­bäu­de ein­ge­la­den. Und am dar­auf­fol­gen­den Wochen­en­de fand im Ber­li­ner Wil­ly-Brandt-Haus die Jah­res­ta­gung des Arbeits­krei­ses Säku­la­ri­tät und Huma­nis­mus mit den Neu­wah­len des Vor­stan­des statt.

Säkularitätspolitischer Empfang

Bereits in ihrem Ein­la­dungs­schrei­ben hat­te Kath­rin Michel die Linie vor­ge­ge­ben: „Säku­lar bezieht sich hier vor allem auf den säku­la­ren Staat – soli­da­risch wol­len wir gemein­sam mit den Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten den gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt stär­ken und den Frie­den sichern und dazu müs­sen und wol­len wir dia­log­be­reit sein und auch strit­ti­ge The­men mit­ein­an­der dis­ku­tie­ren.“ Zwei The­men stan­den im Zen­trum:

  • Ablö­sung der alt­his­to­ri­schen Staats­leis­tun­gen an die Kir­chen
  • Ein­be­zie­hung von säkularen/humanistischen Orga­ni­sa­tio­nen in das For­mat der bis­her inter­re­li­giö­sen Gesprä­che.

Über 60 Inter­es­sier­te waren aus vie­len Tei­len des Bun­des­ge­bie­tes gekom­men.

Die ers­te Dis­kus­si­ons­run­de zur Ablö­sung der Staats­leis­tun­gen wur­de mode­riert von der bis­he­ri­gen Spre­che­rin des SPD-Arbeits­krei­ses für Säku­la­ri­tät und Huma­nis­mus, der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten und Juris­tin Car­men Weg­ge aus Mün­chen. Sie ver­wies gleich zu Beginn dar­auf, dass ein ent­spre­chen­der Gesetz­ent­wurf der alten Ampel­ko­ali­ti­on bereits geschei­tert war. Der Jour­na­list Cars­ten Frerk von der „For­schungs­grup­pe Welt­an­schau­ung in Deutsch­land“ der Giord­a­no-Bru­no-Stif­tung gab einen pro­fun­den Über­blick über den Ana­chro­nis­mus, dass nach über 200 Jah­ren die Kir­chen noch immer für säku­la­ri­sier­te Besitz­tü­mer unter Napo­le­on ent­schä­digt wür­den: Jähr­lich in Deutsch­land aktu­ell mit etwa 660 Mil­lio­nen Euro. Dabei sah bereits die Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung eine ent­spre­chen­de „Ablö­sung“ vor, wort­gleich auch das Grund­ge­setz. Gesche­hen aber sei bis heu­te nichts. Juris­tisch inter­es­sant: Die­se Ablö­sung kann nur auf der Ebe­ne der Bun­des­län­der gesche­hen. Und die­se blo­ckier­ten bis­her. Nötig wäre daher ein Bun­des­ge­setz, das die Län­der hier­zu ermäch­tigt. Ähn­lich argu­men­tier­te auch Han­nes Haupt vom ent­spre­chen­den SPD-Arbeits­kreis.

Der rechts­po­li­ti­sche Spre­cher der Grü­nen-Frak­ti­on im Bun­des­tag, Dr. Kon­stan­tin von Notz, wie­der­um kon­sta­tier­te, dass sich bei allem Ver­ständ­nis in der Sache die „Freun­de von der SPD“ damit gleich „das steils­te The­ma“ vor­ge­nom­men hät­ten. Und er warb für eine wert­schät­zen­de Grund­hal­tung gegen­über dem sozi­al­po­li­ti­schen und demo­kra­tie­er­hal­ten­den Enga­ge­ment der Kir­chen, das man in die­ser Debat­te „anti­zi­pie­ren“ müs­se, zumal auch Tei­le der AfD die­se Ablö­sung for­der­ten, wie etwa in Sach­sen-Anhalt.

Das zwei­te Panel wur­de von der Co-Spre­che­rin des genann­ten SPD-Arbeits­krei­ses und ehe­ma­li­gen Staats­se­kre­tä­rin in Ber­lin, Sabi­ne Smen­tek, mode­riert. Sie knüpf­te direkt an die Aus­sa­gen des Grü­nen-Abge­ord­ne­ten von Notz an und beton­te eben­falls, bei allem Dis­sens die Kir­chen „als Bünd­nis­part­ner zur Ret­tung der Demo­kra­tie“ anzu­se­hen.

Hier wur­de die Debat­te geprägt vom sehr enga­gier­ten Auf­tritt des ehe­ma­li­gen Leh­rers und Autors sowie Spre­chers des Zen­tral­ra­tes der Kon­fes­si­ons­frei­en, Phil­ipp Möl­ler. Er warn­te ein­dring­lich vor dem anwach­sen­den patri­ar­cha­li­schen Isla­mis­mus vor allem an Brenn­punkt­schu­len und bezog sich dabei auch auf eige­ne Erfah­run­gen im Zusam­men­hang mit Vor­ur­tei­len gegen­über Frau­en bzw. Leh­re­rin­nen. „Hier kann es weder Dia­log noch Tole­ranz geben“, beton­te Möl­ler. Der SPD warf er einen gewis­sen Kul­tur­re­la­ti­vis­mus vor.

Im Unter­schied dazu konn­te der Ber­li­ner Poli­zist mit paläs­ti­nen­si­schen Wur­zeln, SPD-Mit­glied und „gläu­bi­ger Mos­lem“, Yasin Kha­li­fe, sol­che Erfah­run­gen nicht bestä­ti­gen, obwohl auch er an einer sehr schwie­ri­gen Schu­le gewe­sen sei. Für ihn gehe es vor allem um genau die­se Dia­log­fä­hig­keit der ver­schie­de­nen Kul­tu­ren und Eth­ni­en. Jen­seits aller reli­giö­sen Nar­ra­ti­ve müss­ten auf der Basis der Men­schen­rech­te genau sol­che Dia­logräu­me über­haupt erst geschaf­fen wer­den.

Ähn­lich argu­men­tier­te auch der Ver­tre­ter des Huma­nis­ti­schen Ver­ban­des, Bun­des­vor­stand und Geschäfts­füh­rer des Ver­ban­des in Stutt­gart, Andrée Ger­land, der das bekann­te Zitat der Holo­cau­st­über­le­ben­den Mar­got Fried­län­der in den Mit­tel­punkt stell­te: „Seid ein Mensch“. Für Ger­land sei eine „Kul­tur der Ähn­lich­keit“ wich­ti­ger als eine „Kul­tur der Dif­fe­renz“. Es gehe dar­um, das Eige­ne mit dem Frem­den in Kon­takt zu brin­gen. Huma­nis­mus sei Demo­kra­tie­ar­beit. Auf die­ser Grund­la­ge bie­te sein Ver­band auch die brei­te Palet­te huma­nis­ti­scher Pra­xis an: von den Jugend­fei­ern bis zu welt­li­chen Bestat­tun­gen, von Huma­nis­ti­schen Kitas, dem Unter­richt in Lebens­kun­de bis zur Huma­nis­ti­schen Hoch­schu­le in Ber­lin.

Jahrestagung des Arbeitskreises Säkularität und Humanismus

Am dar­auf fol­gen­den Sams­tag, den 17. Janu­ar 2026, schloss sich die Jah­res­ta­gung des Bun­des­ar­beits­krei­ses Säku­la­ri­tät und Huma­nis­mus der SPD an. In einem Gruß­wort der stell­ver­tre­ten­den Prä­si­den­tin des Euro­pa­par­la­men­tes, Kata­ri­na Bar­ley, die per Video zuge­schal­tet war, beton­te die­se, dass die Grün­dung die­ses Arbeits­krei­ses im Jahr 2022 einen his­to­ri­schen Durch­bruch in der SPD-Geschich­te nach dem 2. Welt­krieg dar­stel­le. Erst­mals hät­ten damit auch die säku­la­re und huma­nis­ti­sche Strö­mung eine Stim­me in ihrer Par­tei. Als Mit­glied des Par­tei­vor­stan­des füh­le sie sich die­sem Arbeits­kreis engs­tens ver­bun­den.

In 6 Work­shops dis­ku­tier­ten die etwa 50 Ange­reis­ten fol­gen­de The­men: Ethik-Unter­richt in den Schu­len, welt­li­che Lebens­be­glei­tung in Insti­tu­tio­nen, Sui­zid­hil­fe, Staats­leis­tun­gen an die Kir­chen, poli­ti­scher Islam und regio­na­le Ver­net­zung. Im Work­shop zur welt­li­chen Lebens­be­glei­tung konn­te der Ver­tre­ter der Huma­nis­ti­schen Mili­tär­seel­sor­ge aus den Nie­der­lan­den, Ger­jos Hen­gel­a­ar, begrüßt wer­den, der über die jahr­zehn­te­lan­gen Erfah­run­gen in die­sem Bereich berich­te­te. Vor allem ver­wies er dar­auf, dass es ein sol­ches Ange­bot auch schon in den Armeen Bel­gi­ens, Nor­we­gens und in Groß­bri­tan­ni­en gebe und die Ein­füh­rung in der Deut­schen Bun­des­wehr über­fäl­lig sei.

Der zwei­te Teil der Tagung wur­de als offi­zi­el­le Mit­glie­der­ver­samm­lung orga­ni­siert. Hier stan­den die Wah­len zum neu­en Vor­stand im Mit­tel­punkt. Als Spre­che­rin wur­de Sabi­ne Smen­tek aus Ber­lin erneut bestä­tigt. Für Car­men Weg­ge wur­de der Ham­bur­ger Ger­hard Lein, der vie­le Jah­re Mit­glied der Ham­bur­ger Bür­ger­schaft war, als Co-Spre­cher gewählt. Im 16-köp­fi­gen Gesamt­vor­stand sind fast alle Bun­des­län­der ver­tre­ten. Dar­über hin­aus beschloss die Ver­samm­lung zwei Anträ­ge. Zum einen als Unter­stüt­zung des Bund-Län­der-Akti­ons­pla­nes zur Bekämp­fung von Isla­mis­mus und Extre­mis­mus. Zum ande­ren ein Gesetz­ent­wurf für die SPD-Bun­des­tags­frak­ti­on für ein „Grund­sät­ze­ge­setz zur Ablö­sung der Staats­leis­tun­gen“ an die Kir­chen. Am dar­auf­fol­gen­den Sonn­tag refe­rier­te der Reli­gi­ons- und Kul­tur­so­zio­lo­ge Dr. Det­lef Pol­lack über inter­na­tio­na­le Ent­wick­lungs­li­ni­en von Reli­gio­si­tät in der Gesell­schaft.

Dr. Bru­no Osuch ist Bun­des­be­auf­trag­ter für poli­ti­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on des Huma­nis­ti­schen Ver­ban­des Deutsch­lands – Bun­des­ver­band und wur­de erneut in den Vor­stand des SPD-Arbeits­krei­ses Säku­la­ri­tät und Huma­nis­mus gewählt.

Inhalt teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Beiträge

Christian Gottfried Daniel Nees von Esenbeck (1855)
Christian Gottfried Daniel Nees von Esenbeck (14. Februar 1776 – 15. März 1858)
Ein freireligiöser Forscher zwischen Botanik und politischem Aufbruch
Vor 250 Jahren, am 14. Februar 1776, wurde Christian Gottfried Daniel Nees von Esenbeck geboren. Der Botaniker und Philosoph war überregional prominentes Mitglied der freireligiösen Bewegung und aktiv an der Revolution 1848/49 beteiligt. Als Abgeordneter der Preußischen Nationalversammlung und Initiator sozialer Reformvereine verband er Wissenschaft, Glaubensfreiheit und politisches Engagement.
Beitrag lesen »
Akademie des freien Gedankens
„Von der Freidenkerei zur Volksbildung“
Akademie des Freien Gedankens als Grundgerüst einer humanistischen Hochschule
Wie entstand die Idee einer konfessionsfreien humanistischen Akademie? In „Von der Freidenkerei zur Volksbildung“ vertieft Horst Groschopp die Analyse der vielfältigen Aktivitäten Arthur Pfungsts. Der hier vorgestellte Abschnitt dokumentiert den historischen Richtungsstreit um sein Erbe: Akademie des freien Gedankens oder Volksbildung?
Beitrag lesen »
brothers_from_different_mothers_web
Tierethik
Humanismus ohne Tiere? Überlegungen zu Anthropozentrismus, Humanismus und Veganismus
Auf Basis ihrer Masterarbeit zur Humanistischen Lebenskunde reflektiert Ann-Marie Orf die Spannungen zwischen Anthropozentrismus, Tierethik und Veganismus. Der Beitrag lädt dazu ein, Humanismus neu zu denken: verantwortungsvoller, inklusiver und weniger speziesistisch.
Beitrag lesen »
Nach oben scrollen