Die Tierethik beschäftigt sich allgemein mit Fragen rund um den Umgang von Menschen mit Tieren. Im Fokus tierethischer Debatten steht jedoch zumeist die Haltung von Rindern, Schweinen und anderen typischen „Nutztieren“ in der Landwirtschaft, da in diesem Sektor die meisten Tiere leiden und sterben. Wir befinden uns mitten im Anthropozän – einer Welt, die der Mensch so umgestaltet hat, dass Wildtiere nur etwa 5 Prozent der globalen Biomasse aller Säugetiere ausmachen, sogenannte Nutztiere und Haustiere hingegen fast 60 Prozent.[i] Tiere werden in so unvorstellbar hohen Zahlen geschlachtet, dass die Knochen von Hühnern, die weltweit die mit Abstand größte Zahl der für den menschlichen Konsum getöteten Tiere stellen, in ferner Zukunft ein Leitfossil unseres Zeitalters sein werden.[ii]
Weltweit werden über 80 Milliarden Landtiere pro Jahr geschlachtet[iii] und allein in Deutschland wurden 2024 über 740 Millionen Tiere (ohne Fische) zu Ernährungszwecken getötet[iv]. Gewalt ist systemimmanent und leidvolle Praktiken während der Haltung und bei der Schlachtung sind Alltag und auch in der Bio-Haltung weiter verbreitet, als viele Menschen denken.[v] So werden weibliche Rinder mit dem Ziel eines möglichst konstanten Milchflusses quasi permanent schwanger gehalten, denn genau wie der Mensch und andere Säugetiere müssen sie Mütter werden, um Milch produzieren zu können. Kuh und Kalb werden üblicherweise gleich nach der Geburt getrennt, sodass die Milch für Menschen abgemolken werden kann. Männliche Kälber und ein Teil der weiblichen Tiere werden in der Milchwirtschaft nicht benötigt und daher entweder nach mehreren Monaten Mast geschlachtet und als Kalbfleisch vermarktet oder weiter hochgemästet und im Alter von ein bis zwei Jahren getötet.[vi] Als „Milchkühe“ genutzte weibliche Rinder landen nach durchschnittlich 5,5 Jahren im Schlachthof, wenn ihre Milchleistung nachlässt und es sich somit nicht mehr lohnt, sie am Leben zu halten. Rinder können eigentlich bis zu 25 Jahre alt werden.[vii] In der Eierindustrie wurden männliche Küken bis 2022 in Deutschland gleich nach dem Schlüpfen vergast oder geschreddert. Heute werden sie als Embryo im Ei getötet, der Zeitpunkt ihrer Tötung wurde also vorverlegt. Der Grund dafür ist, dass es keine Verwendung für sie gibt, da sie keine Eier legen können und nicht genug Fleisch ansetzen würden, für die Mast also nicht geeignet sind.[viii] Sogenannte Legehennen werden mit ca. 16 Monaten geschlachtet, wenn ihre Legeleistung nachlässt.[ix] Züchtungsbedingt und unabhängig von der Haltungsform sind bei diesen Tieren schmerzhafte Knochenbrüche weit verbreitet (siehe Quelle v). Das Leben von „Masthühnern“ ist noch sehr viel kürzer, sie werden mit maximal etwa 40 Tagen (konventionelle Haltung) bzw. etwa 80 Tagen (Bio-Haltung) geschlachtet. Die natürliche Lebenserwartung von Hühnern liegt bei bis zu 15 Jahren (siehe Quelle vii).

All dies geschieht Tag für Tag, obwohl wir heute mehr über das Schmerzempfinden, die Emotionen und die Kognition verschiedener Tierarten wissen als je zuvor[x] und es in vielen Teilen der Welt und ganz sicher in unserem Land für die meisten Menschen ganz einfach ist, sich sehr gut und gesund pflanzlich zu ernähren. Wenn es aber keine gesundheitlichen Gründe für ihren Konsum gibt, dann handelt es sich bei der Frage „Tierprodukte – ja oder nein?“ um eine rein moralische Frage.
In den letzten Jahren ist das Bewusstsein dafür gewachsen, dass die moralische Berücksichtigung von Tieren ein selbstverständlicher Teil eines modernen Humanismus sein muss. Der Humanistische Verband Deutschlands hat 2018 das erste Humanistische Selbstverständnis veröffentlicht, in dem Tiere explizit erwähnt werden: „Unabhängig vom persönlichen Nutzen gehört Verantwortung für Mitmenschen und Natur zur Würde des Menschen. Dazu zählt ebenso die Achtung des Wohlergehens anderer Lebewesen und der Natur. Es gibt unter Tieren viele empfindungsfähige Arten. Freude und Schmerz kommen nicht ausschließlich bei Menschen vor und Würde kommt nicht exklusiv diesen zu.“[xi] Und seit 2022 spielen Tiere als empfindungsfähige Wesen auch auf internationaler humanistischer Ebene eine Rolle. Damals wurde die Amsterdam-Deklaration aktualisiert und dabei der Satz „Wir empfinden eine Fürsorgepflicht gegenüber der gesamten Menschheit, einschließlich künftiger Generationen“ um den Zusatz „und darüber hinaus allen empfindungsfähigen Wesen“ erweitert. Die Amsterdam-Deklaration wurde 2002 auf dem ersten Humanistischen Weltkongress in Amsterdam beschlossen[xii] und wird von der Organisation Humanists International unterstützt, der auch der Humanistische Verband Deutschlands angehört[xiii]. In der seit 2022 geltenden Version, auch als „Erklärung des modernen Humanismus“ bekannt, ist Folgendes zu lesen: „Wir sind der Auffassung, dass die persönliche Freiheit mit einer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft verbunden sein muss. Ein freier Mensch hat Pflichten gegenüber Anderen. Wir empfinden eine Fürsorgepflicht gegenüber der gesamten Menschheit, einschließlich künftiger Generationen, und darüber hinaus allen empfindungsfähigen Wesen“ (eigene Hervorhebung).[xiv]Selbstbestimmung, ein hohes Gut für Humanist*innen, bedeutet also immer „Selbstbestimmung in Verantwortung“ – und die erstreckt sich auch auf unser Verhältnis zu anderen, nicht-menschlichen Tieren.
[i] https://ourworldindata.org/wild-mammals-birds-biomass
[ii] https://www.spektrum.de/news/was-von-der-menschenwelt-uebrig-bleibt/1613912
[iii] https://ourworldindata.org/data-insights/billions-of-chickens-ducks-and-pigs-are-slaughtered-for-meat-every-year
[iv] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/02/PD25_050_413.html
[v] https://www.foodwatch.org/de/informieren/landwirtschaft-tierhaltung/tierhaltung/ob-bio-oder-nicht-nutztiere-leiden
[vi] https://www.landwirtschaft.de/tier-und-pflanze/tier/rinder/was-passiert-mit-den-kaelbern-von-milchkuehen
[vii] https://faba-konzepte.de/modul-4-die-situation-der-tiere-in-der-nutztierhaltung/
[viii] https://www.landwirtschaft.de/tier-und-pflanze/tier/gefluegel/was-ist-seit-dem-verbot-vom-kuekentoeten-passiert
[ix] https://www.landwirtschaft.de/tier-und-pflanze/tier/nutztiere-allgemein/wie-lange-leben-rind-schwein-schaf-und-huhn
[x] Siehe die Lernvideos zu „Formen und Farben der Intelligenz“ und „Emotionen und Persönlichkeit bei Tieren“ des EU-Projekts ALICE (Animals, Climate and Civic Education):
https://www.idd.uni-hannover.de/de/forschung/projekte/alice
[xi] https://humanismus.de/wp-content/uploads/2020/12/humanistisches_selbstverstaendnis_hvd.pdf
[xii] https://humanists.international/de/Datenschutzrichtlinien/Amsterdamer-Erkl%C3%A4rung-2002/
[xiii] https://humanismus.de/partner/humanists-international/
[xiv] https://humanismus.de/ueber-uns/grundwerte/amsterdam-deklaration/



