Internationaler Tag gegen Lebensmittelverschwendung

„Tiere für die Tonne“ und „Trog statt Teller“: Vom Wert des Lebens in der tierhaltenden Landwirtschaft

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Beitragsbild: Markus Spiske/Unsplash

Was hat Lebensmittelverschwendung mit Tierhaltung und globaler Ernährungssicherheit zu tun? Ann-Marie Orf geht dieser Frage nach und nimmt weggeworfene Tierprodukte, sogenannte Falltiere und den Ressourcenverbrauch der tierischen Lebensmittelproduktion in den Blick.

Laut der Welt­ernäh­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on der UN (FAO) und dem Umwelt­pro­gramm der Ver­ein­ten Natio­nen (UNEP) wird etwa ein Drit­tel der welt­weit pro­du­zier­ten Lebens­mit­tel nicht kon­su­miert. In Deutsch­land wer­den gemäß Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Land­wirt­schaft, Ernäh­rung und Hei­mat (BMLEH) jähr­lich rund elf Mil­lio­nen Ton­nen Lebens­mit­tel ver­schwen­det, der größ­te Teil davon in pri­va­ten Haus­hal­ten. Bei vie­len die­ser Erzeug­nis­se han­delt es sich um Tier­pro­duk­te, daher soll es in die­sem Arti­kel um die Tie­re gehen, die „für die Ton­ne“ pro­du­ziert wer­den – und um das sys­tem­be­ding­te Pro­blem der Res­sour­cen­ver­nich­tung in der tier­hal­ten­den Land­wirt­schaft.

Tiere für die Tonne

Jedes Jahr wer­den auch in Deutsch­land Unmen­gen an Tie­ren „für die Ton­ne“ gezüch­tet. Dabei sind die Tier­pro­duk­te, die in Super­märk­ten, in der Gas­tro­no­mie und in Pri­vat­haus­hal­ten weg­ge­wor­fen wer­den, nur ein Aspekt der Gesamt­pro­ble­ma­tik. Ein ande­rer sind die Mil­lio­nen von Tie­ren, die bereits vor der Schlach­tung ver­ster­ben und in der Indus­trie als „Fall­tie­re“ bezeich­net wer­den. Grün­de für ihren Tod kön­nen Krank­hei­ten und Ver­let­zun­gen auf­grund der Hal­tungs­be­din­gun­gen oder im Zusam­men­hang mit der Zucht auf eine immer höhe­re „Leis­tung“ (Fleisch- oder Milch­men­ge usw.) sein, aber zum Bei­spiel auch Stall­brän­de und Maß­nah­men zur Bekämp­fung von Tier­seu­chen.

Eine Klei­ne Anfra­ge vom Febru­ar 2026 hat erge­ben, dass die Bun­des­re­gie­rung nicht in der Lage ist, prä­zi­se Anga­ben zu den Sterb­lich­keits­ra­ten soge­nann­ter Nutz­tie­re zu machen. Nur für Rin­der lie­gen Daten vor, hier beträgt die Zahl der „Fall­tie­re“ ca. 500.000 pro Jahr. Tho­mas Schrö­der, Prä­si­dent des Deut­schen Tier­schutz­bun­des, kri­ti­siert daher, „dass so unsicht­bar bleibt, wie groß das tat­säch­li­che Aus­maß von Tier­ver­lus­ten in der Land­wirt­schaft ist und wo die größ­ten tier­schutz­re­le­van­ten Pro­ble­me lie­gen“.

Trog statt Teller

Das Pro­blem ist jedoch viel grund­le­gen­der: Wenn Hül­sen­früch­te, Getrei­de usw. als Fut­ter­mit­tel für Tie­re statt für den direk­ten mensch­li­chen Kon­sum ange­baut wer­den, bedeu­tet das eine gigan­ti­sche Res­sour­cen­ver­nich­tung. Laut einer groß ange­leg­ten, viel beach­te­ten Stu­die aus dem Jahr 2018 stam­men welt­weit nur 18 Pro­zent der kon­su­mier­ten Kalo­rien und 37 Pro­zent der kon­su­mier­ten Pro­te­ine aus Tier­pro­duk­ten wie Fleisch und Milch – obwohl ihre Her­stel­lung mehr als drei Vier­tel der glo­ba­len land­wirt­schaft­li­chen Nutz­flä­chen bean­sprucht und etwa 60 Pro­zent der glo­ba­len Treib­haus­gas­emis­sio­nen in der Land­wirt­schaft ver­ur­sacht.

Die soge­nann­te Ver­ede­lung, bei der Tie­re durch die Füt­te­rung mit Pflan­zen in Tier­pro­duk­te „umge­wan­delt“ wer­den, ist also hoch­gra­dig inef­fi­zi­ent und trägt direkt zum Welt­hun­ger bei. Gera­de in Zei­ten, in denen wegen Lie­fer­eng­päs­sen im Zusam­men­hang mit Krie­gen, der Kli­ma­kri­se und ande­ren Ver­wer­fun­gen die Ernäh­rungs­si­cher­heit immer wie­der akut gefähr­det ist, sind wir hier alle zum Han­deln auf­ge­for­dert. Denn wir alle tref­fen jeden Tag Ernäh­rungs­ent­schei­dun­gen und haben damit mehr­mals täg­lich die Chan­ce, zu mehr Gerech­tig­keit im Agrar- und Ernäh­rungs­sys­tem sowie in der Mensch-Tier-Bezie­hung bei­zu­tra­gen.

„Weni­ger Fleisch zu essen, wäre ein Bei­trag gegen Putin … Grund­sätz­lich ist ein Sys­tem nicht nach­hal­tig, in dem 60 Pro­zent des Getrei­des in den Fut­ter­trö­gen lan­den, wie in Deutsch­land.“ Cem Özd­emir, dama­li­ger Ernäh­rungs- und Land­wirt­schafts­mi­nis­ter, ange­sichts der dro­hen­den Nah­rungs­mit­tel­knapp­heit infol­ge des Ukrai­ne-Kriegs im März 2022 im Maga­zin „Spie­gel“

Auch beim The­ma Lebens­mit­tel­ver­schwen­dung zeigt sich also: Menschen‑, Umwelt- und Tier­schutz gehö­ren zusam­men. Ein Huma­nis­mus, der die­ser Ver­bun­den­heit nur mit Wor­ten hul­digt, dar­aus aber kei­ne kon­kre­ten Taten ablei­tet, ist weder glaub­wür­dig noch zukunfts­fä­hig.

Lese­tipp:
https://faba-konzepte.de/ernaehrungssicherheit/

Quel­len:
https://de.statista.com/infografik/35214/anteil-der-weltweit-verlorenen-verschwendeten-und-konsumierten-lebensmittel/
https://www.tierschutzbund.de/ueber-uns/aktuelles/presse/meldung/bundesregierung-ohne-ueberblick-ueber-millionen-tote-tiere-in-der-landwirtschaft/
https://ourworldindata.org/global-land-for-agriculture
https://www.leap.ox.ac.uk/article/reducing-foods-environmental-impacts
https://www.spiegel.de/politik/deutschland/weniger-fleisch-zu-essen-waere-ein-beitrag-gegen-putin-a-c587d907-deed-45f6-b302-9cdfc113fd82

Gra­fi­ken:
https://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/lebensmittelverschwendung

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