Die inhaltliche Vorarbeit zum Dokumentarfilm „Im Prinzip Familie“ begann bereits im Jahr 2012, als Regisseur Daniel Abma nach einer Vorführung seines Films „Nach Wriezen“ mit Vertreter*innen des Jugendamtes in Potsdam in Kontakt kam. Der dort gezeigte Film, der sich mit der Resozialisierung von jugendlichen Straftäter*innen befasst, bildete den Grundstein für Daniels Interesse an sozialpädagogischen Angeboten. Der Vertreter eines großen Trägers zeigt ihm daraufhin verschiedene Wohngruppen, darunter auch ein an einem idyllischen See gelegenes Haus, das zur betreuten Jugendhilfe gehört. „Ich war fasziniert von dem, was dort passierte“, erinnert sich Daniel im Interview. Die Begegnung war der Ausgangspunkt für ein mehrjähriges Recherche- und Filmprojekt, aus dem schließlich der Dokumentarfilm „Im Prinzip Familie“ entstand.
Daniel beschreibt den Prozess der Stoffentwicklung auch als eine Suche nach dem richtigen Fokus: „Zunächst haben wir überlegt, ob der Film nur über die Erwachsenen gehen soll. Aber dann haben wir während der Dreharbeiten gemerkt, dass es ohne die Geschichten der Kinder nicht funktioniert. Sie sind der rote Faden, an dem sich auch die Arbeit der Betreuer*innen orientiert.“ (Daniel Abma).
Britta Strampe, die Produzentin des Films, ergänzt, dass vor allem die intensive Recherche und die Begegnungen mit den Menschen in der Wohngruppe ausschlaggebend dafür waren, was den Film letztendlich ausmacht. „Der eigentliche Protagonist des Films ist die Beziehung zwischen den Kindern und den Erwachsenen.“ (Britta Strampe)
In dem Haus am See im ländlichen Raum, das zum zentralen Drehort des Films wurde, gibt es verschiedene Wohngruppen, die jeweils einen sehr hohen Betreuer*innenschlüssel haben. Insgesamt arbeiten dort ca. 30 Personen in vier Wohngruppen mit durchschnittlich fünf Kindern. Der Film begleitet eine dieser Gruppen und richtet den Fokus auf drei Erzieher*innen, die für die Wohngruppe verantwortlich sind. „Wenn man nur drei Personen zeigt, kann man viel mehr sagen und viel mehr zeigen über diese Personen, viel mehr in die Tiefe gehen und sie besser kennenlernen. Und so ist die Konstellation entstanden, dass wir zwei Kinder und drei Erzieher*innen in den Fokus gerückt haben.“ (Daniel Abma).
Die Wohngruppen sind nicht nach Geschlechtern getrennt. Vielmehr wird im Vorfeld durch Besuche und Gespräche geschaut, welches Kind mit erhöhtem Betreuungsbedarf gut in die bestehende Gruppe passen würde – fast wie in einer Wohngemeinschaft. Dass in der gezeigten Wohngruppe zum Zeitpunkt der Dreharbeiten nur Jungen leben, ist also Zufall. „So eine Wohngruppe bekommt, wenn ein Platz frei ist, sehr viele Anfragen. Da entscheidet dann das Team, wer am besten passt.“ (Daniel Abma)
Ausschlaggebend für die Wahl dieser Wohngruppe war vor allem die Offenheit und das Vertrauen, mit dem Daniel und sein Team aufgenommen wurden. Nach einem ersten Besuch schrieb die Leiterin des Hauses in einer E‑Mail: „‘Ich habe das Gefühl, unsere Wohngruppe und du passen gut zusammen. Du bist jederzeit willkommen.‘ Das war dann die Einladung, um diese Phase der Recherche tatsächlich zu starten. Dieses willkommene Gefühl ist auch immer geblieben. Als ich die Wohngruppe nach den Drehtagen wieder besucht habe, hatte ich das Gefühl, ich bin jetzt ein Teil der Familie. Es ist so schön, dort immer wieder hinzufahren.“ (Daniel Abma)
Frau Wagner meinte bei der Premiere des Films in Leipzig, dass Daniel und Britta nun wie eine Art Onkel und Tante für die Kinder geworden sind und nun „im Prinzip“ zur Familie gehören. Diese Offenheit ermöglichte es dem Filmteam, einen intensiven Zugang zu den Kindern und Betreuenden zu finden und authentische und intime Momente einzufangen. Das Filmteam schuf eine Atmosphäre, in der sich die Kinder wohl fühlten, indem es ihnen im Vorfeld die Technik erklärte und ihnen auch die Möglichkeit gab, selbst zu filmen und aufzunehmen. „Wir haben so eine Art medienpädagogischen Workshop gegeben. Am ersten Drehtag haben wir nicht gefilmt, sondern den Kindern erstmal die Kamera gezeigt und sich selbst filmen lassen, das Mikrofon auf- und zurückbauen und zu erfahren, wie präzise so ein Mikro wirklich alle Geräusche und Stimmen auffängt. Das hat allen sehr viel Spaß gemacht und danach wurde es ganz normal, dass wir mit der ganzen Technik da waren.“ (Daniel Abma).
Die spielerische Herangehensweise half den Kindern, die Anwesenheit der Kamera zu akzeptieren und sich auch in emotionalen Momenten nicht von ihr gestört zu fühlen. „Meiner Erfahrung nach vergessen Kinder die Kamera viel schneller als Erwachsene, vor allem in intensiven Situationen.“, sagt Daniel. Gleichzeitig hatten die Kinder immer die Möglichkeit, Grenzen zu setzen und zu zeigen, wenn sie sich mit der Kamera unwohl fühlten. „Die Kinder konnten immer „Nein“ sagen, Thema Augenhöhe. Es war abgesprochen – und es ist auch vorgekommen – dass Kinder sich in bestimmten Momenten unwohl gefühlt haben. Dann ging zum Beispiel die Kinderzimmertür zu. Nach einer Weile hat sich diese Tür dann auch wieder geöffnet. Dann durften wir weitermachen.“ (Daniel Abma).
Die entstandene Nähe ermöglichte es dem Team, auch intimen Szenen zu filmen, wie beispielsweise dem Moment am Ende des Films, in dem Niklas erfährt, dass er erstmal nicht bei seiner Mutter wohnen kann. Hier lief die Kamera erstmal nur mit. Niklas konnte nach dem Gespräch entscheiden, ob die Szene in den Film darf oder nicht. Vor dem Dreh wusste er nicht, was er im Gespräch erfahren würde. In der Wohngruppe leben mehrere Kinder, die auch im Film zu sehen sind. Im Mittelpunkt stehen die Geschichten von Niklas und Kelvin. Beide leben schon länger in der Wohngruppe, was die Vertrautheit zwischen dem Filmteam und den Kindern förderte. „Niklas und Kelvin waren die Kinder, mit denen wir am längsten Kontakt hatten und deren Entwicklung wir über einen längeren Zeitraum beobachten konnten.“ (Britta Strampe)
Eine besondere Herausforderung in der Arbeit mit den jungen Protagonist*innen ist auch, die Balance zwischen Intimität und dem Schutz der Kinder zu wahren. Sensible Informationen über die Hintergründe der Kinder und Familien wurden bewusst anonymisiert, um ihnen auch langfristig nicht zu schaden. „Wir wollten alles dafür tun, dass die Kinder auch in zehn Jahren noch glücklich mit dem Film sein können.“ (Britta Strampe)
Damit am Ende alle Protagonist*innen mit ihrer Darstellung im Film einverstanden waren, wurden sie auch nach Ende der Dreharbeiten in den Entstehungsprozess des Films eingebunden. Ein zentraler Aspekt, den der Film aufgreift, ist das Spannungsfeld zwischen den Wünschen der Kinder und den realen Bedingungen, die oft durch die familiären Verhältnisse geprägt sind. Daniel beschreibt die „unbedingte Loyalität der Kinder gegenüber ihren Eltern: Egal wie schwierig oder instabil die Situation zu Hause ist, fast alle Kinder wollen immer wieder zurück zu ihren Eltern. Das ist unglaublich berührend, aber auch sehr herausfordernd für die Betreuer*innen, da es für die Kinder oft besser ist, erstmal in der Einrichtung zu bleiben. Die Bindung zu den Eltern ist jedoch so stark, dass sie alles andere überwiegt.“ (Daniel Abma)
Diese Loyalität wird besonders in den Szenen mit Niklas deutlich, der trotz seiner Enttäuschung über die familiäre Situation immer wieder ganz klar zu seiner Mutter zurückkehren möchte. Der Film „Im Prinzip Familie“ bietet nicht nur einen tiefen Einblick in das Leben in einer Wohngruppe, sondern möchte auch gesellschaftliche Impulse setzen. Daniel hofft, dass der Film auch dazu beiträgt, mehr Menschen für soziale Berufe zu begeistern und die wichtige Arbeit, die die Betreuer*innen in den Wohngruppen leisten, ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Die Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe würde oft unterschätzt, obwohl sie sehr wichtig sei: „Es ist leicht, auf das System der Jugendhilfe zu schimpfen und Missstände anzukreiden. Uns war es aber wichtig zu zeigen, dass es auch positive Beispiele gibt.“ (Britta Strampe).
„Im Prinzip Familie“ gibt einen warmherzigen und intensiven Einblick in die intensive Beziehungsarbeit in intensiv betreuten Wohngruppen. Der Film zeigt, wie sehr die Erzieher*innen das Leben der dort lebenden Kinder prägen. „Die Kinder sind nicht das Problem. Oft sind es die Umstände, in denen sie aufwachsen, die ihnen das Leben schwer machen. Unsere Hoffnung ist, dass der Film zeigt, wie wichtig es ist, diesen Kindern eine Chance zu geben und sie in einem Umfeld zu unterstützen, in dem sie sich sicher und geborgen fühlen können.“ (Britta Strampe)

Daniel Abma (geb. 1978 in den Niederlanden) studierte zunächst Grundschulpädagogik und arbeitete als Medienpädagoge, bevor er an der Filmuniversität Babelsberg Regie studierte. Seine dokumentarischen Arbeiten konzentrieren sich auf soziale Themen und charakterbasierte Beobachtungen. Seine Filme – darunter „Nach Wriezen“ (2012), „Transit Havanna“ (2016) und „Autobahn“ (2019) – wurden international auf Festivals wie IDFA, Karlovy Vary und DOK Leipzig gezeigt und mehrfach ausgezeichnet.

Britta Strampe ist Produzentin und Mitgründerin von Bandenfilm. Während ihres Studiums der Kommunikationswissenschaft absolvierte sie diverse Praktika im Film- und Medienbereich. Anschließend arbeitete sie als Produktionsleiterin für Kinodokumentarfilme, bevor sie ein Masterstudium der Filmproduktion in Babelsberg aufnahm und für einen Filmverleih tätig war.
Anlässlich des Internationalen Kindertages am 1. Juni lädt der Humanistische Verband Deutschlands herzlich ein zu einem Film-Screening mit anschließendem Gespräch zwischen dem Regisseur Daniel Abma und Britta Licht, Bundesbeauftragte für Kinderrechte des Humanistischen Verbandes Deutschlands. Mehr Infos hier.



