Entwicklungsorientierte Bildung

Von Bildung und Menschsein. Ein Gespräch mit meinem Sohn

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Beitragsbild: Anshu A/Unsplash

„Was liest du da?“ Christian Stalder erzählt seinem Sohn Laurin von seinem Artikel über entwicklungsorientierte Bildung. Zwischen Müsli, Espresso und neugierigen Fragen entsteht ein Gespräch darüber, warum Bildung mehr ist als Wissen und warum sich der ganze Mensch entwickeln soll.

Es ist Sonn­tag­mor­gen. Ich nip­pe am Espres­so. Auf dem Tablet mein Arti­kel über Ent­wick­lungs­ori­en­tier­te Bil­dung und Huma­nis­mus, der eben im Maga­zin »dies­seits« erschie­nen ist. Ich prü­fe die Zei­len kri­tisch, bin unzu­frie­den mit der einen oder ande­ren sper­ri­gen For­mu­lie­rung. Mein Sohn sitzt mir gegen­über und löf­felt sein Müs­li. Plötz­lich schaut er auf.

»Was liest du da?«

»Einen Arti­kel über Bil­dung. Dar­über, wie Men­schen ler­nen könn­ten.«

»Ler­nen wie in der Schu­le?«

»Auch. Aber nicht nur.« Ich lege das Tablet weg. »Der Arti­kel beschreibt einen Para­dig­men­wech­sel – eine gro­ße Ver­än­de­rung, wie wir über Bil­dung den­ken. Frü­her ging es vor allem um Wis­sen: Was weißt du? Dann kam die Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung: Was kannst du? Jetzt sagen man­che: Das reicht nicht. Wir brau­chen auch Ent­wick­lungs­ori­en­tie­rung.«

»Was heißt das?«

»Wis­sen und Kön­nen blei­ben wich­tig. Aber sie sind nur Tei­le eines Gan­zen. Du sollst dich als gan­zer Mensch ent­wi­ckeln kön­nen – als Per­son. Es soll nicht nur dein Kopf mit Wis­sen voll­ge­stopft wer­den.«

»Also nicht nur Mathe, Ita­lie­nisch, Latein und so?«

»Genau. Und: Der Arti­kel ver­bin­det die­se Idee mit dem Huma­nis­mus – einem sehr alten Men­schen­bild und zugleich einer Bil­dungs­idee, die in der Renais­sance ent­stand. Es gibt eine berühm­te Rede von Gio­van­ni Pico del­la Miran­do­la, über 500 Jah­re alt. Er hat­te eini­ge Jah­re in Bolo­gna gelebt, du erin­nerst dich viel­leicht an die Stadt? Wir waren mal da.«

»Ja, da kommt mei­ne Lieb­lings­pas­ta­sauce her!«

»Stimmt. In dem Text lässt er Gott zu Adam sagen: ›Ich habe dich in die Mit­te der Welt gestellt, ohne dir einen fes­ten Platz zu geben. Du bist frei, dich selbst zu gestal­ten. Du bist ein For­mer und Bild­ner dei­ner selbst.‹«

»Eigent­lich noch cool. Aber auch etwas schwie­rig.«

»Ist es auch. Die­se Frei­heit ist ein Geschenk – und gleich­zei­tig eine Auf­ga­be. Du kannst ent­schei­den, wer du sein willst, aber du musst auch fra­gen: Was ist gut? Was ist rich­tig? Wie will ich mit ande­ren leben?«

Die Kat­ze springt auf den Tisch und legt sich mit­ten in die Sze­ne­rie.

»Aber was ist gut? Wie weiss ich das?«

»Das ist die wich­tigs­te Fra­ge über­haupt. Im Arti­kel wird dafür die Ams­ter­da­mer Erklä­rung her­an­ge­zo­gen – eine moder­ne Beschrei­bung des Huma­nis­mus mit vier Prin­zi­pi­en. Das ers­te ist: Huma­nis­mus ist ethisch. Das heißt, es geht um das Gute, um Ver­ant­wor­tung. Der Mensch kann selbst ent­schei­den, was gut ist – nicht ego­is­tisch, son­dern mit Blick auf alle Men­schen. Frei­heit ja, aber mit Mit­ge­fühl und Ver­ant­wor­tung.«

»Also ich darf machen, was ich will, solan­ge es ande­ren nicht scha­det?«

»Mehr noch. Es geht ums Aus­han­deln: mit­ein­an­der ent­schei­den, fair strei­ten, Lösun­gen fin­den – das ist Demo­kra­tie­bil­dung. Du lernst nicht nur für dich, son­dern auch, wie man mit ande­ren eine fai­re Gesell­schaft gestal­tet. Das ist eine huma­nis­ti­sche Hal­tung.«

»Wie bei unse­ren Klas­sen­re­geln?«

»Ja, exakt. Wenn ihr gemein­sam über­legt, wie ihr mit­ein­an­der umge­hen wollt, macht ihr Demo­kra­tie­bil­dung. Frei­heit heißt nicht ›Jeder macht, was er will‹, son­dern ›Wir fin­den zusam­men her­aus, was für alle gut ist oder sein könn­te.‹«

»Das ist aber schwie­rig zu ler­nen!«

»Zumin­dest nicht ganz leicht, ja. Aber wich­tig für Men­schen wie uns, die in einer Demo­kra­tie leben – und wol­len, dass sie funk­tio­niert.«

»Jetzt klingst du wie­der mal so poli­tisch.«

»Ja, das ist poli­tisch. Aber zurück zu dir: Es geht eigent­lich um bedeut­sa­mes Ler­nen in Frei­heit, das for­dert auch her­aus. Und es ist eine Auf­ga­be, die nie auf­hört. Du brauchst einer­seits Raum für eige­ne Ent­schei­dun­gen und Sicher­heit und Beglei­tung dar­in. Wie beim Klet­tern: Du ent­schei­dest, ob und wie du hoch­gehst, aber jemand sichert dich.«

Drau­ßen hupt einer.

»Gab es denn sowas schon mal? Sol­che Schu­len mit viel Frei­heit?«

»Ja. In Eng­land zum Bei­spiel gab es eine Schu­le namens Sum­merhill, die schon 1921 mit die­ser Idee gestar­tet ist. Der Grün­der, Alex­an­der S. Neill, ent­wi­ckel­te mit den Kin­dern und Jugend­li­chen eine sehr demo­kra­ti­sche Schu­le und ließ die Kin­der selbst ent­schei­den, ob, und wenn ja wann sie in wel­chen Unter­richt gehen. Das klingt viel­leicht etwas ver­rückt, aber es hat funk­tio­niert.«

»Aber wofür braucht es sowas? War­um ist das so wich­tig, also gera­de jetzt?«

»Weil wir in einer Welt leben, die sich rasch wan­delt. Alles ver­än­dert sich schnell – Tech­no­lo­gie, Kli­ma, Poli­tik, Gesell­schaft. Du kriegst das auf Social Media ja auch mit. Und ganz ohne nega­ti­ve Fol­gen läuft das alles ja nicht ab.«

»Hmm, ja stimmt.«

»In Zei­ten wie die­sen, da brau­chen wir Men­schen, die mit Offen­heit und Unsi­cher­heit umge­hen kön­nen. Die nicht nur Ant­wor­ten aus­wen­dig ler­nen, son­dern ange­regt wer­den, selbst zu den­ken.«

»Aber es geht doch nicht nur dar­um, was gut für Men­schen ist, oder? Was ist mit Tie­ren? Mit der Natur?«

»Wich­ti­ger Punkt. Der Arti­kel spricht von ›Mit-Welt­bil­dung‹. Das heißt: Wir den­ken den Men­schen nicht getrennt von der Natur. Wir sind Teil eines gro­ßen Gan­zen – zusam­men mit Tie­ren, Pflan­zen, Öko­sys­te­men. Bil­dung soll­te uns leh­ren, Ver­ant­wor­tung für alles Leben zu über­neh­men.«

»Also auch für unse­ren Hund Lou­lou?«

Ich lache. »Ja klar, natür­lich auch für Lou­lou. Wenn du lernst, dich um sie zu küm­mern, lernst du Für­sor­ge. Das ist auch Bil­dung.«

»Du hast von vier Prin­zi­pi­en gespro­chen. Was ist das zwei­te?«

»Das zwei­te Prin­zip lau­tet: Huma­nis­mus ist ratio­nal. Das bedeu­tet: in Frei­heit zu den­ken und durch Ver­nunft zu Erkennt­nis­sen zu gelan­gen.«

»Also was jetzt, ein­fach mit dem Kopf den­ken, also doch nur wie in Mathe oder Latein?«

»Nein, das wäre zu eng gedacht. Ver­nunft heißt nicht nur Logik. Es heißt auch: nach­den­ken, zwei­feln, hin­ter­fra­gen. Und – ganz wich­tig – es schließt Gefüh­le mit ein. Wenn sich etwas falsch anfühlt, ist das oft ein wich­ti­ges Signal. Gute Bil­dung ver­bin­det Kopf und Herz, Ver­nunft und Empa­thie.«

»Wie beim Streit mit Enea neu­lich?«

»Stimmt: Du muss­test über­le­gen: Was ist pas­siert? Was will ich? Aber du muss­test auch spü­ren: Wie geht es mir? Wie geht es ihm? Muss­test dich also auch in die Schu­he von Enea stel­len.«

»Ja, das war etwas ätzend – halt gar nicht so leicht, das mit den Schu­hen.«

Im Radio beginnt Phil­ipp Mal­o­ney ein neu­es Aben­teu­er. Wir stel­len aus­nahms­wei­se lei­ser.

»Und was ist eigent­lich, wenn ich mich irre?«

»Wie meinst du das?«

»Wenn ich durch Nach­den­ken und mei­ne Gefüh­le und so trotz­dem falsch lie­ge und Feh­ler mache? Das wäre ja dann gegen das zwei­te Prin­zip, oder?«

»Ah, jetzt ver­ste­he ich. Nein, das wäre eigent­lich ganz im Sin­ne die­ses Prin­zips, denn: du lernst dar­aus. Feh­ler gehö­ren dazu. Man nennt das ger­ne auch Feh­ler­freund­lich­keit, ich mag das Wort! Ver­nünf­tig sein heißt eben auch: bereit sein zur Selbst­kor­rek­tur. Durch Zwei­fel, durch Dia­log, durch neue Erkennt­nis­se. Die Wis­sen­schaft zum Bei­spiel funk­tio­niert im bes­ten Fall so. Sie kann uns aber kei­ne Wer­te lie­fern. Die lie­fert zum Bei­spiel der Huma­nis­mus.«

»Also Wis­sen­schaft ist nicht alles?«

»Wis­sen­schaft ist wich­tig. Aber ja, nicht alles. Wir müs­sen zum Bei­spiel auch fra­gen: Wem dient eine Tech­no­lo­gie? Macht sie Men­schen frei­er? Oder eher abhän­gi­ger? Wie das Smart­phone, um ein Bei­spiel zu nen­nen, das du gut kennst!«

»Papa, das nervt!«

»Ja ja, ich lass das für heu­te. Ich mei­ne nur als Bei­spiel. Der Arti­kel sagt: Ent­wick­lungs­ori­en­tier­te Bil­dung ist Denk­raum für Welt­ge­stal­tung. Wir (müs­sen) ler­nen, Inno­va­tio­nen kri­tisch zu bewer­ten. Wir haben doch kürz­lich über KI gespro­chen.«

»Du sprichst andau­ernd davon!«

Eine Wei­le ist es ruhig am Tisch.

»Und das drit­te Prin­zip?«

»Das drit­te ist: Huma­nis­mus ist ästhe­tisch. Es geht um Schön­heit, Kunst, Krea­ti­vi­tät – und dar­um, wie dich das als Per­son formt.«

»Soso! Wie­so formt mich Kunst?«

»In der Renais­sance gab es ein Ide­al: den ›Uomo Uni­ver­sa­le‹, den Uni­ver­sal­men­schen. Wir sind dem Begriff ein­mal im Museo Leo­nar­do da Vin­ci in Vene­dig begeg­net, weisst du noch?«

»Ja, ich erin­ne­re mich.«

»Es geht also nicht nur dar­um, klug zu sein, son­dern auch künst­le­risch begabt, kör­per­lich fit, sozi­al gewandt – ein gan­zer Mensch eben. Und dass dies alles wich­tig ist.«

»Also ich könnt auf den Kunst­un­ter­richt ver­zich­ten.«

»Schil­ler hat mal geschrie­ben: ›Die Kunst ist die Toch­ter der Frey­heit.‹ Wenn du krea­tiv bist, übst du Frei­heit. Du erschaffst dir etwas Eige­nes.«

»Ok. Und was hilft mir das?«

»Es gibt tat­säch­lich Stu­di­en dazu – und die Ergeb­nis­se sind inter­es­sant. Kin­der, die Thea­ter spie­len, ent­wi­ckeln mehr Ein­füh­lungs­ver­mö­gen. Struk­tu­rier­ter Musik­un­ter­richt stärkt die Selbst­kon­trol­le, oft mehr als ande­re Trai­nings. Und selbst ein gut beglei­te­ter Muse­ums­be­such kann kri­ti­sches Den­ken und Tole­ranz för­dern.«

»Aha, des­halb gehen wir immer in die­se Muse­en (lacht). Also ist Kunst nicht nur Spaß?«

»Spaß ist dabei – logisch. Aber Kunst wirkt nicht auto­ma­tisch. Sie wirkt, wenn es gut beglei­tet ist: gute Auf­ga­be, gutes Feed­back, und du merkst am Ende, was du gelernt hast. Dann ist das echt ent­wick­lungs­ori­en­tiert.«

»Was heißt das für mich?«

»Dass du nicht nur Wis­sen und Kön­nen ent­wi­ckelst, son­dern auch Per­sön­lich­keits­merk­ma­le. Es sind Din­ge wie Krea­ti­vi­tät, Offen­heit, Urteils­fä­hig­keit. Die ent­ste­hen in län­ge­ren Ent­wick­lungs­pro­zes­sen. Ich spre­che hier ja lie­ber von Tugen­den.«

»Ja das weiss ich, Papa! War­um sind die denn jetzt wich­tig?«

»Weil vie­les nicht mehr ein­fach ›rich­tig oder falsch‹ ist. Du musst in der Welt von heu­te öfter ent­schei­den, obwohl du nicht alles weisst. In so einer Welt bringt dich Pau­ken nicht weit. Du brauchst Mut, Fra­gen zu stel­len, und die Fähig­keit, mit Unklar­heit oder Mehr­deu­tig­keit umzu­ge­hen.«

»Das klingt anstren­gend.«

»Kann es sein. Aber es ist auch eine Chan­ce. Der Arti­kel spricht von krea­ti­ver Bür­ger­schaft. Das heißt: Du lernst, die Welt mit­zu­ge­stal­ten, lokal und glo­bal. Nicht als Eli­te, son­dern als Welt­bür­ger.«

Lou­lou bellt. Drau­ßen läuft jemand am Haus vor­bei.

»Gibt es noch ein vier­tes Prin­zip?«

»Ja. Huma­nis­mus ist exis­ten­zi­ell. Das heißt: Es geht um die gro­ßen Fra­gen. Wer bin ich? Wozu lebe ich? Was ist mir wich­tig?«

»Manch­mal fra­ge ich mich in der Schu­le, wozu wir all die­se Din­ge ler­nen?«

»Gute Fra­ge! Ein Kol­le­ge von mir hat mal geschrie­ben, in guter Bil­dung müs­se es um Sinn gehen. Wis­sen, Kön­nen und Ent­wick­lung müs­sen mit­ein­an­der in Dia­log kom­men. Sinn ent­steht nicht, wenn du Din­ge ein­fach addierst. Er ent­steht in Wech­sel­wir­kung.«

»Und wer gibt mir die­sen Sinn?«

»Nie­mand. Sinn wird nicht ver­ord­net, er ent­steht im Dia­log, im Gespräch – wie jetzt zwi­schen uns.«

»Ist das nicht anstren­gend, immer selbst nach Sinn suchen zu müs­sen?«

»Manch­mal. Aber es ist auch befrei­end. Der Phi­lo­soph Camus erzählt die Geschich­te aus dem alten Grie­chen­land von Sisy­phos, der immer wie­der einen Stein den Berg hoch­rollt. Camus sagt: Wir sol­len uns Sisy­phos als glück­li­chen Men­schen vor­stel­len.«

»Du klingst wie mein Latein­leh­rer! Ich ken­ne die Geschich­te von ihm, das ist Lek­ti­on 14! Und war­um bit­te soll der Typ glück­lich sein?«

»Weil er selbst ent­schei­det wei­ter­zu­ma­chen. Trotz allem.«

»Ok. I’m out.«

»Ich ver­steh dich – das klingt gera­de sehr gross. Ich mei­ne es ein­fa­cher: Sinn ent­steht, wenn Men­schen trotz Wid­rig­kei­ten nicht zynisch wer­den, son­dern etwas gestal­ten – im Rah­men ihrer Mög­lich­kei­ten. Der Phi­lo­soph Sart­re hat das mal so beschrie­ben: Wir sind nicht fer­tig auf die Welt gekom­men. Wir müs­sen erst zum Men­schen wer­den. Zuerst bist du da – dann wirst du, wer du bist.«

»Also bin ich sozu­sa­gen noch in Bear­bei­tung?«

»Genau. Und das ist kei­ne schlech­te Nach­richt – das ist eigent­lich das Schöns­te dar­an.«

»Aber was kann ich denn schon tun? Ich bin doch nur ein Jugend­li­cher.«

»Mehr, als du denkst. Und du musst nicht die Welt ret­ten: Es fängt im Klei­nen an – in dei­ner Klas­se, in dei­ner Cli­que, online und zuhau­se. Du lernst jetzt, wie man denkt, zusam­men­ar­bei­tet, Lösun­gen fin­det. Und du kannst schon heu­te etwas tun: fair sein, hel­fen, nach­fra­gen, wider­spre­chen, wenn’s nötig ist.«

»Und wenn ich einen Feh­ler mache?«

»Dann lernst du dar­aus. Feh­ler gehö­ren zur Ent­wick­lung. Und weil sich gera­de so viel ver­än­dert, müs­sen wir öfter nach­jus­tie­ren: Man­che alten Ideen tra­gen nicht mehr – also ler­nen wir Neu­es und las­sen ande­res bewusst los.«

»Also ist es okay, nicht alles zu wis­sen?«

»Nicht nur okay – es ist nor­mal. Wir dür­fen sagen: ›Das weiss ich nicht.‹ Dann kön­nen wir gemein­sam nach Ant­wor­ten suchen.«

»Ich glau­be, ich ver­ste­he jetzt. Bil­dung ist nicht nur Schu­le. Es geht dar­um, eine Art gan­zer Mensch zu wer­den.«

»Ein Mensch, der den­ken kann, Mit­ge­fühl hat, krea­tiv ist und Ver­ant­wor­tung über­nimmt. Genau! Der Arti­kel nennt das ›huma­nis­ti­sche Bil­dung‹. Ethisch, ratio­nal, ästhe­tisch, exis­ten­zi­ell. Es ist eine Art Ver­spre­chen: dass du ler­nen darfst, wer du bist und wer du sein möch­test. Dass du nicht allein bist. Dass du die Welt mit­ge­stal­ten kannst.«

»Das klingt gut. Aber auch nach viel Arbeit.«

»Du bist nicht fer­tig gebo­ren wor­den. Du wirst erst zum Men­schen, indem du dich ent­wi­ckelst. Und genau dabei hilft Ent­wick­lungs­ori­en­tier­te Bil­dung.«

»Und du hilfst mir dabei?«

»Ja, so gut ich kann. Den Weg gehst du selbst – als For­mer und Bild­ner dei­ner selbst!« (Grinst).

»Dann fan­ge ich jetzt mit mei­nem Mine­craft-Pro­jekt an. Ich will mir einen eige­nen Ser­ver erstel­len, das gehört ja auch zur Bil­dung, oder?«

»Ja, ja! Schon gut, ich sehe, du hast ver­stan­den!«

»Ja, Papa: krea­tiv sein, pla­nen, bau­en, viel­leicht schei­tern und neu anfan­gen – alles Bil­dung!«

Er läuft los, bleibt in der Tür ste­hen, dreht sich noch ein­mal um.

»Papa?«

»Ja?«

»Dan­ke für das Gespräch. Aber ich brauch jetzt echt ne Pau­se!«

Phil­ipp Mal­o­ney hat sei­nen Fall gelöst. Ich schaue noch ein­mal auf das Tablet. Er ist in sei­nem Zim­mer, baut sich einen Ser­ver mit sei­nen Kol­le­gen. Ich blei­be noch sit­zen. Und den­ke nach.

Nach­her, als er längst in sei­nem Zim­mer ist, schrei­be ich mir auf, was ich ihm sagen woll­te und viel­leicht nicht ganz gesagt habe – und was die­ser Sonn­tag­mor­gen mir wie­der ein­mal gezeigt hat: Bil­dung ist kein abs­trak­tes Kon­zept. Sie pas­siert jeden Tag – in Schu­len, Fami­li­en, Peers – und in Gesprä­chen wie die­sen. Die vier Prin­zi­pi­en des moder­nen Huma­nis­mus las­sen sich gut mit einer huma­nis­ti­schen, ent­wick­lungs­ori­en­tier­ten Bil­dung ver­bin­den: ethisch als Ver­ant­wor­tung für das Gelin­gen des Lebens in Frei­heit, für sich selbst, für ande­re, für die Welt; ratio­nal als Ver­bin­dung von Ver­nunft und Mit­ge­fühl, mit Bereit­schaft zum Zwei­fel und zur Selbst­kor­rek­tur; ästhe­tisch als Schät­zen von Schön­heit und Krea­ti­vi­tät, als ganz­heit­li­che Ent­wick­lung der Per­son; exis­ten­zi­ell als Suche nach Sinn im Dia­log mit ande­ren, ohne fer­ti­ge Ant­wor­ten zu erwar­ten.

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