Filmkritik

„I swear – verflucht normal“

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Foto: privat
John Davidson (Robert Aramayo) erklärt Tourette

Beitragsbild: © Wild Bunch Germany

Kein Entkommen und trotzdem die Möglichkeit eines erfüllten Lebens: Der Kinofilm „Verflucht normal“ („I swear“) erzählt die bewegende Geschichte des Tourette-Aktivisten John Henderson und nähert sich den Fragen von Behinderung, Selbstverständnis und Akzeptanz auf charmante wie irritierende Weise.

Unse­re Fei­er zum zehn­ten Hoch­zeits­tag war ein sehr glück­li­cher Anlass. Freun­de und Fami­lie waren von nah und fern gekom­men, doch auf ihrem Höhe­punkt tat ich etwas, das ich bis heu­te bereue.

Es war der ers­te Tanz, und ich kämpf­te mich mit gro­ßer Anstren­gung aus mei­nem Roll­stuhl auf die Bei­ne, um wenigs­tens zu ste­hen, wenn ich auch nicht wirk­lich tan­zen konn­te. Es gab Trä­nen und Applaus, denn die Men­schen sind freund­lich und mit­füh­lend. Doch kaum hat­te ich mich wie­der gesetzt, fühl­te ich mich unbe­hag­lich.

Zum ers­ten Mal seit lan­ger Zeit dach­te ich an die­sen Moment, als ich die­se char­man­te und bewe­gen­de Film­bio­gra­fie über den Akti­vis­ten John Hen­der­son sah. John hat einen Groß­teil sei­nes Lebens dar­auf ver­wen­det, das Ver­ständ­nis für das Tour­et­te-Syn­drom zu för­dern. Der Film zeigt, wie er unter den Vor­ur­tei­len und Anfein­dun­gen lei­det, die aus der Unwis­sen­heit über sei­ne schwe­re Form der Erkran­kung ent­ste­hen – und wie er sie all­mäh­lich über­win­det.

Der Film ist von Kirk Jones insze­niert, der auch das Dreh­buch geschrie­ben hat, und er ist so gestal­tet, dass das Publi­kum tief in Johns Geschich­te hin­ein­ge­zo­gen wird. Eini­ge der bes­ten bri­ti­schen Cha­rak­ter­dar­stel­ler – Robert Ara­ma­yo, Maxi­ne Pea­ke, Shir­ley Hen­der­son und Peter Mul­lan – zei­gen die Ver­un­si­che­rung sei­ner unmit­tel­ba­ren Fami­lie und wie er nach und nach die „Fami­lie“ fin­det, die er braucht, um unter­stützt zu wer­den.

Fil­me mit einer behin­der­ten Haupt­fi­gur sind nicht beson­ders häu­fig, und die zen­tra­le Bot­schaft des Films – näm­lich Akzep­tanz, und dass ein behin­der­ter Mensch sich nicht für etwas ent­schul­di­gen soll­te und auch nicht dazu gedrängt wer­den soll­te, wofür er nichts kann – ist sehr bewe­gend.

Gera­de als ich so tief in die Welt des Films ein­ge­taucht war, wur­de ich über­rascht und war ein wenig irri­tiert, als John plötz­lich dekla­riert, nicht behin­dert zu sein. Er erklärt nicht, war­um, und ich glau­be nicht, dass ich die ein­zi­ge behin­der­te Per­son bin, die sich in die­sem Moment befrem­det fühlt.

In die­sem Augen­blick erin­ner­te ich mich an die Jubi­lä­ums­fei­er. Hat­te ich nicht auch ver­sucht, mich dem Eti­kett „Behin­de­rung“ zu ent­zie­hen und es als defi­zi­tär, ja sogar als stig­ma­ti­sie­rend zu emp­fin­den? Dabei wäre Tan­zen im Roll­stuhl wirk­lich nicht so schwie­rig gewe­sen.

Nach die­sem irri­tie­ren­den Moment – ohne dass ich den Film weni­ger genos­sen hät­te – sah ich ihn den­noch mit etwas grö­ße­rer kri­ti­scher Distanz. Es gibt wun­der­ba­re, freu­di­ge Sze­nen, in denen John beginnt, Kon­takt zu ande­ren Betrof­fe­nen auf­zu­neh­men, und sei­ne Fähig­kei­ten als Orga­ni­sa­tor und Ver­mitt­ler ent­deckt.

Doch sei­ner eige­nen Logik als Feel-Good-Film fol­gend, leis­tet sich der Film dann für mich einen wei­te­ren Fehl­tritt. Der emo­tio­na­le Höhe­punkt ist erreicht, als John eine – zumin­dest vor­über­ge­hen­de – Hei­lung erfährt und sei­nem Zustand ent­kommt, befreit, um zumin­dest ansatz­wei­se die Mög­lich­keit einer Bezie­hung zu einer Frau zu erle­ben.

Doch wie der Film selbst ein­räumt, gibt es kein „Ent­kom­men“ für John – und, so wür­de ich hin­zu­fü­gen, auch nicht für mich und nicht für die gro­ße Mehr­heit behin­der­ter Men­schen. Das bedeu­tet jedoch nicht, dass wir nicht ein erfüll­tes Leben füh­ren kön­nen und füh­ren – wie Johns Leben selbst beweist, wenn wir die rich­ti­ge Unter­stüt­zung erhal­ten.

Sehen Sie sich den Film an – es lohnt sich, und er gibt auf jeden Fall Stoff zum Nach­den­ken.

Der Film „Ver­flucht nor­mal“ von Regis­seur Kirk Jones mit mit Robert Ara­ma­yo, Maxi­ne Pea­ke, Shir­ley Hen­der­son und Peter Mul­lan star­tet am 28. Mai 2026 in den deut­schen Kinos.

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