Die Wahlen in Sachsen-Anhalt

Nach der Anhaltiner Zäsur: Wie weiter mit den Reformen?

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Foto: Evelin Frerk

Beitragsbild: Deny Hill/Unsplash

Der Erdrutschsieg der AfD in Sachsen-Anhalt war für viele keine Überraschung. Die als tief unsozial empfundene Reformpolitik der Bundesregierung und die erfolgreiche Besetzung der sozialen Frage waren ebenso entscheidend wie identitäre "Ostalgie", ein Gemeinschaftsgefühl und die starke Präsenz der AfD in den ländlichen Gebieten. Johannes Schwill analysiert die Hintergründe in seiner politischen Kolumne.

Vie­le haben sich in den ver­gan­ge­nen Tagen zum 6. Sep­tem­ber geäu­ßert: scho­ckiert, ent­setzt, nüch­tern ana­ly­sie­rend, aber kaum wirk­lich über­rascht. Denn das Unheil war lei­der abseh­bar. Die von vie­len Men­schen als tief unso­zi­al emp­fun­de­ne Reform­po­li­tik der Bun­des­re­gie­rung war der ent­schei­den­de Trig­ger und Ver­stär­ker für den blau-brau­nen Erd­rutsch­sieg der AfD in Sach­sen-Anhalt. Zumin­dest in die­sem armen, wenig mul­ti­kul­tu­rel­len, nicht durch Zu‑, son­dern durch Abwan­de­rung geschwäch­ten Bun­des­land hat sie die sozia­le Fra­ge erfolg­reich von der SPD und den Lin­ken, aber auch vom christ­so­zia­len Flü­gel der CDU „geka­pert“ (Jana Hen­sel). Expli­zit neo-völ­ki­sche Iden­ti­täts­po­li­tik spiel­te im Wahl­kampf nur eine gerin­ge­re Rol­le; wich­ti­ger war iden­ti­tä­re „Ost­al­gie“ und ein war­mes „Wir“-Gefühl, unter­füt­tert durch die emsi­ge Real­prä­senz der AfD, vor allem in den länd­li­chen Gebie­ten.

Dass das AfD-Pro­gramm öko­no­misch wider­sprüch­lich ist und Men­schen mit klei­nen Geld­beu­teln eher scha­det, hat vie­le sich miss­ach­tet füh­len­de Bürger*innen nicht davon abge­hal­ten, dies­mal blau zu wäh­len. Wich­ti­ger war das Bauch­ge­fühl, dass grund­sätz­lich wie­der etwas „ins Lot“ kom­men müs­se, nicht nur im Osten. Und dass man den „Alt“-Parteien mal Bescheid sagen müs­se, weil sie die Sys­tem­kri­se offen­bar nicht lösen könn­ten. Die fal­sche Schuld­zu­wei­sung bei den Migrant*innen blen­den vie­le ger­ne aus. 

Zum Ursa­chen­bün­del gehö­ren sicher­lich auch die welt­wei­ten Kri­sen (Krie­ge, Kli­ma etc.), die Teue­rung, die Trans­for­ma­tio­nen des digi­ta­len Finanz­ka­pi­ta­lis­mus, die popu­lis­ti­schen Trends zum Auto­ri­tä­ren und zur natio­na­len Abschot­tung, die köcheln­de Sys­tem­kri­se in der „Deutsch­land-AG“, der wach­sen­de sozio­kul­tu­rel­le und öko­no­mi­sche Stadt-Land-Gap sowie oben­drein die „ost­ty­pi­schen“ Fol­gen und Iden­ti­täts­pro­ble­me nach der teil­wei­se miss­glück­ten Ein­heit.

Für das Akti­ons­feld „Demo­kra­tie ver­tei­di­gen“ wur­den in den ver­gan­ge­nen Wochen vie­le gute Lösun­gen vor­ge­schla­gen, vor allem die Stär­kung der Zivil­ge­sell­schaft, der Zivil­cou­ra­ge und der demo­kra­ti­schen Ver­net­zung. Und für beson­ders Muti­ge die akti­ve Neu­be­sied­lung des länd­li­chen Rau­mes durch Agrar­ko­ope­ra­ti­ven, kul­tu­rel­le Initia­ti­ven und „Pio­nie­re“.

Heu­te soll nur die Fra­ge erör­tert wer­den, ob es Sinn macht, ange­sichts die­ses mas­si­ven Miss­trau­ens­vo­tums gegen die Bun­des­re­gie­rung und auch gegen den Bun­des­kanz­ler per­sön­lich die Reform­pa­ke­te wie­der „auf­zu­ma­chen“, oder ob die Refor­men auch gegen gro­ße Wider­stän­de schnell „durch­ge­zo­gen“ wer­den soll­ten, wie vor allem Sprecher*innen der Wirt­schaft for­dern.

Ein kla­res Ja! Die Chan­ce soll­te ergrif­fen wer­den, dazu­zu­ler­nen und die Reform­pa­ke­te nach­zu­bes­sern und zu erwei­tern, auch wenn es schwie­rig ist. Renten‑, Gesund­heits- und Steu­er­re­form kran­ken dar­an, dass über Jahr­zehn­te gewach­se­ne Gerech­tig­keits­lü­cken aus­ge­klam­mert wer­den. Sowohl Lücken inner­halb der Sys­te­me als auch Unge­rech­tig­kei­ten in der Gesamt­ge­sell­schaft. Das führt dazu, dass sie ins­ge­samt nur als Kür­zun­gen wahr­ge­nom­men wer­den. 

Weit ver­brei­tet ist der Ein­druck, dass die Rei­chen immer rei­cher wer­den und die Klei­nen, vor allem in der „Pro­vinz“, immer mehr abge­hängt wer­den, öko­no­misch, kul­tu­rell und ver­kehrs­tech­nisch. Es ist sym­bo­lisch fatal, dass der ICE von Han­no­ver nach Ber­lin durch „Sibi­ri­en“ ein­fach durch­braust. Hin­zu kommt die Kri­tik an der Gleich­zei­tig­keit von vie­len klei­nen Spar­maß­nah­men mit den gro­ßen, kre­dit­ba­sier­ten Inves­ti­tio­nen in Nach­rüs­tung und Infra­struk­tur, die wie ein Fass ohne Boden erscheint. Mit einer eini­ger­ma­ßen aus­ba­lan­cier­ten, über­zeu­gend begrün­de­ten Las­ten­ver­tei­lung wären sie leich­ter zu recht­fer­ti­gen.

Bei der Schrö­der­schen Agen­da­po­li­tik wur­de immer­hin das kon­sens­fä­hi­ge Ziel kom­mu­ni­ziert, die Arbeits­lo­sig­keit abzu­bau­en und den Arbeits­markt in Ord­nung zu brin­gen. Die heu­ti­gen Reform­zie­le sind abs­trakt; Bei­fall der Jün­ge­ren oder der Klimakämpfer*innen bleibt aus.

Schau­en wir genau­er hin, zuerst bei der Ren­te. „Volks­schu­le Sau­er­land“ (Franz Mün­te­fe­ring) reicht für die Ein­sicht, dass das Umla­ge­prin­zip durch die Demo­gra­phie in eine Schief­la­ge gera­ten ist. Es gibt aber zu vie­le offe­ne, lei­der lan­ge ver­schlepp­te Fra­gen, und es wird nicht deut­lich, dass „allen Zuge­ständ­nis­se abver­langt wer­den“ (Vor­wort Ren­ten­kom­mis­si­on). Vie­le – wenn über­haupt – aus Steu­ern zu finan­zie­ren­de Leis­tun­gen wur­den der Ren­ten­ver­si­che­rung auf­ge­bür­det. Die Beam­ten­pen­sio­nen wer­den nicht ein­be­zo­gen; die Lebens­er­war­tung von ver­schie­de­nen Beru­fen und die Optio­nen auf ergän­zen­de Ein­künf­te wer­den zu wenig berück­sich­tigt; vie­le klei­ne Ren­ten müss­ten eigent­lich direkt durch eine staat­li­che Basis­ren­te ergänzt wer­den; die  Früh­ver­ren­tungs­va­ri­an­ten wer­den zu oft von Gut­ver­die­nern genutzt, die sich Abschlä­ge leis­ten kön­nen.

Hier muss nach­ge­bes­sert wer­den; 45 Arbeits­jah­re sind für hart Arbei­ten­de genug. Posi­tiv ist, dass Kapi­tal­markts­ge­win­ne zur Finan­zie­rung her­an­ge­zo­gen wer­den sol­len. Hier wäre aber z.B. über Staats­fonds noch viel mehr mög­lich. Zum The­ma „gerech­ter Gene­ra­tio­nen­ver­trag“ gehört übri­gens auch eine aus­ge­wo­ge­ne Bür­ger­dienst­pflicht (Wehr- oder Zivil­dienst).

Die Gesund­heits­re­form krankt dar­an, dass die Zwei-Klas­sen-Medi­zin nicht ange­rührt wird. Die Medi­ka­men­ten­zu­zah­lung sorgt für Empö­rung, zumal bekannt ist, dass im euro­päi­schen Aus­land vie­le Medi­ka­men­te erheb­lich güns­ti­ger sind. Kas­sen­vor­stän­de zocken mit Geld der  Kas­sen. Die Krank­schrei­bungs­pflicht soll aber vom ers­ten Tag an gel­ten – ein schä­bi­ges Miss­trau­ens­vo­tum gegen die Bürger*innen. Und aus­ge­rech­net bei der Psy­cho­the­ra­pie wird gespart. Es bleibt der Ein­druck, dass sich auch hier weni­ge mit dem Segen des Staa­tes die Taschen voll machen und die gesetz­lich ver­si­cher­te Mehr­heit am bes­ten nicht krank wird.

Die größ­te Unge­rech­tig­keit klafft jedoch bei der Besteue­rung. Hohe Ein­kom­men, Kapi­tal­ge­win­ne, gro­ße Erb­schaf­ten und auch Geld­ge­schäf­te sind deut­lich stär­ker zu besteu­ern, damit sich wie­der ein Gefühl ein­stellt, dass sich ehr­li­che Arbeit und Enga­ge­ment loh­nen und es im Gan­zen eini­ger­ma­ßen gerecht zugeht. Auch die Mana­ger­haft­pflicht müss­te schär­fer grei­fen.

Zum Schluss noch ein poli­ti­sches Sys­te­m­ar­gu­ment für das Nach­bes­sern: In einer Demo­kra­tie ent­schei­den die Par­la­men­te über die Geset­ze, Insti­tu­tio­nen und Rah­men­be­din­gun­gen. Nicht Exper­ten­kom­mis­sio­nen. Die Exe­ku­ti­ve muss manch­mal schnell han­deln, was sie z.B. in der  Coro­na­zeit (natür­lich nicht unum­strit­ten), bei der Gas­be­schaf­fung  im Ukrai­ne­krieg oder  bei den (zur AfD-Ein­däm­mung fata­ler­wei­se wir­kungs­lo­sen) Grenz­kon­trol­len gezeigt hat. Par­la­men­ta­ri­sche Bera­tun­gen und Mehr­heits­bil­dun­gen brau­chen jedoch oft Zeit und sind bis­wei­len müh­sam. Erst recht bei lan­ge ver­schlepp­ten Sozi­al­staats­re­for­men. Von Koali­ti­ons­ver­trä­gen hin­ge­gen steht nichts im Grund­ge­setz; sie sind nicht in Stein gemei­ßelt und müs­sen an neue Rea­li­tä­ten und poli­ti­sche Her­aus­for­de­run­gen ange­passt wer­den – nicht umge­kehrt. Als Huma­nist sage ich: Bit­te bei Grund­satz­fra­gen mehr beson­ne­ne Debat­te und weni­ger Zack-zack!

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1 Kommentar zu „Nach der Anhaltiner Zäsur: Wie weiter mit den Reformen?“

  1. Iden­ti­tä­re „Ost­al­gie“?

    Schon in der Anmo­de­ra­ti­on stol­per­te ich über den Begriff „iden­ti­tä­re ‘Ost­al­gie’”. Die Debat­te ist 35 Jah­re alt und immer ein Vor­wurf, neu­er­dings ein Ver­dikt, wegen der „Iden­ti­tä­ren“, also dop­pelt unheil­schwan­ger.
    „Ost­al­gie“ hat­te Höhen und Tie­fen und diver­se Ein­sät­ze. Tex­te dazu leb­ten 2019 mal wie­der auf, als Patri­ce Pou­trus in der ZEIT-Aus­ga­be vom 9. Novem­ber [!] den Begriff „Neo-Ost­al­gi­ker“ ein­führ­te und ihn rela­ti­vier­te.
    Nun erwacht die Zuschrei­bung erneut zum Leben, was auf sei­nen Gegen­part ver­weist, sei­nen Ursprung, die Sehn­sucht nach dem Lebens­ge­fühl im frü­he­ren West­deutsch­land. Auf­fäl­lig ist, dass die Mehr­heit der Wahl­for­scher es bis­her strikt ver­mie­den hat, in den Ereig­nis­sen von Sach­sen-Anhalt ein ost­deut­sches Phä­no­men zu sehen.
    Doch in dem vor­lie­gen­den Text kommt sie vor, die „iden­ti­tä­re ‘Ost­al­gie’“ und wird durch pri­va­te Deu­tun­gen noch ange­rei­chert. Denn es steht geschrie­ben: „Es ist sym­bo­lisch fatal, dass der ICE von Han­no­ver nach Ber­lin durch ‘Sibi­ri­en’ ein­fach durch­braust.“
    Der Satz spie­gelt ja eine Rea­li­tät, aber er ist nicht nur fatal, son­dern in einem huma­nis­ti­schen Por­tal gewöh­nungs­be­dürf­tig, weil: Er wie­der­be­lebt ein bekann­tes, Kon­rad Ade­nau­er zuge­schrie­be­nes Zitat, von dem aller­dings unklar ist, ob er es selbst sag­te oder es von sei­nem Begleit­per­so­nal kol­por­tiert wur­de, als hät­te er es gesagt. Aber es spie­gelt bis heu­te eine Kul­tur­sicht. Es lau­tet: „Öst­lich der Elbe beginnt die asia­ti­sche Step­pe“ (vari­iert oft auch als „Hin­ter Mag­de­burg beginnt Sibi­ri­en“ oder die „sibi­ri­sche Step­pe“.
    Dass der ICE „durch ‘Sibi­ri­en’ ein­fach durch­braust“, nennt man einen Lap­sus Lin­guae, eine sprach­li­che Fehl­leis­tung. Sor­ry.

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