Wohnen ist kein Randthema. Es entscheidet darüber, ob wir unser Leben selbstbestimmt planen können oder ständig am Rand des finanziellen Abgrunds balancieren. Und es entscheidet mit darüber, ob wir innerhalb der planetaren Grenzen bleiben – oder weiter auf Kosten anderer Menschen und Generationen leben. Aus humanistischer Perspektive ist Wohnen damit eine Schlüsselfrage: für Würde, Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität.
Die Politik reagiert mittlerweile auf die dramatische Mietwohnungsknappheit, vor allem in den großen, attraktiven Städten. Sie tut dies jedoch nur zögerlich – und vor allem nicht ganzheitlich. Im letzten Humanistischen Salon haben wir am 1. Februar 2026 darüber diskutiert, wie eine Boden‑, Bau‑ und Wohnwende aussehen könnte, die die Problematik konsequent angeht. Auf die Analyse folgte die zweite Frage des Vormittags: Warum sollten sich Humanist*innen für diese Wenden stark machen?
Humanismus heißt: Wohnen als Freiheitsrecht ernst nehmen
Der Vortrag von Raik‑Michael Meinshausen setzte bei einem einfachen Gedanken an: Wer keine sichere, bezahlbare Wohnung hat, kann seine Freiheit nur auf dem Papier ausüben. Job, Beziehungen, politisches Engagement – alles wird brüchig, wenn nicht klar ist, ob man in einem Jahr noch am selben Ort leben kann. Wohnungslosigkeit ist deshalb mehr als ein soziales Problem: Sie bedeutet realen Freiheitsverlust.
Humanismus, so Meinshausen, beginnt bei der Menschenwürde, den universellen Rechten, der Möglichkeit zur Selbstbestimmung. Dazu gehört Wohnen als Voraussetzung von Autonomie, nicht als Luxus, den man sich „verdient“. Humanist*innen berufen sich gern auf Wissenschaftlichkeit und aufgeklärtes Denken – also sollten wir auch in der Wohn‑ und Stadtpolitik nach Evidenz fragen: Welche Instrumente helfen tatsächlich, Armut, Segregation, Vereinsamung und Klimarisiken zu mindern? Und welche bewirken das Gegenteil?
Gleichzeitig erinnert der Vortrag an etwas, das in der Wohnungsdebatte selten vorkommt: Gemeingüter. Die Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom hat gezeigt, dass Gemeinschaften Ressourcen wie Weiden, Wälder oder Wasser erfolgreich und fair gemeinsam verwalten können – wenn sie klare Regeln, transparente Entscheidungen und lokale Konfliktlösungen etablieren. Die Idee knüpft an die mittelalterliche Allmende an, die von den Dorfbewohnern gemeinsam genutzten Flächen.
Planetare Grenzen und soziale Spaltung treffen sich im Wohnzimmer
Die ökologische Perspektive schiebt sich dabei unweigerlich in den Vordergrund. Der Primärenergieverbrauch, die Flächenversiegelung, der Verlust von Wäldern – all das überschreitet in vielen Ländern die „planetaren Belastungsgrenzen“, die Forschende um Johan Rockström beschrieben haben. Das von Kate Raworth popularisierte Donut‑Modell macht klar: Zwischen sozialem Fundament (u. a. Wohnen, Energie, Wasser, politische Teilhabe) und ökologischer Obergrenze gibt es einen schmalen, aber realen Handlungsraum.
Deutschland bewegt sich in vielen Bereichen deutlich über der ökologischen Obergrenze, während Länder wie z. B. Malawi nicht einmal das soziale Fundament erreichen. Wir leben so, dass andere – heute oder morgen – den Preis zahlen müssen. Für Humanist*innen, die sich auf Gerechtigkeit und Universalisierbarkeit ihres Handelns berufen, ist das schwer zu rechtfertigen.
Das Wohnen ist hier ein besonders wirksamer Hebel: Gebäude verbrauchen nicht nur während der Nutzung Energie, sondern bereits durch die in ihnen steckende „graue Energie“ von Beton, Stahl und Dämmstoffen. Gleichzeitig verschärft der Wohnungsmarkt soziale Konflikte: steigende Mieten, Verdrängung, ungleiche Verteilung von Wohnfläche, „Ghettobildung“. Klimakrise und soziale Spaltung treffen sich sprichwörtlich im Wohnzimmer.
Bodenwende: Boden ist Gemeingut
Wenn man das ernst nimmt, führt an einer Bodenwende kein Weg vorbei. Boden ist knapp, nicht vermehrbar und in Deutschland extrem ungleich verteilt. Wer ein innerstädtisches Grundstück besitzt, erzielt oft enorme Wertsteigerungen – ohne dafür etwas tun zu müssen. Das ist leistungsloses Einkommen in Reinform.
Der frühere Münchner Oberbürgermeister Hans‑Jochen Vogel hat daraus eine klare Konsequenz gezogen: Wir brauchen eine neue Bodenordnung; nur dann wird Wohnen wieder bezahlbar. Meinshausen knüpfte daran an und formulierte eine zugespitzte humanistische These: Boden ist kein beliebiges Gut wie Autos oder Smartphones; seine Gemeinwohlbindung ist legitim und notwendig.
Die gute Nachricht: Viele Instrumente liegen bereits auf dem Tisch. Kommunen können Erbbaurechte vergeben, statt Grundstücke zu verkaufen, Vorkaufsrechte nutzen, Bodenfonds aufbauen und Grundstücke nach Konzept, nicht nach Höchstpreis vergeben. Ulm macht das seit über 125 Jahren vor: Die Stadt verkauft ihr Land nicht, sondern nutzt es, um Stadtentwicklung gemeinwohlorientiert zu steuern. Transparente Boden‑ und Eigentumskataster könnten sichtbar machen, „wem die Stadt gehört“, und Vergabekriterien öffentlich diskutierbar machen.
Für Humanist*innen stellt sich damit eine praktische Gewissensfrage: Kämpfen wir vor Ort dafür, dass diese Instrumente genutzt werden – oder schauen wir zu, wie „Filetstücke“ der Städte in 1A-Lagen zum Höchstpreis an Investoren gehen?
Bauwende: Umbau vor Neubau
Die zweite große „Baustelle“ ist die Bauwende. Politisch wird oft das Ziel ausgegeben, jedes Jahr Hunderttausende neue Wohnungen zu bauen. Das klingt zupackend und sozial – wirkt aber ökologisch wie eine Bankrotterklärung, wenn wir in gleicher Bauweise weitermachen.
Meinshausen schlägt deshalb eine Verschiebung der Logik vor: Umbau vor Neubau. Serielle, industrielle Sanierung – etwa nach dem „Energiesprong“-Ansatz (Kombination aus digitaler Planung mit automatisierter Vorfertigung und standardisierten Prozessen) – kann Bestandsgebäude schnell und relativ kostengünstig auf einen guten energetischen Standard bringen. Materialpässe, rückbaufreundliche Planung und „Urban Mining“ sorgen dafür, dass Baustoffe nicht mehr nach einmaliger Nutzung auf der Deponie landen, sondern im Kreislauf bleiben. Und der verstärkte Einsatz von Holz oder baubiologisch unbedenklichen Materialien reduziert Gesundheitsrisiken und CO₂‑Last.
Umbau hat noch eine zweite, sehr humanistische Seite: Er schützt bestehende soziale Gefüge. Menschen können in ihren Quartieren bleiben, Beziehungen bleiben erhalten, Nachbarschaften werden nicht „entsorgt“, nur weil ein Gebäude energetisch modernisiert wird. Klimaschutz und soziale Stabilität müssen keine Gegensätze sein.
Ein wichtiger „Baustein“ in diesem Zusammenhang ist die „15‑Minuten‑Stadt“: eine Stadtstruktur, in der Arbeit, Nahversorgung, Schule, Kultur und Park in 15 Minuten erreichbar sind. Sie reduziert Verkehr, Energieverbrauch und Pendelstress – und schafft mehr Zeit für Familie, Engagement, Muße. Aus humanistischer Sicht ist das mehr als Stadtplanung: Es ist eine Einladung zu einem anderen Lebensentwurf.
Wohnwende: Praktizierte Solidarität statt Marktromantik
Die dritte Wende betrifft am unmittelbarsten unseren Alltag: die Wohnwende. In Deutschland lebt noch immer ein großer Teil der Menschen im Einfamilienhaus oder Reihenhaus – eine Wohnform, die flächen‑ und ressourcenintensiv ist und soziale Vereinzelung eher verstärkt. Humanistisch gedacht, wäre es sinnvoller, gemeinschaftliche Wohnformen zu stärken: Genossenschaften, Syndikate, Stiftungen, kommunale Träger – gerne in Gemeinschaftseigentum.
Genossenschaften und Mietshäuser‑Syndikate zeigen, dass das funktioniert. In einigen Projekten liegen Mieten bei nur rund 6 € pro Quadratmeter – während Neuvermietungen in Großstädten auf 30 € und mehr steigen. Möglich wird das durch Kostenmieten statt Renditemaximierung, durch solidarische Umlagen und die bewusste Entscheidung, Häuser aus dem spekulativen Markt zu nehmen.
Konkrete Beispiele illustrieren, wie eine solche Wohnwende aussehen kann: Die Genossenschaft Kalkbreite in Zürich hat über einem Straßenbahndepot ein autofreies Quartier mit gemischter Nutzung geschaffen, das sich der 2000‑Watt‑Gesellschaft annähert – also einem Lebensstil mit deutlich geringerem Energieverbrauch. Das Hunziker‑Areal der Genossenschaft „mehr als wohnen“ kombiniert Wohnraum, Arbeit, Gemeinschaftsflächen und ein solidarisches Mietmodell, das Menschen mit wenig Einkommen den Zugang zum Quartier ermöglicht.
In Deutschland zeigt die Samtweberei in Krefeld, wie aus einem Industrieareal ein Ort für Wohnen, Arbeiten und Nachbarschaft werden kann – unterstützt durch die Montag Stiftung Urbane Räume. Die Genossenschaft wagnisART in München wiederum experimentiert mit Clusterwohnungen, Passivhausstandard und intensiv genutzten Gemeinschaftszonen. All diese Projekte leben von Beteiligung, geteilten Entscheidungen und dem Mut, Gewohntes zu verlassen.
Was tun wir morgen?
Aus diesen Erkenntnissen formulierte Meinshausen drei Kernbotschaften:
Erstens: Boden ist kein normales Gut. Seine Gemeinwohlbindung ist legitim – und notwendig, wenn wir Freiheit und Gerechtigkeit ernst nehmen.
Zweitens: Klimaziele werden im Bestand entschieden. Die Prinzipien „Umbau vor Neubau“, „15‑Minuten‑Städte“ und „serielle Sanierung“ sind keine technischen Details, sondern Bedingungen für eine faire Zukunft.
Drittens: Wohnwende ist Freiheits‑ und Sozialpolitik zugleich. Genossenschaften, Syndikate und eine neue Wohngemeinnützigkeit sind nicht nur schöne Begriffe, sondern praktische Formen von Solidarität.
Für humanistische Verbände folgt daraus eine unbequeme, aber produktive Frage: Bleiben wir bei Appellen und Positionspapieren stehen – oder mischen wir uns aktiv ein? Unterstützen wir Initiativen vor Ort, gründen wir vielleicht selbst Genossenschaften, nutzen wir unser Netzwerk, um evidenzbasierte, gerechte Wohn‑ und Bodenpolitik einzufordern? Auch wenige „Influencer“ können hier viel bewirken.
Humanismus, so könnte man die Thesen zuspitzen, entscheidet sich nicht nur in Weltanschauungsdiskussionen und sozialen Lebenshilfen, sondern auch bei ganz praktischen Fragen: Wem Grund und Boden gehört, wie wir bauen – und wie wir miteinander wohnen wollen.
An dieser Stelle wird Johannes Schwill, Präsident des HVD NRW, monatlich einen streitbaren politischen Beitrag zur Diskussion stellen. Kommentare, Gegenreden und Themenvorschläge dazu sind herzlich willkommen. Im Fokus sollen hier ausdrücklich die allgemein-politischen Fragen stehen, die wir bisher eher den Parteien, Medien und politischen (Lobby-)Verbänden überlassen haben. Freireligiöse, Freidenker*innen und Humanist*innen haben immer Position bezogen, etwa zu Krieg und Frieden, Demokratie als Staatsform, Erhalt der Umwelt und natürlich zu den persönlichen Freiheitsrechten und der weltanschaulichen Gleichberechtigung. Andere Fragen zur Ausgestaltung unseres Gemeinwesens, zu sozialpolitischen Reformen, zur Humanisierung der Wirtschaft, zur Steuergerechtigkeit, zur Bildungs- und Verkehrspolitik oder auch zur internationalen Politik haben wir bislang eher umschifft, weil das Meinungsspektrum dazu im Verband allzu breit schien und wir unsere parteipolitische Neutralität wahren wollten. Parteipolitisch neutral heißt jedoch nicht politisch neutral! Unser Verband kann gewinnen, wenn wir pointierten Einzelstimmen ein Forum geben und humanistische Vielfalt öffentlich machen. Tagespolitik kann dabei nicht unser Thema sein. Aber wir sollten versuchen, entlang unserer Werte dezidiert humanistische Perspektiven zu wichtigen politischen Grundsatzfragen zu entwickeln. Die Menschen wünschen Orientierung, und die Parteipolitik ist ja unter dem Druck der Wahlkämpfe leider oft etwas kurzatmig. Hier liegt unsere Chance. Dazu gehört auch das Risiko, mal daneben zu liegen. Aber zu unseren Werten gehört es auch, Fehleinschätzungen im Lichte neuer Erkenntnisse selbstkritisch zu revidieren. Nicht zuletzt sollten wir ein Gegengewicht zu kirchlich-religiös begründeten politischen Positionen aufbauen und stärken, insbesondere zu plakativen moralischen Positionen wie „Schutz des Lebens“, „Bewahrung der Schöpfung“ oder auch „Dienst am Nächsten“. Säkularität muss dabei der Rahmen sein; die Begründung für politische Werturteile muss jedoch humanistisch sein.



