Viele haben sich in den vergangenen Tagen zum 6. September geäußert: schockiert, entsetzt, nüchtern analysierend, aber kaum wirklich überrascht. Denn das Unheil war leider absehbar. Die von vielen Menschen als tief unsozial empfundene Reformpolitik der Bundesregierung war der entscheidende Trigger und Verstärker für den blau-braunen Erdrutschsieg der AfD in Sachsen-Anhalt. Zumindest in diesem armen, wenig multikulturellen, nicht durch Zu‑, sondern durch Abwanderung geschwächten Bundesland hat sie die soziale Frage erfolgreich von der SPD und den Linken, aber auch vom christsozialen Flügel der CDU „gekapert“ (Jana Hensel). Explizit neo-völkische Identitätspolitik spielte im Wahlkampf nur eine geringere Rolle; wichtiger war identitäre „Ostalgie“ und ein warmes „Wir“-Gefühl, unterfüttert durch die emsige Realpräsenz der AfD, vor allem in den ländlichen Gebieten.
Dass das AfD-Programm ökonomisch widersprüchlich ist und Menschen mit kleinen Geldbeuteln eher schadet, hat viele sich missachtet fühlende Bürger*innen nicht davon abgehalten, diesmal blau zu wählen. Wichtiger war das Bauchgefühl, dass grundsätzlich wieder etwas „ins Lot“ kommen müsse, nicht nur im Osten. Und dass man den „Alt“-Parteien mal Bescheid sagen müsse, weil sie die Systemkrise offenbar nicht lösen könnten. Die falsche Schuldzuweisung bei den Migrant*innen blenden viele gerne aus.
Zum Ursachenbündel gehören sicherlich auch die weltweiten Krisen (Kriege, Klima etc.), die Teuerung, die Transformationen des digitalen Finanzkapitalismus, die populistischen Trends zum Autoritären und zur nationalen Abschottung, die köchelnde Systemkrise in der „Deutschland-AG“, der wachsende soziokulturelle und ökonomische Stadt-Land-Gap sowie obendrein die „osttypischen“ Folgen und Identitätsprobleme nach der teilweise missglückten Einheit.
Für das Aktionsfeld „Demokratie verteidigen“ wurden in den vergangenen Wochen viele gute Lösungen vorgeschlagen, vor allem die Stärkung der Zivilgesellschaft, der Zivilcourage und der demokratischen Vernetzung. Und für besonders Mutige die aktive Neubesiedlung des ländlichen Raumes durch Agrarkooperativen, kulturelle Initiativen und „Pioniere“.
Heute soll nur die Frage erörtert werden, ob es Sinn macht, angesichts dieses massiven Misstrauensvotums gegen die Bundesregierung und auch gegen den Bundeskanzler persönlich die Reformpakete wieder „aufzumachen“, oder ob die Reformen auch gegen große Widerstände schnell „durchgezogen“ werden sollten, wie vor allem Sprecher*innen der Wirtschaft fordern.
Ein klares Ja! Die Chance sollte ergriffen werden, dazuzulernen und die Reformpakete nachzubessern und zu erweitern, auch wenn es schwierig ist. Renten‑, Gesundheits- und Steuerreform kranken daran, dass über Jahrzehnte gewachsene Gerechtigkeitslücken ausgeklammert werden. Sowohl Lücken innerhalb der Systeme als auch Ungerechtigkeiten in der Gesamtgesellschaft. Das führt dazu, dass sie insgesamt nur als Kürzungen wahrgenommen werden.
Weit verbreitet ist der Eindruck, dass die Reichen immer reicher werden und die Kleinen, vor allem in der „Provinz“, immer mehr abgehängt werden, ökonomisch, kulturell und verkehrstechnisch. Es ist symbolisch fatal, dass der ICE von Hannover nach Berlin durch „Sibirien“ einfach durchbraust. Hinzu kommt die Kritik an der Gleichzeitigkeit von vielen kleinen Sparmaßnahmen mit den großen, kreditbasierten Investitionen in Nachrüstung und Infrastruktur, die wie ein Fass ohne Boden erscheint. Mit einer einigermaßen ausbalancierten, überzeugend begründeten Lastenverteilung wären sie leichter zu rechtfertigen.
Bei der Schröderschen Agendapolitik wurde immerhin das konsensfähige Ziel kommuniziert, die Arbeitslosigkeit abzubauen und den Arbeitsmarkt in Ordnung zu bringen. Die heutigen Reformziele sind abstrakt; Beifall der Jüngeren oder der Klimakämpfer*innen bleibt aus.
Schauen wir genauer hin, zuerst bei der Rente. „Volksschule Sauerland“ (Franz Müntefering) reicht für die Einsicht, dass das Umlageprinzip durch die Demographie in eine Schieflage geraten ist. Es gibt aber zu viele offene, leider lange verschleppte Fragen, und es wird nicht deutlich, dass „allen Zugeständnisse abverlangt werden“ (Vorwort Rentenkommission). Viele – wenn überhaupt – aus Steuern zu finanzierende Leistungen wurden der Rentenversicherung aufgebürdet. Die Beamtenpensionen werden nicht einbezogen; die Lebenserwartung von verschiedenen Berufen und die Optionen auf ergänzende Einkünfte werden zu wenig berücksichtigt; viele kleine Renten müssten eigentlich direkt durch eine staatliche Basisrente ergänzt werden; die Frühverrentungsvarianten werden zu oft von Gutverdienern genutzt, die sich Abschläge leisten können.
Hier muss nachgebessert werden; 45 Arbeitsjahre sind für hart Arbeitende genug. Positiv ist, dass Kapitalmarktsgewinne zur Finanzierung herangezogen werden sollen. Hier wäre aber z.B. über Staatsfonds noch viel mehr möglich. Zum Thema „gerechter Generationenvertrag“ gehört übrigens auch eine ausgewogene Bürgerdienstpflicht (Wehr- oder Zivildienst).
Die Gesundheitsreform krankt daran, dass die Zwei-Klassen-Medizin nicht angerührt wird. Die Medikamentenzuzahlung sorgt für Empörung, zumal bekannt ist, dass im europäischen Ausland viele Medikamente erheblich günstiger sind. Kassenvorstände zocken mit Geld der Kassen. Die Krankschreibungspflicht soll aber vom ersten Tag an gelten – ein schäbiges Misstrauensvotum gegen die Bürger*innen. Und ausgerechnet bei der Psychotherapie wird gespart. Es bleibt der Eindruck, dass sich auch hier wenige mit dem Segen des Staates die Taschen voll machen und die gesetzlich versicherte Mehrheit am besten nicht krank wird.
Die größte Ungerechtigkeit klafft jedoch bei der Besteuerung. Hohe Einkommen, Kapitalgewinne, große Erbschaften und auch Geldgeschäfte sind deutlich stärker zu besteuern, damit sich wieder ein Gefühl einstellt, dass sich ehrliche Arbeit und Engagement lohnen und es im Ganzen einigermaßen gerecht zugeht. Auch die Managerhaftpflicht müsste schärfer greifen.
Zum Schluss noch ein politisches Systemargument für das Nachbessern: In einer Demokratie entscheiden die Parlamente über die Gesetze, Institutionen und Rahmenbedingungen. Nicht Expertenkommissionen. Die Exekutive muss manchmal schnell handeln, was sie z.B. in der Coronazeit (natürlich nicht unumstritten), bei der Gasbeschaffung im Ukrainekrieg oder bei den (zur AfD-Eindämmung fatalerweise wirkungslosen) Grenzkontrollen gezeigt hat. Parlamentarische Beratungen und Mehrheitsbildungen brauchen jedoch oft Zeit und sind bisweilen mühsam. Erst recht bei lange verschleppten Sozialstaatsreformen. Von Koalitionsverträgen hingegen steht nichts im Grundgesetz; sie sind nicht in Stein gemeißelt und müssen an neue Realitäten und politische Herausforderungen angepasst werden – nicht umgekehrt. Als Humanist sage ich: Bitte bei Grundsatzfragen mehr besonnene Debatte und weniger Zack-zack!





1 Kommentar zu „Nach der Anhaltiner Zäsur: Wie weiter mit den Reformen?“
Identitäre „Ostalgie“?
Schon in der Anmoderation stolperte ich über den Begriff „identitäre ‘Ostalgie’”. Die Debatte ist 35 Jahre alt und immer ein Vorwurf, neuerdings ein Verdikt, wegen der „Identitären“, also doppelt unheilschwanger.
„Ostalgie“ hatte Höhen und Tiefen und diverse Einsätze. Texte dazu lebten 2019 mal wieder auf, als Patrice Poutrus in der ZEIT-Ausgabe vom 9. November [!] den Begriff „Neo-Ostalgiker“ einführte und ihn relativierte.
Nun erwacht die Zuschreibung erneut zum Leben, was auf seinen Gegenpart verweist, seinen Ursprung, die Sehnsucht nach dem Lebensgefühl im früheren Westdeutschland. Auffällig ist, dass die Mehrheit der Wahlforscher es bisher strikt vermieden hat, in den Ereignissen von Sachsen-Anhalt ein ostdeutsches Phänomen zu sehen.
Doch in dem vorliegenden Text kommt sie vor, die „identitäre ‘Ostalgie’“ und wird durch private Deutungen noch angereichert. Denn es steht geschrieben: „Es ist symbolisch fatal, dass der ICE von Hannover nach Berlin durch ‘Sibirien’ einfach durchbraust.“
Der Satz spiegelt ja eine Realität, aber er ist nicht nur fatal, sondern in einem humanistischen Portal gewöhnungsbedürftig, weil: Er wiederbelebt ein bekanntes, Konrad Adenauer zugeschriebenes Zitat, von dem allerdings unklar ist, ob er es selbst sagte oder es von seinem Begleitpersonal kolportiert wurde, als hätte er es gesagt. Aber es spiegelt bis heute eine Kultursicht. Es lautet: „Östlich der Elbe beginnt die asiatische Steppe“ (variiert oft auch als „Hinter Magdeburg beginnt Sibirien“ oder die „sibirische Steppe“.
Dass der ICE „durch ‘Sibirien’ einfach durchbraust“, nennt man einen Lapsus Linguae, eine sprachliche Fehlleistung. Sorry.