Zwischen Freidenkerbewegung und Humanismus

Die „Humanistische Wende“

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Beitragsbild: Luis Diego Hernández/Unsplash

Was ist die „Humanistische Wende"? Horst Groschopp blickt auf drei zusammenhängende Prozesse: die Abkehr der Freidenker von der Arbeiterbewegung, die Entstehung des Humanistischen Verbandes Deutschlands und dessen Weg zum Bekenntnis zu einer weltanschaulich humanistischen Lebensauffassung.

Aus der dies­seits-Redak­ti­on erreich­te mich die Anfra­ge, was denn unter dem Begriff „Huma­nis­ti­sche Wen­de“ zu ver­ste­hen sei, wann es die­se gege­ben haben soll und wohin sich denn wer gewen­det habe. Das Wort „Wen­de“ hat eine eige­ne ost­deut­sche Geschich­te, mit der die stra­te­gi­sche Abbie­gung, um die es im Fol­gen­den geht, unmit­tel­bar zusam­men­hängt. Als wahr­schein­li­cher Erfin­der die­ser Beschrei­bung eines his­to­risch nach­voll­zieh­ba­ren Vor­gangs in der „säku­la­ren Sze­ne“ könn­te ich es mir ein­fach machen und zu zwei Lek­tü­ren auf­for­dern, zum einen mein eige­nes Buch „Pro Huma­nis­mus“ von 2016, das die Geschich­te des Huma­nis­ti­schen Ver­ban­des Deutsch­lands zum Gegen­stand hat, zum ande­ren das von Ste­fan Schrö­der, 2018 erschie­nen und von mir hier rezen­siert.[1]

Die Kenn­zeich­nung als „Huma­nis­ti­sche Wen­de“ betrifft drei mit­ein­an­der zusam­men­hän­gen­de Pro­zes­se. Zum ers­ten die begin­nen­de Abkehr von den klas­si­schen Zie­len der frei­den­ke­risch orga­ni­sier­ten Bewe­gun­gen in der soge­nann­ten „säku­la­ren Sze­ne“ in Deutsch­land im Zuge der Neu­ord­nung der gesam­ten poli­ti­schen Land­schaft nach dem Zusam­men­bruch des sozia­lis­tisch defi­nier­ten Ostens in Euro­pa, spe­zi­ell dem Bei­tritt der DDR zum Gel­tungs­ge­biet des Grund­ge­set­zes der BRD im Okto­ber 1990. Zum zwei­ten genau in die­ser Ent­wick­lung die Ent­ste­hung des Huma­nis­ti­schen Ver­ban­des Deutsch­lands; und zum drit­ten das Erken­nen im Huma­nis­ti­schen Ver­band Deutsch­lands, dass es sich beim eige­nen Lebens­kun­de-Unter­richt eben nicht um eine „Kun­de“ han­delt (wie die Volks­kun­de), son­dern um einen Bekennt­nis­un­ter­richt, der er eigent­lich seit sei­ner Ein­füh­rung 1984 schon immer war.

Alle drei Vor­gän­ge favo­ri­sie­ren den Begriff „Huma­nis­mus“. Er wird aber selbst erst in sei­ner Viel­deu­tig­keit und prak­ti­schen Anwen­dung erkannt, aller­dings inner­halb des Huma­nis­ti­schen Ver­ban­des Deutsch­lands wie der „säku­la­ren Sze­ne“ unter­schied­lich aus­ge­legt. Er kommt in viel­sei­ti­gen Gebrauch, mehr noch, er kommt zwi­schen die Mühl­stei­ne zwei­er damit ver­bun­de­ner „Wen­den“: zum einen der sozia­len Abkehr der Frei­den­ker von der Arbei­ter­be­we­gung und deren Sozia­lis­mus­ver­ständ­nis; und zum ande­ren einer Hin­wen­dung zum prak­ti­schen Tun, bis­her eher den Frei­re­li­giö­sen zuge­schrie­ben, was zu einer gro­ßen Varia­ti­ons­brei­te des­sen führ­te, was „prak­ti­scher Huma­nis­mus“ genannt wird. Das mün­de­te in einer Ergän­zung bzw. sogar Erset­zung der bis­he­ri­gen frei­den­ke­ri­schen Ange­bo­te „von der Wie­ge bis zur Bah­re“ (v.a. die Fei­er­kul­tur) durch eine eige­ne Sozi­al­ar­beit – aber eben nicht über­all im Huma­nis­ti­schen Ver­band Deutsch­lands, was wie­der­um unter­schied­li­che Sicht­wei­sen auf die „Huma­nis­ti­sche Wen­de“ zur Fol­ge hat.

Die erst sehr spä­te Ent­de­ckung der „Leit­idee Huma­nis­mus“ durch Frei­den­ker Mit­te der 1980er Jah­re ist deren enger Gebun­den­heit an die Arbei­ter­be­we­gung geschul­det. Gera­de in ihrer deut­schen Vari­an­te wirk­te die Auf­fas­sung von Karl Marx, die „Leh­re des rea­len Huma­nis­mus“ sei „die logi­sche Basis des Kom­mu­nis­mus.“[2] Huma­nis­mus erschien seit­dem in der Arbei­ter- wie Frei­den­ker­be­we­gung als eine Art Vor­form oder Begleit­erschei­nung des Sozialismus/Kommunismus, das umso mehr, als der rea­le Huma­nis­mus um 1900 eine meist eli­tä­re und kon­ser­va­ti­ve Erschei­nung zeig­te. „Huma­nis­mus“ war seit die­ser Zeit auch als Wort in der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen wie dann der kom­mu­nis­ti­schen Bewe­gung weit­ge­hend „erle­digt“ und nega­tiv besetzt. So sah etwa der Arbei­ter­füh­rer August Bebel dar­in eine vom Klas­sen­kampf ablen­ken­de „Huma­ni­täts­du­se­lei“, wört­lich in sei­ner Kri­tik am huma­ni­tä­ren Kon­zept der fran­zö­si­schen Fou­rie­ris­ten.[3]

Erst in der anti­fa­schis­ti­schen Volks­front 1935/1939 und unmit­tel­bar nach 1945 kam es zu Annä­he­run­gen der poli­ti­schen Arbei­ter­be­we­gung an bestimm­te Les­ar­ten des Huma­nis­mus, indem die­ser als erwei­ter­te Huma­ni­tät und Soli­da­ri­tät im Wider­stands­kampf gegen das Hit­ler-Regime inter­pre­tiert wur­de. Die deut­sche Tei­lung ver­hin­der­te eine wei­te­re gemein­sa­me Debat­te, wäh­rend eine bestimm­te Auf­fas­sung von Huma­nis­mus in der DDR sogar in zwei Ver­fas­sun­gen kam (1949, 1968).[4] Im Wes­ten zeigt die Geschich­te der Huma­nis­ti­schen Uni­on ein Auf­flam­men der huma­nis­ti­schen Ideen, im Osten Reform­pro­gram­me eines „huma­nen Sozia­lis­mus“.

Als der Real­so­zia­lis­mus (in vie­len Augen „der Kom­mu­nis­mus“) als Gesell­schafts­ord­nung 1989 schei­ter­te und mit ihm der kurz vor Tores­schluss aus dem Boden gestampf­te Ver­band der Frei­den­ker der DDR (VdF),[5] öff­ne­ten sich eini­ge füh­ren­de West-Frei­den­ker, die schon seit Mit­te der 1980er Jah­re nach neu­en Wegen aus ihrem Ent­wick­lungs­stau such­ten, dem Huma­nis­mus und ver­ban­den sich 1990/1991 mit reform­ori­en­tier­ten Res­ten des VdF, mit Ost-Frei­den­kern, denen Huma­nis­mus als Pro­gramm und Pra­xis geläu­fi­ger war. Gemein­sam form­ten sie dar­aus ein Huma­nis­mus-Kon­zept. Es ent­stand als „Über­gangs­form“, sozu­sa­gen als säku­lar ver­stan­de­ner „Proh­u­ma­nis­mus“.

Huma­nis­mus als post­frei­den­ke­ri­sche Pro­gram­ma­tik ist also erst andert­halb Gene­ra­tio­nen im kon­zep­tio­nel­len Gebrauch der „säku­la­ren Sze­ne“. Nie­mand kann sagen, ob der hel­le Schein wie­der ver­blasst. Für das letz­te Vier­tel­jahr­hun­dert kann aller­dings eine Kon­junk­tur des Huma­nis­mus-Begriffs, teil­wei­se sogar ein infla­tio­nä­rer Gebrauch kon­sta­tiert wer­den. Es ist dies ein Zei­chen der „Wen­de“.

Den Höhe­punkt die­ses Booms stell­te zwei­fel­los die Aus­ru­fung einer „Leit­kul­tur Huma­nis­mus“ dar. Sie erfolg­te durch einen his­to­risch neu­en frei­den­ke­ri­schen Akteur – die „Giord­a­no-Bru­no-Stif­tung“ (errich­tet im März 2004).[6] In teil­wei­ser Koope­ra­ti­on mit und immer mal wie­der in mehr oder min­der schar­fer Kon­kur­renz zum im Janu­ar 1993 gegrün­de­ten Huma­nis­ti­schen Ver­band Deutsch­lands ver­än­der­te sich die „Sze­ne“. Die huma­nis­ti­schen Debat­ten kamen in ande­re Umstän­de, kamen in die Medi­en und neue Teil­neh­mer fin­gen neu an, weil das Ver­gan­ge­ne nicht prä­sent ist.

Im Nach­hin­ein zeigt sich, dass mit die­ser Hin­wen­dung zum Huma­nis­mus die eigent­li­che Arbeit an einer ihn erklä­ren­den Theo­rie – die ja nur eine inter­na­tio­na­le, kol­lek­ti­ve, kon­tro­ver­se und in gro­ßen Stü­cken aka­de­mi­sche sein kann – begann. Huma­nis­mus, wie er dis­ku­tiert wird, zeigt sich immer mehr als ein „offe­nes Sys­tem“.[7]

Die Ent­gren­zun­gen haben zwei Fol­gen. Zum ers­ten hat sich die Kon­zep­ti­ons­bil­dung im „säku­la­ren Spek­trum“ in den letz­ten Jah­ren zuneh­mend und wie selbst­ver­ständ­lich immer mehr um „Huma­nis­mus“ gedreht, so dass sich nahe­zu alle Ver­bän­de irgend­wie auf ihn bezie­hen. Aller­dings fehlt bis­lang ein aus­rei­chen­der Aus­weis, was den Han­deln­den nun jeweils „Huma­nis­mus“ heißt.

Die zwei­te Fol­ge ist gra­vie­ren­der. Die „säku­la­re Sze­ne“ ist zwar offe­ner gewor­den, aber weni­ger in ihrer Ein­heit wahr­nehm­bar.[8] Sie hat sich zwar hin­sicht­lich der als eige­ne Kli­en­tel defi­nier­ten „Kon­fes­si­ons­frei­en“ hin zur Gesell­schaft geöff­net, aber mit deut­lich kon­tro­ver­sen Pro­gram­men. Das aber zeigt nun gera­de ihre orga­ni­sa­to­ri­sche Begrenzt­heit auf gera­de­zu tra­gi­sche Wei­se. In dem Maße, wie die Zahl der Kon­fes­si­ons­frei­en steigt, dif­fe­ren­ziert sich die „Sze­ne“ immer mehr, wie auch die Gesell­schaft ins­ge­samt in Grup­pen zer­fällt, Welt­an­schau­ungs­bil­dun­gen sich pri­va­ti­sie­ren und neue (medi­al defi­nier­te) Ord­nun­gen ent­ste­hen. Die kon­ser­va­ti­ve Wen­de, in der wir uns gera­de befin­den, wird Hin­wen­dun­gen zum Huma­nis­mus wahr­schein­lich wei­ter erschwe­ren. Da hilft kein Ach und Weh, son­dern Wei­ter­ar­beit am Huma­nis­mus in aller Müh­sal, denn ohne Bei­spie­le ver­schwin­det der Huma­nis­mus.

Zwei Schrit­te in die­ser „Huma­nis­ti­schen Wen­de“ sol­len nun kurz erzählt wer­den, viel­leicht um das Bedürf­nis zu erzeu­gen, mehr dar­über zu erfah­ren, wie die­ses Gedan­ken­gut in den Ver­band kam. Zur Erin­ne­rung: Huma­nis­ti­sche Ideen began­nen, frei­den­ke­ri­sche Glau­bens­sät­ze zu erset­zen, ein Pro­zess, der noch andau­ert. Die Debat­ten fan­den offen in dies­seits statt.

Wende in der Religionskritik

Wer­ner Schultz, der spä­ter die Abtei­lung Lebens­kun­de in Ber­lin auf­bau­te, führ­te in einem Arti­kel „Huma­nis­mus ohne Reli­gi­on umfäng­lich aus, dass man den Reli­gi­ons­be­griff nicht zu weit fas­sen und Huma­nis­mus nicht dar­un­ter rubri­zie­ren dür­fe.[9]

- „Ein moder­ner Huma­nis­mus wird sich deut­lich von reli­giö­sen Welt­erklä­run­gen unter­schei­den – aller­dings ohne die gemein­sa­me Basis, die mensch­li­chen Bedürf­nis­se und Ängs­te, zu ver­wer­fen.“ Eine moder­ne Kri­tik der Reli­gi­on müs­se „Über­set­zungs­ar­beit“ sein, „wel­che mensch­li­chen Kon­flikt­er­fah­run­gen sich in der Form von Reli­gi­ons­sys­te­men … ver­ber­gen, erst dann sind wir in der Lage zu fra­gen, ob bes­se­re Mög­lich­kei­ten der Befrie­di­gung her­stell­bar sind.“[10]

- „Es ist mög­lich, eine huma­nis­ti­sche Ethik ohne Reli­gi­on zu begrün­den. Dabei besteht jedoch immer die Gefahr, alles das ein­fach weg­zu­schnei­den, was als irra­tio­nal, mys­tisch oder als Glau­ben in den Reli­gio­nen ver­kör­pert ist.“[11]

- „Sicher­lich gibt es immer wie­der ein­mal Anlaß, gegen den Mili­tär­bi­schof Dyba oder fun­da­men­ta­lis­ti­sche Reli­gio­nen auf­zu­tre­ten. Aber sol­che Kon­flik­te spie­len sich doch heu­te nur noch am Ran­de ab.“

Zum Kon­zept des „säku­la­ren Huma­nis­mus“ gehör­te der Glau­be an die Macht der Wis­sen­schaf­ten. Er galt als wich­tigs­ter Trumpf der Frei­den­ker, Reli­gi­on zu über­win­den und ein neu­es Bewusst­sein an deren Stel­le zu set­zen. Die Fol­ge war die fort­wir­ken­de Annah­me eines „wis­sen­schaft­li­chen Huma­nis­mus“, der sich aus der Bestim­mung von Huma­nis­mus als Natu­ra­lis­mus ablei­tet und sich bis heu­te in der „säku­la­ren Sze­ne“ tra­diert. Teil­wei­se löst dabei inzwi­schen der Begriff „neu­er Huma­nis­mus“ den des „säku­la­ren Huma­nis­mus“ ab, so bei Hel­mut Fink, vie­le Jah­re ein wich­ti­ger Pos­ten im HVD“.[12]

Wende zum humanistischen Bekenntnis

In der Fas­sung von 2015 ver­zich­te­te das „Huma­nis­ti­sche Selbst­ver­ständ­nis“ gänz­lich auf das Wort „Bekennt­nis“. Das war für eine „Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaft“, die in Ber­lin-Bran­den­burg den „Bekennt­nis­un­ter­richt“ „Huma­nis­ti­sche Lebens­kun­de“ anbie­tet, etwas aben­teu­er­lich. Im aus­führ­li­chen Inter­view der bei­den Haupt­ver­fas­ser Alex­an­der Bisch­kopf und Ralf Schöpp­ner im Febru­ar 2016 wird das Feh­len die­ser Kate­go­rie in einen ganz ande­ren Kon­text gestellt. Eine Fra­ge sei gewe­sen: „Soll das Selbst­ver­ständ­nis dem­entspre­chend ein dezi­diert ‘athe­is­ti­sches Bekennt­nis’ for­mu­lie­ren (auch wenn ‘Athe­is­mus’ als Wort nicht mehr expli­zit genannt wird)“.[13]

Im Huma­nis­ti­schen Selbst­ver­ständ­nis 1993 hat­te der Huma­nis­ti­sche Ver­band Deutsch­lands noch „alle Kon­fes­si­ons­lo­sen, Athe­is­tin­nen und Athe­is­ten, Agnos­ti­ke­rin­nen und Agnos­ti­ker, Frei­den­ke­rin­nen und Frei­den­ker sowie frei­geis­ti­gen Men­schen“ zur Gemein­sam­keit auf­ge­ru­fen. Er woll­te die Inter­es­sen der „Kon­fes­si­ons­lo­sen“ ver­tre­ten, „egal ob sie sich als Frei­den­ker, Huma­nis­ten oder Athe­is­ten bezeich­nen“. Er bot ihnen sein „Bekennt­nis zu einer welt­lich huma­nis­ti­schen Lebens­auf­fas­sung“ an. Dass hier noch das Adjek­tiv „welt­lich“ ver­wen­det wur­de, zeig­te auf tra­di­tio­nel­le frei­den­ke­ri­sche Posi­tio­nen im Ver­band.

Im Huma­nis­ti­schen Selbst­ver­ständ­nis 1993 war noch, oben wur­de das zitiert, ganz selbst­ver­ständ­lich von einem „Bekennt­nis zu einer welt­lich huma­nis­ti­schen Lebens­auf­fas­sung“ die Rede und sogar davon, dass der Huma­nis­ti­sche Ver­band Deutsch­lands „bewußt an Tra­di­tio­nen …, die in der euro­päi­schen Auf­klä­rung, im Libe­ra­lis­mus und in der Arbei­ter­be­we­gung des 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­derts wur­zeln“, anknüpft. In Vor­be­rei­tungs­pa­pie­ren zur Neu­fas­sung 2001, die ab Ende 1997 par­al­lel mit der Grün­dungs­pha­se der Ber­li­ner Huma­nis­ti­schen Aka­de­mie aus­ge­ar­bei­tet wur­den.

Ver­band­li­che Initia­ti­ven, vor allem „Lebens­kun­de“, zwan­gen die Ver­ant­wort­li­chen nach 2007 zu einem Umden­ken hin zu einem aus­drück­li­chen „Bekennt­nis“. Der Ter­min, an dem dazu die beja­hen­de „Wen­de“ ver­kün­det wur­de, lässt sich genau bestim­men. Am 20. Okto­ber 2010 gab sie Ver­bands­prä­si­dent Frie­der Otto Wolf in der Online-Zeit­schrift huma­nis­mus aktu­ell in Form einer „sprach­ana­ly­ti­schen Übung“ bekannt: „Wir als im HVD orga­ni­sier­te Huma­nis­tin­nen und Huma­nis­ten kön­nen uns also ent­schie­den zu unse­rer huma­nis­ti­schen Welt­an­schau­ung beken­nen, ohne dabei die christ­li­che Form des Glau­bens­be­kennt­nis­ses ‘bedie­nen’ zu müs­sen. Und wir kön­nen die­se Welt­an­schau­ung auch arti­ku­lie­ren, ohne immer gleich den Ver­such zu machen, ein voll­stän­di­ges Bild unse­rer Welt zu zeich­nen.“[14]

Zwar kam nun im Huma­nis­ti­schen Selbst­ver­ständ­nis 2011 wie­der das Wort „Bekennt­nis“ vor, aber es blieb wie das Selbst­ver­ständ­nis 2001 in die­ser Fra­ge unent­schie­den. Es war zu einem fol­gen­rei­chen inner­ver­band­li­chen Kom­pro­miss mit den Geg­nern eines „Bekennt­nis­ses“ gekom­men. Zum einen wur­de jede Art „Cre­do“ grund­sätz­lich abge­lehnt, und zwar in Form einer Prä­am­bel, die das Selbst­ver­ständ­nis wie von fern gese­hen rela­ti­vier­te. Die ent­spre­chen­de Stel­le lau­te­te: „Das ‚Selbst­ver­ständ­nis’ des Huma­nis­ti­schen Ver­ban­des ist kei­ne ‘Dok­trin’, kei­ne ‘Theo­rie’, kei­ne ‘geschlos­se­ne Welt­an­schau­ung’, kein ‘Bekennt­nis’.“ Das Selbst­ver­ständ­nis (HSV 2001) for­mu­lie­re „einen gemein­sa­men Rah­men“ für die­je­ni­gen, die für „einen moder­nen prak­ti­schen Huma­nis­mus ein­tre­ten.“

Doch zum ande­ren hieß es etwas wei­ter im Text in der Pas­sa­ge, die den Ver­band vor­stellt: „Mit sei­nem Bekennt­nis zu einem moder­nen prak­ti­schen Huma­nis­mus knüpft der HVD … an älte­re Tra­di­tio­nen des welt­li­chen Huma­nis­mus an.“ Hier ist „Bekennt­nis“ aller­dings eine Sache des „welt­li­chen Huma­nis­mus“ all­ge­mein und bleibt für Mit­glie­der per­sön­lich fol­gen­los. Es geht auch nicht um Huma­nis­mus, son­dern ledig­lich um „prak­ti­schen Huma­nis­mus“, eine wesent­lich von Frie­der Otto Wolf gepfleg­te Begren­zung.

Ich will hier die Exege­se der Huma­nis­ti­schen Selbst­ver­ständ­nis­se nicht wei­ter­trei­ben, aber zum Abschluss die­ses Tex­tes fest­hal­ten, dass „Huma­nis­ti­sche Wen­de“ bis heu­te nicht abge­schlos­sen ist, wie auch, ist doch der Huma­nis­mus kei­ne abge­schlos­se­ne Sache, die man sich nun anzu­eig­nen hat, auch wenn es ein „Hand­buch“ gibt,[15] das zumin­dest eine gemein­sa­me Spra­che beför­dern kann.


[1] Vgl. Horst Gro­schopp: Pro Huma­nis­mus. Eine zeit­ge­schicht­li­che Kul­tur­stu­die. Mit einer Doku­men­ta­ti­on. Aschaf­fen­burg 2016, S. 24, 70–72, 80–82, 117 ff. (Huma­nis­mus­per­spek­ti­ven, Bd. 1). – Ste­fan Schrö­der: Frei­geis­ti­ge Orga­ni­sa­tio­nen in Deutsch­land. Welt­an­schau­li­che Ent­wick­lun­gen und stra­te­gi­sche Span­nun­gen nach der huma­nis­ti­schen Wen­de. Berlin/Boston 2018.

[2] Fried­rich Engels/Karl Marx: Die hei­li­ge Fami­lie oder Kri­tik der kri­ti­schen Kri­tik. Gegen Bru­no Bau­er & Con­sor­ten. Vor­re­de (Sep­tem­ber 1844). In: MEW, Bd. 2, Ber­lin 1958, S. 139.

[3] Vgl. Mit­tei­lun­gen der Deut­schen Gesell­schaft für ethi­sche Kul­tur. Neue Fol­ge. Ber­lin 1896, H. 8, S. 311 f. – August Bebel: Charles Fou­rier. Sein Leben und sei­ne Theo­rien (1907). Leip­zig 1978, S. 232.

[4] Vgl. Horst Gro­schopp: Der gan­ze Mensch. Die DDR und der Huma­nis­mus. Ein Bei­trag zur deut­schen Kul­tur­ge­schich­te. Mar­burg 2013.

[5] Vgl. Horst Groschopp/Eckhard Mül­ler: Letz­ter Ver­such einer Offen­si­ve. Der Ver­band der Frei­den­ker der DDR (1988–1990). Ein doku­men­ta­ri­sches Lese­buch. Aschaf­fen­burg 2013 (Schrif­ten­rei­he der Huma­nis­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin, Bd. 8).

[6] Vgl. Micha­el Schmidt-Salo­mon: Mani­fest des evo­lu­tio­nä­ren Huma­nis­mus. Plä­doy­er für eine zeit­ge­mä­ße Leit­kul­tur. Aschaf­fen­burg 2005.

[7] Vgl. Hubert Can­cik / Hil­de­gard Can­cik-Lin­de­mai­er: Huma­nis­mus – ein offe­nes Sys­tem. Bei­trä­ge zur Huma­nis­tik. Aschaf­fen­burg 2014. (Schrif­ten­rei­he der Huma­nis­ti­schen Aka­de­mie Deutsch­land, Bd. 5).

[8] Vgl. Ulf Ples­sen­thin: Zwi­schen Glo­bal­kri­tik am Staats­kir­chen­recht und „Drit­ter Kon­fes­si­on“. Orga­ni­sier­te Huma­nis­ten und Athe­is­ten in Deutsch­land. In: Reli­gi­on – Staat – Gesell­schaft. Zeit­schrift für Glau­bens­for­men und Welt­an­schau­un­gen. Ber­lin 2012, H. 1, S. 133–169.

[9] Das bezieht sich unter ande­rem auf Dis­kus­sio­nen in den USA, in denen den Huma­nis­ten vor­ge­wor­fen wur­de, auch eine Reli­gi­on zu sein, was die­se wie­der­um beför­der­te in ihren Distan­zen dazu. Bezeich­nend ist, dass in die­sen Debat­ten inner­halb der Frei­den­ker der moder­ne Kul­tur­be­griff gar nicht zur Anwen­dung kommt, der es ermög­licht, Reli­gio­nen „nicht­re­li­gi­ös“ zu erklä­ren. Zu groß ist die Anbin­dung an eine Phi­lo­so­phie, die sich als Gegen­satz zur Theo­lo­gie ver­steht.

[10] Vgl. Wer­ner Schultz: Huma­nis­mus ohne Reli­gi­on. In: dies­seits 1991, H. 17, S. 2–4, hier S. 3.

[11] Schultz: Huma­nis­mus ohne Reli­gi­on, S. 4; dort auch das fol­gen­de Zitat. – Schultz zitiert aus der damals noch nicht ins Deut­sche über­setz­ten, 1989 erschie­ne­nen Schrift „Eupra­xo­phy“ von Paul Kurtz, dass man selbst­re­dend auch alle Phä­no­me­ne als sol­che der Reli­gi­on erklä­ren kön­ne, was aber in der Pra­xis nicht wei­ter­hel­fe.

[12] HSV Teil Fink [1. Juni 2012]. In: Pri­vat­ar­chiv Dr. Horst Gro­schopp. – Die gan­ze Pas­sa­ge unter „Welt­lich­keit“ lau­tet: „Es gibt kei­ne Wun­der. Natür­li­che Erklä­run­gen rei­chen stets aus. Die­se Grund­ein­stel­lung nennt man Natu­ra­lis­mus. Huma­nis­ten sind Natu­ra­lis­ten.“

[13] Was uns ver­bin­det. Inter­view.

[14] Frie­der Otto Wolf: Bekennt­nis und „Bekennt­nis“. Eine sprach­ana­ly­ti­sche Übung. In: Hao 2010, Text 12, S. 4.

[15] Hubert Cancik/Horst Groschopp/Frieder Otto Wolf: Huma­nis­mus: Grund­be­grif­fe. Berlin/Boston 2016.

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2 Kommentare zu „Die „Humanistische Wende““

  1. Wenn die Kir­chen beim neu­en nie­der­säch­si­schen bikon­fes­sio­nel­len „christ­li­chen Reli­gi­ons­un­ter­richt” den for­ma­len Bekennt­nis­be­griff „krea­tiv erwei­tern” (Staats­recht­ler Hin­nerk Wiss­mann), soll­ten auch wir die Dis­kus­si­on sehr ent­spannt wei­ter­füh­ren. Für die recht­li­che Posi­ti­on des Fach „Lebens­kun­de” ist der Bekennt­nis­be­griff im bestehen­den Reli­gi­ons­rechts­sys­tem not­wen­dig; Dog­men oder Scheu­klap­pen brau­chen wir aber nicht. Das kön­nen wir auch so nach außen kom­mu­ni­zie­ren. Schär­fer defi­nie­ren soll­ten wir, was anti­hu­ma­nis­tisch ist.

    1. Horst Dr. Groschopp

      Ich füh­le mich ver­pflich­tet, auf Kom­men­ta­re zu mei­nen Aus­las­sun­gen zu ant­wor­ten. Des­halb zunächst eine Anmer­kung zu der Aus­sa­ge, dass für die recht­li­che Posi­ti­on des Faches „Lebens­kun­de” der Bekennt­nis­be­griff im bestehen­den Reli­gi­ons­rechts­sys­tem not­wen­dig sei. Das gilt über die LK hin­aus für den gan­zen HVD. Ein Bekennt­nis ist nicht unbe­dingt ein Cre­do im Sin­ne des Chris­ten­tums, aber doch ein „Für-wahr-hal­ten“, eine Zustim­mung, Erklä­rung, eine Über­zeu­gung o.ä. und inso­fern für eine Welt­an­schau­ungs­or­ga­ni­sa­ti­on uner­läss­lich, „con­fes­sio“ als Geständ­nis der eige­nen Denk­wei­se. Man kann das auch direkt „Kon­fes­si­on“ nen­nen, wenn man / frau dar­un­ter nicht den im 19. Jh. ent­stan­de­nen Kir­che-Staat-Zusam­men­hang meint, son­dern die moder­nen Glau­bens­for­men im Blick hat (bis zu Schal­ke ist mei­ne Reli­gi­on). Dar­um ging es in der Klar­stel­lung von Frie­der Otto Wolf.

      Bei ihm kann auch nach­ge­se­hen wer­den im Hand­buch „Huma­nis­mus: Grund­be­grif­fe“, wie er Anti­hu­ma­nis­mus von Huma­nis­mus­kri­tik (S. 65 ff.) unter­schei­det und Anti­hu­ma­nis­mus im Wahr­heits­be­griff (S. 397 ff.) defi­niert. Das Pro­blem ist hier aber, wie der Begriff von der phi­lo­so­phi­schen Ebe­ne auf die des All­tags oder der Poli­tik her­un­ter­ge­bro­chen wird. Das hängt dann alles an den Ver­wick­lun­gen der Lebens­pra­xis, die ja immer die von Indi­vi­du­en, Grup­pen, Natio­nen usw. ist.

      Um dies zuzu­spit­zen: Ich per­sön­lich hal­te die Befür­wor­tung einer Zucker­steu­er für nicht sehr huma­nis­tisch, weil kul­tur­er­zie­he­risch begrün­det, aber in die all­ge­mei­ne Steu­er­be­las­tung ein­ge­hend, also auch Rüs­tung beför­dert. Wem soll hier Zucker ent­zo­gen wer­den? Dass Unter­schich­ten über­haupt Zuck­ri­ges bekom­men dür­fen, ist ein lan­ger Vor­gang, der auch einer der Kolo­ni­al­ge­schich­te ist. Nähe­res vgl. aus der umfäng­li­chen kul­tur­his­to­ri­schen Lite­ra­tur Sid­ney W. Mintz: Die süße Macht.

      Zucker­steu­er gibt es in Deutsch­land seit 1841. 1919 wur­de sie aus­ge­wei­tet. In der 1928er Kri­se trug sie nicht unwe­sent­lich zum Rechts­ruck im Vol­ke bei, obwohl dann unter den Nazis in den 1930ern deren größ­tes Aus­maß erreicht wur­de. 1993 wur­de die Zucker­steu­er abge­schafft. Es lohnt sich, in die Begrün­dun­gen in den 1930ern und 1993 zu schau­en.

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