Aus dem Newsletter 05|2026 des Humanistischen Verbandes Deutschlands | Bundesverband

Unsichtbare Pflegestunden

| von

Beitragsbild: Martino Pietropoli/unsplash

Rund 85 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt. Was passiert, wenn Unterstützung gekürzt oder erschwert wird? Ein persönliches Editorial über Verantwortung, Fürsorge und soziale Gerechtigkeit.

Lie­be Humanist*innen,

ich merk­te, dass sich etwas ändern muss­te, als ich nachts auf­wach­te und mir Sor­gen über Feu­er­schutz­tü­ren mach­te. Es war nicht so, dass die Orga­ni­sa­ti­on des Umzugs eines der größ­ten Start-ups Ber­lins zu viel für mich war. Es war viel­mehr so, dass ich die­se Ver­ant­wor­tung mit der Pfle­ge eines behin­der­ten Part­ners zu ver­ein­ba­ren ver­such­te.

Jetzt bin ich nur noch 20 Stun­den pro Woche ange­stellt. Der Stress bei der Arbeit ist gerin­ger, die finan­zi­el­le Angst ist ent­spre­chend grö­ßer. Und inklu­si­ve mei­ner Pfle­ge­ar­beit arbei­te ich so vie­le Stun­den wie zuvor, wenn nicht sogar mehr. Es sind nur unbe­zahl­te, unsicht­ba­re Pfle­ge­stun­den, die so vie­le Tau­sen­de Frau­en in Deutsch­land leis­ten. Mein Part­ner hat einen Pfle­ge­grad, und wäh­rend ich die neu­en Regie­rungs­ent­wür­fe lese, sor­ge ich mich, dass mit zuneh­men­dem Bedarf die Unter­stüt­zung vom Staat nicht fol­gen wird.

Die Regie­rung argu­men­tiert, Refor­men bei der Pfle­ge­ver­si­che­rung sind unaus­weich­lich (auch weil wir mehr Geld für Ver­tei­di­gung aus­ge­ben müs­sen). Dis­ku­tiert wer­den auch höhe­re Hür­den bei der Ein­stu­fung in Pfle­ge­gra­de. Aber Pfle­ge beginnt nicht mit einem Bescheid. Sie beginnt im All­tag. Rund 85 Pro­zent aller Pfle­ge­be­dürf­ti­gen wer­den zu Hau­se ver­sorgt – meist von Ange­hö­ri­gen. Wird der Zugang erschwert, ent­steht eine Lücke zwi­schen Bedarf und Unter­stüt­zung.

Wir dür­fen die Män­ner, die pfle­gen, nicht unsicht­bar machen. Gleich­zei­tig bleibt die Rea­li­tät, dass Pfle­ge im pri­va­ten Umfeld noch immer über­wie­gend von Frau­en getra­gen wird. Müt­ter, Part­ne­rin­nen, Töch­ter oder Schwie­ger­töch­ter. Vie­le redu­zie­ren ihre Stun­den, ver­zich­ten auf Ein­kom­men oder stei­gen ganz aus dem Beruf aus, um die Ver­sor­gung sicher­zu­stel­len.

Was als Reform gedacht ist, ver­schiebt Ver­ant­wor­tung von der Soli­dar­ge­mein­schaft in pri­va­te Haus­hal­te. Wäh­rend die Kos­ten für Ver­tei­di­gung stei­gen, soll­ten wir klar sehen, wer den Preis für neue Rüs­tungs­ent­schei­dun­gen zahlt: Frau­en, vor allem zuneh­mend arme Frau­en.

Mit huma­nis­ti­schen Grü­ßen 
Ramo­na Tim­mons

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