Die menschliche Seite funktionierender Systeme

Wenn niemand mehr da ist

| von

Beitragsbild: Ramona Timmons

Ein ausgefallener Zug und eine plötzlich weggefallene ergotherapeutische Versorgung führen zu einer grundsätzlichen Frage: Was passiert, wenn die Menschen verschwinden, die Probleme auffangen können, Orientierung geben und Lösungen ermöglichen?

Vor Kur­zem führ­te mich eine Rei­se zurück in mei­ne frü­he­re Wahl­hei­mat Eng­land. Dort mach­te ich eine Erfah­rung, die mich über­rasch­te: Bei einer bri­ti­schen Bahn­rei­se fühl­te ich mich bes­ser auf­ge­ho­ben als bei vie­len ver­gleich­ba­ren Bahn­rei­sen in Deutsch­land.

Ein Zug fiel aus. Sofort stell­te sich die­ses mul­mi­ge Gefühl ein: Was pas­siert jetzt? Wie kom­me ich wei­ter?

Die Erleich­te­rung folg­te wenig spä­ter. Auf dem Bahn­steig gab es einen Ansprech­part­ner. Kaum hat­ten sich die ers­ten Rei­sen­den mit ihren Fra­gen an ihn gewandt, zück­te er sein Tablet und such­te nach Alter­na­ti­ven. Anschlüs­se wur­den geprüft, neue Ver­bin­dun­gen vor­ge­schla­gen, Fra­gen beant­wor­tet.

Die Situa­ti­on hat mich auch nach der Rei­se noch beschäf­tigt. Der Gedan­ke, dass die Anwe­sen­heit eines ein­zi­gen hilfs­be­rei­ten Men­schen eine Situa­ti­on so viel ent­spann­ter machen kann, lässt mich nicht los.

Der Mit­ar­bei­ter am Bahn­steig hat das Pro­blem nicht gelöst. Der Zug fiel wei­ter­hin aus. Aber er hat die Situa­ti­on ent­schärft. Aus einem Ärger­nis wur­de fast ein klei­nes Aben­teu­er.

Auf vie­len Bahn­hö­fen in Deutsch­land erle­be ich inzwi­schen das Gegen­teil. Sicht­ba­re Ansprech­part­ner sind sel­ten gewor­den. Wenn etwas schief­läuft, sind Rei­sen­de oft auf sich allein gestellt. Infor­ma­tio­nen müs­sen selbst gesucht, Alter­na­ti­ven selbst gefun­den und Pro­ble­me selbst gelöst wer­den.

Dabei möch­te ich das bri­ti­sche Sys­tem kei­nes­wegs ver­klä­ren. Nach 17 Jah­ren in Eng­land ken­ne ich sei­ne Schwä­chen nur zu gut. Gera­de des­halb ist mir die­se Erfah­rung so deut­lich in Erin­ne­rung geblie­ben.

Was mich dar­an beschäf­tigt, ist nicht der Bahn­ver­kehr. Es ist die Fra­ge, was pas­siert, wenn die Men­schen ver­schwin­den, die Pro­ble­me auf­fan­gen kön­nen.

Je län­ger ich dar­über nach­den­ke, des­to häu­fi­ger ent­de­cke ich die­ses Mus­ter auch in ande­ren Berei­chen des All­tags.

Erst ges­tern wur­den wir vom Ergo­the­ra­peu­ten mei­nes Man­nes dar­über infor­miert, dass die Pra­xis künf­tig kei­ne Haus­be­su­che mehr anbie­ten wird. Von einem Tag auf den ande­ren.

Da mein Mann auf­grund einer Mus­kel­er­kran­kung im Roll­stuhl sitzt, sind Haus­be­su­che für ihn kei­ne Fra­ge der Bequem­lich­keit, son­dern die Vor­aus­set­zung dafür, über­haupt ergo­the­ra­peu­tisch behan­delt wer­den zu kön­nen.

Mir ist bewusst, dass vie­le Pra­xen unter Per­so­nal­man­gel lei­den und wirt­schaft­lich unter Druck ste­hen. Wahr­schein­lich gibt es gute Grün­de für die­se Ent­schei­dung. Trotz­dem war mein ers­ter Gedan­ke: Wie kann das sein?

Nach Jah­ren der Ver­sor­gung ste­hen wir nun vor der Auf­ga­be, eine neue Pra­xis zu fin­den. Zum Glück leben wir in Ber­lin. Ich bin zuver­sicht­lich, dass wir eine Lösung fin­den wer­den. Gleich­zei­tig weiß ich aus dem Aus­tausch mit ande­ren pfle­gen­den Ange­hö­ri­gen, dass vie­le Men­schen die­se Zuver­sicht nicht haben kön­nen. In man­chen Regio­nen gibt es schlicht kei­ne Alter­na­ti­ven mehr.

Was mich beschäf­tigt, ist des­halb weni­ger die Ent­schei­dung selbst als das Gefühl, mit den Fol­gen zunächst allein gelas­sen zu wer­den. Für mei­nen Mann ent­steht eine Ver­sor­gungs­lü­cke. Für pfle­gen­de Ange­hö­ri­ge beginnt die Suche nach einer neu­en Lösung.

Wenn ich die­se bei­den Erfah­run­gen zusam­men­füh­re und gleich­zei­tig auf die anste­hen­den Spar­maß­nah­men in der Pfle­ge­ver­si­che­rung und im Gesund­heits­sys­tem bli­cke, fra­ge ich mich: Was bedeu­tet Spa­ren eigent­lich?

Vie­le Sys­te­me funk­tio­nie­ren gut und effi­zi­ent. Erst wenn etwas nicht nach Plan läuft, zeigt sich, wie belast­bar und resi­li­ent ein Sys­tem wirk­lich ist.

In den Bilan­zen von Unter­neh­men und Orga­ni­sa­tio­nen gehö­ren Per­so­nal­kos­ten oft zu den größ­ten Aus­ga­ben. Des­halb wird gera­de dort häu­fig zuerst gespart. Dabei sind es oft genau die­se Men­schen, die Pro­ble­me auf­fan­gen, Ori­en­tie­rung geben und Lösun­gen ermög­li­chen, wenn etwas nicht nach Plan läuft.

Der Mit­ar­bei­ter auf dem Bahn­steig hat den Zug­aus­fall nicht ver­hin­dert. Die Ergo­the­ra­pie­pra­xis kann die struk­tu­rel­len Pro­ble­me im Gesund­heits­we­sen nicht lösen. Aber bei­de Bei­spie­le machen deut­lich, wie wich­tig Men­schen sind, die Über­gän­ge beglei­ten, Unsi­cher­heit redu­zie­ren und ver­hin­dern, dass aus einem Pro­blem eine Kri­se wird.

Das Pro­blem bei der Redu­zie­rung von Per­so­nal als ver­meint­li­cher All­hei­lö­sung sehe ich dar­in, dass die Arbeit nicht ver­schwin­det. Sie wird ledig­lich ver­la­gert.

Sobald ein Pro­blem auf­tritt, sind die Betrof­fe­nen gefragt. Sie wer­den mit der Situa­ti­on allein gelas­sen und müs­sen selbst recher­chie­ren, orga­ni­sie­ren und Lösun­gen für Pro­ble­me fin­den, die zuvor von Mit­ar­bei­ten­den, Berater*innen, Sachbearbeiter*innen oder ande­ren Ansprech­part­nern auf­ge­fan­gen wur­den.

Die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet daher: Wird hier tat­säch­lich gespart – oder wer­den die Kos­ten und der Auf­wand ein­fach auf ande­re ver­la­gert?

Viel­leicht erklärt das auch, war­um so vie­le Men­schen das Gefühl haben, dass Dienst­leis­tun­gen trotz Digi­ta­li­sie­rung und Effi­zi­enz­ge­win­nen nicht unbe­dingt bes­ser gewor­den sind. Oft fehlt nicht die tech­ni­sche Lösung. Es fehlt jemand, der hilft, wenn die tech­ni­sche Lösung an ihre Gren­zen stößt.

Fakt ist: Wir alle sind irgend­wann auf Hil­fe ange­wie­sen. Wir schie­ben Kin­der­wa­gen, wir wer­den krank, wir pfle­gen Ange­hö­ri­ge, wir wer­den älter. Nie­mand ist dau­er­haft völ­lig unab­hän­gig.

Des­halb brau­chen wir Sys­te­me, die nicht nur effi­zi­ent, son­dern auch mensch­lich sind. Men­schen sind nicht nur Teil eines Sys­tems. Oft sind sie der Grund, war­um ein Sys­tem auch dann noch funk­tio­niert, wenn etwas schief­läuft.

Die Qua­li­tät einer Gesell­schaft zeigt sich nicht nur dar­an, wie effi­zi­ent sie funk­tio­niert. Sie zeigt sich auch dar­an, wie sie mit den Men­schen umgeht, die auf Unter­stüt­zung ange­wie­sen sind.

Viel­leicht hat mich der Zug­aus­fall in Liver­pool des­halb so beschäf­tigt. Nicht weil der Zug aus­ge­fal­len ist. Sol­che Din­ge pas­sie­ren.

Was mir in Erin­ne­rung geblie­ben ist, war etwas ande­res: Es war jemand da.

Wenn wir künf­tig über Ein­spa­run­gen in der Pfle­ge, im Gesund­heits­we­sen oder in ande­ren Berei­chen der Daseins­vor­sor­ge dis­ku­tie­ren, soll­ten wir des­halb nicht nur fra­gen, was etwas kos­tet. Wir soll­ten auch fra­gen, was es kos­tet, wenn nie­mand mehr da ist.

Inhalt teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Meistgelesen

Ähnliche Beiträge

Bürgerfest (c) DMF
Bürgerfest des Bundespräsidenten
„Lasst uns stärken, was uns verbindet“
Rund 2000 Engagierte, Japan als Partnerland und ein Bundespräsident, der dem Ehrenamt dankt: Elke Krämer, Dagmar Müller-Funk und Ash Ziab waren für den Humanistischen Verband Deutschlands beim Bürgerfest in Bonn. In Bericht, Gespräch und Video erzählen sie von ihren Eindrücken, von ihrem Engagement und davon, was sie sich von Politik und Gesellschaft wünschen.
Beitrag lesen »
Friedrich Ludwig Urban
Friedrich Ludwig Urban (2. Oktober 1806 – 5. Dezember 1879)
„Ein gemeinsames Streben nach Veredlung und Vervollkommnung“
Heute vor 220 Jahren wurde Friedrich Ludwig Urban geboren, Tierarzt, Barrikadenkämpfer und Gründer der freien Gemeinde des Urchristenbundes. Sein Leben steht für den Aufbruch zu Glaubensfreiheit und Selbstbestimmung in der Zeit der Märzrevolution von 1848 und darüber hinaus.
Beitrag lesen »
fethi-benattallah-0hkWVHnPdss-unsplash
Gegensätze überwinden: Plädoyer für Vernetzung und ergebnisoffene Beratung
Mitwirkende Konflikt-Beratung bei strittiger Bewertung von Sterbe(hilfe)wünschen
Beratungsstellen zu persönlichen oder institutionellen Konflikten im Umfeld von Suizidhilfeanliegen können verschiedene Ziele verfolgen. Vor allem bei einer zukünftigen Gesetzgebung wäre auch eine Unterstützung für Ärzt:innen denkbar, die Assistenz zur Selbsttötung leisten. Bei der verfassungsrechtlichen Abwägung zwischen Lebensschutz und Recht auf selbstbestimmtes Sterben sollten alle Beteiligten die eigene Werteauffassung reflektieren und kommunizieren. Die hier zugrunde liegende Haltung der Autorin insbesondere zum verbreiteten Narrativ des „nicht zur Last werden dürfen“ ist getragen von der Hoffnung auf gegenseitige Toleranz, die ein Fundament für das Verständnis anderer Überzeugungen darstellt.
Beitrag lesen »
Nach oben scrollen