Nein, Sie haben sich im Titel nicht verlesen. Auch wenn am ersten Juli üblicherweise die Sonne scheint, so ist hier wirklich die Somme gemeint, das kleine, beschauliche Flüsschen inmitten goldgelber Felder mit roten Mohnblumen im Norden Frankreichs, an dem im Jahre 1916 eine fürchterliche Schlacht tobte und über eine Million Menschen ihr Leben lassen mussten. Neben Engländern, Walisern, Nordiren, Kanadiern und Australiern, um nur einige zu nennen, stand den Franzosen auch ein schottisches Sportbataillon der „Royal Scots“ zur Seite, „McCrae’s Battalion“, das sich im Wesentlichen aus den Fußballclubs Edinburghs rekrutierte – und danach keinen Fußball mehr spielte. Am 1. Juli 2026 war ich nicht zum ersten Mal dabei, bei der Pilgerfahrt der Schotten zum Ehrenmal in dem Dörfchen Contalmaison, wo vor 110 Jahren die Front verlief, und dies ist meine Geschichte …
So wie viele gute Geschichten beginnen, beginnt auch diese bei einem Bier. Es ist der Bericht über ein bemerkenswertes Stück menschlicher Erinnerungskultur, das Generationen verbindet und auch mein eigenes Denken nachhaltig geprägt hat, durch den Austausch von Meinungen genauso wie durch neue Freundschaften.
Bild: Armin SchreinerDas erste Bier dieser Geschichte wurde in meiner Heimatstadt Witten an der Ruhr getrunken, als eine Kneipenbekanntschaft, der schottische Sänger und Liedermacher Craig Herbertson, mir von Contalmaison und dem alljährlichen Ritual erzählte. Er werde jedes Jahr dorthin eingeladen, sagte er, um eine seiner Kompositionen („Hearts of Glory“) zum Gedenken an die ermordeten Soldaten vorzutragen. Und es würde auch mir gefallen, fuhr er fort, nicht nur wegen der Musik, sondern auch wegen des Whiskys, der Biere und der vielen netten Menschen, die ich dort kennenlernen könnte. Nun bin ich kein Historiker und erst recht kein Militarist, aber meine Neugier war geweckt. Im Jahre 2014 war es dann schließlich so weit, ich fragte meinen Vater, einen waschechten „Wilhelm“ übrigens, ob er mich begleiten würde, und ich fragte die schottischen Organisatoren, ob eine deutsche Teilnahme an der Feierlichkeit überhaupt gewünscht sei. Die Antwort kam schnell und überzeugend: „Nach 100 Jahren ist es wohl mehr als an der Zeit, dass von euch hier mal jemand aufkreuzt!“
Also fuhren wir los. Zuvor hatten wir einen Kranz aus echten roten Blumen bestellt, da es bei deutschen Floristen keine künstlichen Mohnblüten zu kaufen gab, wie sie für das britische Weltkriegsgedenken typisch sind. Darauf die Aufschrift: „No more War!“ – „Nie wieder Krieg!“
War es nur unser Eindruck, oder wurden wir tatsächlich von den Militärvertretern der ehemaligen Alliierten – in historischen Uniformen – ziemlich misstrauisch beäugt?
Bild: Armin SchreinerWahrscheinlich nicht allzu lange; denn nach der bewegenden Zeremonie hatten wir nicht die geringsten Probleme, uns unter die Gäste zu mischen und gegenseitig mehr als freundlich zu beschnuppern. Im Laufe des Nachmittags erfuhr ich auch, dass Vertreter der UNESCO erwartet wurden, die die Eignung von Contalmaison zur Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes prüfen wollten. Tatsächlich fand die schottische Gedenkfeier dort nämlich seit 1917 jedes Jahr statt, sogar während der Zweite Weltkrieg wütete – lediglich in der Coronavirus-Pandemie 2020 und 2021 sollten schottische Abgesandte letztlich fehlen.
Aber zurück in das Jahr 2014: Plötzlich und ziemlich lautstark marschierte zu aller Überraschung eine große Gruppe der Hofmusiker von Königin Elisabeth II – komplett mit den klassischen Bärenfellmützen – die abgelegene Landstraße hinunter.
Bild: Armin SchreinerSie war auf der Suche nach Craig, dem Komponisten von „Hearts of Glory“, um ihn um die Erlaubnis zu bitten, das Lied am Originalschauplatz spielen zu dürfen. Erst danach, so gestatte es die Queen, könne es in das königliche Repertoire aufgenommen werden.
Zwei Jahre später dann, das Massaker an der Somme jährte sich zum 100. Mal, sollte ich die Queen auch persönlich kennenlernen – eigentlich. Sie hatte sich angekündigt, ließ sich aus gesundheitlichen Gründen jedoch kurzfristig durch ihren Sohn Charles, den jetzigen britischen König, vertreten. Und auch diesen traf ich dort nicht, weil er seine offizielle Rede am Ehrenmal der „namenlosen“ Toten in Thiepval, der ehemaligen deutschen Stellung, hielt, während ich mit einer humanistischen Ansprache in Contalmaison bei den Schotten im Programm stand, streng getrennt durch militärische Checkpoints und ein eindrucksvolles französisches Polizeiaufgebot. Tatsächlich wurde ich fortan gebeten, mit einer Rede regelmäßig Teil der schottischen Feierlichkeiten zu sein.
Bild: Armin SchreinerGanze zehn Jahre sind seitdem vergangen, und es gereicht mir noch immer zur Ehre und Freude, nicht nur eine deutsche Perspektive auf das sinnlose Morden der Vergangenheit zu vermitteln, sondern stets auch aktuelle Kriege und Konflikte zu thematisieren, verbunden mit dem Aufruf, sich an Hass und Menschenfeindlichkeit im eigenen Land nicht zu beteiligen. Hier ein Auszug aus meiner Rede von 2026 in deutscher Übersetzung:
„Nachdem ich bereits im vergangenen Jahr – wie schon seit vier Jahren – den Krieg auf ukrainischem Gebiet angesprochen habe, gibt es nun noch einen weiteren Krieg, dessen Opfer zu beklagen sind: den Krieg im Iran. Mit wachsender Trauer werde ich zunehmend verzweifelter, wenn ich heute erneut den Nobelpreisträger William Faulkner zitiere: ‚Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.‘
In diesem Jahr, genau 110 Jahre nach der berüchtigtsten Schlacht des Ersten Weltkriegs, ‚des Kriegs, der alle Kriege beenden sollte‘, sehen wir uns mit noch mehr Kriegen konfrontiert, nicht etwa weniger, die in verschiedenen Teilen der Welt erbittert ausgefochten werden. Viele Menschen verlieren noch immer ihr Leben, genau wie damals an der Somme 1916, wieder einmal ausgelöst durch egoistische Aggression, wie schon so oft zuvor, im Namen eines Präsidenten, eines Landes, einer Religion oder eines wirtschaftlichen Anspruchs – was auch immer!
Als Deutscher weiß ich, was es bedeutet, eine historische Last zu tragen, und ich befürchte, dass wieder dunkle Zeiten vor uns liegen könnten, getragen von der Gedankenlosigkeit der Bürger und ausgenutzt von skrupellosen Populisten. Deshalb möchte ich Sie alle noch einmal an ein weiteres berühmtes Zitat erinnern, und zwar an das des Philosophen George Santayana: ‚Wer sich seiner Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.‘
Glücklicherweise sind wir alle hier, um uns an die Vergangenheit zu erinnern!“
Erinnern bedeutet für mich dabei allerdings deutlich mehr. Gelebte Erinnerungskultur ist untrennbar verbunden mit dem Erwerb von Wissen über die Zeit und die Lebensumstände anderer Menschen. Von daher ist die jährliche Fahrt nach Frankreich immer auch eine Bildungsreise, die – und das gilt für die schottischen Pilger gleichermaßen – ergänzt wird durch den Besuch von Kriegsgräbern, authentischen Schlachtfeldern, Museen und den Recherchen mitgereister Historiker.
Und das muss keine so „knochentrockene“ Veranstaltung sein, wie es sich jetzt vielleicht liest. Unterdessen munkelt so mancher Schotte, dass sogar Deutsche, was bisher undenkbar schien, einen gewissen Sinn für Humor haben könnten. Daran bin ich möglicherweise nicht ganz unbeteiligt. Jedenfalls gibt es nun ein Band, das Band der Freundschaft, das nicht nur mich immer wieder nach Contalmaison zurückkehren ließ, sondern das im Gegenzug dafür sorgte, dass auch die Schotten auf jeder Reise mindestens eins der deutschen Gräberfelder besuchen. Was mich betrifft, so wurde ich in diesem Jahr als Mitglied auf Lebenszeit in den „McCrae’s Battalion Trust“ aufgenommen und denke somit, dass ich noch die eine oder andere Rede vor mir habe. Aber auch ganz grundsätzlich scheint das Gedenken an den Ersten Weltkrieg keinesfalls zu erlöschen, im Gegenteil. Erst in diesem Jahr noch radelte ein junger Mann die gesamte Strecke von der schottischen Hauptstadt nach Contalmaison, um weitere Fördergelder für den Ausbau des Ehrenmals einzuwerben.
Bild: Armin SchreinerEs gäbe so viel zu erzählen, so viele Geschichten, alte natürlich und traurige, aber auch lustige, dass dieser Platz hier nicht ausreicht, um sie alle zu erzählen. Von daher fürchte ich, dass Sie warten müssen, bis Sie mich irgendwo in einer Kneipe treffen, vielleicht im nächsten Jahr an der Somme; denn – wie Sie wissen – beginnen viele gute Geschichten bei einem Bier …
„No more War!“ – „Nie wieder Krieg!“
steht noch immer auf dem Kranz von uns Deutschen, der nun auch aus den sinnbildlichen Mohnblüten besteht.



