Deutsche Freidenker in Texas gegen die Sklaverei

Sie starben für ihre Überzeugung

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Warum riskierten deutsche Freidenker*innen in Texas im amerikanischen Bürgerkrieg ihr Leben? Michael Schmidt erzählt die kaum bekannte Geschichte von Menschen, die aus Überzeugung den Kampf für die Sklaverei verweigerten und dafür einen hohen Preis zahlten. Bis heute erinnert ein Denkmal an ihren Mut und ihr Eintreten für Freiheit und Menschlichkeit.

Humanist*innen ste­hen für bestimm­te Wer­te wie Men­schen­rech­te, Demo­kra­tie, Frei­heit, die lei­der nicht all­ge­mein­gül­tig sind. Ent­spre­chend kamen und kom­men sie immer wie­der in Situa­tio­nen, in denen sie um die­se Wer­te kämp­fen müs­sen. Unter auto­ri­tä­ren Bedin­gun­gen erfor­dert das viel Mut und kann zu mas­si­ven Nach­tei­len füh­ren, im Extrem­fall auch das Leben kos­ten. Dafür gibt es in Geschich­te und Gegen­wart vie­le Bei­spie­le. Das Geden­ken an sol­che Men­schen ist wich­tig und not­wen­dig.

Der fol­gen­de Arti­kel greift eine in Deutsch­land eher unbe­kann­te Geschich­te auf. Er berich­tet von in die USA aus­ge­wan­der­ten Humanist*innen, die bereit waren, für ihre Über­zeu­gung ihre bür­ger­li­che Exis­tenz und letzt­lich auch ihr Leben aufs Spiel zu set­zen.

In der klei­nen Stadt Com­fort in Texas steht ein Denk­mal, das in deut­scher Spra­che an 36 deutsch­stäm­mi­ge Freidenker*innen erin­nert, die sich wei­ger­ten, im ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­krieg für die Süd­staa­ten und damit für die Sache der Skla­ve­rei zu kämp­fen, und in der Fol­ge ihr Leben ver­lo­ren. Das Denk­mal wur­de vor 160 Jah­ren am 10. August 1866 ein­ge­weiht.

Die Freidenkergemeinschaft in Texas entsteht

1842 grün­den Ade­li­ge in Nas­sau den Ver­ein zum Schut­ze deut­scher Aus­wan­de­rer in Texas. Des­sen Ziel, in Texas, damals bis 1845 noch ein unab­hän­gi­ger Staat, eine gro­ße deut­sche Kolo­nie zu grün­den, hat­te sowohl altru­is­ti­sche als auch wirt­schaft­li­che Grün­de. Für einen Teil der Sie­deln­den über­nimmt der Ver­ein die Kos­ten, hofft aber auch, von Erträ­gen der deut­schen Kolo­nie pro­fi­tie­ren zu kön­nen, was 1846 in der Schaf­fung einer Akti­en­ge­sell­schaft mün­det. Ab 1844 kom­men die ers­ten Sied­ler aus Deutsch­land in Texas an. Ins­ge­samt sind es schließ­lich meh­re­re Tau­send, die sich in Hill Coun­try im Süd­wes­ten von Texas, nie­der­las­sen. Sei­ne wirt­schaft­li­chen Zie­le erreicht der Ver­ein nicht, er geht 1848 in die Insol­venz.

Die deut­sche Kolo­nie, die in Texas ent­steht, ist von einem libe­ra­len Geist geprägt. Sie ver­wei­gert sich der Skla­ve­rei, die Siedler*innen arbei­ten selbst auf den Fel­dern. Im Mai 1847 schließt der Gene­ral­kom­mis­sar des Ver­eins, Otfried Hans von Meu­se­bach, einen Ver­trag mit den ein­hei­mi­schen Indi­ge­nen vom Stamm der Coman­chen, der die Sied­lun­gen absi­chert. Die­ser Ver­trag gilt als der ein­zi­ge zwi­schen Wei­ßen und Indi­ge­nen, der nie­mals gebro­chen wor­den ist. Bis heu­te erin­nern die Nach­kom­men bei­der Sei­ten jedes Jahr am zwei­ten Sams­tag im Mai in Fre­de­ricks­burg mit einem Fest dar­an.

Die libe­ra­le Atmo­sphä­re in der deut­schen Kolo­nie in Texas führt dazu, dass nach der geschei­ter­ten Revo­lu­ti­on von 1848 vie­le ihrer Anhänger*innen, die in die USA flie­hen, sich dort ansie­deln. Sie suchen dort Frei­heit und Demo­kra­tie, die ihnen in Deutsch­land ver­wehrt sind. Die meis­ten von ihnen sind bür­ger­li­cher Her­kunft, geprägt von den Wer­ten der Auf­klä­rung und des Huma­nis­mus. Ver­nunft, Bil­dung und indi­vi­du­el­le Frei­heit bil­den ihr Wer­te­ge­rüst, orga­ni­sier­ten Reli­gio­nen ste­hen sie skep­tisch gegen­über. U.a. grün­den sie 1854 die Stadt Com­fort, die sich zu einer Frei­den­ker­hoch­burg ent­wi­ckelt.

Ihre Wer­te hal­ten sie auch in ihrer neu­en Hei­mat hoch. Reli­giö­se Ritua­le leh­nen sie ab, in Com­fort gibt es bis 1892 kei­ne Kir­che, statt­des­sen schaf­fen sie ihre eige­ne Fest- und Fei­er­kul­tur. Sie grün­den eige­ne Zei­tun­gen, in denen sie ihre welt­an­schau­li­chen und dar­aus fol­gen­den poli­ti­schen For­de­run­gen pro­pa­gie­ren. Dabei müs­sen sie fest­stel­len, dass nicht alle ihre Idea­le von Frei­heit und Demo­kra­tie in den USA ver­wirk­licht sind.

Die von den Freidenker*innen domi­nier­ten deut­schen Gesangs­ver­ei­ne ver­ab­schie­den 1854 auf dem jähr­li­chen Sän­ger­fest zahl­rei­che Reso­lu­tio­nen, die ihrer huma­nis­ti­schen Welt­sicht ent­spre­chen. So for­dern sie, dass Geset­ze so ein­fach und ver­ständ­lich erlas­sen wer­den, dass es kei­ne Anwäl­te braucht, sie zu ver­ste­hen, eine gerech­te Besteue­rung, die sich am Ein­kom­men ori­en­tiert, die Abschaf­fung der Todes­stra­fe und aller Alko­hol­ver­bots­ge­set­ze, des Reli­gi­ons­un­ter­richts in Schu­len, aller Geset­ze zum Schutz von Sonn- oder Gebets­ta­gen, des reli­giö­sen Eids sowie dass der Kon­gress nicht mit einem Gebet eröff­net wer­den soll­te. Ein beson­de­res Augen­merk wid­men die Frei­den­ken­den der Abschaf­fung der Skla­ve­rei. Die­se wider­spricht nicht nur huma­nis­ti­schen Prin­zi­pi­en, son­dern steht auch im Gegen­satz zur US-Ver­fas­sung, die die Gleich­heit aller Men­schen pro­pa­giert. Im länd­lich und reli­gi­ös gepräg­te Texas sto­ßen ihre For­de­run­gen – von denen vie­le bis heu­te in gro­ßen Tei­len der USA nicht mehr­heits­fä­hig sind – auf Unver­ständ­nis. Im Jahr 1855 zer­stört ein Mob die Büros der frei­den­ke­risch ori­en­tier­ten San Anto­nio Zei­tung.

Tödlicher Konflikt um die Sezession

Zu Beginn des Jah­res 1861 tre­ten die ers­ten Süd­staa­ten aus den USA aus. Dar­auf­hin grün­den Deutsch­stäm­mi­ge die Uni­on Loy­al League, die sich für den Ver­bleib von Texas in der Uni­on ein­setzt. Jedoch tritt Texas im März 1861 der Kon­fö­de­ra­ti­on der Süd­staa­ten bei. Die Anhän­ger der Uni­on Loy­al League gel­ten fort­an als Staats­fein­de, denn sie unter­neh­men vie­les, um den Nor­den zu unter­stüt­zen und hof­fen auf die Befrei­ung durch Trup­pen der Nord­staa­ten. Mit der Begrün­dung, dass durch die Ent­sen­dung texa­ni­scher Trup­pen in den Krieg der Schutz ihrer Sied­lun­gen gegen India­ner­über­fäl­le und maro­die­ren­de Ban­den nicht mehr gesi­chert sei, stel­len die uni­ons­treu­en Sied­lun­gen auch eige­ne Mili­zen auf.

Dar­auf­hin ver­hän­gen die texa­ni­schen Behör­den im Juli 1862 das Kriegs­recht, auch um die im April 1862 ein­ge­führ­te Wehr­pflicht durch­zu­set­zen. Jedoch führt die Ent­sen­dung von Trup­pen in die Regi­on zu einer wei­te­ren Eska­la­ti­on. Es kommt zu ers­ten bewaff­ne­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Uni­ons­an­hän­gern und den Süd­staa­ten­mi­li­zen. Dar­auf­hin lässt der neu ernann­te obers­te Mar­shall für die Regi­on, James Duff, diver­se Uni­ons­an­hän­ger, dar­un­ter die Her­aus­ge­ber der frei­den­ke­risch ori­en­tier­ten Zei­tun­gen, ver­haf­ten und zwei Uni­ons­an­hän­ger als Auf­rüh­rer hin­rich­ten. Alle männ­li­chen Per­so­nen über 16 Jah­re wer­den auf­ge­for­dert, einen Treue­eid auf die Kon­fö­de­ra­ti­on abzu­le­gen oder den Staat zu ver­las­sen. Vor die Wahl gestellt, ihre müh­sam auf­ge­bau­te neue Exis­tenz zu ver­lie­ren oder ihrem Gewis­sen zu fol­gen, wei­gern sich den­noch vie­le der Frei­den­ker, den Eid zu leis­ten. Zeit­ge­nös­si­schen Berich­ten zufol­ge wer­den ihre Häu­ser und Höfe nie­der­ge­brannt. Etli­che der Ver­wei­ge­rer, etwa 150, sol­len gelyncht wor­den sein. Aller­dings sind die­se Anga­ben schwer zu über­prü­fen, denn wie in jedem Krieg gibt es auf bei­den Sei­ten mas­si­ve Pro­pa­gan­da. Um dem Ter­ror der kon­fö­de­rier­ten Mili­zen zu ent­ge­hen, ver­ste­cken sich in der Fol­ge ca. 2.000 Per­so­nen in den Ber­gen. Ein Bür­ger­krieg im Bür­ger­krieg beginnt.

Für vie­le von der Wehr­pflicht betrof­fe­ne Frei­den­ker ist es undenk­bar, für eine Sache zu kämp­fen, die ihren Über­zeu­gun­gen total wider­spricht, ande­rer­seits wol­len sie auch nicht als Out­laws in den Ber­gen leben. Sie ver­su­chen, gemein­sam in Grup­pen nach Mexi­ko zu ent­kom­men, vie­le wohl auch mit dem Ziel, sich den Uni­ons­trup­pen zur Ver­fü­gung zu stel­len. Jedoch haben die texa­ni­schen Behör­den die Ver­wei­ge­rer, die aus ihrer Hal­tung kein Geheim­nis gemacht haben, im Blick. Als am 3. August die ers­te Grup­pe von 61 Män­nern auf­bricht, neh­men kon­fö­de­rier­te Mili­zen sofort die Ver­fol­gung auf. In den frü­hen Mor­gen­stun­den des 10. August über­fal­len sie das Lager der Flüch­ti­gen am Nue­ces River, töten vie­le im Kampf und ermor­den auch jene, die ver­wun­det in ihre Hän­de fal­len. Auch wenn Letz­te­res wohl die Tat eines ein­zel­nen Sol­da­ten ist, sei­ne Vor­ge­setz­ten hin­dern ihn nicht dar­an und ver­su­chen die Tat zu ver­tu­schen. Die Toten wer­den nicht ordent­lich bestat­tet, ihre Lei­chen dort, wo sie gefal­len sind, lie­gen gelas­sen. Das soll mög­li­chen Nach­ah­mern als War­nung die­nen. Neun derer, denen es gelun­gen ist, vom Schlacht­feld zu flie­hen, wer­den spä­ter gefasst und hin­ge­rich­tet. Den­noch wagt am 18. Okto­ber eine wei­te­re Grup­pe die Flucht. Als sie den Grenz­fluss Rio Gran­de über­que­ren wol­len, wer­den sie eben­falls ange­grif­fen, wie­der­um ver­lie­ren etli­che ihr Leben. Über die Zah­len der Opfer die­ser Ereig­nis­se gibt es in den Quel­len sehr unter­schied­li­che Anga­ben, die von mehr als 40 bis zu 68 rei­chen. Von den­je­ni­gen, die es geschafft haben zu ent­kom­men, kämp­fen dann vie­le auf Sei­ten der Uni­on in der 1. Texas-Kaval­le­rie.

Das Denkmal

Sofort nach dem Ende des Bür­ger­kriegs machen sich Ange­hö­ri­ge, Freun­de und Sym­pa­thi­san­ten der Ermor­de­ten dar­an, die Toten wür­de­voll zu bestat­ten. Sie sam­meln die ver­blie­be­nen Über­res­te der Toten am Nuence River ein und begra­ben sie am 20. August 1865 in Com­fort auf einem Grund­stück, das sie zu die­sem Zweck erwor­ben haben. 300 Men­schen neh­men an der Trau­er­fei­er teil. Die Trau­er­re­de hält Edu­ard Dege­ner, der zwei Söh­ne bei dem Mas­sa­ker am Nuence River ver­lo­ren hat. 1869 wird er für die repu­bli­ka­ni­sche Par­tei in das US-Reprä­sen­tan­ten­haus gewählt.

Die Erstel­lung des Denk­mals dau­ert noch ein Jahr. Es ist aus Spen­den von Ange­hö­ri­gen der Opfer und deren Sym­pa­thi­san­ten finan­ziert. Am 10. August 1866 fin­det die Ein­wei­hung statt. Auf dem Denk­mal wird in deut­scher Spra­che an die Gescheh­nis­se erin­nert. 36 Opfer des kon­fö­de­rier­ten Ter­rors, dar­un­ter 20 des Mas­sa­kers am Nuence River, wer­den dort nament­lich auf­ge­führt. Die Errich­tung die­ses Denk­mals in einer nach wie vor feind­lich gesinn­ten Umge­bung beweist erneut, dass die deutsch-texa­ni­schen Freidenker*innen sich wei­ter­hin öffent­lich zu ihren Wer­ten beken­nen. Heu­te ist das Denk­mal eine Tou­ris­ten­at­trak­ti­on, im Netz fin­den sich unzäh­li­ge Fotos auf Rei­se­sei­ten.
 
Quel­len:  
https://de.wikipedia.org › wiki › Verein_zum_Schutze_deutscher_Einwanderer_in_Texas
https://www.thelonestarnetwork.com/blog/the-treue-der-union-monument-the-story-behind-comforts-civil-war-memorial
Edwin Scharf: „Freethin­kers” Of the Ear­ly Texas Hill Coun­try. In: Freet­hought Today, April 1998. https://ffrf.org/uncategorized/freethinkers-of-the-early-texas-hill-country/
https://en.wikipedia.org/wiki/Treue_der_Union_Monument
https://qualla.com/treue-der-union-monument/#list/9v3d/treue-der-union-monument-wp
https://www.exulanten.com/ansdrag.html
https://texashistory.unt.edu/ark:/67531/metapth101221/m1/110/

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