Wahlrecht

Absenkung der Fünf-Prozent-Klausel? Ja!

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Foto: Evelin Frerk

Beitragsbild: László D./unsplash

Wie viel politische Vielfalt verträgt eine Demokratie? Fast jede siebte Zweitstimme fiel bei der letzten Bundestagswahl unter den Tisch. Warum die 5-%-Klausel gesenkt werden sollte und kleine Parteien eine Chance bekommen müssen, erklärt Johannes Schwill in seiner politischen Kolumne.

In die­sem hei­ßen Som­mer wir­ken Bürger*innen und Politiker*innen glei­cher­ma­ßen rat- und ori­en­tie­rungs­los. Vie­le Brü­cken sind kaputt. Ob die Bahn kommt, bleibt Glücks­sa­che. Und jetzt geht’s wirk­lich ans Fun­da­ment: Der Rhein, die west­deut­sche Lebens­ader, trock­net aus. Lei­der kommt auf dem Grun­de kein Rhein­gold zum Vor­schein, son­dern nur Hun­ger­stei­ne, Schiffs­wracks und Müll. Die Fol­gen des Kli­ma­wan­dels wer­den sehr hand­fest – zusätz­lich zu allen ande­ren Pro­ble­men. Und als Mene­te­kel am Hori­zont naht die Sep­tem­ber­wahl in Sach­sen-Anhalt.

Ob die Bun­des­re­gie­rung noch die Kraft hat, die berech­tig­ten Kri­tik­punk­te an den sozia­len Unwuch­ten ihrer ers­ten bei­den gro­ßen Reform­pa­ke­te, der Gesund­heits- und der Ren­ten­re­form, auf­zu­neh­men und kon­struk­tiv ein­zu­ar­bei­ten, darf bezwei­felt wer­den. Die Lust auf einen dis­rup­ti­ven gro­ßen Knall scheint in der unüber­sicht­li­chen Mul­ti­kri­se anzu­schwel­len; vie­le hal­ten sich schon die Ohren zu.

Es man­gelt nicht an Vor­schlä­gen, wie die Demo­kra­tie gegen ihre erklär­ten Wider­sa­cher zu ver­tei­di­gen und „sturm­fest“ zu machen sei. Ein Pro­blem­kreis dabei ist die Poli­tik- und Alt-Par­tei­en­mü­dig­keit von vie­len Men­schen, nicht nur im Osten: „Die da oben machen sowie­so, was sie wol­len, krie­gen dabei aber nix geba­cken.“

Als Heil- und Akti­vie­rungs­mit­tel gilt eini­gen mehr direk­te Demo­kra­tie. Tech­nisch machen digi­ta­le Dis­kus­si­ons- und Abstim­mungs­ver­fah­ren inten­si­ve­re und unmit­tel­ba­re Mit­spra­che mög­lich. Par­tei­en gel­ten dabei als Teil des Pro­blems; eine Lösung sehen man­che in unab­hän­gi­gen, per Los bestimm­ten Bür­ger­rä­ten. Sol­che Ver­fah­ren set­zen jedoch Zeit, Kennt­nis­se und Bereit­schaft zum Enga­ge­ment für das Gemein­wohl vor­aus – die erfah­rungs­ge­mäß lei­der nicht bei allen Mitbürger*innen und Milieus anzu­tref­fen ist und zu denen in einem frei­en Land auch nie­mand ver­pflich­tet wer­den kann. Auch ein Zuge­hö­rig­keits­ge­fühl ent­steht so nicht.

Nun hat der frü­he­re Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­prä­si­dent Hans-Jür­gen Papier dan­kens­wer­ter­wei­se ein ande­res Sys­tem­pro­blem der Demo­kra­tie erneut ange­packt: Er schlägt vor, die 5-%-Sperrklausel bei Bun­des­tags­wah­len auf drei Pro­zent zu sen­ken. Es sei unde­mo­kra­tisch und wider­spre­che dem Ver­fas­sungs­ge­bot des glei­chen Wahl­rechts, dass z.B. bei der letz­ten Bun­des­tags­wahl fast jede sieb­te Zweit­stim­me unter den Tisch fiel.

Die Debat­te ist nicht neu. Sperr­klau­seln gibt es in vie­len Staa­ten, meis­tens nied­ri­ge­re, aber auch noch höhe­re. Das zen­tra­le Argu­ment dabei ist die Gewähr­leis­tung von arbeits­fä­hi­gen Par­la­men­ten und Regie­rungs­ko­ali­tio­nen. In der Bun­des­re­pu­blik wur­de sie von der Ade­nau­er-Regie­rung 1953 für die Bun­des­ebe­ne ein­ge­führt; die Uni­on als neue bi-kon­fes­sio­nel­le Mit­te-Rechts-Sam­mel­par­tei pro­fi­tier­te sogleich davon. Nach­dem auch die SPD mit dem Godes­ber­ger Pro­gramm den Weg zur Volks­par­tei beschrit­ten hat­te, über­leb­te von den klei­ne­ren Par­tei­en dann nur die FDP. Um die­se gefü­gig zu hal­ten, schreck­te Ade­nau­er nicht davor zurück, ihr 1962 mit einer wei­te­ren Wahl­rechts­än­de­rung zum bri­ti­schen Mehr­heits­wahl­recht zu dro­hen (s. Car­lo Schmid, Erin­ne­run­gen). Seit den spä­ten 60ern gab es dann vie­le Par­tei­grün­dun­gen im lin­ken, im rech­ten und im neu­en öko­lo­gi­schen, sel­te­ner im kon­ser­va­ti­ven und im libe­ra­len Spek­trum, eini­ge mit Spe­zi­al­an­lie­gen wie die Tier­schutz­par­tei. Län­ger­fris­tig erfolg­reich sind bis dato ledig­lich die Grü­nen, die Lin­ken und jüngst in erschre­cken­dem Maße die AfD.

Debat­te und Kri­tik an der 5-%-Klausel lie­fen par­al­lel wei­ter. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt öff­ne­te sich schritt­wei­se für die Argu­men­te der Kri­ti­ker; nach 80 Jah­ren funk­tio­nie­ren­der Demo­kra­tie gilt Sta­bi­li­tät nicht mehr als „ers­te Demo­kra­ten­pflicht“. Bei den Kom­mu­nal- und Euro­pa­wah­len ist die Klau­sel schon län­ger gefal­len.

Es kann nicht über­ra­schen, dass die Debat­te in der Gegen­wart auch über­wie­gend „pro domo“ geführt wird: Die 2025 an der Klau­sel geschei­ter­ten Par­tei­en wie FDP und BSW wür­den eine Sen­kung der Hür­de laut begrü­ßen, eben­so die klei­ne­ren Par­tei­en wie Volt oder ÖDP, die die Wahr­neh­mungs­schwel­le schon län­ger über­schrit­ten haben und in Kom­mu­nen und Län­dern respek­ta­ble Arbeit machen; für letz­te­re wäre die genaue Höhe der neu­en Klau­sel wich­tig.

Span­nend sind die aktu­el­len Stim­men aus den eta­blier­ten Par­tei­en: Die Lin­ken sowie Ein­zel­ne bei der SPD und den Grü­nen neh­men den Ball auf – teils, weil sie sich neue Bünd­nis­op­tio­nen erhof­fen, teils weil sie es – für die alte Tan­te SPD eine neue Bedro­hung – für mög­lich hal­ten, selbst unter das Fall­beil zu gera­ten. Strik­ter Wider­spruch kommt allein aus der Uni­on. Grün­de dafür lie­gen auf der Hand:  Die Uni­on droht aus­ein­an­der­zu­fal­len. Das „Christ­li­che Men­schen­bild“ reicht spä­tes­tens seit der Debat­te um Jens Spahn und die Leih­mut­ter­schaft nicht mehr als reli­gi­ös-kul­tu­rel­ler Kitt; die sozia­len Span­nun­gen neh­men auch in der klas­si­schen Uni­ons-Kli­en­tel zu; die „Brand­mau­er“ gegen die AfD zeigt gro­ße Löcher und Ris­se.

Wie könn­ten sich Humanist*innen hier posi­tio­nie­ren? Nach Mei­nung des Autors sind in einer leben­di­gen Demo­kra­tie – und die wol­len wir doch als Humanist*innen! – Par­tei­grün­dun­gen der Königs­weg, um auf poli­ti­sche und sozia­le Ent­wick­lun­gen zu reagie­ren, aktu­el­le (und alte, unge­lös­te) Pro­ble­me zu benen­nen oder neu zu „framen“, „Abge­häng­te“ zu akti­vie­ren, Ziel­grup­pen neu zu defi­nie­ren, klu­ge Lösungs­we­ge anzu­bie­ten und das Gan­ze unter einem über­zeu­gen­den, zukunfts­wei­sen­den Nar­ra­tiv zu bün­deln. Eta­blier­te Par­tei­en nei­gen lei­der dazu, Olig­ar­chien mit Eigen­in­ter­es­sen zuzu­las­sen, inner­par­tei­li­che Initia­ti­ven für Neu­es aus­zu­brem­sen, Ziel­grup­pen­ar­beit mit Folk­lo­re zu ver­wech­seln und damit ihr Pro­fil zu ver­wäs­sern. Außer­dem wer­den lan­ge regie­ren­den Par­tei­en ver­ständ­li­cher­wei­se auch ihre Ver­säum­nis­se und „fau­len“ Kom­pro­mis­se ange­krei­det. Hier hat die AfD lei­der einen Punkt. Neue Besen sehen fri­scher aus – auch wenn die völ­ki­schen Besen­bin­der nur mod­ri­ge alte brau­ne Män­ner­hü­te auf Lager haben.

Auch der Begriff „Abspal­tung“ ist zu pejo­ra­tiv: Manch­mal ist es bes­ser, getrenn­te Wege zu gehen – um spä­ter viel­leicht wie­der nach einer Rund­erneue­rung auf Augen­hö­he zusam­men­ar­bei­ten zu kön­nen. Span­nend ist die Fra­ge, ob es auch heu­te neu­en Par­tei­en gelin­gen könn­te, die im 19. Jahr­hun­dert ent­stan­de­nen Lager­gren­zen zu ver­schie­ben und neue Span­nungs­li­ni­en (wie die öko­lo­gi­sche in den 1970ern) aus­zu­lo­ten. Genau das ver­sucht das BSW, lei­der mit fatal anti-huma­nis­ti­schen Zie­len. Nach Mei­nung des Autors wäre neu zu bestim­men und aus­zu­han­deln, was heu­te libe­ral, sozi­al gerecht, eman­zi­pa­to­risch, fort­schritt­lich oder auch kon­ser­va­tiv und tra­di­ti­ons­be­wusst bedeu­tet – ent­lang rea­ler glo­bal­po­li­ti­scher, sozia­ler, tech­ni­scher (KI!), öko­no­mi­scher und kul­tu­rel­ler Rah­men­be­din­gun­gen und Pro­ble­me. Hier könn­ten neue Par­tei­en den trä­gen alten „Dampf machen“:

Wenn z.B. gut bezahl­te VW-Fach­ar­bei­ter ihre Arbeits­plät­ze ver­tei­di­gen, ist das legi­tim, aber struk­tur­kon­ser­va­tiv. Ist über­zo­ge­ne lin­ke Iden­ti­täts­po­li­tik („Wokis­mus“) fort­schritt­lich? Ist idea­lis­ti­scher Pazi­fis­mus nicht geschichts­blind? Hilft uns die KI, oder bedroht sie uns fun­da­men­tal? Sind Umwelt- und Kli­ma­schutz nicht urkon­ser­va­ti­ve Anlie­gen? Was heißt gerech­te Ren­te und sozi­al-kul­tu­rel­le Teil­ha­be? Mit wem genau soll­ten wir soli­da­risch sein? Ist eine vor­sich­ti­ge Zurück­hal­tung gegen­über Frem­dem und Frem­den (s. das „Frem­deln“ von Klein­kin­dern) nicht „nor­mal“ (weil evo­lu­tio­när pro­gram­miert)? Ist der Wunsch nach Aner­ken­nung, Zuge­hö­rig­keit und „Hei­mat“ rechts? Und wel­che Frei­hei­ten müs­sen wir prio­ri­tär schüt­zen?

Inso­fern soll­ten Gesetz­ge­ber und Ver­fas­sungs­ge­richt (und auch die Medi­en) in der Demo­kra­tie bei Par­tei­grün­dun­gen nicht als Ver­hin­de­rer, son­dern als Ermög­li­cher und Unter­stüt­zer auf­tre­ten und inno­va­ti­ves poli­ti­sches Unter­neh­mer­tum (nicht Glücks­rit­ter­tum!) beloh­nen. Die Schwie­rig­kei­ten für Par­tei­neu­grün­dun­gen blei­ben groß genug; lei­der not­wen­dig sind bekann­te Gesich­ter – so sagen jeden­falls die Par­tei­en­for­scher.

Die Argu­men­ta­ti­on für eine Bei­be­hal­tung der 5-%-Klausel über­zeugt mich nicht: Die „Zer­split­te­rung des Par­tei­en­sys­tems“ ist ein kon­ser­va­ti­ver Popanz. Gewiss sind Drei­er- oder Vie­rer­ko­ali­tio­nen schwie­ri­ger; es braucht natür­lich bei allen den Wil­len zum Kom­pro­miss. Aber Demo­kra­tie ohne genug Demokrat*innen funk­tio­niert sowie­so nicht (sie­he Wei­mar). Eben­so gewiss kön­nen „fre­che“ und „obstruk­ti­ve“ Klein­grup­pen eine strin­gen­te Arbeit in Gemein­de­rä­ten, Par­la­men­ten und Aus­schüs­sen erschwe­ren. Geschäfts­ord­nungs­tricks beherr­schen aber auch die Pro­fis der eta­blier­ten Frak­tio­nen, in denen es oft­mals ein ziem­lich unde­mo­kra­ti­sches inter­nes Macht- und Infor­ma­ti­ons­ge­fäl­le gibt. Effi­zi­ent muss die Exe­ku­ti­ve arbei­ten; bei der Legis­la­ti­ve ist die breit­ge­fä­cher­te Reprä­sen­ta­ti­on des Sou­ve­räns, also des gesam­ten Vol­kes, wich­ti­ger.

In unse­rer viel­fäl­ti­gen, offe­nen Gesell­schaft müs­sen klei­ne Par­tei­en mit ihren Anlie­gen eine Chan­ce bekom­men, selbst wenn davon sicher­lich auch Par­tei­en pro­fi­tie­ren, deren Kom­pass in eine anti­hu­ma­nis­ti­sche Rich­tung zeigt. Des­halb: Run­ter mit der 5-%-Hürde! In Bund und Län­dern. Ob auf zwei oder drei Pro­zent, wäre zu ver­han­deln. Wir brau­chen heu­te nicht „mehr Ade­nau­er“; Zynis­mus der Macht gibt es reich­lich. Viel­leicht gelingt es dem Huma­nis­mus ins­ge­samt (nicht der Orga­ni­sa­ti­on Huma­nis­ti­scher Ver­band Deutsch­lands, die par­tei­po­li­tisch neu­tral blei­ben muss), auch mit Hil­fe von enga­gier­ten neu­en Par­tei­en noch signi­fi­kan­ter ein eige­nes poli­ti­sches (Vor-)Feld zu mar­kie­ren und damit die tra­di­tio­nel­len Lager und Far­ben zu über­schrei­ben. Kri­te­ri­um wäre das huma­nis­ti­sche Men­schen­bild. Klar abgren­zen müs­sen wir uns gegen Par­tei­en mit einer anti-huma­nis­ti­schen Ideo­lo­gie, zum Bei­spiel auto­ri­tä­re, liber­tä­re, rechts­iden­ti­tä­re und neo-völ­ki­sche.

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