Angelica Balabanoff (8. Mai 1869 – 25. November 1965)

Eine mutige Kämpferin für Freiheit und Menschenwürde

| von
Evelin Frerk

Beitragsbild: Archiv der sozialen Demokratie

Vor 60 Jahren, am 25. November 1965, starb Angelica Balabanoff. Die international wirkende sozialistische Politikerin und Publizistin wehrte sich entschieden gegen die Verherrlichung des Krieges und kämpfte früh gegen den aufstrebenden Faschismus.

Ange­li­ca Bala­ban­off wur­de ver­mut­lich am 8. Mai 1865 in Kiew in eine ange­se­he­ne jüdi­sche Bürg­erfa­mi­lie hin­ein­ge­bo­ren. Mit 17 Jah­ren muss­te sie wegen ihrer revo­lu­tio­nä­ren Ein­stel­lung und Tätig­keit das zaris­ti­sche Russ­land ver­las­sen. Sie stu­dier­te in Brüs­sel, Lon­don, Leip­zig, Ber­lin und Rom Geis­tes­wis­sen­schaf­ten. Kurz vor der Jahr­hun­dert­wen­de wur­de Ita­li­en ihre poli­ti­sche Wahl­hei­mat, wo sie bald in den Par­tei­vor­stand der Sozia­lis­ti­schen Par­tei gewählt wur­de. Wie vie­le ande­re bezeich­ne­te sie sich als nicht reli­gi­ös gebun­de­ne Jüdin.1910 war sie eine der Ver­tre­te­rin­nen der ita­lie­ni­schen Sozia­lis­tIn­nen auf dem inter­na­tio­na­len Kon­gress in Kopen­ha­gen. Sie wur­de Weg­be­glei­te­rin von Mus­so­li­ni, der damals Chef­re­dak­teur der sozia­lis­ti­schen Zei­tung „Avan­ti“ war. Ihre und Mus­so­li­nis Wege trenn­ten sich, als Ita­li­en in den Ers­ten Welt­krieg ein­ge­tre­ten war und Mus­so­li­ni sich zum kriegs­het­zen­den Patrio­ten ent­wi­ckel­te.

Sie emi­grier­te in die Schweiz, orga­ni­sier­te gemein­sam mit Lenin und Trotz­ki den Wider­stand gegen den Krieg und berei­te­te die bol­sche­wis­ti­sche Revo­lu­ti­on vor. 1917, nach der rus­si­schen Revo­lu­ti­on, kehr­te sie nach Russ­land zurück und wur­de Spit­zen­funk­tio­nä­rin der im März 1919 gegrün­de­ten Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le. Sie kämpf­te gegen Sta­lin und bald geriet ihr ortho­dox-mar­xis­ti­scher Sozia­lis­mus auch in Gegen­satz zu der leni­nis­ti­schen Auf­fas­sung vom Staat. Sie ver­ließ 1921 Russ­land erneut und ging nach Wien, wo sie an der Spit­ze der ita­lie­ni­schen sozia­lis­ti­schen Emi­gran­tIn­nen den Kampf gegen den Faschis­mus führ­te.

Bereits in den 1920er Jah­ren wies sie in vie­len Reden war­nend auf die faschis­ti­sche Gefahr hin. Vor dem dro­hen­den Natio­nal­so­zia­lis­mus muss­te sie aus Öster­reich nach Ame­ri­ka flie­hen. Ende 1947 besuch­te sie erst­mals Ita­li­en, wo sie sich auf dem Sozia­lis­ten­kon­gress für den demo­kra­ti­schen inter­na­tio­na­len Sozia­lis­mus ein­setz­te.

Am 25. Novem­ber 1965 starb „die Bala­ban­off“ in Rom. Sie woll­te kein kirch­li­ches Begräb­nis und kei­ne Krän­ze. Freun­de, die ihr Stre­ben nach einer sozia­lis­ti­schen Gesell­schaft, nach Frei­heit und der Men­schen­wür­de teil­ten, soll­ten eine rote Nel­ke in ihr offe­nes Grab wer­fen.

Lite­ra­tur:
Maria Lafont: The Stran­ge Com­ra­de Bala­ban­off: The Life of a Com­mu­nist Rebel, Jef­fer­son 2016.
Gise­la Notz: Ange­li­ca Bala­ban­off (1878 – 1965): in: diess.: Weg­be­rei­te­rin­nen. Berühm­te, bekann­te und zu Unrecht ver­ges­se­ne Frau­en aus der Geschich­te, Neu-Ulm 2020, S. 154.

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