Humanist*innen stehen für bestimmte Werte wie Menschenrechte, Demokratie, Freiheit, die leider nicht allgemeingültig sind. Entsprechend kamen und kommen sie immer wieder in Situationen, in denen sie um diese Werte kämpfen müssen. Unter autoritären Bedingungen erfordert das viel Mut und kann zu massiven Nachteilen führen, im Extremfall auch das Leben kosten. Dafür gibt es in Geschichte und Gegenwart viele Beispiele. Das Gedenken an solche Menschen ist wichtig und notwendig.
Der folgende Artikel greift eine in Deutschland eher unbekannte Geschichte auf. Er berichtet von in die USA ausgewanderten Humanist*innen, die bereit waren, für ihre Überzeugung ihre bürgerliche Existenz und letztlich auch ihr Leben aufs Spiel zu setzen.
In der kleinen Stadt Comfort in Texas steht ein Denkmal, das in deutscher Sprache an 36 deutschstämmige Freidenker*innen erinnert, die sich weigerten, im amerikanischen Bürgerkrieg für die Südstaaten und damit für die Sache der Sklaverei zu kämpfen, und in der Folge ihr Leben verloren. Das Denkmal wurde vor 160 Jahren am 10. August 1866 eingeweiht.
Die Freidenkergemeinschaft in Texas entsteht
1842 gründen Adelige in Nassau den Verein zum Schutze deutscher Auswanderer in Texas. Dessen Ziel, in Texas, damals bis 1845 noch ein unabhängiger Staat, eine große deutsche Kolonie zu gründen, hatte sowohl altruistische als auch wirtschaftliche Gründe. Für einen Teil der Siedelnden übernimmt der Verein die Kosten, hofft aber auch, von Erträgen der deutschen Kolonie profitieren zu können, was 1846 in der Schaffung einer Aktiengesellschaft mündet. Ab 1844 kommen die ersten Siedler aus Deutschland in Texas an. Insgesamt sind es schließlich mehrere Tausend, die sich in Hill Country im Südwesten von Texas, niederlassen. Seine wirtschaftlichen Ziele erreicht der Verein nicht, er geht 1848 in die Insolvenz.
Die deutsche Kolonie, die in Texas entsteht, ist von einem liberalen Geist geprägt. Sie verweigert sich der Sklaverei, die Siedler*innen arbeiten selbst auf den Feldern. Im Mai 1847 schließt der Generalkommissar des Vereins, Otfried Hans von Meusebach, einen Vertrag mit den einheimischen Indigenen vom Stamm der Comanchen, der die Siedlungen absichert. Dieser Vertrag gilt als der einzige zwischen Weißen und Indigenen, der niemals gebrochen worden ist. Bis heute erinnern die Nachkommen beider Seiten jedes Jahr am zweiten Samstag im Mai in Fredericksburg mit einem Fest daran.
Die liberale Atmosphäre in der deutschen Kolonie in Texas führt dazu, dass nach der gescheiterten Revolution von 1848 viele ihrer Anhänger*innen, die in die USA fliehen, sich dort ansiedeln. Sie suchen dort Freiheit und Demokratie, die ihnen in Deutschland verwehrt sind. Die meisten von ihnen sind bürgerlicher Herkunft, geprägt von den Werten der Aufklärung und des Humanismus. Vernunft, Bildung und individuelle Freiheit bilden ihr Wertegerüst, organisierten Religionen stehen sie skeptisch gegenüber. U.a. gründen sie 1854 die Stadt Comfort, die sich zu einer Freidenkerhochburg entwickelt.
Ihre Werte halten sie auch in ihrer neuen Heimat hoch. Religiöse Rituale lehnen sie ab, in Comfort gibt es bis 1892 keine Kirche, stattdessen schaffen sie ihre eigene Fest- und Feierkultur. Sie gründen eigene Zeitungen, in denen sie ihre weltanschaulichen und daraus folgenden politischen Forderungen propagieren. Dabei müssen sie feststellen, dass nicht alle ihre Ideale von Freiheit und Demokratie in den USA verwirklicht sind.
Die von den Freidenker*innen dominierten deutschen Gesangsvereine verabschieden 1854 auf dem jährlichen Sängerfest zahlreiche Resolutionen, die ihrer humanistischen Weltsicht entsprechen. So fordern sie, dass Gesetze so einfach und verständlich erlassen werden, dass es keine Anwälte braucht, sie zu verstehen, eine gerechte Besteuerung, die sich am Einkommen orientiert, die Abschaffung der Todesstrafe und aller Alkoholverbotsgesetze, des Religionsunterrichts in Schulen, aller Gesetze zum Schutz von Sonn- oder Gebetstagen, des religiösen Eids sowie dass der Kongress nicht mit einem Gebet eröffnet werden sollte. Ein besonderes Augenmerk widmen die Freidenkenden der Abschaffung der Sklaverei. Diese widerspricht nicht nur humanistischen Prinzipien, sondern steht auch im Gegensatz zur US-Verfassung, die die Gleichheit aller Menschen propagiert. Im ländlich und religiös geprägte Texas stoßen ihre Forderungen – von denen viele bis heute in großen Teilen der USA nicht mehrheitsfähig sind – auf Unverständnis. Im Jahr 1855 zerstört ein Mob die Büros der freidenkerisch orientierten San Antonio Zeitung.
Tödlicher Konflikt um die Sezession
Zu Beginn des Jahres 1861 treten die ersten Südstaaten aus den USA aus. Daraufhin gründen Deutschstämmige die Union Loyal League, die sich für den Verbleib von Texas in der Union einsetzt. Jedoch tritt Texas im März 1861 der Konföderation der Südstaaten bei. Die Anhänger der Union Loyal League gelten fortan als Staatsfeinde, denn sie unternehmen vieles, um den Norden zu unterstützen und hoffen auf die Befreiung durch Truppen der Nordstaaten. Mit der Begründung, dass durch die Entsendung texanischer Truppen in den Krieg der Schutz ihrer Siedlungen gegen Indianerüberfälle und marodierende Banden nicht mehr gesichert sei, stellen die unionstreuen Siedlungen auch eigene Milizen auf.
Daraufhin verhängen die texanischen Behörden im Juli 1862 das Kriegsrecht, auch um die im April 1862 eingeführte Wehrpflicht durchzusetzen. Jedoch führt die Entsendung von Truppen in die Region zu einer weiteren Eskalation. Es kommt zu ersten bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Unionsanhängern und den Südstaatenmilizen. Daraufhin lässt der neu ernannte oberste Marshall für die Region, James Duff, diverse Unionsanhänger, darunter die Herausgeber der freidenkerisch orientierten Zeitungen, verhaften und zwei Unionsanhänger als Aufrührer hinrichten. Alle männlichen Personen über 16 Jahre werden aufgefordert, einen Treueeid auf die Konföderation abzulegen oder den Staat zu verlassen. Vor die Wahl gestellt, ihre mühsam aufgebaute neue Existenz zu verlieren oder ihrem Gewissen zu folgen, weigern sich dennoch viele der Freidenker, den Eid zu leisten. Zeitgenössischen Berichten zufolge werden ihre Häuser und Höfe niedergebrannt. Etliche der Verweigerer, etwa 150, sollen gelyncht worden sein. Allerdings sind diese Angaben schwer zu überprüfen, denn wie in jedem Krieg gibt es auf beiden Seiten massive Propaganda. Um dem Terror der konföderierten Milizen zu entgehen, verstecken sich in der Folge ca. 2.000 Personen in den Bergen. Ein Bürgerkrieg im Bürgerkrieg beginnt.
Für viele von der Wehrpflicht betroffene Freidenker ist es undenkbar, für eine Sache zu kämpfen, die ihren Überzeugungen total widerspricht, andererseits wollen sie auch nicht als Outlaws in den Bergen leben. Sie versuchen, gemeinsam in Gruppen nach Mexiko zu entkommen, viele wohl auch mit dem Ziel, sich den Unionstruppen zur Verfügung zu stellen. Jedoch haben die texanischen Behörden die Verweigerer, die aus ihrer Haltung kein Geheimnis gemacht haben, im Blick. Als am 3. August die erste Gruppe von 61 Männern aufbricht, nehmen konföderierte Milizen sofort die Verfolgung auf. In den frühen Morgenstunden des 10. August überfallen sie das Lager der Flüchtigen am Nueces River, töten viele im Kampf und ermorden auch jene, die verwundet in ihre Hände fallen. Auch wenn Letzteres wohl die Tat eines einzelnen Soldaten ist, seine Vorgesetzten hindern ihn nicht daran und versuchen die Tat zu vertuschen. Die Toten werden nicht ordentlich bestattet, ihre Leichen dort, wo sie gefallen sind, liegen gelassen. Das soll möglichen Nachahmern als Warnung dienen. Neun derer, denen es gelungen ist, vom Schlachtfeld zu fliehen, werden später gefasst und hingerichtet. Dennoch wagt am 18. Oktober eine weitere Gruppe die Flucht. Als sie den Grenzfluss Rio Grande überqueren wollen, werden sie ebenfalls angegriffen, wiederum verlieren etliche ihr Leben. Über die Zahlen der Opfer dieser Ereignisse gibt es in den Quellen sehr unterschiedliche Angaben, die von mehr als 40 bis zu 68 reichen. Von denjenigen, die es geschafft haben zu entkommen, kämpfen dann viele auf Seiten der Union in der 1. Texas-Kavallerie.
Das Denkmal
Sofort nach dem Ende des Bürgerkriegs machen sich Angehörige, Freunde und Sympathisanten der Ermordeten daran, die Toten würdevoll zu bestatten. Sie sammeln die verbliebenen Überreste der Toten am Nuence River ein und begraben sie am 20. August 1865 in Comfort auf einem Grundstück, das sie zu diesem Zweck erworben haben. 300 Menschen nehmen an der Trauerfeier teil. Die Trauerrede hält Eduard Degener, der zwei Söhne bei dem Massaker am Nuence River verloren hat. 1869 wird er für die republikanische Partei in das US-Repräsentantenhaus gewählt.
Die Erstellung des Denkmals dauert noch ein Jahr. Es ist aus Spenden von Angehörigen der Opfer und deren Sympathisanten finanziert. Am 10. August 1866 findet die Einweihung statt. Auf dem Denkmal wird in deutscher Sprache an die Geschehnisse erinnert. 36 Opfer des konföderierten Terrors, darunter 20 des Massakers am Nuence River, werden dort namentlich aufgeführt. Die Errichtung dieses Denkmals in einer nach wie vor feindlich gesinnten Umgebung beweist erneut, dass die deutsch-texanischen Freidenker*innen sich weiterhin öffentlich zu ihren Werten bekennen. Heute ist das Denkmal eine Touristenattraktion, im Netz finden sich unzählige Fotos auf Reiseseiten.
Quellen:
https://de.wikipedia.org › wiki › Verein_zum_Schutze_deutscher_Einwanderer_in_Texas
https://www.thelonestarnetwork.com/blog/the-treue-der-union-monument-the-story-behind-comforts-civil-war-memorial
Edwin Scharf: „Freethinkers” Of the Early Texas Hill Country. In: Freethought Today, April 1998. https://ffrf.org/uncategorized/freethinkers-of-the-early-texas-hill-country/
https://en.wikipedia.org/wiki/Treue_der_Union_Monument
https://qualla.com/treue-der-union-monument/#list/9v3d/treue-der-union-monument-wp
https://www.exulanten.com/ansdrag.html
https://texashistory.unt.edu/ark:/67531/metapth101221/m1/110/




