Die Reerdigung aus humanistischer Perspektive

Neue Wege im Umgang mit dem Tod

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Foto: Markus Aatz

Beitragsbild: Alicia Christin Gerald/unsplash

Im Vergleich zu traditionellen Bestattungen gilt die Reerdigung als besonders ressourcenschonend und nachhaltig. Innerhalb von etwa sechs Wochen verwandeln Mikroorganismen den Körper in nährstoffreiche Erde – ein Prozess, der Angehörigen Raum für ihre Trauer lässt und die Möglichkeit eines bewussten Kreislaufs des Lebens eröffnet.

Trig­ger­war­nung
In die­sem Arti­kel wird eine neu­ar­ti­ge Bestat­tungs­form expli­zit erör­tert, die für Men­schen, die dar­auf emp­find­lich reagie­ren, ver­stö­rend wir­ken kann.

Wie gehen wir als Gesell­schaft mit dem Tod um? Wel­che Bestat­tungs­for­men sind ethisch ver­tret­bar, nach­hal­tig und den indi­vi­du­el­len Über­zeu­gun­gen ange­mes­sen? In den letz­ten Jah­ren hat eine neue Bestat­tungs­art an Bedeu­tung gewon­nen: die Reer­di­gung, auch als natür­li­che orga­ni­sche Reduk­ti­on oder Kom­pos­tie­rung mensch­li­cher Über­res­te bezeich­net. Die­ser Arti­kel beleuch­tet die Mög­lich­kei­ten der Reer­di­gung aus einer huma­nis­ti­schen Sicht.

Was ist Reerdigung?

Die Reer­di­gung ist ein Pro­zess, bei dem mensch­li­che Über­res­te auf natür­li­che Wei­se in Erde umge­wan­delt wer­den. Dabei wer­den die Ver­stor­be­nen in einem spe­zi­el­len Behält­nis, dem Kokon, zusam­men mit orga­ni­schem Mate­ri­al wie Stroh oder Holz­spä­nen, in einer kon­trol­lier­ten Umge­bung (Alva­ri­um) kom­pos­tiert. Inner­halb von etwa sechs Wochen ent­steht so nähr­stoff­rei­che Erde, die zur Begrü­nung genutzt wer­den kann. Über einen Zeit­raum von 40 Tagen wan­deln natür­lich vor­kom­men­de Mikro­or­ga­nis­men sämt­li­che orga­ni­sche Mate­ria­li­en zu Humus um. In die­ser Pha­se erwärmt sich der Kokon durch bio­lo­gi­sche Akti­vi­tät auf bis zu 70 °C. Der Pro­zess wird durch sanf­te Bewe­gun­gen des Kokons unter­stützt. Eine kon­trol­lier­te Sau­er­stoff­zu­fuhr sorgt außer­dem für opti­ma­le Bedin­gun­gen für die Mikro­or­ga­nis­men. Die Zeit der Trans­for­ma­ti­on bie­tet Ange­hö­ri­gen Raum für ihre Trau­er. Die Reer­di­gung ist damit eine Alter­na­ti­ve zu tra­di­tio­nel­len Bestat­tungs­for­men wie Erd­be­stat­tung, Feu­er­be­stat­tung oder der See­be­stat­tung.

Hintergründe und Entwicklungen

Die Idee der Reer­di­gung stammt ursprüng­lich aus den USA, wo sie unter dem Begriff „Natu­ral Orga­nic Reduc­tion“ (NOR) bereits lega­li­siert und in meh­re­ren Bun­des­staa­ten prak­ti­ziert wird. In Deutsch­land wird das The­ma zuneh­mend öffent­lich dis­ku­tiert und ers­te Pilot­pro­jek­te zei­gen das Inter­es­se der Bevöl­ke­rung an umwelt­freund­li­chen und res­sour­cen­scho­nen­den For­men des Abschieds. Die Reer­di­gung ver­bin­det dabei moder­ne Tech­nik mit einem uralten Kreis­lauf­ge­dan­ken: Der Mensch wird wie­der Teil der Natur.

Der Ablauf der Reerdigung

Vor­be­rei­tung und Ein­bet­tung
Der Ver­stor­be­ne wird zunächst auf­ge­bahrt und in eine spe­zi­el­le, in der Regel bio­lo­gisch abbau­ba­re Hül­le gelegt. Zur För­de­rung des Kom­pos­tie­rungs­pro­zes­ses wer­den orga­ni­sche Mate­ria­li­en wie Holz­spä­ne, Stroh und Blu­men bei­gemischt. Die­ser Mix schafft die opti­ma­len Bedin­gun­gen für Mikro­or­ga­nis­men, die die orga­ni­sche Sub­stanz zer­set­zen.

Kom­pos­tie­rungs­pha­se
Im eigent­li­chen Kom­pos­tie­rungs­pro­zess wird der Kör­per in einem geschlos­se­nen Behäl­ter auf­be­wahrt, in dem Tem­pe­ra­tur, Feuch­tig­keit und Sau­er­stoff­zu­fuhr regu­liert wer­den. Inner­halb von etwa 40 Tagen bau­en Bak­te­ri­en und ande­re Mikro­or­ga­nis­men das Gewe­be voll­stän­dig ab. Zurück bleibt ein humus­ähn­li­ches Sub­strat – Erde, die im Ide­al­fall frei von Schad­stof­fen und Krank­heits­er­re­gern ist.

Nach­be­rei­tung und Nut­zung der Erde
Nach der Kom­pos­tie­rungs­pha­se wird die ent­stan­de­ne Erde gesiebt, um even­tu­ell ver­blie­be­ne nicht-orga­ni­sche Bestand­tei­le (wie Zahn­fül­lun­gen, künst­li­che Gelen­ke oder Implan­ta­te) zu ent­fer­nen. Die Fami­lie kann ent­schei­den, wie die Erde genutzt wird: Sie kann bei­spiels­wei­se auf einem Fried­hof bei­gesetzt oder für die Pflan­zung eines Bau­mes ver­wen­det wer­den. Somit schließt sich sinn­bild­lich der Kreis­lauf des Lebens.

Würde und Respekt

Im Mit­tel­punkt der huma­nis­ti­schen Ethik steht die Wür­de des Men­schen – auch über den Tod hin­aus. Die Reer­di­gung bie­tet einen wür­de­vol­len, natür­li­chen und oft als tröst­lich emp­fun­de­nen Abschied. Die bewuss­te Rück­kehr in den Kreis­lauf des Lebens ist für vie­le Men­schen ein schö­ner Gedan­ke und kann den Hin­ter­blie­be­nen Trost spen­den.

Selbstbestimmung und Individualität

Der Huma­nis­mus betont das Recht des Ein­zel­nen auf Selbst­be­stim­mung. Reer­di­gung erlaubt es, indi­vi­du­el­le Vor­stel­lun­gen von Abschied und Erin­ne­rung zu ver­wirk­li­chen. Wer Wert auf öko­lo­gi­sche Nach­hal­tig­keit legt, fin­det in die­ser Metho­de eine Alter­na­ti­ve, die den eige­nen Über­zeu­gun­gen ent­spricht.

Gemeinschaft und Verbundenheit

Der Pro­zess der Reer­di­gung kann auf Wunsch in das Abschied­neh­men ein­be­zo­gen wer­den. Ange­hö­ri­ge kön­nen bei der Ein­bet­tung des Ver­stor­be­nen oder beim spä­te­ren Umgang mit der Erde aktiv wer­den. So schafft die­se Form der Bestat­tung neue Ritua­le, die Gemein­schaft und Ver­bun­den­heit för­dern.

Umweltfreundlich- und Nachhaltigkeit

Im Ver­gleich zu tra­di­tio­nel­len Bestat­tungs­for­men ist die Reer­di­gung beson­ders res­sour­cen­scho­nend. Wäh­rend bei der Feu­er­be­stat­tung gro­ße Men­gen an Ener­gie ver­braucht und kli­ma­schäd­li­che Gase frei­ge­setzt wer­den, oder bei der Erd­be­stat­tung Metal­le und Che­mi­ka­li­en in den Boden gelan­gen kön­nen, bleibt bei der Reer­di­gung ledig­lich frucht­ba­re Erde zurück. Durch das opti­mier­te Umfeld arbei­ten die Mikro­or­ga­nis­men deut­lich effi­zi­en­ter als bei einer tra­di­tio­nel­len Erd­be­stat­tung und die gesam­te Kom­pos­tie­rung ver­läuft deut­lich schnel­ler und kom­pli­ka­ti­ons­frei­er. Wäh­rend die Umwand­lung eines Kör­pers auf dem Fried­hof bis zu 30 Jah­re dau­ern kann, voll­zieht sich der Pro­zess bei der Reer­di­gung in nur weni­gen Wochen. Die­ser Ansatz ent­spricht dem Wunsch vie­ler Men­schen, selbst im Tod einen posi­ti­ven Bei­trag zur Umwelt zu leis­ten.

Flächenersparnis und Flexibilität

Da bei der Reer­di­gung kei­ne klas­si­schen Grab­stät­ten benö­tigt wer­den, las­sen sich Flä­chen auf Fried­hö­fen anders nut­zen. Das för­dert eine natur­na­he Ent­wick­lung und gibt Raum für neue For­men des Geden­kens, etwa durch gemein­schaft­li­che Gär­ten oder Baum­hai­ne.

Rechtliche Rahmenbedingungen

In Deutsch­land ist die Reer­di­gung bis­lang nicht flä­chen­de­ckend erlaubt. Die Gesetz­ge­bung vari­iert je nach Bun­des­land und oft sind Fried­hofs­pflicht und Bestat­tungs­ge­set­ze zu beach­ten. Eini­ge Gemein­den beschäf­ti­gen sich jedoch bereits mit Pilot­pro­jek­ten und Aus­nah­me­re­ge­lun­gen. Die Reer­di­gung wird in Deutsch­land aktu­ell nur in Schles­wig-Hol­stein, Ham­burg und Meck­len­burg-Vor­pom­mern ange­bo­ten und prak­ti­ziert. Der gesell­schaft­li­che und poli­ti­sche Dis­kurs ist im Gan­ge, und es ist zu erwar­ten, dass sich die recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen in den kom­men­den Jah­ren wei­ter öff­nen wer­den.

Internationale Entwicklungen

In Län­dern wie den USA und den Nie­der­lan­den hat sich die Reer­di­gung bereits eta­bliert. Die Erfah­run­gen zei­gen, dass sowohl öko­lo­gi­sche als auch sozia­le Vor­tei­le ent­ste­hen und das Ver­fah­ren von der Bevöl­ke­rung gut ange­nom­men wird. Die­se Bei­spie­le kön­nen als Vor­bild für die Ent­wick­lung in Deutsch­land die­nen.

Grenzen und Herausforderungen

Trotz vie­ler Vor­tei­le gibt es offe­ne Fra­gen. Dazu zäh­len:

  • Die Akzep­tanz in der Gesell­schaft und bei den Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten
  • Die Kon­trol­le der hygie­ni­schen Unbe­denk­lich­keit
  • Ein­schrän­kung bei Grö­ße (max. 1,90 m) und Gewicht (max. 100 kg) – grö­ße­re Kokons gibt es der­zeit noch nicht.
  • Der Umgang mit even­tu­ell ver­blei­ben­den Fremd­ma­te­ria­li­en
  • Die Schaf­fung kla­rer gesetz­li­cher Rege­lun­gen

Auch ethi­sche Fra­ge­stel­lun­gen, etwa zur Ver­wen­dung der ent­stan­de­nen Erde, sind Gegen­stand öffent­li­cher Debat­te.

Die Reerdigung als Chance

Die Mög­lich­keit der Reer­di­gung eröff­net neue Wege für den Umgang mit dem Tod – öko­lo­gisch, indi­vi­du­ell und wür­de­voll. Für huma­nis­ti­sche Über­zeu­gun­gen, die das Leben, die Natur und die Auto­no­mie des Ein­zel­nen wert­schät­zen, ist die­se Bestat­tungs­form beson­ders attrak­tiv. Auch wenn noch recht­li­che und gesell­schaft­li­che Hür­den bestehen, zeigt die Ent­wick­lung, dass die Reer­di­gung das Poten­zi­al hat, unse­re Bestat­tungs­kul­tur nach­hal­tig zu berei­chern. Sie schließt sinn­bild­lich den Kreis des Lebens – und gibt Hoff­nung auf einen fried­vol­len, ver­ant­wor­tungs­vol­len Abschied im Ein­klang mit Mensch­lich­keit und Natur.

Die­ser Bei­trag erschien zuerst in Der Huma­nis­ti­sche Land­bo­te | November/Dezember 2025. Wir dan­ken der Huma­nis­ti­schen Gemein­schaft Hes­sen für die freund­li­che Geneh­mi­gung zur Zweit­ver­öf­fent­li­chung.

Reerdigung

Anbie­ter

  • MEINE ERDE: Reer­di­gung – eine Bestat­tungs­form im Kreis­lauf der Natur
  • Lich­ter­meer: Lich­ter­meer – Bestat­tun­gen fürs Leben
  • Stif­tung Reer­di­gung: Gemein­nüt­zi­ge Stif­tung für die Reer­di­gung

Durch­füh­rung
Die Reer­di­gung kann nur in einem spe­zi­ell dafür vor­ge­se­he­nen Alva­ri­um durch­ge­führt wer­den. Die­se gibt es deutsch­land­weit aktu­ell an zwei Stand­or­ten in Kiel und Mölln in Schles­wig-Hol­stein. Ursa­che für die begrenz­te Ver­füg­bar­keit sind oft feh­len­de Gesetz­ge­bun­gen in den Bun­des­län­dern.

Peti­ti­on
Eine ent­spre­chen­de Peti­ti­on hat Dag­mar Mül­ler-Funk am 17.10.2025 für das Land Hes­sen ein­ge­reicht sowie auf Open­Pe­ti­ti­on eine Peti­ti­on gestar­tet:
https://www.openpetition.de/petition/online/aenderung-der-friedhofspflicht-in-hessen-sowie-zulassung-der-reerdigung-als-bestatungsform

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1 Gedanke zu „Neue Wege im Umgang mit dem Tod“

  1. Als Öko­h­u­ma­nist, ist das die Bestat­tungs­form mei­ner Wahl.
    Ich wün­sche mir, dass es mög­lichst bald deutsch­land­weit zuge­las­sen wird.

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