Sven Thale erkennt (vgl. S. 87 ff.), dass der Wunsch, in der Bundeswehr eine Humanistische Seelsorge einzuführen, den Nachweis des Humanistischen Verbandes Deutschlands erfordert, etwas dazu Erforderliches anzubieten. Er wagt einen Ausblick, gibt ein Bild vom „weltanschaulichen Humanismus“ des Verbandes, erklärt „Seelsorge“ und verbindet die Postulate des Humanismus mit dem Begriff der Spiritualität, sogar das Feld der Feierkultur wird angesprochen. „Der Sinn von Seelsorge leitet sich nicht aus der Anzahl von Mitgliedern ab, die eine Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft hat, sondern aus der Repräsentativität der Überzeugungen, die ihr zugrunde liegen.“ (S. 88)
Das scheint mir völlig richtig zu sein, zumal endlich bisherige Argumente im Rahmen der falschen Behauptung, man vertrete die Interessen von Konfessionsfreien, zu den Akten gelegt werden. Es ist aber in der bundesdeutschen Soziologie nicht üblich, nach humanistischen Überzeugungen in der Bevölkerung zu fragen, eher geht es um Reste christlichen Denkens.
Manchmal frage ich mich, wie groß die Distanz des Verbandes zu meiner Amtszeit geworden ist oder wie vergesslich. Denn gerade zu dem Thema „Humanistenquote“ in der Bevölkerung wurden zu meiner Amtszeit, auf Veranlassung von Manfred Isemeyer und dem Humanistischen Verband Berlin, für den Bundesverband von dem renommierten Befragungsbetrieb Allensbach zwei Untersuchungen durchgeführt, 2004 und 2007. Das ist zwar inzwischen ein Stück her, aber wer die Ergebnisse – „80 % der Konfessionsfreien bekennen sich humanistisch“ – widerlegen möchte, müsste eine neue Umfrage anstrengen. Ich vermute aber, dass sich die Zahlen mindestens bestätigen.
Ich habe damals eine lange Presseerklärung für den Bundesverband abgegeben, eher eine Interpretation der Untersuchungsergebnisse hinsichtlich der „Konfessionsfreien“. Sie ist wie die damaligen Ergebnisse auf hpd auch heute noch abrufbar, sogar unter dem Begriff „Humanistenquote“.
Bruno Osuch spricht von „einer anerkannten Weltanschauungsgemeinschaft“, die „ein grundgesetzlich verbrieftes Recht auf den gleichen Zugang zu den Streitkräften wie die Religionsgemeinschaften“ hat (vgl. S. 86). Recht haben und Recht bekommen ist nicht dasselbe. Und auf welche Bereiche Art. 137,7 Grundgesetz, der die Gleichbehandlung formuliert, angewandt wird, ist seit 1919 immer wieder strittig. So musste der Humanistische Landesverband Berlin-Brandenburg öfters mühsam Klage führen.
Das muss hier nicht sein, denn im Gegensatz zur Situation von 2006 scheint nicht nur der Begriff „Militärseelsorge“ inzwischen innerverbandlich anerkannt zu sein, wie auch der Bundesverband heute ganz anders aufgestellt ist durch den Zusammenschluss mehrerer Körperschaften, die nun entsprechend Art. 137,5 Grundgesetz, letzter Satz, als Gesamtverband „eine öffentlich-rechtliche Körperschaft“ darstellen. Eine solche Organisation ist ein anderer möglicher Partner der Bundeswehr als ein eingetragener Verein. Mit ihm kann man Staatsverträge abschließen.
Vor allem ist die weltpolitische Lage (man mag leider sagen) eine andere als 2006. Als Wolfgang Lüder 1994 für Soldaten eine humanistische Beratung forderte, fand der erste Auslandseinsatz der Bundeswehr statt. Das war der Anlass für den Beschluss. 2006 gab es nicht nur das Fußball-„Sommermärchen“, sondern die ersten Reformen der Merkel-Regierung. Hier wollten wir uns einklinken, was außer Gesprächen, vielen Briefen und dem mündlichen Versprechen des Bundeswehrverbandes, „bringen Sie uns einen Soldaten, der das will, und wir sehen weiter“, nicht viel einbrachte.
Aktuell findet eine „Zeitenwende“ statt, auch wenn ich persönlich die folgende Einschätzung nicht teile, so setzt sich doch eine Lageeinschätzung durch, die Bundeswehr sei die „Armee eines im Grunde nicht kampffähigen Staates, der die konkrete militärische Sicherheitsvorsorge bisher gern an seine Bündnispartner ausgelagert hat“ (Angelow, S. 7). In diesem Kontext geht es um „Kriegsfähigkeit“, der die Militärseelsorge dann ja wohl zu dienen hat. Das wird in einigen Beiträgen thematisiert.
Um dieses „Dienen“ in der Argumentation zu entkräften, wird gelegentlich auf die Dienst- und Fachaufsicht verwiesen, die formal bei den Anbietern der Militärseelsorge liegt. Dass hier allerdings für „Kriegsunfähigkeit“ geworben werden könnte, ist auszuschließen, zumal in einem Einsatz. Nach meiner Ansicht sollte auch in dieser Frage Realitätssinn obwalten.
Pazifismus des Humanismus und Seelsorge im Militär
Nicht nur im Humanismus gibt es diese unbedingte Friedensliebe und Kriegsfeindschaft, sondern auch in den Kirchen. Der christliche Glauben hält sich in dieser Sache meist an die Bergpredigt. Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein. Dennoch gibt es ihn und mindestens hier muss einmal auf die christlichen Glaubenskriege bis ins 17. Jahrhundert verwiesen werden.
Das konzeptionell vom Humanistischen Verband Deutschlands zu lösende Problem sehe ich darin, den Spagat zwischen einem im Grunde genommen elementaren Pazifismus im Verständnis von Humanismus und einer humanitären seelsorgerischen Tätigkeit zu bewältigen. Erfreulicherweise finden sich in dem Band einige Ansätze, so ist zu lesen, wie ein allgemeinmenschlicher Humanismus auf ein militärisches Angebot heruntergebrochen und praktisch werden kann. Darüber gibt der Band zahlreiche Hinweise und Erfahrungsberichte.
Das mit dem Pazifismus im Humanismus ist nicht einfach wegzuwischen, ist er ihm doch eigen; dazu gleich. Zunächst zur Diskussionsgeschichte im Verband, in dem es ebenso erfreulich für die einzelnen Mitglieder wie anstrengend für jede Führung ist, solche Projekte wie die Militärseelsorge zu verstehen und mitzutragen. Osuch verweist kurz auf den Band 6 der Schriftenreihe der Bundesakademie von 2016, den ersten nach meinem Ausscheiden, das von Ralf Schöppner verantwortete Buch „Wie geht Frieden?“ (vgl. S. 81) und auf eine Debatte in der Verbandszeitschrift „diesseits“ 4/1998. Es ist sinnvoll, hier den Titel des Beitrages von Thomas Heinrichs in diesem Band vollständig zu zitieren: „Der gehorchende Soldat. Warum wir Soldaten humanistisch beraten, uns aber dafür nicht von der Bundeswehr bezahlen lassen sollten“. [1]
Es ging seit 1994 in der Gegenströmung im Verband um generelle Ablehnungen der Beratung von Soldaten und darum, diese Beratung nicht auch noch „humanistisch“ zu nennen.[2] Dazu gab es immer wieder Anlässe: 1999 kam es während des Kosovo-Krieges zu Austrittsankündigungen prominenter Mitglieder, weil in einer unabgestimmten Presserklärung von einer Unterstützung der „humanitären Intervention“ die Rede war, aber das Wort „humanistisch“ verwendet wurde.
Zu ergänzen wäre noch, dass es 2015 einen Rauswurf der Verbandsautoren aus dem Projekt „Handbuch Friedensethik“ der Militärseelsorge gab. Während die für diese Publikation vorgesehenen Beiträge von Hubert Cancik, Frieder Otto Wolf und Ralf Schöppner in „Wie geht Frieden?“ erschienen, veröffentlichte ich meinen Beitrag im ersten Band meiner eigenen Reihe „Humanismusperspektiven“.[3] Ich zitiere daraus (S. 156):
„Die heute geläufige Herleitung des Begriffs Pazifismus aus pacis und facere knüpft an den „Neuhumanismus“ des 18./19. Jahrhunderts an. Beides geht unbedingt zusammen: Humanismus – verstanden als Barmherzigkeit, Entrohung, Menschenwürde und Bildung – und Pazifismus angesichts der zum Ende des 19. Jahrhunderts als Potenzial zur Menschheitsvernichtung gesehenen Aufrüstung in Europa, die zum ersten Weltkrieg führte.“ Hier sind die Verbindungen zum Humanismus offensichtlich. Interpretationen, Details und historische Initiativen dazu werden in diesem Aufsatz vorgestellt.
Für die Ablehnung einer humanistischen Militärseelsorge sind historische und aktuelle pazifistische Debatten und Aktionen kein Argument. Doch wäre es für den öffentlichen Gebrauch und das Ansehen des Verbandes sinnvoll, diesem Problem nicht auszuweichen. Es stehen, wenn das Projekt bewilligt ist, noch ganz andere Aufgaben und Entscheidungen an. Dazu gehört die Fragen der Uniform (die nicht pflichtig ist, aber es empfiehlt sich Flecktarn), der Vereidigung als Beamte auf Zeit (keine Vergatterung) und der vertrauensvollen Zusammenarbeit mit den anderen „Fraktionen“ der Militärseelsorge. Man dient in der gleichen Armee, pflegt Kameradschaft über die grundsätzlich gegensätzlichen Antworten auf „Glaubensfragen“ hinweg. Hier wird nicht missioniert, weder so noch so.
Zum praktischen Humanismus als einer humanitären Antwort trotz pazifistischer Grundeinstellung gibt es in der Geschichte des deutschen organisierten Humanismus einen Präzedenzfall. Außer der „Humanistischen Gemeinde Berlin“ gab es bei Kriegsbeginn 1914 noch eine zweite, viel größere humanistische Organisation, die „Deutsche Gesellschaft für ethische Kultur“. Hier begann die Debatte über eine ethische Kultur der Seelsorge parallel zu pazifistischen Aktionen. Vor allem unterhielt sie eine, vor allem von jüdischen Mitgliedern initiierte, „Zentrale für private Fürsorge“ und der Berliner Ortsverband eine Sozialstation, die während des Krieges für bedürftige Soldatenfamilien, verstümmelt heimkehrende Frontsoldaten und andere an den Kriegsfolgen Leidende Sozialhilfe anbot.[4]
Eine eigene Militärseelsorge war schon deshalb undenkbar, weil Konfessionslose nicht zu Gott schwören konnten, was nicht nur in der Armee, sondern in allen Lebensbereichen bis 1919 Karrierevoraussetzung war, z.B. „Doktoreid“. Das ist heute anders – und war es in der Armee auch damals schon, wie der absolute Kriegsgegner und Organisator der Kirchenaustrittsbewegung 1910 ff. Otto Lehmann-Rußbüldt kurz vor Kriegsbeginn anhand des Verlaufs der Reichstagsdebatte im Mai 1914 über den Haushalt der Militärseelsorge herausfand, dass seit 1866 [sic] die Möglichkeit bestand, statt des Eides einen Rekruten mit Handschlag zu verpflichten, woraus aber ein Geheimnis gemacht wurde.[5]
Bild: Alibri Verlag GmbHAutor:in: Jürgen Angelow (Hrsg.)
Titel: Beistand für alle
Untertitel: Humanistische Militärseelsorge in der Bundeswehr
Reihe: Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Deutschland; Band 11
Verlag: Alibri, 2026
ISBN: 978–3‑86569–443‑0
Ausstattung: 102 Seiten, kartoniert
Bestellung: Beistand für alle | Alibri Verlag GmbH > Shop > Produktdetail
Das Essay erschien erstmals auf der Homepage von Horst Groschopp unter dem Titel „Nichtkonfessionelle Militärseelsorge“ – ein Missverständnis. In der Rubrik humanismus aktuell veröffentlichen wir es hier in drei Teilen (Teil 1 und Teil 2) und mit leichten Kürzungen. Unser herzlicher Dank gilt dem Autor für die freundliche Genehmigung zur Wiedergabe.
[1] Vgl. hier besonders S. 148 den Kernsatz: „Die Stellung von humanistischen Soldatenberatern in der Bundeswehr analog zu den Militärseelsorgern ist etwas ganz anderes als eine unabhängige humanistische Beratung von Soldaten.“
[2] Gerade Christen beteiligen sich auch aktuell an Friedensbewegungen (z.B. Ostermärsche).
[3] Vgl. Horst Groschopp: Humanismus und Pazifismus in der deutschen Freidenkerbewegung. In: Ders. (Hrsg.): Pro Humanismus. Eine zeitgeschichtliche Kulturstudie. Mit einer Dokumentation. Aschaffenburg 2016, S. 154–170.
[4] Horst Groschopp / Eckhard Müller: Aus der Ethik eine Religion machen. Der praktische Humanismus einer sozialliberalen Kulturbewegung. Zur Geschichte der „Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur“ (Oktober 1892 bis Januar 1937). Aschaffenburg: Alibri Verlag 2024, hier S. 155 ff. bzw. 177 ff.
[5] Vgl. Otto Lehmann-Rußbüldt: Die unvereidigten Rekruten im Reichstag [Militärseelsorge]. In: Der Dissident 8(1914)4, S. 31 f.



