Neues Gesetz ab 1. Juni 2025

Gestaffelter Mutterschutz nach Fehlgeburt: Ein unvollständiger Fortschritt

| von

Beitragsbild: Slava L/unsplash

Ab Juni 2025 gilt in Deutschland erstmals ein gestaffelter Mutterschutz nach einer Fehlgeburt – allerdings erst nach der zwölften Schwangerschaftswoche. Politik und Gesellschaft müssen die Würde von Frauen mit frühen Fehlgeburten endlich ernst nehmen.

Ab dem 1. Juni 2025 erhal­ten Frau­en in Deutsch­land erst­mals einen gestaf­fel­ten Mut­ter­schutz nach einer Fehl­ge­burt – sofern die­se nach der zwölf­ten Schwan­ger­schafts­wo­che ein­tritt. Das ist ein über­fäl­li­ger Schritt in Rich­tung Aner­ken­nung und Schutz für Frau­en in einer Aus­nah­me­si­tua­ti­on. Doch die gesetz­li­che Neu­re­ge­lung greift zu kurz – sie lässt genau jene Frau­en wei­ter allein, die in den ers­ten Wochen ihrer Schwan­ger­schaft ihr Kind ver­lie­ren. Und das sind nicht weni­ge.

Was in der poli­ti­schen Debat­te oft aus­ge­blen­det wird: Die Initia­ti­ve zu die­ser Reform kam nicht aus dem Bun­des­tag oder einem Minis­te­ri­um. Sie kam von Betrof­fe­nen selbst. Die Autorin und Akti­vis­tin Nata­scha Sagor­ski erlitt 2019 eine Fehl­ge­burt in der zehn­ten Schwan­ger­schafts­wo­che. Trotz der phy­si­schen und see­li­schen Erschüt­te­rung wur­de ihr im Kran­ken­haus lapi­dar mit­ge­teilt, sie kön­ne am nächs­ten Tag wie­der arbei­ten. Die­se Erfah­rung des Schmer­zes, kom­bi­niert mit der feh­len­den gesell­schaft­li­chen und recht­li­chen Aner­ken­nung, ließ sie nicht los.

Gemein­sam mit der Unter­neh­me­rin und Mit­ak­ti­vis­tin Isa Grü­te­ring star­te­te sie eine Peti­ti­on und spä­ter eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de. Die Peti­ti­on sam­mel­te über 75.000 Unter­schrif­ten. Die bei­den Frau­en gaben dem The­ma eine Stim­me, die lan­ge ver­stummt war. Unter­stützt wur­den sie ideell auch von Pio­nie­rin­nen wie Bar­ba­ra Kün­zer-Rie­bel, die bereits in den 1980er Jah­ren mit der Initia­ti­ve REGENBOGEN „Glück­lo­se Schwan­ger­schaft“ den Boden berei­te­te für mehr gesell­schaft­li­che Sicht­bar­keit die­ses The­mas.

Aus huma­nis­ti­scher Sicht ist die neue Rege­lung ein unvoll­stän­di­ger Fort­schritt. Denn sie zieht eine will­kür­li­che Gren­ze: Wer sein Kind in der zwölf­ten Woche ver­liert, hat Pech gehabt. Wer es in der 13. Woche ver­liert, erhält Mut­ter­schutz. Das igno­riert, dass der Schmerz, die Bin­dung, die kör­per­li­che und emo­tio­na­le Belas­tung nicht an Kalen­der­wo­chen gebun­den sind.

Wich­tig ist auch eine kla­re Dif­fe­ren­zie­rung: Eine Krank­schrei­bung ersetzt kei­nen Mut­ter­schutz. Eine Arbeits­un­fä­hig­keits­be­schei­ni­gung stellt Krank­heit fest – Mut­ter­schutz hin­ge­gen ist ein gesell­schaft­li­cher Schutz­raum. Er wür­digt, dass hier eine beson­de­re Lebens­si­tua­ti­on vor­liegt, in der Für­sor­ge, nicht Funk­ti­on, im Vor­der­grund ste­hen soll­te. Das Feh­len eines sol­chen Schut­zes für Frau­en mit frü­hen Fehl­ge­bur­ten bedeu­tet nach wie vor eine struk­tu­rel­le Gering­schät­zung.

Wir for­dern des­halb:

  • Eine Aus­wei­tung des Mut­ter­schut­zes auf alle Fehl­ge­bur­ten, unab­hän­gig von der Schwan­ger­schafts­wo­che
  • Eine ange­mes­se­ne öffent­li­che Wür­di­gung der zivil­ge­sell­schaft­li­chen Initia­ti­ve, die die­se Reform erst ermög­licht hat
  • Eine kla­re recht­li­che und gesell­schaft­li­che Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen Krank­schrei­bung und Mut­ter­schutz
  • Eine akti­ve Ent­ta­bui­sie­rung von Fehl­ge­bur­ten in Arbeits­welt, Gesund­heits­we­sen und Öffent­lich­keit

Huma­nis­mus heißt, den Men­schen in sei­ner Wür­de und Ver­letz­lich­keit ernst zu neh­men. Auch – und gera­de – im Moment des Ver­lusts. Das ist kei­ne Fra­ge der Sta­tis­tik, son­dern der Empa­thie.

Inhalt teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Meistgelesen

Ähnliche Beiträge

Bertolt Brecht
Bertolt Brecht (10. Februar 1898 – 14. August 1956)
Begründer des epischen Theaters und überzeugter Atheist
Am 14. August 2026 ist der 70. Todestag von Bertolt Brecht. Der weltberühmte Dramaturg wurde früh überzeugter Marxist. Er behauptete, wer religiös geworden sei, scheide als ernstzunehmender Künstler aus. 1933 flüchtete er vor den Nazis in die USA und galt dort als „feindlicher Ausländer“.
Beitrag lesen »
Schlacht-an-der-Somme_1
110 Jahre nach der Schlacht an der Somme
Ein – fester – Platz an der Somme
Der verlustreichsten Schlacht im Ersten Weltkrieg wird auch nach 110 Jahren noch jedes Jahr aufs Neue gedacht, von den Alliierten, Briten und Franzosen, Truppenteilen aus aller Welt und Zivilisten, den Nachkommen der Opfer von damals, Veteranen verschiedener neuerer und hochaktueller Kriege. Seit mehr als einem Jahrzehnt ist auch eine kleine humanistische Delegation aus Deutschland dabei. Armin Schreiner vom Humanistischen Verband Nordrhein-Westfalen berichtet.
Beitrag lesen »
Treue_der_union_monumant_2009
Deutsche Freidenker in Texas gegen die Sklaverei
Sie starben für ihre Überzeugung
Warum riskierten deutsche Freidenker*innen in Texas im amerikanischen Bürgerkrieg ihr Leben? Michael Schmidt erzählt die kaum bekannte Geschichte von Menschen, die aus Überzeugung den Kampf für die Sklaverei verweigerten und dafür einen hohen Preis zahlten. Bis heute erinnert ein Denkmal an ihren Mut und ihr Eintreten für Freiheit und Menschlichkeit.
Beitrag lesen »
Nach oben scrollen