Friedens- und Freiheitspolitik zwischen Völkerrecht und „Drecksarbeit“

Si vis pacem, para bellum? Solange der „ewige Friede“ nicht erreicht ist?

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Foto: Evelin Frerk

Beitragsbild: Pavel Neznanov/unsplash

Wir müssen keinen Krieg vorbereiten, um Frieden und Freiheit zu bewahren. Aber wir brauchen eine ernstzunehmende Bundes-Verteidigungs-Wehr, eingebettet in eine internationale Sicherheitsarchitektur, um unsere Freiheit im Einklang mit einem weiterentwickelten Völkerrecht zu verteidigen und unseren Nachbarn und Freunden beizustehen. Eine politische Kolumne aus humanistischer Perspektive von Johannes Schwill.

Eigent­lich soll­te mein Schwer­punkt in die­sem Monat die „Zei­ten­wen­de“ in Deutsch­land sein. Sie begann mit Putins Angriffs­krieg gegen die Ukrai­ne und erfuhr mit Trumps Abwen­dung von NATO und Euro­pa eine dra­ma­ti­sche Zuspit­zung. Gro­ßes The­ma; schwie­rig genug. Jetzt muss ich auch noch etwas zum Krieg Isra­els und der USA gegen den Iran sagen. Wagen wir es. Nur schwei­gend hin­ter den Gar­di­nen zuschau­en ist, für Humanist*innen kei­ne Opti­on.

Eine sofor­ti­ge Kapi­tu­la­ti­on wie z.B. in Däne­mark 1940 beim deut­schen Ein­marsch oder die pazi­fis­ti­sche Opti­on „gewalt­lo­ser Wider­stand“ haben die Ukrainer*innen anschei­nend nicht ernst­haft erwo­gen: Da sie vor Putins „Heim-ins-Reich“-Politik und sei­nem Unter­drü­ckungs­staat Angst hat­ten, zogen sie es mit gro­ßer Mehr­heit vor, sich und ihre Frei­heit mili­tä­risch zu ver­tei­di­gen; dafür zahl­ten und zah­len sie jeden Tag einen sehr hohen Preis. Auch wenn die Selen­skyj-Admi­nis­tra­ti­on Feh­ler macht, ste­hen die Ukrainer*innen – soweit ich sehe – bis heu­te mehr­heit­lich hin­ter ihrem Ver­tei­di­gungs­kriegs­prä­si­den­ten.

Vor dem 24. Febru­ar 2022 konn­te ich mir – wie vie­le ande­re – nicht vor­stel­len, dass Putin die euro­päi­sche Frie­dens­ord­nung tat­säch­lich zer­stö­ren wür­de. Wir alle hat­ten es uns dar­in recht bequem gemacht; bei Vor­bo­ten wie der Anne­xi­on der Krim hat­ten wir weg­ge­schaut. Die Ein­sicht, dass ein „ewi­ger Frie­de“, Kants Visi­on, nach aller his­to­ri­schen Erfah­rung doch eher eine Uto­pie sei, habe ich in mei­ner Abschieds­re­de als Musik- und Geschichts­leh­rer im Juli 2021 vor­sich­tig aus­ge­spro­chen. Aber dass es so schnell gehen wür­de, hat mich über­rascht. Nach dem ers­ten Schock, dem nega­ti­ven Pen­dant zum Mau­er­fall­mo­ment, war mir schnell klar, dass jetzt alles anders war, dass die Ukrainer*innen jedes Recht zur Selbst­ver­tei­di­gung hat­ten, Deutsch­land sie dabei unter­stüt­zen müss­te und wir dafür ganz schnell einen gro­ßen men­ta­len und poli­tisch-prak­ti­schen Schal­ter umle­gen müss­ten.

War­um soll­te Deutsch­land die Ukrai­ne mili­tä­risch unter­stüt­zen? For­mal galt kei­ne Bünd­nis­pflicht, da sie nicht Mit­glied von NATO und EU ist, son­dern nur ein loses Freund­schafts­band über die soge­nann­te öst­li­che EU-Part­ner­schaft bestand. Auch nach UNO-Recht sind Waf­fen­lie­fe­run­gen zur Abwehr eines Angriffs­krie­ges in einer nicht neu­tra­len, aber auch nicht am Kon­flikt teil­neh­men­den Rol­le mög­lich, aber nicht ver­pflich­tend. Es war also eine poli­ti­sche Grund­satz­ent­schei­dung, der Ukrai­ne nicht nur mit zivi­len Gütern, son­dern auch mit Waf­fen zu hel­fen. Nicht trotz, son­dern gera­de wegen der bru­ta­len deut­schen Beset­zung der Ukrai­ne im Zwei­ten Welt­krieg.

Und die­se Ent­schei­dung hielt ich und hal­te sie unter sorg­fäl­ti­ger Abwä­gung der Umstän­de für huma­nis­tisch gerecht­fer­tigt – auch wenn sie objek­tiv zur Ver­län­ge­rung des Krie­ges und des Kriegs­lei­des bei­getra­gen hat. Wel­ches Leid die Ukrainer*innen nach einer Kapi­tu­la­ti­on und einer Ein­glie­de­rung in Putins Reich getrof­fen hät­te, wis­sen wir nicht. Tat­sa­che ist, dass die ato­ma­ren Dro­hun­gen Putins den Wes­ten gebremst haben; die Waf­fen reich­ten gera­de zum Hal­ten der Front­li­nie. Auch die „Putin­ver­ste­her“, die anfangs sei­ner impe­ria­len Ein­krei­sungs­the­se folg­ten, haben mitt­ler­wei­le ein­ge­se­hen, dass er bis dato nicht ernst­haft ver­han­deln will, son­dern lie­ber die ukrai­ni­sche Zivil­be­völ­ke­rung bom­bar­diert und sei­ne Sol­da­ten für sei­ne revi­sio­nis­ti­schen Zie­le opfert.

Natür­lich müs­sen Humanist*innen rea­lis­tisch alle Fak­ten und Moti­ve beden­ken – das hat uns der viel­ge­schol­te­ne Huma­nist Machia­vel­li gelehrt. Das idea­lis­ti­sche Hoch­hän­gen des Völ­ker­rechts wird lei­der oft durch eine Por­ti­on Dop­pel­mo­ral ergänzt. Für den Ukrai­ne­krieg gehört hier­her die  Ein­sicht, dass die muti­gen ukrai­ni­schen Sol­da­ten auch „unse­re Söld­ner“ sind, die unse­ren „Hin­ter­hof“ ver­tei­di­gen und der EU hel­fen, zu einer hand­lungs­fä­hi­gen Groß­macht zusam­men­zu­wach­sen. Dem His­to­ri­ker fällt hier sofort die Bil­dung der deut­schen Nati­on ein, die im 19. Jahr­hun­dert nur in kul­tu­rel­ler Abgren­zung und mili­tä­ri­scher Kon­fron­ta­ti­on gegen Frank­reich zusam­men­fand, ja, letzt­lich von Bis­marck in drei „Eini­gungs­krie­gen“ zusammen-„geschmiedet“ wur­de.

Seit­her wird in Deutsch­land und auch bei uns Humanist*innen kon­tro­vers über die „Zei­ten­wen­de“, ihre Kon­se­quen­zen und Gefah­ren dis­ku­tiert. Vie­le befürch­ten neu­en Mili­ta­ris­mus, also eine anti­hu­ma­nis­ti­sche Durch­mi­li­ta­ri­sie­rung der gesam­ten Gesell­schaft, und hal­ten die has­ti­ge Auf­rüs­tung für unnö­tig, ja gefähr­lich. Sie sehen die jahr­zehn­te­lan­gen red­li­chen Zie­le und Bemü­hun­gen der Frie­dens­be­we­gung plötz­lich ent­wer­tet; das Geld wer­de drin­gend für ande­re Instand­hal­tungs- und Reform­pro­jek­te benö­tigt. Das unap­pe­tit­li­che Auf­plus­tern der kapi­ta­lis­ti­schen Rüs­tungs­in­dus­trie und das fata­le Pis­to­ri­us-State­ment, wir müss­ten wie­der „kriegs­tüch­tig“ wer­den, ver­stär­ken ihre Befürch­tun­gen. Hin­zu kom­men schon län­ger zu beob­ach­ten­de gesell­schaft­li­che Kri­sen­er­schei­nun­gen wie eine Ver­ro­hung des All­tags und neue Frau­en­feind­lich­keit nicht nur bei den Rech­ten oder in eini­gen Migran­ten­mi­lieus.  

Die Fal­ken (= Rea­lis­ten?) mah­nen, es gehe nicht schnell genug; die rus­si­sche Wirt­schaft und Gesell­schaft sei, allen Ver­lus­ten und Ent­beh­run­gen zum Trotz, im „Kriegs­mo­dus“; die EU-Wirt­schafts­sank­tio­nen wirk­ten nur teil­wei­se und wür­den oft umgan­gen. Putin könn­te – neben sei­nem bereits lau­fen­den Hybrid- und Ener­gie­krieg – schon in weni­gen Jah­ren die NATO-Ost­flan­ke tes­ten. Die Ant­wort dar­auf müs­se – etwa nach fin­ni­schem Vor­bild – eine effi­zi­en­te­re, bes­se­re Ver­tei­di­gungs­fä­hig­keit und mehr gesell­schaft­li­che Wach­sam­keit und Resi­li­enz sein. Am bes­ten im euro­päi­schen Schul­ter­schluss, per­spek­ti­visch auch mit Atom­waf­fen.

Der Dis­kurs hat sich signi­fi­kant ver­scho­ben. Auch „Gut­men­schen“ lesen erst­ma­lig Kriegs­theo­re­ti­ker wie Sun­zi und Clau­se­witz. Historiker*innen erin­nern dar­an, dass Krie­ge immer auch Trei­ber für Inno­va­tio­nen waren, für tech­ni­sche, aber auch für sozia­le und poli­ti­sche, oft auch für posi­ti­ve. Par­al­lel läuft die Dis­kus­si­on um die Wehr­pflicht. Vie­le jun­ge Leu­te sehen nicht ein, war­um sie jetzt wie­der Waf­fen in die Hand neh­men sol­len – um wen oder was zu ver­tei­di­gen? Hier­zu habe ich schon an ande­rer Stel­le den Vor­schlag gemacht, dass die Dienst­pflicht­de­bat­te mit der Ren­ten­de­bat­te ver­knüpft wer­den muss: Auch Älte­re und Frau­en soll­ten Dienst­pflich­ten über­neh­men, damit die Jun­gen bereit sind, sie wahl­wei­se zu ver­tei­di­gen oder spä­ter zu pfle­gen und ihre Ren­ten zu finan­zie­ren.

Ins­ge­samt also eine eher düs­te­re Lage, die durch ande­re Her­aus­for­de­run­gen nicht ein­fa­cher wur­de und wird: die Coro­na-Kri­se, die Kli­ma­kri­se, den ver­schlepp­ten Umbau der Wirt­schaft und die untrenn­bar mit Holo­caust und Isra­el ver­knüpf­te Fra­ge nach der deut­schen Iden­ti­tät.

Und jetzt geis­tert und pol­tert auch noch Trump II atem­be­rau­bend und unbe­re­chen­bar her­um: sei­ne demo­kra­tie­zer­stö­ren­de, migran­ten­feind­li­che Innen­po­li­tik löst Ent­set­zen aus, sei­ne wir­re Zoll­po­li­tik trifft indi­rekt auch unse­ren Geld­beu­tel, und der Vene­zue­la-Coup und die dreis­ten Grön­land­for­de­run­gen mach­ten sprach­los. Da er oben­drein die NATO radi­kal in Fra­ge stellt, sieht sich Euro­pa plötz­lich auf sich allein gestellt. Will­kom­men in der Welt der mäch­ti­gen alten Män­ner. Gilt jetzt gilt wie­der das Faust­recht? Müs­sen wir resi­gna­tiv zufrie­den sein, wenn ver­nünf­ti­ge Politiker*innen durch Schmei­che­lei­en und Ein­flüs­te­rei­en – wie frü­her bei eit­len Mon­ar­chen –  wenigs­tens das Aller­schlimms­te ver­hin­dern?

Ein brand­ge­fähr­li­cher Tief­punkt ist aktu­ell (Stand 22.3.26) mit dem eben­falls völ­ker­rechts­wid­ri­gen Irankrieg erreicht. Die Mine­ral­öl­kon­zer­ne haben sofort reagiert. Trotz mas­si­ver Luft­schlä­ge ist ein Ende nicht in Sicht; die Stra­ße von Hor­mus wird zum umkämpf­ten Nadel­öhr. Der Sprit wird teu­rer, auch in den USA. Infla­ti­on und Wirt­schafts­flau­te dro­hen. Trump sitzt in der Eska­la­ti­ons­fal­le. Über sei­ne Moti­ve und Zie­le wird viel gerät­selt. Eigent­lich woll­te er ja als Frie­dens­prä­si­dent in die Geschich­te ein­ge­hen. Sei­ne Gene­rä­le haben ihm abge­ra­ten, weil sie wis­sen, dass der Iran ein gro­ßes, effi­zi­ent bewaff­ne­tes Berg­land ist und die reli­giö­se Mili­tär­dik­ta­tur allem Ter­ror zum Trotz noch star­ken Rück­halt ins­be­son­de­re in der ärme­ren Bevöl­ke­rung hat. Der „Ent­haup­tungs­schlag“ war wohl eher kon­tra­pro­duk­tiv. Sor­gen­vol­le Ver­glei­che mit der deut­schen Geschich­te drän­gen sich auf: in punc­to Plan­lo­sig­keit das Stol­pern in den Ers­ten Welt­krieg, in punc­to Resi­li­enz eines Ter­ror­re­gimes die tota­le Nazi­herr­schaft zwi­schen Sta­lin­grad und 1945. Wahr­schein­lich hat sich Trump von sei­nem Ego, sei­ner Igno­ranz, sei­ner Hybris und von Netan­ja­hu, dem gna­den­lo­sen israe­li­schen Kriegs­her­ren, zum Angriff anstif­ten las­sen – blind für die geo­po­li­ti­schen Risi­ken. Und Putin feixt und ver­dient an der Ölkri­se.

Gleich­zei­tig hat der Angriff wenigs­tens zu Beginn auch zag­haf­te Hoff­nun­gen für das bru­tal unter­drück­te ira­ni­sche Volk geweckt. Müs­sen wir etwa aner­ken­nen, dass auch „Drecks­ar­beit“ (Fried­rich Merz) Gutes bewir­ken kann? Mit im bes­ten Fall ver­ant­wor­tungs­ethisch zu recht­fer­ti­gen­der oder sogar mit nack­ter impe­ria­ler Gewalt? Die ato­ma­re Ent­waff­nung des Iran wäre ja eben­falls ein erstre­bens­wer­tes sicher­heits­po­li­ti­sches Ziel – aber auch für uns? Zur Zeit scheint ein Regime­wech­sel im Iran sehr unwahr­schein­lich; die US-Regie­rung hat dafür ja offen­bar kei­ner­lei Kon­zep­te – wie etwa im Zwei­ten Welt­krieg für die Ent­na­zi­fi­zie­rung und Demo­kra­ti­sie­rung in Deutsch­land. Im Moment kön­nen wir als zahn­lo­se Zaun­gäs­te nur auf einen für uns glimpf­li­chen Aus­gang hof­fen; Eska­la­ti­ons­ängs­te gibt es zuhauf. Trumps Ein­la­dung zum „Mit­ma­chen“ haben die Euro­pä­er klu­ger­wei­se abge­lehnt.

Die Inter­ven­ti­ons­po­li­tik des „Welt­po­li­zis­ten“ USA in Nah­ost oder in Süd­ame­ri­ka seit dem Zwei­ten Welt­krieg hat nir­gend­wo län­ger­fris­tig Gutes bewirkt – selbst wenn sie, was vie­le in Zwei­fel zie­hen, idea­lis­tisch gedacht war, z.B. von den Prä­si­den­ten Car­ter oder Oba­ma. Betont wer­den muss die Aus­nah­me „Zwei­ter Welt­krieg”: Ohne das – sicher­lich nicht unei­gen­nüt­zi­ge – Ein­grei­fen der USA wären Deutsch­land und Euro­pa die Nazis defi­ni­tiv nicht los­ge­wor­den!

Womit wir wie­der beim The­ma Frie­dens- und Frei­heits­po­li­tik und bei den huma­nis­ti­schen Maß­stä­ben dafür sind. Selbst­ver­ständ­lich leh­nen Humanist*innen Krieg als Mit­tel der Poli­tik ab – und sehen durch­aus einen Zusam­men­hang zwi­schen Kriegs­trei­be­rei, Ener­gie- und Roh­stoff­be­darf, gesell­schaft­li­chen Span­nun­gen, hoch­pro­ble­ma­ti­schen Sys­tem­ent­wick­lun­gen des Digi­tal­ka­pi­ta­lis­mus und sehr ver­schie­de­nen Ideo­lo­gien wie iden­ti­tä­rem Natio­na­lis­mus, öko­no­mi­schem Liber­ta­ris­mus oder neu­em und altem Reli­gio­nis­mus.

Es gilt wei­ter­hin, dass jeder krie­ge­ri­sche Kon­flikt, ein regio­na­ler, erst recht ein gro­ßer, ein Staa­ten­krieg, aber natür­lich auch ein Bür­ger­krieg mög­lichst zu ver­hin­dern oder wenigs­tens ein­zu­gren­zen ist. Nicht nur wegen der Zer­stö­rungs­kraft der ABC-Waf­fen. Krie­ge ent­wi­ckeln eine Eigen­dy­na­mik und brin­gen unend­li­ches Leid für Kom­batt­an­den und Zivil­be­völ­ke­rung mit sich. Ande­rer­seits muss ein Ver­tei­di­gungs­kampf gegen einen Aggres­sor von außen, aber auch ein Befrei­ungs­kampf zur Abschüt­te­lung eines unmensch­li­chen Unter­drü­ckungs­sys­tems als letz­te Opti­on mög­lich blei­ben. Inso­fern macht es aus huma­nis­ti­scher Per­spek­ti­ve kei­nen Sinn, pau­schal jede Form der Gewalt zu äch­ten. Ob die Opti­on „gewalt­lo­ser Wider­stand“ nach dem Gan­dhi-Prin­zip gewählt wird, soll­ten die Ange­grif­fe­nen und Unter­drück­ten ent­schei­den. Falls sie kämp­fen wol­len, soll­te ihnen gehol­fen wer­den, auch mit Waf­fen. Die Ver­tei­di­gung ihrer Frei­heit kann für sie in ihrer Situa­ti­on ein höhe­res Gut sein als Gewalt­ver­zicht. Oder, wie eine Deutsch-Ira­ne­rin aktu­ell for­mu­liert: Wenn fried­li­chen Demons­tran­ten mit Ker­zen ein­fach ins Gesicht geschos­sen wird, bringt gewalt­lo­ser Pro­test nichts. Schwie­rig, manch­mal unmög­lich bleibt immer die kla­re Fall­dia­gno­se – wie aktu­ell im Nahen Osten.

Die Ver­tei­di­gung der Frei­heit der See­we­ge kann auch ein beden­kens­wer­ter Grund für eine Inter­ven­ti­on sein, aber nicht als Teil­ope­ra­ti­on in einem Angriffs­krieg und nur, wenn vor­her die UNO ange­ru­fen wur­de und die­se untä­tig geblie­ben ist. Öl- und Roh­stoff­krie­ge sind für uns defi­ni­tiv nicht gerecht­fer­tigt. Lei­der ist jedoch zu befürch­ten, dass es noch man­chen Res­sour­cen­krieg geben wird – oft zyni­scher­wei­se frei­heits­po­li­tisch gar­niert. Die Ver­tei­di­gung der eige­nen Lebens­grund­la­gen wie z.B. Was­ser bleibt selbst­ver­ständ­lich legi­tim.

Klar ist: Deutsch­land muss sei­ne Ver­tei­di­gungs­fä­hig­keit ver­bes­sern. Unbe­dingt im Schul­ter­schluss mit der EU, ins­be­son­de­re mit Frank­reich; für Eitel­kei­ten ist defi­ni­tiv kein Spiel­raum. Spar­sam, aber effek­tiv. Mit Defen­siv­waf­fen­sys­te­men auf der tech­ni­schen Höhe der Zeit. Mög­lichst ohne ein eige­nes Atom­pro­gramm, aber mit einer ato­ma­ren Schutz­op­ti­on.

Schließ­lich muss die UNO – so welt­fremd das heu­te klingt – refor­miert und gestärkt wer­den. Sie soll­te in einer regel­ba­sier­ten Welt­ord­nung die „Welt­po­li­zei“ mit dem allei­ni­gen legi­ti­men Gewalt­mo­no­pol wer­den. Zur Tren­nung von Kriegs­par­tei­en und zur Inter­ven­ti­on bei Bür­ger­krie­gen und bru­ta­len Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen. Eine rea­li­täts­be­zo­ge­ne Visi­on wäre, dass ihr die­ses Mono­pol durch ein neu­es Gleich­ge­wicht von meh­re­ren Welt­mäch­ten – wovon Euro­pa eine wer­den muss – garan­tiert wird. Her­fried Mün­k­ler hält eine glo­ba­le Pen­t­archie, also ein Fün­fer­sys­tem wie in Euro­pa nach dem Wie­ner Kon­gress, für ver­gleichs­wei­se sta­bil.  

Pure Uto­pie? Zwi­schen Kants huma­nis­ti­scher demo­kra­ti­scher Völ­ker­bund­vi­si­on in sei­ner Schrift „Vom ewi­gen Frie­den“ und der Grün­dung der UNO lagen auch 150 Jah­re mit drei schreck­li­chen gro­ßen Krie­gen. Der ers­te Ver­such mit dem Völ­ker­bund ging schief. Man­che Pro­jek­te dau­ern eben etwas län­ger; hier kön­nen wir von der Zuver­sicht der mit­tel­al­ter­li­chen Kathe­dra­len­bau­meis­ter ler­nen. Hof­fen soll­ten wir dabei auf die Lern­fä­hig­keit unse­rer Spe­zi­es.

Die Fra­ge ist, was machen wir, solan­ge die­ser Zustand noch nicht erreicht ist? Das Recht, sich zu ver­tei­di­gen und einem Ange­grif­fe­nen zu hel­fen, scheint mir – nach Putins und Trumps nach­hal­ti­gen Lehr­stun­den – wenig strit­tig. Wer aber könn­te in Bür­ger­krie­gen inter­ve­nie­ren, wenn die UNO nicht ihren Job macht – sie­he Koso­vo 1999? Natür­lich nur Staa­ten und Bünd­nis­se, die hier­für die Mit­tel haben. Wenn das nicht nur „Drecks­ar­beit“ blei­ben soll, muss das Völ­ker­recht wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den. Das Selbst­be­stim­mungs­recht von sou­ve­rä­nen Staa­ten kol­li­diert hier mit den Men­schen­rech­ten. Vor­läu­fig bleibt uns nur die ver­ant­wor­tungs­ethisch zu recht­fer­ti­gen­de, maß­vol­le, lei­der nicht immer blitz­saube­re poli­ti­sche Ein­zel­fall­ab­wä­gung. Kom­men wir zum Schluss auf die latei­ni­sche Ein­gangs­fra­ge zurück: Wir wol­len und müs­sen kei­nen Krieg vor­be­rei­ten, um Frie­den und Frei­heit zu bewah­ren und uns eini­ger­ma­ßen sicher zu füh­len. Auch nicht, solan­ge die UNO ihre Kern­auf­ga­be noch nicht erfüllt – und bis dahin wird es wohl noch län­ger dau­ern. Ganz sicher brau­chen wir kei­ne neue Wehr-Macht. Aber wir brau­chen eine ernst­zu­neh­men­de Bun­des-Ver­tei­di­gungs-Wehr, ein­ge­bet­tet in eine inter­na­tio­na­le Sicher­heits­ar­chi­tek­tur.  Nicht für „Drecks­ar­beit“, son­dern um uns und unse­re Frei­heit mög­lichst im Ein­klang mit einem wei­ter­ent­wi­ckel­ten Völ­ker­recht zu ver­tei­di­gen und um die Mög­lich­keit zu haben, unse­ren Nach­barn und Freun­den bei­zu­sprin­gen. Im Iran kön­nen und wol­len wir das aktu­ell kaum tun – lei­der oder glück­li­cher­wei­se? Hier wäre ja zuerst zu klä­ren, wer unse­re Freun­de sind und wen oder was wir schüt­zen woll­ten. Sol­che Dilem­ma­ta müs­sen wir wohl ein­fach aus­hal­ten.

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