European Humanist Services Network in Berlin

Entwicklung einer humanistisch-existenziellen Seelsorge in ganz Europa

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Beitragsbild: European Humanist Services Network

Beim EHSN-Arbeitsseminar im September 2026 kamen Vertreter*innen humanistischer Organisationen aus verschiedenen europäischen Ländern in Berlin zusammen. Im Mittelpunkt standen gemeinsame Standards und die Entwicklung eines Akkreditierungsrahmens für die humanistisch-existenzielle Seelsorge sowie Fragen zu Ausbildung, Supervision und Qualitätssicherung.

Im Sep­tem­ber hat­te ich die Gele­gen­heit, im Rah­men des Euro­pean Huma­nist Ser­vices Net­work (EHSN) erneut in Ber­lin mit Kolleg*innen aus ver­schie­de­nen euro­päi­schen huma­nis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen zusam­men­zu­ar­bei­ten. Im Mit­tel­punkt unse­res Arbeits­se­mi­nars stand eine Fra­ge, die mir per­sön­lich seit vie­len Jah­ren am Her­zen liegt: Wie kön­nen wir die huma­nis­tisch-exis­ten­zi­el­le Seel­sor­ge von einer aner­kann­ten Idee und Pra­xis zu einem Fach­ge­biet ent­wi­ckeln, das pro­fes­sio­nell struk­tu­riert, nach­hal­tig und in ver­schie­de­nen natio­na­len Kon­tex­ten zuver­läs­sig ange­wen­det wer­den kann?

Mein eige­ner Weg zu die­ser Arbeit begann mit mei­nem Bache­lor- und Mas­ter­stu­di­um im Fach „Huma­nis­ti­sche Seel­sor­ge“ an der Uni­ver­si­tät für Huma­nis­ti­sche Stu­di­en in Utrecht. Spä­ter arbei­te­te ich vie­le Jah­re in der Kran­ken­haus­seel­sor­ge im Ver­ei­nig­ten König­reich als ers­te Huma­nis­tin, die zur Lei­te­rin der Seel­sor­ge ernannt wur­de. Zu mei­nen Auf­ga­ben gehör­te die Lei­tung gro­ßer Seel­sor­ge­diens­te des NHS, wäh­rend ich gleich­zei­tig zur Ent­wick­lung und Pro­fes­sio­na­li­sie­rung der nicht­re­li­giö­sen Seel­sor­ge auf natio­na­ler Ebe­ne bei­trug. Heu­te lei­te ich den Bereich „Huma­nis­tisch-Exis­ten­zi­el­le Seel­sor­ge“ inner­halb des Euro­pean Huma­nist Ser­vices Net­work (EHSN), wobei mei­ne Arbeit Pra­xis, For­schung, Aus­bil­dung, Stan­dards und Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lung euro­pa­weit mit­ein­an­der ver­bin­det. In mei­ner Dok­tor­ar­beit an der Midd­le­sex Uni­ver­si­ty unter­such­te ich die Erfah­run­gen nicht­re­li­giö­ser Seel­sor­ger im Gesund­heits­we­sen beim Ein­tritt in tra­di­tio­nell glau­bens­ba­sier­te Seel­sor­ge­teams, mit beson­de­rem Schwer­punkt auf beruf­li­cher Iden­ti­tät, Ungleich­heit, Orga­ni­sa­ti­ons­kul­tur und Wan­del.

Für mich ist huma­nis­tisch-exis­ten­zi­el­le Seel­sor­ge eine pro­fes­sio­nel­le Beglei­tung für Men­schen, die sich mit Fra­gen nach Sinn, Iden­ti­tät, Wer­ten, Ver­bun­den­heit, Ver­ant­wor­tung, Ver­lust, Sterb­lich­keit und Lebens­ori­en­tie­rung aus­ein­an­der­set­zen – ange­bo­ten aus einer huma­nis­ti­schen und nicht-the­is­ti­schen Per­spek­ti­ve. Sie schafft einen geschütz­ten und reflek­tie­ren­den Raum, in dem Men­schen ihre eige­nen Ant­wor­ten, Wer­te und Mög­lich­kei­ten erkun­den kön­nen. Die EHSN-Berufs­stan­dards, die wir im ver­gan­ge­nen Jahr unter Ein­be­zie­hung ver­schie­de­ner Bei­trä­ge aus euro­päi­schen Län­dern ver­fasst haben, grün­den die­se Arbeit auf Wer­ten wie Auto­no­mie, Wür­de, Authen­ti­zi­tät und mensch­li­cher Soli­da­ri­tät, wobei gleich­zei­tig beruf­li­che Kom­pe­tenz, ethi­sche Gren­zen und die Zusam­men­ar­beit mit ande­ren Dis­zi­pli­nen betont wer­den.

Die­se euro­päi­sche Arbeit steht auch in direk­tem Zusam­men­hang mit mei­ner Zusam­men­ar­beit mit dem Huma­nis­ti­schen Ver­band Ber­lin-Bran­den­burg. Anfang die­ses Jah­res habe ich das Hand­buch „Huma­nis­ti­sche-exis­ten­zi­el­le Seel­sor­ge in deut­schen Haft­an­stal­ten“ für den Ver­band ent­wi­ckelt. Die­ses Hand­buch über­trägt den über­ge­ord­ne­ten euro­päi­schen Rah­men auf den spe­zi­fi­schen Kon­text der Haft­an­stal­ten in Deutsch­land, wobei der Schwer­punkt auf der beruf­li­chen Pra­xis, Metho­den, Gren­zen und Über­wei­sun­gen, Ethik, Super­vi­si­on, insti­tu­tio­nel­ler Inte­gra­ti­on und Qua­li­täts­si­che­rung liegt.

Gera­de in Haft­an­stal­ten wird beson­ders deut­lich, war­um huma­nis­tisch-exis­ten­zi­el­le Seel­sor­ge wich­tig ist. Die Men­schen kämp­fen dort mög­li­cher­wei­se nicht nur mit prak­ti­schen oder psy­chi­schen Schwie­rig­kei­ten, son­dern auch mit Schuld­ge­füh­len, Ver­ant­wor­tung, Iden­ti­tät, Scham, Hoff­nung, Iso­la­ti­on und der Fra­ge, was für ein Mensch sie wer­den wol­len. Das Hand­buch beschreibt die huma­nis­tisch-exis­ten­zi­el­le Seel­sor­ge als eine nicht-kli­ni­sche, nicht-direk­ti­ve und sinn­zen­trier­te Form der Unter­stüt­zung, die Psy­cho­lo­gie, Sozi­al­ar­beit und reli­giö­se Seel­sor­ge ergänzt, anstatt mit ihnen zu kon­kur­rie­ren. Sein beson­de­rer Schwer­punkt liegt auf Sinn, Welt­an­schau­ung, ethi­scher Ori­en­tie­rung und Iden­ti­tät inner­halb eines huma­nis­ti­schen Rah­mens.

Woran wir in Berlin gearbeitet haben

Eine wich­ti­ge Grund­la­ge für das Semi­nar im Sep­tem­ber bil­de­ten die EHSN-Berufs­stan­dards für Fach­kräf­te in der huma­nis­tisch-exis­ten­zi­el­len Seel­sor­ge, die bereits im Rah­men einer gemein­sa­men euro­päi­schen Zusam­men­ar­beit ent­wi­ckelt wor­den waren. Die­se Stan­dards legen einen beruf­li­chen Rah­men fest, der Rol­le und Kom­pe­ten­zen, Ethik, Tätig­keits­be­rei­che, Aus­bil­dung und Qua­li­fi­ka­ti­on, beruf­li­che Wei­ter­bil­dung, Super­vi­si­on und insti­tu­tio­nel­le Rechen­schafts­pflicht umfasst.

Ziel des Ber­li­ner Semi­nars war es, den nächs­ten Schritt ein­zu­lei­ten: die Umset­zung die­ser Stan­dards in einen prak­ti­schen Akkre­di­tie­rungs­rah­men für huma­nis­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen, der in Län­dern mit sehr unter­schied­li­chen Rechts­sys­te­men, Bil­dungs­tra­di­tio­nen und Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren funk­tio­nie­ren kann. Das Arbeits­prin­zip war klar: Die Berufs­stan­dards blei­ben der über­ge­ord­ne­te Rah­men, der die Arbeit einer Fach­kraft beschreibt, wäh­rend sich die Akkre­di­tie­rung dar­auf kon­zen­triert, was huma­nis­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen vor­hal­ten soll­ten, um die wesent­li­chen Anfor­de­run­gen ihrer natio­na­len Fach­kräf­te zu erfül­len, anstatt ein­fach die voll­stän­di­gen Stan­dards zu wie­der­ho­len.

Wir began­nen daher mit der Arbeit an einem Struk­tur­ent­wurf für vor­ge­schla­ge­ne Akkre­di­tie­rungs­kri­te­ri­en in ver­schie­de­nen Berei­chen:

  • Huma­nis­ti­sche Iden­ti­tät und Kern­kom­pe­tenz Ethik,
  • Sicher­heit, Gren­zen und Über­wei­sungs­pra­xis,
  • Zusam­men­ar­beit und Rechen­schafts­pflicht
  • Aus­bil­dung, Fort­bil­dung und Bewer­tung
  • Aner­ken­nung, Super­vi­si­on, beruf­li­che Wei­ter­bil­dung

Die­se Kri­te­ri­en sind als prä­gnan­te Umset­zung der umfas­sen­de­ren Berufs­stan­dards im Sin­ne der Akkre­di­tie­rung gedacht.

Die Dis­kus­si­on in Ber­lin war zunächst explo­ra­tiv ange­legt. Wir befass­ten uns mit Fra­gen wie: Was ist für eine sicher und zuver­läs­sig arbei­ten­de Fach­kraft der huma­nis­tisch-exis­ten­zi­el­len Seel­sor­ge wirk­lich wesent­lich? Wie lässt sich die­sel­be Anfor­de­rung län­der­über­grei­fend fair bewer­ten? Wel­che Begleit­ma­te­ria­li­en soll­ten berück­sich­tigt wer­den? Und wie ver­mei­den wir es, ein Sys­tem zu schaf­fen, das nur in Län­dern funk­tio­niert, die bereits über seit lan­gem eta­blier­te aka­de­mi­sche und beruf­li­che Struk­tu­ren ver­fü­gen?

Dies ist beson­ders wich­tig, da sich die huma­nis­tisch-exis­ten­zi­el­le Seel­sor­ge in Euro­pa in sehr unter­schied­li­chen Ent­wick­lungs­sta­di­en befin­det. In eini­gen Län­dern gibt es bereits eta­blier­te Hoch­schul­we­ge und for­mel­le beruf­li­che Struk­tu­ren; ande­re ste­hen erst am Anfang der Schaf­fung beruf­li­cher Lauf­bah­nen. Ein euro­päi­scher Rah­men muss daher genü­gend Ein­heit­lich­keit schaf­fen, um Ver­trau­en und Qua­li­tät zu för­dern, und gleich­zei­tig natio­na­le Unter­schie­de respek­tie­ren.

Eine wich­ti­ge Erkennt­nis aus der Arbeit ist, dass sich die nächs­te Pha­se dar­auf kon­zen­trie­ren soll­te, einen Weg für die huma­nis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen selbst zu ent­wi­ckeln, um nach­zu­wei­sen, dass sie über die erfor­der­li­chen Struk­tu­ren ver­fü­gen, um die huma­nis­tisch-exis­ten­zi­el­le Seel­sor­ge ange­mes­sen zu unter­stüt­zen. Der in Ber­lin dis­ku­tier­te Ent­wurf sieht vor, dass die Ver­ant­wor­tung für ein­zel­ne Fach­kräf­te bei natio­na­len oder aner­ken­nen­den huma­nis­ti­schen Gre­mi­en liegt, wäh­rend das EHSN bewer­ten wür­de, ob die Orga­ni­sa­tio­nen über geeig­ne­te Sys­te­me, Nach­wei­se und Lei­tungs­struk­tu­ren ver­fü­gen.

Dies ist eine wich­ti­ge Unter­schei­dung. Das EHSN soll­te natio­na­le huma­nis­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen nicht erset­zen. Statt­des­sen kann der gemein­sa­me euro­päi­sche Rah­men zur Klä­rung bei­tra­gen, indem er Län­der und Fach­wis­sen über Gren­zen hin­weg zusam­men­bringt, um zu defi­nie­ren, was unse­rer gemein­sa­men Über­zeu­gung nach vor­han­den sein muss, wenn eine Orga­ni­sa­ti­on Fach­kräf­te der huma­nis­tisch-exis­ten­zi­el­len Seel­sor­ge offi­zi­ell unter­stützt: eine kla­re huma­nis­ti­sche Iden­ti­tät, ethi­sche Stan­dards, Schutz und Ver­trau­lich­keit, beruf­li­che Gren­zen, Aus­bil­dung und Bewer­tung, Super­vi­si­on, beruf­li­che Wei­ter­bil­dung, Rechen­schafts­pflicht und Qua­li­täts­si­che­rung.

Der Akkre­di­tie­rungs­pro­zess befin­det sich noch in einem frü­hen Ent­wick­lungs­sta­di­um. Ber­lin war ein wesent­li­cher ers­ter Schritt, aber nicht das Ende des Pro­zes­ses. Ursprüng­lich hat­ten wir auch geplant, mehr Zeit dar­auf zu ver­wen­den, Aus­bil­dungs­we­ge in ganz Euro­pa zu erfas­sen und zu unter­su­chen, wel­che Tei­le der Aus­bil­dung und beruf­li­chen Wei­ter­bil­dung sinn­voll online durch­ge­führt wer­den kön­nen. In der Pra­xis floss der Groß­teil unse­rer Zeit in die Akkre­di­tie­rungs­stan­dards und ‑kri­te­ri­en, sodass die Erfas­sung der Aus­bil­dungs­we­ge und die Dis­kus­sio­nen über Online-Schu­lun­gen noch zukünf­ti­ge Auf­ga­ben blei­ben.

Das bedeu­tet, dass sich die künf­ti­ge Arbeit noch mit Fra­gen wie der Gleich­wer­tig­keit natio­na­ler Aus­bil­dungs­we­ge, den vor­han­de­nen Begleit­ma­te­ria­li­en, der Struk­tu­rie­rung von Super­vi­si­on und beruf­li­cher Wei­ter­bil­dung, den erfor­der­li­chen orga­ni­sa­to­ri­schen Sicher­heits­vor­keh­run­gen sowie der Fra­ge befas­sen muss, wie klei­ne­re oder auf­stre­ben­de huma­nis­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen unter­stützt wer­den kön­nen, ohne die beruf­li­chen Erwar­tun­gen zu sen­ken.

Für mich lag genau dar­in auch der Wert des Ber­li­ner Semi­nars. Pro­fes­sio­na­li­sie­rung ent­steht nicht dadurch, dass eine Per­son ein per­fek­tes Sys­tem ent­wirft und es dann an alle ande­ren wei­ter­gibt. Sie ent­wi­ckelt sich durch gemein­sa­me Refle­xi­on und Aus­hand­lung: Was haben wir gemein­sam? Wo spie­len natio­na­le Unter­schie­de wirk­lich eine Rol­le? Was ist wesent­lich? Was soll­te fle­xi­bel blei­ben? Und was muss eine Orga­ni­sa­ti­on vor­wei­sen, damit Fach­kräf­te sicher, ethisch und mit einer kla­ren huma­nis­ti­schen Berufs­iden­ti­tät arbei­ten kön­nen? Des­halb lie­be ich es, für das EHSN zu arbei­ten, denn genau das tun wir: Wir brin­gen ver­schie­de­ne huma­nis­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen in die­sem Netz­werk zusam­men, um von­ein­an­der zu ler­nen, uns gegen­sei­tig zu unter­stüt­zen und sicher­zu­stel­len, dass sich die huma­nis­tisch-exis­ten­zi­el­le Seel­sor­ge inter­na­tio­nal zu einem trag­fä­hi­gen Berufs­zweig ent­wi­ckelt.

Die euro­päi­schen Berufs­stan­dards haben uns eine star­ke gemein­sa­me Grund­la­ge gege­ben. Der Akkre­di­tie­rungs­pro­zess ist der nächs­te Schritt, um die­se Grund­la­ge in die Pra­xis umzu­set­zen. Es wird noch wei­te­re Arbeit erfor­dern, aber die Rich­tung ist klar: Wir wol­len dazu bei­tra­gen, dass sich die huma­nis­tisch-exis­ten­zi­el­le Seel­sor­ge in ganz Euro­pa auf pro­fes­sio­nel­le, zuver­läs­si­ge, ethisch fun­dier­te und nach­hal­ti­ge Wei­se ent­wi­ckelt und dabei wei­ter­hin in den huma­nis­ti­schen Wer­ten ver­wur­zelt bleibt, die die­ser Arbeit ihren unver­wech­sel­ba­ren Cha­rak­ter ver­lei­hen.

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