„Queer – so einen Quatsch gab’s früher nicht!“ Ach ja? Dass es Homosexualität gibt und immer gab, daran besteht sicher kein Zweifel. Von der staatstragenden Homosexualität im antiken Griechenland bis zur, teilweise noch immer unter Strafe stehenden, Homosexualität der Neuzeit: Niemand wird wohl die Existenz des sexuellen Interesses am gleichen Geschlecht in Frage stellen. Aber Queerness? Männer, die sich in ihrem Körper nicht zu Hause fühlen, und umgekehrt? Frauen, die lieber als Männer leben würden, mit allen Konsequenzen?
Ja, hier und da gibt es ein Geraune von der legendären Päpstin Johanna, die durch eine Schwangerschaft im 9. Jahrhundert aufgeflogen sein soll. Wirklich existiert hat Johanna wohl nicht. Ihre Beweggründe waren eher akademischer als sexueller Natur: Das Kloster, noch dazu die Konvente der Mönche, waren zu ihrer Zeit die Orte, an denen ein wacher Geist Bildung erlangen konnte. Also eher „Transvestit“ aus intellektuellen Gründen als aus Neigung.
Ein anderer Fall ist jedoch beeindruckend detailliert überliefert: 1687 kommt in Gehofen, im Norden Thüringens, ein kleines Mädchen zur Welt: Catharina Margaretha Linck. Ihre Mutter ist eine verarmte Witwe; ein Soldat hat sie geschwängert. Mutter und Tochter schlagen sich durch, bis sie im neu gegründeten Waisenhaus des Pietisten August Francke unterkommen. Catharina erhält Schulbildung und religiöse Erziehung, mit zwölf Jahren schließt sie sich den „Inspiraten“ an, einer evangelischen Abspaltung – kehrt aber bald zurück und beginnt eine Lehre bei einem Knopfmacher und Kattundrucker.
Mit 15 Jahren verlässt sie ihren Lehrherrn und begibt sich auf Wanderschaft. In Calbe an der Saale tritt sie erstmals in Männerkleidung auf und rüstet sich mit einem Horn aus, mit dem sie im Stehen urinieren kann. Die Verkleidung öffnet ihr nicht nur einen Weg aus der Armut, sondern auch die Möglichkeit, sexuelle Beziehungen mit Frauen einzugehen. Sie reist mit einer radikalpietistischen Sekte bis nach Nürnberg, schließt sich den Täufern an, nimmt den Namen Anastasius Lagrantinus Rosenstengel an und tritt als Prophet auf. 1705 wird sie Soldat im Spanischen Erbfolgekrieg.
Obwohl sie mehrfach als Frau enttarnt wird, gelingt es ihr über sieben Jahre hinweg, immer wieder als Soldat angeworben zu werden. Als sie desertiert und gefasst wird, rettet ihr ausgerechnet ihr wahres Geschlecht das Leben: Sie gesteht ihrem Beichtvater, eine Frau zu sein, und wird nach 16 Wochen Haft entlassen.
Mit 30 Jahren heiratet sie 1717 ihre 19-jährige Geliebte Catharina Margaretha Mühlhahn in Halberstadt. Doch die Schwiegermutter schöpft von Anfang an Verdacht. Durch ihre Intrigen müssen die beiden die Stadt verlassen und leben fortan von der Bettelei. In Münster finden sie vorübergehend Unterkunft in einem Jesuitenkolleg, indem sie sich als reuige Sünder ausgeben, sich taufen lassen und ein zweites Mal heiraten. Das Kloster müssen sie jedoch bald wieder verlassen.
Das Ende kommt in Halberstadt: Bei einem Handgemenge zwischen Rosenstengel und der Schwiegermutter wird eine Penisattrappe entdeckt. Die Schwiegermutter erstattet Anzeige. Der Prozess endet mit einem Todesurteil – das Kriminalgericht hatte zunächst auf eine mildere Strafe plädiert, doch König Friedrich Wilhelm I. verurteilt sie, die „Land-und-Leute-Betrügerin“ persönlich zum Tode. Urteilsbegründung: „Unzucht mit einem Weybe“ – sie war die letzte Frau, die deswegen in Europa hingerichtet wurde.
Am 8. November 1721 wird Anastasius Lagrantinus Rosenstengel auf dem Fischmarkt in Halberstadt mit dem Schwert hingerichtet. Ihre Ehefrau kommt mit drei Jahren Zuchthaus davon und wird des Landes verwiesen.
Die promovierte Literaturwissenschaftlerin Angela Steidele (*1968) nahm die Geschichte der Catharina Margaretha Linck alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel im Rahmen ihrer Dissertation auf; die Geschichte des verwegenen Mädchens faszinierte sie. Deshalb forschte sie später noch einmal in Gerichtsakten und schrieb die historische Dokumentation „In Männerkleidern. Das verwegene Leben der Catharina Linck alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, hingerichtet 1721“. Biographie und Dokumentation erschienen 2021 im Insel Verlag (ISBN-13: 978–3458770688).
Die Frage, die Dr. Steidele beschäftigt, lautet: War Catharina/Anastasius eine lesbische Frau oder ein trans Mann? Wäre es ihr oder ihm leichter gefallen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, wenn sie oder er in wohlhabenderen oder adligen Verhältnissen geboren worden wäre?
Dass Frauen Männerkleider anlegen, um zu kämpfen oder ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ist also nicht neu. Epipole, Tochter des Trachion von Karystos, Hua Mulan, Jeanne d’Arc, Elisa Servenius, James Miranda Barry, Milunka Savić – um nur einige wenige stellvertretend zu nennen. Viele tapfere Kämpferinnen, teils unerkannt, teils mit Frauen verheiratet, manche hochdekoriert. Wurden sie enttarnt, war es oft genug ihr Todesurteil.
Fazit mit Blick auf die Gegenwart
Gerade heute zeigt diese Geschichte, wie eng Fragen von Geschlecht, Freiheit und sozialer Herkunft miteinander verbunden sind. Was einst als „Unzucht“, Täuschung oder Verbrechen verfolgt wurde, wird heute zunehmend als Teil menschlicher Vielfalt verstanden. Gleichzeitig macht der Fall Catharina Margaretha Linck deutlich, dass Selbstbestimmung bis heute nicht für alle Menschen gleichermaßen selbstverständlich ist. Wer von der Norm abweicht, erlebt auch in der Gegenwart noch Ausgrenzung, Misstrauen oder Gewalt – deshalb bleibt die Auseinandersetzung mit solchen Lebensgeschichten nicht nur historisch, sondern hochaktuell.



