Viele Menschen haben sich in den letzten Tagen zum Wahlausgang in Sachsen-Anhalt ausgetauscht. In meinem Umfeld ging es um Bestürzung, offene Fragen und immer wieder darum, was „wir” tun können.
Zunächst das Wichtigste vorweg: Wir sollten das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt ernst nehmen. Es ist keine Kleinigkeit, wenn Menschen nach der Macht greifen können, die unser Gesellschaftssystem abschaffen wollen und die Grundprinzipien unseres Zusammenlebens infrage stellen.
Christiane Herrmann hat auf humanismus.de das Ergebnis präzise analysiert – die Zahlen, die Verfassungsschutzberichte, die historischen Parallelen, was 44,5 Prozent für die Demokratie bedeuten. Ich möchte das hier nicht wiederholen.
Ich möchte heute an uns appellieren, der Freude den Vorzug zu geben. Nicht der Freude über den Wahlsieg der „National-Neoliberalen“, wie Marc-Uwe Kling die AfD gerne nennt, sondern vielmehr zum Trotz und als ein Zeichen des Widerstands. Ich weiß, das mag nun seltsam klingen, doch lassen Sie es mich erklären.
Beim Humanistischen Weltkongress in Ottawa stand in diesem Sommer ein Thema im Mittelpunkt: Humanism as Resistance – Humanismus als Widerstand. Humanist*innen aus aller Welt haben dort darüber diskutiert, was dieser Widerstand bedeutet und welche Formen er annehmen kann. Eine Form davon hat mich seit den Berichten der Teilnehmenden nicht losgelassen: „Joy“ as a kind of resistance. Also „Freude“ als eine Form des Widerstands. Ich sehe in diesem Gedanken eine Schönheit, eine Widerspenstigkeit und auch die nötige Beharrlichkeit. In dem Gedanken allein entsteht auch schon das richtige Gefühl, sich der Angst zu stellen und sich aufzurichten.
Der Soziologe Hartmut Rosa hat in der „Zeit“ am Tag nach der Wahl etwas herausgearbeitet, das diesen Gedanken gut ergänzt: Die Wahlkampfveranstaltungen der AfD beschreibt er als fröhlich, ausgelassen, gar karnevalsartig. Und diese Fröhlichkeit rühre daher, dass die AfD eine Art Hoffnung verbreite, eine Art Bewegungsgefühl. Das Gefühl, dass sich etwas verändert und man Teil von etwas ist, das größer ist als man selbst.
Es liegt auf der Hand, dass Humanist*innen nur Parteien nahestehen können, die die Würde des Menschen und die Freiheit als unverhandelbar ansehen, oder anders gesagt: jene, die unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung anerkennen und stützen.
In den vergangenen Jahren standen viele dieser demokratischen Parteien zunehmend in der Rolle der Verteidigung. Das war angesichts der politischen Entwicklungen oft nachvollziehbar. Gleichzeitig entstand dadurch stellenweise der Eindruck, Politik erschöpfe sich im Verhindern des Schlimmsten, während positive Zukunftsbilder in den Hintergrund rückten. Jedes Bündnis, so groß es auch war, wurde geschmiedet, um dagegen zu sein, zu verhindern. Die Profile der demokratisch orientierten Parteien verschwammen zunehmend und die eigenen Handlungen, sogar ganze Wahlkämpfe wurden strategisch auf das Ziel ausgerichtet, den AfD‑Wahlsieg zu verhindern. So verloren sie an Profil, Unterscheidbarkeit und vermochten es auch selten zu begeistern. Ich frage Sie als Lesende: Wenn Sie selbst auf ein paar Veranstaltungen jener Parteien waren, können Sie sich dort an karnevalsartige Stimmung erinnern? Wahrscheinlich gehört so etwas der Vergangenheit an. Die Schönheit darin, gemeinsam etwas zu bewegen, ist verloren gegangen.
Nun scheint die AfD tatsächlich Regierungsverantwortung zu übernehmen. So schwer es fällt, sich vorzustellen, welche Grundprinzipien künftig in Zweifel gezogen oder gar abgeschafft werden. Es liegt darin auch die Chance. Die Chance der Profilierung der Parteien in der Opposition. Die Chance, zu zeigen, wofür man steht, und damit die Menschen zu begeistern. Das ist sicher keine kleine Aufgabe und gewiss auch keine schnelle.
Und wenn wir uns ehrlich machen, sind auch viele von uns einem Verhinderungsgedanken so sehr verfallen, dass es in der Vergangenheit auch uns mehr um das Abwehren ging, als etwas Positives zu gestalten. Mehrere Menschen berichteten mir auch in den vergangenen Jahren von einer Schockstarre, weil nichts zu helfen schien, gegen die Frechheiten, diese unverhohlenen Menschenverachtungen und gar offensichtlichen Lügen. Wir saßen teilweise wie ein Kaninchen vor der Schlange.
Und genau hier liegt auch unsere Aufgabe.
Denn Rosa zeigt auch, warum die „National-Neoliberalen“ funktionieren: Sie nutzen den Hass als Treibstoff. Klar ist dieser reich an Energie. Doch dieser macht auf lange Sicht nicht glücklich und erst recht gibt er keinen eigenen Sinn. Er entkernt die Menschen, die am Ende doch wieder gute Menschen sein wollen. Damit zeigt er gleichzeitig, was humanistische Kräfte brauchen und geben sollten: einen positiven Grund, um Menschen zu versammeln. Es braucht ein gemeinsames positives Bild von der Welt, ein gemeinsames Ziel, an dem alle mittun. Ein inneres Bekenntnis für etwas und nicht gegen etwas. Das ist es, was auf Dauer trägt.
Genau hier gilt es, den Menschen ein Angebot zu machen, mit einem positiven Blick auf die Welt, mit einem konstruktiven und ja, auch mit Freude und Lachen, in einem Land, in dem es politisch dunkler wird.
Wir haben so viele weltanschauliche positiv-humanistische Angebote, von der NamensFEIER über die JugendFEIER bis zur TrauerFEIER, in einer seelsorgerischen Lebensbegleitung, einem von Selbstbestimmung geprägten Gespräch zur Patientenverfügung genauso wie ein Kinder-Straßenfest oder im Humanistischen Lebenskundeunterricht. Und das sind nur einige Beispiele.
Das sind keine abstrakten Angebote. Dort begegnen sich Menschen, dort entstehen Vertrauen, Gemeinschaft und das Gefühl, selbst etwas bewirken zu können. Genau dort beginnt eine wirksame Form des Widerstands: nicht nur im Widerspruch gegen Menschenfeindlichkeit, sondern im aktiven Aufbau und Leben dessen, was wir bewahren und stärken wollen. Ein Wahlerfolg muss nicht das Ziel sein, es geht darum, unsere Mitmenschen zu erwärmen.
Wenn in unseren Treffpunkten Menschen zusammenkommen und miteinander lachen,
wenn die Eltern zu Tränen gerührt sind, während ihr Kind symbolisch den Schritt in die Reihe der Erwachsenen macht,
wenn man in schwierigen Zeiten nicht allein ist, manchmal still beisammensitzt, wenn es nichts gibt, was man sagen kann, oder
wenn junge Menschen gemeinsam für Jugendliche eine Reise organisieren
– dann entstehen Gemeinschaft, Gefühl und Kraft.
Wir kommen aus unserer Schockstarre und bewegen uns, bleiben unbeirrt. Und dabei werden wir gesehen und erreichen weitere Menschen. Das ist es, was wir tun können, jeder für sich und gemeinsam.
Also kurz und knapp: Wenn unser Tun zum Widerstand wird, dann füllen wir diesen doch mit Freude. Und deswegen sage ich trotz dieses zweifelsohne traurigen Anlasses:
Lasst uns lächelnd in den Widerstand gehen.



