Belén de Sárraga Hernández (10.07.1874 in Valladolid/Spanien – 09.09.1951 in Mexiko-Stadt) war Journalistin, Schriftstellerin, Politikerin, Feministin, Mitglied in Freimaurerlogen, eine international tätige Freidenkerin und politische Aktivistin, vor allem in Spanien und Lateinamerika.
Als Tochter eines politisch liberalen Offiziers aus Puerto Rico studierte sie im spanischen Barcelona Medizin und promovierte dort. An der Universität Barcelona hatte sie einen Protest gegen die Entlassung des Naturforschers Odón de Buen (1863–1945) organisiert, dessen Entlassung die Folge einer Exkommunikation durch den Heiligen Stuhl gewesen war. Er war wegen der Veröffentlichung seiner Naturgeschichte Historia Natural auf den päpstlichen Index gesetzt und deshalb von der Universität Barcelona diszipliniert worden.
Belén bewunderte die Schriftstellerin George Sand, die Kommunardin Louise Michel, die Anarchisten Michail Bakunin und Pjotr Kropotkin, weil diese sich vor allem für die Emanzipation der Frauen eingesetzt hatten. Belén verkehrte bald mit allen prominenten Feministinnen und Freidenkerinnen ihrer Zeit.
Die freidenkenden Feministinnen Spaniens agierten durch direkte Aktionen auf der Straße und in der feministischen Presse, um die Unterdrückung durch das patriarchalische System zu beenden, in Verbindung mit einem Netzwerk von Frauen, die einen generationenübergreifenden Raum abdeckten. Die meisten dieser Frauen waren Schriftstellerinnen, Journalistinnen, Lehrerinnen, Freidenkerinnen, Freimaurerinnen, Anarchistinnen, Sozialistinnen, Liberale – und alle kämpften für eine rationale und weltliche Bildung, die Frauen dazu bringen sollte, den ausschließlich häuslichen Bereich zu verlassen. Belén schloss sich mit anderen prominenten Feministinnen und Freidenkerinnen zusammen, wie den Schwestern Amalia (1861–1949) und Ana Carvia Bernal (1865–1941) aus Valencia, Ángeles López de Ayala y Molero (1858–1926) und Amalia Domingo Soler (1835–1909) aus Katalonien, um eine starke spanische feministische Vereinigung zu gründen und die Wochenzeitschriften Lumière de l’Avenir („Licht der Zukunft“), Le Progrès („Der Fortschritt“) und La Liberté de Conscience („Die Freiheit des Gewissens“) herauszugeben. La Liberté de Conscience war ein Forum für Freidenkende und berichtete über die Themen Freiheit, Gerechtigkeit, Brüderlich-/Schwesterlichkeit, freimaurerische Symbolik u.a. Im Jahr 1898 erschienen 20.000 Exemplare.
In Valencia gründete Belén die Gesellschaft La Conciencia Libre („Das freie Gewissen“) und wurde Präsidentin der Asociación General Femenina en Valencia („Allgemeiner Frauenverband in Valencia“). In Málaga gründete Belén die Federación de Sociedades de Resistencia („Verband der Widerstandsvereine“), eine Föderation, die über 30.000 Frauen und Männer aus 80 Organisationen umfasste. Die Föderation stand links von der Partei der Republikaner und vereinte Bauern, Genossenschaftler, Freidenkerinnen, Feministinnen und Freimaurerinnen. Am 19. Oktober 1899 wurde Belén auf der Plaza de Toros in Málaga anlässlich einer Demonstration für die Vertreibung der Jesuiten geehrt. Sie wurde im selben Jahr drei Monate lang im Gefängnis festgehalten, weil sie sich gegen die Zwangsrekrutierung von Jugendlichen für den Krieg ausgesprochen hatte, während die Söhne reicher Eltern, Mönche und Seminaristen davon befreit waren.
Neben ihren Mitgliedschaften in anarchistischen Gruppen war Belén auch Gründerin der Asociación de Mujeres Librepensadoras („Vereinigung freidenkender Frauen“) auf Menorca.
Belén heiratete in Barcelona Emilio Ferrero Balaguer. Da in Spanien bei Ehefrauen der zweite Nachname der Name des Ehemannes ist, nannte sie sich jetzt Belén Sárraga de Ferrero. Sie hatten drei Kinder: Libertad, Demófilo Dantón und Víctor Volney. Das Paar trennte sich 1911. Von da an führte Belén wieder die Nachnamen Sárraga Hernández.
Im Jahr 1900 lebte Belén in Montevideo in Uruguay, gab die Zeitung El Liberal („Der Liberale“ bzw. „Der Freiheitliche“) heraus und führte durch ganz Iberoamerika politische Propagandareisen.
1902 gehörte Belén zur spanischen Delegation beim Internationalen Freidenker-Kongress in Genf, die von Emilio Ferrero angeführt wurde. Auf dem Kongress nahm die Frauenfrage einen wichtigen Platz ein und Delegierte wie Belén de Sárraga, Vera Starkoff, Gatti de Gamond, Ida Altmann und Elisabeth Fulpius beteiligten sich an den Diskussionen, die die Positionen der Freidenkerbewegung zu den Forderungen der Frauen definieren sollten. Darüber hinaus wurde Belén als Sprecherin der Freidenker-Internationale für die iberische Halbinsel verpflichtet. Die Kongressakten betonten, dass vor allem Emilio Ferrero und Vera Starkoff hierbei die Unterdrückung durch Klerus und Regierung anprangerten. Auf der vierten Tagung sprach Ida Altmann, die die Gründung eines ständigen Komitees für die Emanzipation der Frau vorschlug, dem sich Jean Dons, Andrée Téry, Roche, Bazire, Carlos Fulpius, Heaford, Gustave Téry, Damblon, Steemans, Gatti de Gamond, Maria Pognon und Belén de Sárraga anschlossen.
1904 wurde Belén in Málaga verhaftet und zu zwei Monaten und einem Tag Gefängnis verurteilt. Sie hatte am Eingang des Hotels, in dem General Camillo García Polavieja wohnte, eine Rede gegen ihn gehalten und ihn wegen der Hinrichtung des Dichters und Helden der Unabhängigkeit der Philippinen, José Rizal, lautstark angeklagt. Polavieja, der Militär und spätere spanische Kriegsminister, war verantwortlich für die brutale militärische Unterdrückung in den spanischen Kolonien Kuba (1879–1881) und Philippinen (1896–1898). Der philippinische Arzt, Schriftsteller und Freidenker José Rizal (1861–1896) hatte die Unterdrückung durch die spanische Kolonialmacht auf den Philippinen angeprangert und insbesondere die Rolle der katholischen Orden hierbei. Anlässlich des philippinischen Katipunan-Freiheitskampfes wurde Rizal verhaftet und erschossen. Seither gilt er als philippinischer Nationalheld und Symbol der philippinischen Unabhängigkeitsbewegung.
Im September 1904 war Belén auf dem Internationalen Freidenker-Kongress in Rom unter den 300 Mitgliedern der spanischen Delegation, neben Francesc Ferrer i Guàrdia (1859–1909, dem libertären spanisch-katalanischen Pädagogen, der am 13.10.1909 nach einem Schauprozess durch eine klerikal beeinflusste Justiz hingerichtet wurde) und Fernando Lozano Montes, genannt Demófilo (1844–1935). Belén war Mitglied des Präsidiums der 4. Sitzung am 21. September und sie ergriff häufig das Wort. Auch eine starke lateinamerikanische Delegation war in Rom vertreten, aus Chile, Argentinien, Uruguay, El Salvador, Guatemala und Brasilien.
Beim Internationalen Freidenker-Kongress 1905 im Trocadéro-Palais in Paris vertrat Belén Spanien und das spanischsprachige Südamerika. Hier sollte Belén einen umfangreichen und bemerkenswerten Bericht vorlegen, in dem sie einen Plan für die Organisation auf internationaler Ebene der Freidenker-Propaganda vorstellte, der vom Kongress mit anderen Beiträgen in voller Länge im Folgejahr in Buchform erschien.
Als Sitz des Internationalen Freidenker-Kongresses in Buenos Aires war Argentinien im Jahr 1906 das erste lateinamerikanische Land, welches einen internationalen Freidenker-Kongress ausrichtete. Nach ihrer aktiven Teilnahme reiste Belén anschließend in zahlreiche Städte und wurde auch von Freidenkerzentren, anarchistischen und sozialistischen Kreisen eingeladen. Nach ihrer Reise durch die argentinischen Provinzen ließ sie sich in Montevideo in Uruguay nieder, der Stadt, die sie als Basis für Konferenzen in anderen lateinamerikanischen Ländern über Feminismus, Freidenkertum und Antiklerikalismus nahm. 1907 konnte Belén nicht am Internationalen Freidenker-Kongress in Prag teilnehmen, aber ihre Arbeit hatte Früchte getragen.
In Montevideo schrieb Belén 1914 ihr Buch A través de un continente. El clericalismo en América („Jenseits eines Kontinents. Klerikalismus in Amerika“), das 1915 in Lissabon veröffentlicht wurde und dem uruguayischen Präsidenten José Batlle y Ordóñez (1856–1929) gewidmet war, der sich für die Trennung von Kirche und Staat eingesetzt hatte.
Im Juli 1912 besuchte Belén das revolutionäre Mexiko, um Anfang 1913 weiter in Richtung Costa Rica und Peru zu gelangen. Auf Einladung der Zeitung La Raison („Die Vernunft“), einer von Freidenkerinnen herausgegebenen Publikation, unternahm sie eine erste Vortragsreise durch Chile. Sie hielt Vorträge in Santiago, Valparaíso und Iquique, wo sie eine neue Frauenorganisation, das „Zentrum der freidenkenden Frauen Belén de Sárraga“, unterstützte und einen triumphalen Empfang erhielt. Im Norden Chiles wurden weitere Zentren der freidenkenden Frauen Belén de Sárraga gegründet. In Santiago hielt sie eine Reihe von Vorträgen, die in kirchlichen Kreisen einen großen Skandal auslösten, was deren Fanatiker sogar motivierte, Beléns Anhänger zu verprügeln. Die Vorlesungen wurden auch von vielen Arbeiterinnen und Handwerkerinnen besucht, die die Vorlesungen regelrecht beherrschten.
In der Zeitung El Bonete („Die Mütze“) aus Iquique vom 18.01.1913 spottete Belén über die gegen sie gerichtete Redewendung, dass diejenigen, die „nicht an Gott glaubten“, ein „Tier“ seien. Sie befand, dass der „christliche Sozialismus“ der „Bruder des Feudalismus“ sei, dass die Ordensleute „gerissene Komödianten und Kaufleute“ seien, „Feinde des wahren Sozialismus“: „Diese Brüder hassen jede Evolution in dem Sinne, dass sie den Massen Ideen einimpfen, die sie lehren, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden.“ Insbesondere prangerte Belén die damalige Heuchelei der Jesuiten an, die vorgaben, das Christentum mit der Wissenschaft in Einklang zu bringen und Mitgefühl für die Not der Armen zu zeigen. Belén zufolge beeinflusste der Katholizismus arme Männer und Frauen, um konservative Abgeordnete und Senatoren zu wählen, die aber nur die Interessen der Reichen vertraten.
Während der Mexikanischen Revolution und in den 1920er Jahren war Belén zusammen mit der mexikanischen Frauenrechtlerin Atala Apodaca (1884–1977) eine antiklerikale Aktivistin. Sie hielt Konferenzen in ganz Mexiko ab und unterstützte die Revolutionäre. Bis 1930 war sie in ganz Südamerika aktiv und zog dabei insbesondere den Hass der katholischen Kirche auf sich.
Belén kehrte 1931 nach Spanien zurück, als dort die Zweite Republik ausgerufen wurde. Nach dem Putsch Francos und dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs 1936 zog sie nach Frankreich und wurde Vizepräsidentin der Föderalistischen Republikanischen Partei. 1942 reiste Belén mit anderen Gruppen spanischer Exilanten nach Mexiko-Stadt, wo sie ihren Lebensabend verbringen sollte. Dort starb sie im Jahr 1951.
Der renommierte spanische Politikwissenschaftler und Dozent für Journalismus an der Universität Málaga, Bernardo Díaz Nosty, hat in seiner umfangreichen Anthologie „Voces de mujeres. Periodistas españolas …“ [„Stimmen von Frauen. Spanische Journalistinnen …“, 2019] über 50 namhafte spanische Journalistinnen porträtiert, die bezeichnet wurden als „Erben des freien Denkens, des Antiklerikalismus und des republikanischen Bewusstseins“ und die einen „kreativen, modernen und kritischen Journalismus geprägt hatten“. Darin wurde auch Belén umfangreich gewürdigt (S. 191–206), besonders in ihrer Synthese von Feminismus und Freiem Denken, da sie die Notwendigkeit betonte, auf die Begriffe „Maskulinismus“ und „Feminismus“ zu verzichten und sie im umfassenden Begriff „Humanismus“ zu verschmelzen.
Werk-Auswahl: Minucias „Kleinigkeiten“ Gedichte (1902); Weltkongress der Freidenker in Genf (1903); Vorlesungen über Soziologie und Religionskritik, gehalten in Santiago de Chile (1913); Jenseits eines Kontinents. Klerikalismus in Amerika (1914); Die Entwicklung der Völker und Ordensgemeinschaften (1915); Die Kirche in der Politik (1923); Die religiöse Frage, Mexikanische antiklerikale Föderation (1926); Die Päpstin Johanna. Historisches Zeugnis gegen den göttlichen Ursprung des Papsttums (1931); Das göttliche Vikariat: eine Synthese des päpstlichen Lebens in seinen drei wichtigsten Aspekten: politisch, moralisch und wirtschaftlich (1931).
Literatur: Louis Couturier: Belén de Sárraga, Librepensadora in: La Libre Pensée et les femmes, les Femmes et la Libre Pensée (Paris 2014, S. 324ff.); Heiner Jestrabek: Belén de Sárraga Hernández in: Freidenkerin und Frauenrechtlerin Maria Vérone. Biographische Porträts von 70 Freidenkerinnen, Vorkämpferinnen für Frauenrechte und Freies Denken (Heidenheim-Reutlingen 2024, S. 239–247).



