Zum Interview mit Marianne Thieme

Humanismus und Tierschutz – kein einfaches Thema

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Beitragsbild: Kristin O Karlsen/unsplash

Humanismus und Tierschutz wirken eng miteinander verbunden. Doch wie weit reicht unsere moralische Verantwortung gegenüber Tieren? Zwischen gesellschaftlichem Konsens, Tierethik und der Frage nach Freiheit für Tiere bleiben viele Spannungen bestehen.

Klar: Alle Humanist*innen wol­len Tie­re schüt­zen, das heißt ihnen min­des­tens kein unnö­ti­ges Leid zufü­gen. Aber was heißt das und wie weit geht das? Die deut­sche Tier­schutz­par­tei for­dert ein Recht auf Frei­heit für Tie­re. Schützt der Zaun die Scha­fe vor den Wöl­fen oder beschnei­det er ihre Frei­heit? Oder die der Wöl­fe?

Mari­an­ne Thie­me hält für wich­tig: „Das Bewusst­sein, dass wir nicht ein­fach all das tun soll­ten, was wir tun könn­ten, und dass wir für die Art und Wei­se, wie wir ande­re Lebe­we­sen behan­deln, mit­ver­ant­wort­lich sind, selbst wenn Mit­ge­fühl und mora­li­sche Nor­men nicht mehr durch sozia­le Inter­ak­ti­on, Zustim­mung oder gemein­sa­me Pra­xis gestützt wer­den.“ Aber wer­den Mit­ge­fühl und mora­li­sche Nor­men nicht immer (und aus­schließ­lich) durch sozia­le Inter­ak­ti­on, Zustim­mung oder gemein­sa­me Pra­xis erzeugt, auch die von Frau Thie­me her­an­ge­zo­ge­ne christ­li­che?

Frau Thie­me behaup­tet, dass wir uns gegen­über Tie­ren nur wirk­lich mora­lisch ver­ant­wor­tungs­voll ver­hal­ten kön­nen oder wer­den, wenn wir uns einer höhe­ren Instanz, in ihrem Fall Gott, gegen­über recht­fer­ti­gen müs­sen. Das klingt zunächst nach­voll­zieh­bar: Ohne Rich­ter kei­ne Gerech­tig­keit; ohne höhe­re Instanz, die Ver­ant­wor­tung ein­for­dert, bleibt Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit unge­ahn­det.

Aber gibt es bei Humanist*innen kei­nen Recht­fer­ti­gungs­be­darf? Denn wir alle müs­sen uns doch dau­ernd recht­fer­ti­gen, näm­lich gegen­über unse­rer Umge­bung. Die­se ist nun aller­dings kei­ne abso­lu­te Instanz wie ein Gott, son­dern das selbst­re­fe­ren­ti­el­le Sys­tem unse­rer mensch­li­chen Gesell­schaft, dar­um aber nicht weni­ger wirk­sam. Sie wirkt durch das Zusam­men­spiel aus Begeh­ren (Antrieb) und den Mög­lich­kei­ten der Selbst­wirk­sam­keit (Macht), das unser Han­deln bestimmt. Indem die Gesell­schaft die Mög­lich­kei­ten der Selbst­wirk­sam­keit regu­liert, för­dert und bestraft sie eben auch das Han­deln jedes Ein­zel­nen.

Wir ken­nen ja nicht nur Geset­ze, Gerich­te, Wah­len und ande­re for­ma­le For­men der Regu­lie­rung oder die brei­ten Spie­le aus beklatsch­ten und kri­ti­sier­ten Mei­nungs­äu­ße­run­gen, öffent­li­cher Auf- und Abwer­tung, son­dern auch die unend­lich fei­nen Ver­äs­te­lun­gen der sozia­len Regu­lie­run­gen, durch die Men­schen im pri­va­ten und Grup­pen sich gegen­sei­tig wert­schät­zen oder kri­ti­sie­ren, ihnen mehr oder weni­ger Ein­fluss zubil­li­gen und dar­über auch ihre Lebens­ein­stel­lung und ihr Ver­hal­ten beein­flus­sen. In einer Fami­lie von Vega­nern wird der letz­te Fleisch­esser leich­ter zum Vege­ta­ri­er als in einer Grup­pe gril­len­der Steak-Enthu­si­as­ten.

Die­sen Recht­fer­ti­gungs­in­stan­zen kann sich nie­mand ent­zie­hen, der in einer mensch­li­chen Gesell­schaft lebt. Es bleibt daher die Fra­ge, wel­che Recht­fer­ti­gun­gen vor die­ser Instanz Bestand haben. Da es sich hier um ein selbst­re­fe­ren­ti­el­les Sys­tem mit einer gro­ßen Zahl an Sub­sys­te­men han­delt, ist das wie­der­um nicht so ein­fach zu sagen. Was in einer Fami­lie von Vega­nern als No-Go mit sozia­lem Abstieg bestraft wird und das Gewis­sen quält, wird bei den Steak-Enthu­si­as­ten als wün­schens­wert belohnt und umge­kehrt.

Teil der gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung ist, dass sich Trends her­aus­bil­den, die kon­sen­sua­le Mehr­hei­ten erzeu­gen und ver­än­dern. Dass man Tie­re nicht quä­len soll gehört (inzwi­schen) dazu. Der­zeit gibt es aber kei­nen Kon­sens, dass man Tie­re nicht hal­ten oder schlach­ten darf. Das gilt übri­gens für Christ*innen wie für Humanist*innen. Ziel einer Par­tei wie der Par­tij voor de Die­ren ist es daher, den gesell­schaft­li­chen Kon­sens in die­se Rich­tung zu ver­schie­ben. Und jeder Ein­zel­ne muss sich dann fra­gen, wo er sein Kreuz­chen macht. Wel­che abs­trak­te, tran­szen­den­te oder inter­ne Recht­fer­ti­gungs­in­stanz man für sich selbst akzep­tiert, ist also eine per­sön­li­che Fra­ge, dem Zwang zur sozia­len Recht­fer­ti­gung ent­geht nie­mand, nicht ein­mal der Ein­sied­ler.

Und macht denn der Gott wirk­lich den gro­ßen Unter­schied? Auch die Inter­pre­ta­ti­on der Bibel als tier­ge­recht oder men­schen­ge­recht ist eine sozia­le Kon­struk­ti­on. Frau Thie­me kann auch nur ihre eige­ne Inter­pre­ta­ti­on ver­tei­di­gen und ist genau­so auf die sozia­le Akzep­tanz ange­wie­sen wie jede Ande­re auch. Am Ende muss man die Kraft zur Ver­än­de­rung immer aus sich selbst schöp­fen, wie auch immer man sich dazu moti­viert. Und die Fra­ge, was tier­ge­recht ist, lässt sich nur aus einem gesell­schaft­li­chen Kon­text her­aus beant­wor­ten und nicht abs­trakt.

Aber was bedeu­tet das prak­tisch?

Wel­che Art von Mas­sen­tier­hal­tung ist ver­tret­bar? Ist Nutz­tier­hal­tung über­haupt ver­tret­bar? Sind Haus­tie­re ethisch ver­tret­bar und wenn ja, wel­che? Darf ein Zoo alte Tie­re schlach­ten und an die Löwen ver­füt­tern oder muss er das Fleisch woan­ders kau­fen? Oder sind Zoos ins­ge­samt ein Übel? Wer ent­schei­det dar­über und auf­grund wel­cher Regeln oder Geset­ze? Wir als prak­ti­sche Huma­nis­ten müss­ten dar­auf eigent­lich prak­ti­sche Ant­wor­ten haben, aber die kön­nen wir nicht (genau­so wenig wie Frau Thie­me) aus der Bibel ablei­ten, son­dern müs­sen sie im Dis­kurs mit ande­ren ent­wi­ckeln (genau­so wie Frau Thie­me). Der Fach­aus­schuss Tier­ethik des Huma­nis­ti­schen Ver­ban­des Deutsch­lands | Bun­des­ver­band hat noch eini­ges vor sich.

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