Freiheit ist ein hohes Gut, ein Schlüsselbegriff unseres modernen Selbstverständnisses und gilt als zentraler Wert im Humanismus. Frei zu sein bedeutet, das eigene Leben zu gestalten, Entscheidungen zu treffen und die Folgen des eigenen Handelns für sich und andere zu reflektieren. Als eines von sechs Postulaten bildet der Begriff der Freiheit auch die Grundlage des Unterrichtsfachs Humanistische Lebenskunde, das an vielen Schulen in Berlin und Brandenburg unterrichtet wird.[1] Was aber, wenn einem die Freiheit genommen wird? Die Freiheit, selbst zu entscheiden, was man tut, wohin man geht, mit wem man sich trifft? Wer eine Straftat begeht, muss damit rechnen, eine solche Freiheitsstrafe zu erhalten. In unserer Gesellschaft ist das Gefängnis der Ort, an dem diese Strafe vollzogen wird, weshalb Justizvollzugsanstalt (abgekürzt: JVA) eigentlich der korrekte Begriff ist.
Wie lässt sich mit Schülerinnen und Schülern angemessen über einen Ort reden, den man aus eigener Anschauung für gewöhnlich nicht kennt? Was wissen wir eigentlich über das Leben dort? Wie sieht der Alltag hinter Gittern aus? Und wie geht es den Familien von Inhaftierten?
Über diesen Problemkontext anschaulich zu berichten, ist das Anliegen der Illustratorin Patricia Thoma. Über einen Zeitraum von zwei Jahren hinweg hat sie immer wieder unterschiedliche Frauen und Männer hinter Gittern besucht und mit ihnen zusammen Bilder gezeichnet. Ihre Werke hat sie unter dem Titel „Im Gefängnis“ zusammen getragen und als Buch veröffentlicht.[2] Nach „Im Jugendarrest“ ist es bereits das zweite Bilderbuch der Berliner Künstlerin und Autorin, das sich dem Thema auf besondere Art und Weise annimmt.[3] In eigens in den einzelnen Haftanstalten mit den Insassen durchgeführten Workshops hat sie zunächst Szenen von Gesprächen und Situationen fotografisch festgehalten, dann ausgewählte Fotos durch die Inhaftierten selbst abpausen und schließlich ausmalen lassen. Entstanden ist so ein Bilderbuch, das in insgesamt 8 Episoden und auf knapp 90 Seiten intime Einblicke in die Alltags- und Gefühlswelt von Inhaftierten und in die Vielfalt der unterschiedlichsten Einrichtungen vermittelt, die den meisten von uns zeitlebens verborgen bleiben.
Zwar richtet sich das Buch nicht explizit an Lehrende, auch Schülerinnen und Schüler dürften ebenfalls nicht die bevorzugte Zielgruppe für die Lektüre sein. Allerdings besticht das Buch durch seinen lässigen Ton im Stile eines Comic und ergänzt so den ohnehin sehr dünnen Markt an Kinderbüchern zum Thema.[4] Meines Erachtens empfiehlt es sich daher durchaus für den Unterricht zumindest in höheren Klassen der Mittel- und Oberstufe.
Auf einer Lesung im Deutschen Institut für Menschenrechte am 29. April 2026 in Berlin stellte Thoma ihr neues Buch und einzelne Charaktere daraus vor. Da ist zum Beispiel „Biba“, Mutter von fünf Kindern und inhaftiert in der JVA Berlin-Pankow. Hier gibt es circa 60 Plätze für Frauen, darunter gerade einmal zwei Mutter-Kind-Haftplätze. Dabei dürfen Kinder unter einem Jahr bei ihren Müttern wohnen, während ältere Kinder meist von anderen Erziehungsberechtigten außerhalb der Gefängnismauern oder in Pflegefamilien betreut werden. Wie so viele Eltern in Haft ist Biba hin- und hergerissen zwischen Scham und Selbstvorwürfen einerseits und andererseits der Angst, die eigenen Kinder könnten einmal einen ähnlichen Weg beschreiten wie sie selbst. Auf die Frage „Mama, was machst du in der JVA?“ antworten Mütter wie Biba daher häufig ausweichend, was die Mutter-Kind-Beziehung zusätzlich zur traumatisierenden Trennung belastet.
Mit welcher Phantasie dabei Inhaftierte mit der Situation umgehen, ein Leben hinter Gittern führen zu müssen, zeigt exemplarisch das Kapitel über „O.S.T.R.“, der sich den Namen eines polnischen Rappers zu eigen gemacht hat. Wie in den meisten deutschen Haftanstalten ist auch in der JVA Siegburg, wo O.S.T.R. untergebracht ist, der Gefängnisalltag streng geregelt und gehorcht strikten Abläufen: Die Größe des Haftraums beträgt 8 bis 10 Quadratmeter; die Insassen dürfen einmal täglich für eine Stunde an die frische Luft; die Besuchszeit beträgt 1 Stunde im Monat (in anderen Bundesländern auch 2 Stunden); häufig gibt es Gelegenheiten, um Sport zu treiben; der Kontakt zur Außenwelt wird jedoch streng kontrolliert – Telefonieren ist nur über ein Stationstelefon und vorher genehmigte Nummern möglich, darüber hinaus bleibt nur der Briefkontakt, Smartphones und Internet sind verboten.
Allerdings ist der gegenseitige Besuch bei den Zellennachbarn zeitweilig erlaubt, was für willkommene Abwechslung unter den Inhaftierten sorgt, etwa wenn O.S.T.R. für seine „Knastbrüder“ eine „Puddingparty auf Zelle“ organisiert und dabei mit viel Galgenhumor die Vorzüge seiner „Suite“ mit „großzügigem Schlafbereich“ und „luxuriösem Wohnzimmer“ anpreist. „Jungs, das ist Orgasmus für den Gaumen!“, urteilt schließlich einer der Mitgefangenen über den gezauberten Imbiss mit einfachsten Zutaten. Es sind Szenen wie diese, die Thoma mit ihren Illustrationen einfängt, die einen trotz der oft erdrückenden Atmosphäre des geschilderten Alltags hinter hochgesicherten Mauern schmunzeln lassen, weil man spürt, dass sich hinter den einzelnen Figuren Schicksale mit allzu menschlichen Bedürfnissen verbergen.
Ganz anders nimmt sich dagegen die Situation für Inhaftierte wie „Zora“, „Max“, „Mikesch“ und „Andy“ im Hochsicherheitstrakt der JVA Lübeck aus. Hier sitzen ausschließlich Männer ein, die wegen besonders schwerer Straftaten, wegen Totschlags, Mordes oder wegen eines Sexualverbrechens, eine lebenslange Freiheitsstrafe verbüßen müssen – 15 lange Jahre. Besonders diejenigen, die wegen eines Sexualverbrechens an einer Sozialtherapie teilnehmen müssen, befinden sich in der untersten Hierarchie der Gefängnisordnung: Sie empfinden sich als „ganz unten in der Nahrungskette“, da sie als „Sittiche“ (wie im Gefängnisjargon die früher als „Sittlichkeitsverbrecher“ bezeichneten Sexualstraftäter genannt werden) nicht nur Ablehnung, sondern zum Teil auch Misshandlungen anderer Mitinsassen befürchten müssen. Immer wieder werden die Inhaftierten hier mit ihren Taten konfrontiert und müssen sich als Teil ihrer Resozialisierungsmaßnahme mit ihren Verhaltensmustern und den verschiedenen Faktoren für die Entstehung von Gewalt sowie den Risiken von Macht- und Drogenmissbrauch intensiv auseinandersetzen. Da viele von ihnen in ihrer Kindheit selbst schwerste Misshandlung, Missbrauch und Vernachlässigung erlebt haben, fällt es ihnen häufig am schwersten, der Spirale aus Drogen, Sucht und Gewalt zu entrinnen.
Wie viel angenehmer geht es da den Inhaftierten, die im offenen Vollzug der JVA Bielefeld-Senne untergebracht sind. Mit 1500 Haftplätzen für Frauen und Männer gilt sie als die größte Einrichtung ihrer Art in Europa. Im Gegensatz zu den geschlossenen Einrichtungen verbringen Inhaftierte hier gemeinsam Zeit in Wohngruppen, beim Kochen, Essen und bei der Freizeitgestaltung. Durch die gelockerten Haftbedingungen sollen die Inhaftierten schrittweise wieder an ein selbstbestimmtes Leben außerhalb der Haftmauern gewöhnt werden. Einige dürfen unter strengen Auflagen sogar „draußen“ arbeiten und am Wochenende ihre Familie sehen. So wie „Jessy“: „Stellt euch vor, ihr wacht am Samstagmorgen auf und zieht eure Freizeitklamotten an. Und dann tschüss Knast und ab ins Schwimmbad mit euren Süßen. Wie geil ist das!“ Geschichten wie die von Jessy offenbaren eindrucksvoll das ganze Dilemma rein geschlossener Vollzugsanstalten, in denen Inhaftierte sich an ein fremdbestimmtes Leben gewöhnen müssen, um dann nach der Entlassung vom Alltag in Freiheit wieder komplett überfordert zu werden: „Ich hab Glück mit meinem Job und bin froh, hier tagsüber rauszukommen“, bringt es Jessy auf den Punkt. „Es heißt ja, der Knast ist eine Schule des Verbrechens, und ich kenne verdammt viele, die sich erst dort die Finger so richtig schmutzig gemacht haben“.
Der Kontrast zwischen der grauen Tristesse des monotonen Gefängnisalltags auf der einen und der freien Außenwelt auf der anderen Seite bringt Thoma mit gestalterischen Mitteln zum Ausdruck: Während die vielen endlosen Gänge, Schlösser und Gitter im Innern der Haftanstalten schwarz-weiß gehalten sind, sind die Außendarstellungen, die Gebäude und Grünanlagen, durchweg bunt koloriert. Nur gelegentlich blitzt bei den inhaftierten Figuren ein Tupfer Farbe, etwa in der pinken Frisur einer Insassin, auf. Auch während der Lesung schaffte es Thoma immer wieder, die strikte Trennung von Innen- und Außenperspektive, welche die Darstellung der Haftsituationen kennzeichnet, zu durchbrechen: Einmal fliegt ein aufgeblasener Strandball durchs Publikum und animiert zum Spielen wie die Insassen beim „Freigang“ auf dem Gefängnishof. Ein andermal verwandeln sich ein Rosmarintopf und ein Tetra Pak mit passierten Tomaten wie aus dem Nichts in eine köstliche Pizza. Was wie ein Zaubertrick daherkommt, verfehlt seine Wirkung nicht, denn Thoma macht so spielerisch darauf aufmerksam, mit welch kreativen Mitteln Insassen darauf angewiesen sind, mit wenig auszukommen. Im Gefängnis sind viele Zutaten nämlich verboten, weil sie etwa zum Bau von Sprengstoff (Backpulver), zur Herstellung von Alkohol (Hefe) oder als Waffe (scharfe Gewürze wie Pfeffer oder Chili) benutzt werden können.
Thomas Bilderbuch ist aber nicht nur ein künstlerisches, sondern auch ein partizipatives Projekt mit aufklärerischem Anspruch. Im Interview betont sie, wie wichtig ihr die Kollaboration mit den Inhaftierten war, die über die Auswahl der Szenen mitentscheiden und auch die Figuren mitausgestalten durften. Neben der Motivation, Vorurteile abzubauen, bestand für Thoma eine Erkenntnis in der Zusammenarbeit mit den Inhaftierten eben auch darin, in diesen den Menschen und eben nicht nur den Täter zu sehen, auch wenn dies bei besonders schweren Straftaten nicht immer leicht fällt.
Damit stellt sich für die Autorin auch die Frage, ob der Freiheitsentzug als Strafe tatsächlich immer so sinnvoll ist. Denn sieht man von den in Hochsicherheitstrakten untergebrachten Inhaftierten einmal ab, so befinden sich in den meisten Justizvollzugsanstalten Menschen, die wegen ihrer spezifischen Problemlagen eigentlich einer ganz anderen Behandlung bedürfen, was zum Beispiel für viele Suchtkranke gilt, die wegen Beschaffungskriminalität im Gefängnis landen.[5]
Dabei rührt das Buch von Thoma immer wieder an eine Thematik, die die soziologische Forschung zum Gegenstand seit jeher betont hat, dass nämlich von allen „totalen Institutionen“ das Gefängnis am ehesten mit einem Kernstück der modernen Gesellschaft unvereinbar ist: der Familie.[6] Denn für Kinder stellt die Inhaftierung eines Elternteils einen massiven Einschnitt in ihrer biographischen Entwicklung dar. Schätzungen gehen davon aus, dass rund 100.000 Kinder in Deutschland Betroffene von in Haft befindlichen Elternteilen sind – eine Situation, die nur durch regelmäßigen Umgang in einer kindgerechten Umgebung annähernd kompensiert werden kann.[7] Dabei stellt der Kontakt von Kindern zu ihren inhaftierten Eltern mehr als nur eine Möglichkeit dar, den Verlust eines nahen Menschen zu bewältigen, es ist schlicht ein Menschenrecht, das in internationalen Übereinkommen wie der UN-Kinderrechtskonvention fest verankert ist.
Wer mit den Folgen von Rückzug und Isolation zu kämpfen hat, kann menschlichen Beistand gebrauchen. Der Humanistische Verband Deutschlands engagiert sich daher seit einiger Zeit für die Etablierung von entsprechenden Einrichtungen der Seelsorge.[8] Für diese wie für den Humanistischen Lebenskundeunterricht finden sich in Thomas Bilderbuch viele Anknüpfungspunkte, um über die Situation von Inhaftierten und ihren Familien ins Gespräch zu kommen.
Thomas Schneider ist Lehrkraft für Humanistische Lebenskunde und Museumspädagoge in Berlin. Darüber hinaus ist der promovierte Soziologe und Vater von drei Kindern auch als Musiker aktiv.
[1]Vgl. dazu den Rahmenlehrplan für das Unterrichtsfach Humanistische Lebenskunde (2024): https://humanistisch.de/bildung/humanistische-lebenskunde/angebote/humanistische-lebenskunde-als-unterrichtsfach/rahmenlehrplan-humanistische-lebenskunde/, Zugriff am 13.7.2026. Siehe auch das Schulbuch Humanistische Lebenskunde, Band 1, hg. v. Humanistischen Verband Deutschlands, Landesverband Berlin-Brandenburg KdöR, Berlin 2019, S. 51ff.
[2]Patricia Thoma und Inhaftierte in Justizvollzugsanstalten, Im Gefängnis, Berlin 2026.
[3]Patricia Thoma und Jugendliche in der Jugendarrestanstalt Berlin-Brandenburg, Im Jugendarrest, Berlin 2025.
[4]Eine sehr positive Ausnahme bildet: Thomas Engelhardt, Monika Osberghaus, Im Gefängnis. Ein Kinderbuch über das Leben hinter Gittern, Leipzig 2018. Meiner Erfahrung nach bietet sich diese Lektüre vor allem im Unterricht in der Grundschule ab der 4. Klasse an.
[5]Vgl. dazu: Elisa Hoven und Thomas Galli, „Sinn und Unsinn von Haftstrafen. Zwei Perspektiven“, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Themenheft „Gefängnis“, 42–43 (18. Oktober 2021), S. 9–17.
[6]Vgl. Erving Goffman, „On the Characteristic of Total Institutions: The Inmate World“, in: Donald R. Cressey (Hg.), The Prison: Studies in Institutional Organisation and Change, Holt, Rinehart and Winston 1961, S. 15–67.
[7]Dazu: Judith Feige, Kontaktmöglichkeiten zwischen Kindern und inhaftierten Eltern. Eine Befragung zur Praxis im Strafvollzug. Analyse. Monitoring-Stelle UN-Kinderrechtskonvention, hg. v. Deutschen Institut für Menschenrechte, Berlin 2024.
[8]Vgl. dazu das neue Angebot der humanistischen Gefängnisseelsorge in Neuruppin-Wulkow (Ostprignitz-Ruppin): https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2026/02/justizvollzugsanstalt-jva-wulkow-neuruppin-gefaegnis-seelsorge-humanistische.html, Zugriff am 13.7.2026.



