Lily Brauns Mädchenname Amelia Jenny Emilie Klothilde Johanna von Kretschmann verweist auf ihre adelige Herkunft. Sie entstammte einer preußischen Offiziersfamilie und einem protestantischen Elternhaus in Halberstadt. Lily stand der christlichen Religion und den dogmatischen Inhalten der Amtskirche schon in ihrer Jugend kritisch gegenüber. Bereits als 14-Jährige weigerte sie sich, sich konfirmieren zu lassen, weil sie die christliche Lehre ablehnte. Dem Pfarrer überreichte sie ihr ‚Glaubensbekenntnis‘: „Ich glaube nicht an diesen Gott. Ich glaube nicht, dass er in sechs Tagen die Welt geschaffen hat, dass er ihm zum Bilde den Menschen schuf. Ich glaube der Wissenschaft mehr als den unbekannten Fabelerzählern des alten Testaments. […] Die Kirche und ihre Dogmen halte ich für menschliche Einrichtungen, denen ein freier Geist sich nicht zu beugen braucht. Sollte dennoch die mir gelehrte christliche Religion die wahre sein, so hoffe ich das mit der Zeit zu bekennen“. Die Familie reagierte voller Panik wegen des zu befürchtenden Skandals. Nie verziehen hat sie den Eltern, dass sie gezwungen wurde, an der Konfirmation teilzunehmen.
Mitglied der Gesellschaft für Ethische Kultur
Die Oberflächlichkeit des adligen Lebens machte ihr zu schaffen. Als 23-Jährige schrieb sie an ihre Kusine: „…Ich arbeite nicht nur nichts, ich lebe nicht einmal, sondern werde gelebt“. Das sollte sich ändern. Im Alter von 25 Jahren begann sie zu schreiben. Ihr Vater war 1890 beim Kaiser in Ungnade gefallen, aus der Armee „unehrenhaft“ entlassen worden und die Familie drohte zu verarmen. Sie beschloss, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Durch die Heirat mit Georg von Gizicky 1893 wurde sie mit sozialistischen Theorien bekannt gemacht und führenden sozialdemokratischen Politikern vorgestellt. Von Gizycki war Mitgründer der Gesellschaft für Ethische Kultur. Durch seinen Einfluss erhoffte sie die Befreiung von Dogma und Kirche. Auch sie engagierte sich intensiv in der Gesellschaft für Ethische Kultur, arbeitete im Vorstand und in der Zeitschrift „Ethische Kultur“ mit. Die Gesellschaft verfolgte ein rein säkulares, humanistisches und an der Philosophie orientiertes Konzept von Moral und Zusammenleben, unabhängig von kirchlichen Dogmen. Zudem trat sie dem radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung in Berlin bei. 1895 hielt sie eine vielbeachtete Rede zum Frauenwahlrecht. Im gleichen Jahr gab sie als Lily von Gizycki den ersten Jahrgang der Zeitschrift „Die Frauenbewegung“ heraus und wurde Mitglied des Vereins Frauenwohl. Auch war sie Gründungsmitglied des von Helene Stöcker initiierten Bund für Mutterschutz.
Lily sitzt zwischen allen Stühlen
Mit ihrer eigenen Familie wie auch mit ihren adeligen StandesgenossInnen musste Lily Braun brechen, als sie, kurz nach dem Tod des ersten Mannes, 1896 mit dem zweiten Mann Heinrich Braun in die SPD eintrat. Sie wurde sogar enterbt. Die Kolleginnen aus der bürgerlichen Frauenbewegung lehnten ihr sozialdemokratisches Engagement ab. Die ParteigenossInnen standen der ‚Sozialistin‘ mit dem adligen Hintergrund, die angetreten war, die Probleme erwerbstätiger Frauen zu untersuchen, von Anfang an misstrauisch gegenüber. Sie glaubten dazu allen Grund zu haben. Schließlich hatte Lily Braun sich seit 1899 mit Heinrich Braun im Revisionismusstreit – wie Eduard Bernstein – für schrittweise Reformen eingesetzt, anstatt bei der Forderung nach einer revolutionären Veränderung der Gesellschaft zu bleiben und mitzuhelfen, den Klassenkampf voranzutreiben. Heftige Auseinandersetzungen führte die bürgerliche Sozialreformerin mit der radikalen sozialistischen Frauenrechtlerin Clara Zetkin (1857 – 1933), vor allem, weil sie in ihrem 1901 erschienenen Buch „Die Frauenfrage“ praktische Reformen zur Unterstützung berufstätiger Frauen und Mütter zum Beispiel durch genossenschaftliche Konzepte, wie Einküchenhäuser vorschlug, ohne auf den für Clara Zetkin, Ottilie Baader und ihre Weggefährtinnen notwendigen Unterschied zwischen bürgerlicher und proletarischer Lebensweise überhaupt nur einzugehen. Lilys feministischer Ansatz störte die Sozialistinnen erheblich. Auch versöhnliche Worte des Parteivorsitzenden August Bebel halfen nicht: Lily Braun wollte sich nicht anpassen, Clara Zetkin kündigte ihr daraufhin die weitere Mitarbeit an der sozialdemokratischen Frauenzeitschrift „Die Gleichheit“ und setzt sich obendrein dafür ein, dass 1902 gegen Lily Braun ein Ausschlussverfahren aus der Sozialdemokratischen Frauenorganisation wegen angeblicher Unzuverlässigkeit angestrebt wurde. Das Verfahren wurde zwar 1907 zu Lily Brauns Gunsten entschieden, dennoch zog sich diese aus der Parteiarbeit zurück und widmete sich ganz ihren schriftstellerischen Arbeiten.
Ihr Leben als abtrünnige Aristokratin und ungeliebte Sozialistin, die sich „zwischen alle Stühle“ gesetzt hatte und deren Anliegen die Zusammenarbeit zwischen bürgerlichen und proletarischen Frauenbewegungen war, schilderte sie in ihrem Buch „Memoiren einer Sozialistin“, das 1909 erschienen ist.
Als der Erste Weltkrieg seine bedrohlichen Schatten warf, gehörte sie zu den vorbehaltlosen Befürworterinnen des Krieges und kämpfte gegen den Pazifismus. Sie verfiel der innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung, aber auch unter etlichen Sozialdemokratinnen verbreiteten nationalen Begeisterung, forderte zur ‚Fruchtbarkeit‘ auf und war stolz darauf, dass ihr einziger Sohn, Otto Braun, sich als 17-Jähriger freiwillig als Soldat gemeldet hatte. Dass er 1918 gefallen ist, erlebte sie nicht mehr, weil sie im Alter von 51 Jahren am 9. August 1916 auf dem Weg zum Postamt, wo sie nach einem Brief ihres Sohnes fragen wollte, an einem Herzschlag gestorben ist. Sie war in der Zwischenzeit eine bekannte Persönlichkeit geworden.
Literatur:
- Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin, Leipzig 1911.
- Gisela Notz: Lily Braun (1865 – 1916). Verfechterin der Zusammenarbeit zwischen bürgerlicher und proletarischer Frauenbewegung, in: diess.(Hrsg.): Wegbereiterinnen. Berühmte, bekannte und zu Unrecht vergessene Frauen aus der Geschichte, Neu-Ulm 2020, S. 94–95.



