Klar: Alle Humanist*innen wollen Tiere schützen, das heißt ihnen mindestens kein unnötiges Leid zufügen. Aber was heißt das und wie weit geht das? Die deutsche Tierschutzpartei fordert ein Recht auf Freiheit für Tiere. Schützt der Zaun die Schafe vor den Wölfen oder beschneidet er ihre Freiheit? Oder die der Wölfe?
Marianne Thieme hält für wichtig: „Das Bewusstsein, dass wir nicht einfach all das tun sollten, was wir tun könnten, und dass wir für die Art und Weise, wie wir andere Lebewesen behandeln, mitverantwortlich sind, selbst wenn Mitgefühl und moralische Normen nicht mehr durch soziale Interaktion, Zustimmung oder gemeinsame Praxis gestützt werden.“ Aber werden Mitgefühl und moralische Normen nicht immer (und ausschließlich) durch soziale Interaktion, Zustimmung oder gemeinsame Praxis erzeugt, auch die von Frau Thieme herangezogene christliche?
Frau Thieme behauptet, dass wir uns gegenüber Tieren nur wirklich moralisch verantwortungsvoll verhalten können oder werden, wenn wir uns einer höheren Instanz, in ihrem Fall Gott, gegenüber rechtfertigen müssen. Das klingt zunächst nachvollziehbar: Ohne Richter keine Gerechtigkeit; ohne höhere Instanz, die Verantwortung einfordert, bleibt Verantwortungslosigkeit ungeahndet.
Aber gibt es bei Humanist*innen keinen Rechtfertigungsbedarf? Denn wir alle müssen uns doch dauernd rechtfertigen, nämlich gegenüber unserer Umgebung. Diese ist nun allerdings keine absolute Instanz wie ein Gott, sondern das selbstreferentielle System unserer menschlichen Gesellschaft, darum aber nicht weniger wirksam. Sie wirkt durch das Zusammenspiel aus Begehren (Antrieb) und den Möglichkeiten der Selbstwirksamkeit (Macht), das unser Handeln bestimmt. Indem die Gesellschaft die Möglichkeiten der Selbstwirksamkeit reguliert, fördert und bestraft sie eben auch das Handeln jedes Einzelnen.
Wir kennen ja nicht nur Gesetze, Gerichte, Wahlen und andere formale Formen der Regulierung oder die breiten Spiele aus beklatschten und kritisierten Meinungsäußerungen, öffentlicher Auf- und Abwertung, sondern auch die unendlich feinen Verästelungen der sozialen Regulierungen, durch die Menschen im privaten und Gruppen sich gegenseitig wertschätzen oder kritisieren, ihnen mehr oder weniger Einfluss zubilligen und darüber auch ihre Lebenseinstellung und ihr Verhalten beeinflussen. In einer Familie von Veganern wird der letzte Fleischesser leichter zum Vegetarier als in einer Gruppe grillender Steak-Enthusiasten.
Diesen Rechtfertigungsinstanzen kann sich niemand entziehen, der in einer menschlichen Gesellschaft lebt. Es bleibt daher die Frage, welche Rechtfertigungen vor dieser Instanz Bestand haben. Da es sich hier um ein selbstreferentielles System mit einer großen Zahl an Subsystemen handelt, ist das wiederum nicht so einfach zu sagen. Was in einer Familie von Veganern als No-Go mit sozialem Abstieg bestraft wird und das Gewissen quält, wird bei den Steak-Enthusiasten als wünschenswert belohnt und umgekehrt.
Teil der gesellschaftlichen Entwicklung ist, dass sich Trends herausbilden, die konsensuale Mehrheiten erzeugen und verändern. Dass man Tiere nicht quälen soll gehört (inzwischen) dazu. Derzeit gibt es aber keinen Konsens, dass man Tiere nicht halten oder schlachten darf. Das gilt übrigens für Christ*innen wie für Humanist*innen. Ziel einer Partei wie der Partij voor de Dieren ist es daher, den gesellschaftlichen Konsens in diese Richtung zu verschieben. Und jeder Einzelne muss sich dann fragen, wo er sein Kreuzchen macht. Welche abstrakte, transzendente oder interne Rechtfertigungsinstanz man für sich selbst akzeptiert, ist also eine persönliche Frage, dem Zwang zur sozialen Rechtfertigung entgeht niemand, nicht einmal der Einsiedler.
Und macht denn der Gott wirklich den großen Unterschied? Auch die Interpretation der Bibel als tiergerecht oder menschengerecht ist eine soziale Konstruktion. Frau Thieme kann auch nur ihre eigene Interpretation verteidigen und ist genauso auf die soziale Akzeptanz angewiesen wie jede Andere auch. Am Ende muss man die Kraft zur Veränderung immer aus sich selbst schöpfen, wie auch immer man sich dazu motiviert. Und die Frage, was tiergerecht ist, lässt sich nur aus einem gesellschaftlichen Kontext heraus beantworten und nicht abstrakt.
Aber was bedeutet das praktisch?
Welche Art von Massentierhaltung ist vertretbar? Ist Nutztierhaltung überhaupt vertretbar? Sind Haustiere ethisch vertretbar und wenn ja, welche? Darf ein Zoo alte Tiere schlachten und an die Löwen verfüttern oder muss er das Fleisch woanders kaufen? Oder sind Zoos insgesamt ein Übel? Wer entscheidet darüber und aufgrund welcher Regeln oder Gesetze? Wir als praktische Humanisten müssten darauf eigentlich praktische Antworten haben, aber die können wir nicht (genauso wenig wie Frau Thieme) aus der Bibel ableiten, sondern müssen sie im Diskurs mit anderen entwickeln (genauso wie Frau Thieme). Der Fachausschuss Tierethik des Humanistischen Verbandes Deutschlands | Bundesverband hat noch einiges vor sich.





1 Kommentar zu „Humanismus und Tierschutz – kein einfaches Thema“
Eigentlich ist es ganz einfach: Für ein gutes Leben brauchen wir keine Tierprodukte. Wenn wir Tiere für unsere Ernährung, Bekleidung usw. halten und töten lassen, verursachen wir also unnötiges Leid, denn es gibt dafür keinen „vernünftigen Grund“ (§ 1 TierSchG). So ehrlich sollten wir zu uns selbst sein.
Der Einordnung des sozialen Umfelds als wichtiger Rechtfertigungsinstanz stimme ich zu. Denn klar, ob religiös, gottlos glücklich bzw. humanistisch wie wir oder was auch immer: Niemand ist eine Insel und alles, was wir tun oder eben nicht tun, wird von anderen wahrgenommen. Soziale Kräfte wirken immer, aber meines Erachtens darf die Verantwortung für das eigene Verhalten nicht einfach an „die Gesellschaft“, „die Mehrheit“ oder „das System“ abgeschoben werden. Denn zielt nicht gerade humanistische Bildung darauf ab, dass Menschen mündig werden, Dinge kritisch hinterfragen, sich von Empathie und Rationalität leiten lassen und Haltung zeigen, wenn Werte, die ihnen wichtig sind, verletzt werden – auch wenn sie sich damit gegen eine Mehrheit stellen? Und ist bei Entscheidungen wie der, ob ich Tier(produkt)e konsumiere und damit Leid verursache, nicht letztlich immer das eigene Gewissen die oberste Rechtfertigungsinstanz?
Menschen, die sich für Tierrechte einsetzen, gehören aktuell noch einer Minderheit an. Ob bzw. inwieweit sie das Gefühl haben, dass sie sich für eine moralische Entscheidung rechtfertigen müssen, von der alle (menschliche und nicht-menschliche Tiere) profitieren, ist individuell. Das ist kein Automatismus und wer den „Zwang des besseren Arguments“ höher bewertet als den „Zwang zur sozialen Rechtfertigung“, macht sich das Leben leichter. Die Geschichte zeigt jedenfalls, dass es immer Minderheiten waren, die echte Veränderung bewirkt und uns einer Zukunft nähergebracht haben, in der ein gutes Leben FÜR ALLE möglich ist. Das hat wohl niemand schöner gesagt als die Ethnologin Margaret Mead, die Marianne Thieme in ihrer Dankesrede bei der Verleihung des Peter-Singer-Preises am 30. Mai auch zitiert hat:
“Never doubt that a small group of thoughtful, committed people can change the world. Indeed, it is the only thing that ever has.”