Wie ist die Ottawa-Deklaration entstanden und welche Diskussionen auf dem World Humanist Congress waren für ihre Verabschiedung entscheidend?
Die Ottawa-Deklaration ist nicht isoliert am Ende des Kongresses entstanden, sondern im Zuge der Zusammenarbeit an einem Dokument, viele Wochen im Vorfeld zur Konferenz. Viele Humanist*innen haben im Text sehr unterschiedliche Erfahrungen zusammengetragen: aus liberalen Demokratien ebenso wie aus autoritär regierten Staaten, aus Ländern, in denen Humanist*innen gesellschaftlich anerkannt sind, ebenso wie aus Ländern, in denen sie verfolgt werden. Die eigentliche Diskussion um die Ottawa-Deklaration fand also bereits im Vorfeld des Kongresses statt. Auf dem Kongress selbst stand deshalb weniger die Auseinandersetzung über den Text als vielmehr seine gemeinsame Verabschiedung im Mittelpunkt.
Was bedeutet es konkret, „Humanismus als Widerstand“ zu verstehen? Wogegen muss Humanismus heute Widerstand leisten?
„Widerstand“ würde ich zuvorderst nicht als permanente Kampfeshaltung verstehen. Der Kongress hat sehr deutlich gemacht, dass dieses Verständnis zu eng wäre.
Doch von vorne: Es gibt Bedingungen, unter denen menschliche Freiheit, Selbstbestimmung und Verständigung möglich sind – und Humanist*innen dürfen nicht neutral bleiben, wenn diese Bedingungen systematisch zerstört werden. Die Ottawa-Deklaration benennt diese Gefährdungen sehr konkret: Autoritarismus und Kriegstreiberei, aggressiven Nationalismus und Demagogie, Hass und Entmenschlichung, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, Wissenschaftsleugnung und gezielte Desinformation, Eingriffe in Gedanken- und Meinungsfreiheit sowie technologische Entwicklungen, die Würde, Privatsphäre und demokratische Kontrolle untergraben.
Die Wahl in Sachsen-Anhalt macht diese Frage für Deutschland auf dramatische Weise aktuell. Ein Ergebnis, bei dem mehr als vierzig Prozent der Wähler*innen ihre Stimme der AfD geben, kann uns als Humanist*innen nicht gleichgültig lassen. Zugleich wäre es vermessen, zu behaupten, wir hätten bereits die überzeugende Antwort darauf gefunden, wie humanistischer Widerstand unter diesen Bedingungen aussehen muss, sonst stünden wir heute nicht an diesem Punkt.
Vielleicht muss deshalb am Anfang tatsächlich eine Phase des genaueren Zuhörens und Verstehens stehen. Das bedeutet nicht, rechtsextreme oder menschenfeindliche Positionen zu relativieren. Aber wir müssen genauer verstehen, warum so viele Menschen das Vertrauen in demokratische Politik und ihre Institutionen verloren haben. Nicht jede politische Frustration ist eingebildet oder das Ergebnis populistischer Manipulation. Menschen erleben politische Entscheidungen als weit entfernt von ihrem Alltag, sie erleben gebrochene Versprechen, schwer nachvollziehbare Verfahren, mangelnde Beteiligungsmöglichkeiten und bisweilen auch eine politische Sprache, in der sie sich und ihre Erfahrungen nicht wiederfinden. Auch ich hadere zuweilen damit, wie skrupellos Politik stattfindet, und kann die Frustration verstehen. Zugleich ist mir die Konsequenz, die manche daraus ziehen, unverständlich.
Enttäuschungen ernst zu nehmen, heißt also nicht, die daraus gezogenen politischen Konsequenzen gutzuheißen. Im Gegenteil: Gerade wenn wir verhindern wollen, dass reale Erfahrungen von Ohnmacht, Kontrollverlust oder Nichtgehörtwerden von antidemokratischen Kräften besetzt werden, müssen demokratische Politik und Zivilgesellschaft darauf eigene Antworten finden.
Humanistischer Widerstand wäre dann nicht nur das entschiedene Nein gegenüber Menschenfeindlichkeit und Angriffen auf die Demokratie. Er wäre zugleich die Arbeit an einer demokratischen Kultur, die gesellschaftliche Entfremdung nicht nur beklagt, sondern ihr etwas entgegensetzt: Begegnung, Beteiligung, Verlässlichkeit, Streitfähigkeit und die Erfahrung, mit der eigenen Stimme tatsächlich etwas bewirken zu können.
Welche Aussagen der Ottawa-Deklaration sind für den Humanistischen Verband Deutschlands besonders wichtig?
Für unseren Verband sehe ich vor allem vier zentrale Botschaften.
Erstens die ausdrückliche Verbindung von Humanismus, Menschenrechten und Demokratie. Die Deklaration sagt sehr klar, dass individuelle Haltung allein nicht genügt. Es braucht Rechtsstaatlichkeit, demokratische Verfahren und internationale Menschenrechtsnormen, die Macht begrenzen und Menschen schützen.
Zweitens ist die Passage über Entmenschlichung besonders wichtig. Die Deklaration weist darauf hin, dass Menschenrechtsverletzungen häufig dort beginnen, wo bestimmte Gruppen sprachlich oder moralisch aus der Gemeinschaft der Gleichwertigen herausdefiniert werden.
Drittens halte ich die Verbindung von Vernunft und „radical hope“ für wichtig. Humanismus darf nicht nur erklären, warum Populismus, Verschwörungserzählungen oder Wissenschaftsleugnung falsch sind. Er muss Menschen zugleich die Erfahrung vermitteln, gesellschaftliche Verhältnisse beeinflussen zu können.
Und viertens ist für einen Verband wie unseren der Auftrag entscheidend, offene, nach außen gerichtete humanistische Gemeinschaften aufzubauen. Es reicht nicht, eine weltanschauliche Binnenorganisation zu sein, die hauptsächlich mit Menschen spricht, die ohnehin ähnlich denken.
Die Deklaration begreift Humanismus nicht nur als Wertesystem, sondern als aktive Haltung. Was folgt daraus für einzelne Humanist*innen und humanistische Organisationen?
Humanistische Haltung zeigt sich beispielsweise darin, einer entmenschlichenden Bemerkung zu widersprechen, Informationen zu überprüfen, sich an demokratischen Entscheidungen zu beteiligen, bedrohten Menschen beizustehen oder Verantwortung in Vereinen, Initiativen und Nachbarschaften zu übernehmen.
Für Organisationen ist der Anspruch höher. Wer sich institutionell auf Humanismus beruft, muss sich fragen: Wo wird Humanismus in unserem eigenen Handeln praktisch?
Für den Humanistischen Verband betrifft das nicht nur Stellungnahmen und politische Kommunikation. Es betrifft Kitas, Schulen und Lebenskunde, Jugend- und Sozialarbeit, Hospize, Beratung, Hochschulen, Feierkultur und Gemeinschaftsangebote. Gerade diese alltäglichen Orte können demokratische Infrastruktur sein: Räume, in denen Menschen Selbstwirksamkeit, Respekt, Widerspruch, Kooperation und die Gleichwertigkeit unterschiedlicher Lebensentwürfe erfahren.
Das halte ich für einen wichtigen Unterschied zu einem ausschließlich politischen Verständnis von Widerstand: Eine Gesellschaft wird nicht allein im Parlament demokratisch oder autoritär. Sie wird es auch in ihren Institutionen und alltäglichen sozialen Beziehungen.
Die Ottawa-Deklaration wendet sich gegen Autoritarismus, Hass, Entmenschlichung, Wissenschaftsleugnung und Desinformation. Was kann Humanismus diesen Entwicklungen konkret entgegensetzen?
Humanismus kann diesen Entwicklungen zunächst Vernunft ohne Überheblichkeit entgegensetzen. Es reicht nicht, Menschen zu erklären, dass sie falschen Informationen aufgesessen sind oder wissenschaftliche Erkenntnisse nicht verstanden haben. Wissenschaftliches Denken bedeutet gerade, Unsicherheit auszuhalten, Quellen kritisch zu prüfen, zwischen Wissen, Wahrscheinlichkeit und Meinung zu unterscheiden – und auch die eigenen Annahmen korrigieren zu können. Eine solche Haltung verbindet Vernunft mit intellektueller Bescheidenheit.
Genauso wichtig ist ein konsequenter humanistischer Universalismus. Menschenrechte gelten nicht nur für diejenigen, die uns politisch, kulturell oder persönlich nahestehen. Die gleiche Würde jedes Menschen ist nicht verhandelbar. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung muss Humanismus deshalb jeder Form gruppenbezogener Abwertung und Entmenschlichung widersprechen. Diese Aufgabe ist eine große Aufgabe und eine, die uns begleiten wird.
Diese Klarheit darf meines Erachtens allerdings nicht mit einer Haltung verwechselt werden, die jeden gesellschaftlichen Konflikt sofort moralisch auflädt. Nicht jede Skepsis gegenüber Migration, Klimapolitik, ‚Gendern‘ oder gesellschaftlichem Wandel ist bereits demokratiefeindlich. Wenn wir unterschiedliche Positionen vorschnell moralisch sortieren, können wir Polarisierungsdynamiken verstärken; das ist eine Lektion der letzten Jahre. Humanismus braucht deshalb Dialogfähigkeit statt Kulturkampf: die Bereitschaft, zuzuhören, Interessen und Erfahrungen hinter Positionen zu verstehen und auch unbequeme Auseinandersetzungen auszuhalten. Ich muss zugestehen, dass mich das oft auch persönlich an die Grenzen treibt, aber es erscheint mir wichtig.
Vielleicht liegt eine der wichtigsten humanistischen Antworten aber noch eine Ebene tiefer. Die Ottawa-Deklaration formuliert, dass Autoritarismus von Isolation profitiert, Humanismus dagegen von Verbindung. Wir brauchen deshalb Gemeinschaft statt Vereinzelung – Orte, an denen Menschen einander tatsächlich begegnen, miteinander streiten und die Erfahrung machen können, trotz unterschiedlicher Auffassungen Teil einer Gemeinschaft zu sein. Gerade humanistische Organisationen können solche Räume schaffen.
Und schließlich brauchen wir Selbstwirksamkeit statt Ohnmacht. Eine demokratische Antwort auf Vertrauensverlust kann nicht einfach lauten: „Unsere Institutionen funktionieren – vertraut ihnen wieder.“ Vertrauen lässt sich nicht verordnen. Es entsteht auch dadurch, dass Menschen erleben, dass ihnen zugehört wird, dass Beteiligung Konsequenzen hat und dass sie ihre Lebensbedingungen tatsächlich mitgestalten können.
Wie kann der Humanistische Verband Deutschlands Räume für unterschiedliche Perspektiven, kontroverse Debatten und Dissens schaffen und zugleich klar gegen Hass, Entmenschlichung und demokratiefeindliche Positionen Stellung beziehen?
Das ist ohne Frage eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Ich würde eine humanistische Organisation weder als vollkommen neutralen Debattenraum verstehen noch als politische Gemeinschaft, in der möglichst alle dasselbe denken sollen. Der Maßstab könnte lauten: größtmögliche Pluralität innerhalb eines nicht verhandelbaren menschenrechtlichen Rahmens.
Innerhalb dieses Rahmens muss Streit möglich sein. Wir sollten wieder lernen, Differenz auszuhalten. Die Bedingungen dieses Streits selbst sind aber nicht beliebig. Wo Menschen die gleiche Würde anderer infrage stellen oder demokratische Grundprinzipien nicht mehr anerkennen, ist eine Grenze erreicht.
Was bedeutet die Aufforderung zu lokal anpassbaren „calls to action“ für unseren Verband? Welche nächsten Schritte sollte der Verband jetzt gehen?
Zuallererst sollte unser Verband eine eigene Auslegung von „Humanismus als Widerstand“ entwickeln. Diese Hausaufgabe liegt noch vor uns. Nicht als neue Grundsatzerklärung, sondern als kurze strategische Positionsbestimmung: Was heißt Widerstand in einer pluralistischen Demokratie? Wo brauchen wir Abgrenzung, wo Dialog, wo institutionellen Schutz und wo neue Beteiligungsformen? Im Landesverband Berlin-Brandenburg beschäftigen wir uns zum Beispiel auf unserer nächsten Präsidiumsklausur exklusiv mit diesem Thema und versuchen einen Transfer, der die aktuellen politischen Kontexte – drei Landtagswahlen – mit einbezieht.
Darüber bietet die Ottawa-Deklaration einen guten Anlass, unsere eigene demokratische Infrastruktur zu überprüfen. Sind unsere Einrichtungen tatsächlich Orte wertschätzender Begegnung? Erreichen wir Menschen außerhalb der eigenen weltanschaulichen Milieus? Ermöglichen wir Widerspruch? Haben Mitarbeitende Handlungssicherheit im Umgang mit rassistischen, antisemitischen, sexistischen oder anderen entmenschlichenden Äußerungen?
Wir werden uns jetzt selbstkritisch auf den Weg machen müssen: werbend und wehrhaft zugleich. Das wird nicht immer einfach sein, denn es verlangt von uns, offen zu bleiben, wo Verständigung möglich ist, und zugleich klare Grenzen zu ziehen, wo Menschenwürde und demokratische Grundprinzipien infragegestellt werden.



