Liebe Humanist*innen,
ich merkte, dass sich etwas ändern musste, als ich nachts aufwachte und mir Sorgen über Feuerschutztüren machte. Es war nicht so, dass die Organisation des Umzugs eines der größten Start-ups Berlins zu viel für mich war. Es war vielmehr so, dass ich diese Verantwortung mit der Pflege eines behinderten Partners zu vereinbaren versuchte.
Jetzt bin ich nur noch 20 Stunden pro Woche angestellt. Der Stress bei der Arbeit ist geringer, die finanzielle Angst ist entsprechend größer. Und inklusive meiner Pflegearbeit arbeite ich so viele Stunden wie zuvor, wenn nicht sogar mehr. Es sind nur unbezahlte, unsichtbare Pflegestunden, die so viele Tausende Frauen in Deutschland leisten. Mein Partner hat einen Pflegegrad, und während ich die neuen Regierungsentwürfe lese, sorge ich mich, dass mit zunehmendem Bedarf die Unterstützung vom Staat nicht folgen wird.
Die Regierung argumentiert, Reformen bei der Pflegeversicherung sind unausweichlich (auch weil wir mehr Geld für Verteidigung ausgeben müssen). Diskutiert werden auch höhere Hürden bei der Einstufung in Pflegegrade. Aber Pflege beginnt nicht mit einem Bescheid. Sie beginnt im Alltag. Rund 85 Prozent aller Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt – meist von Angehörigen. Wird der Zugang erschwert, entsteht eine Lücke zwischen Bedarf und Unterstützung.
Wir dürfen die Männer, die pflegen, nicht unsichtbar machen. Gleichzeitig bleibt die Realität, dass Pflege im privaten Umfeld noch immer überwiegend von Frauen getragen wird. Mütter, Partnerinnen, Töchter oder Schwiegertöchter. Viele reduzieren ihre Stunden, verzichten auf Einkommen oder steigen ganz aus dem Beruf aus, um die Versorgung sicherzustellen.
Was als Reform gedacht ist, verschiebt Verantwortung von der Solidargemeinschaft in private Haushalte. Während die Kosten für Verteidigung steigen, sollten wir klar sehen, wer den Preis für neue Rüstungsentscheidungen zahlt: Frauen, vor allem zunehmend arme Frauen.
Mit humanistischen Grüßen
Ramona Timmons
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